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Titel1711

Was hat Broder mit Böll gemein?  (Mohssen Massarrat)
Es gibt gute Gründe, die antiislamische Hetze von Henryk Broder, Tilo Sarrazin und anderen Schreibtischhelden der Springer-Presse für das Massaker in Norwegen und die 77 Toten mitverantwortlich zu machen. Albrecht von Lucke hat jedoch in der tageszeitung versucht, sie zu exkulpieren. Er argumentiert, einziger Maßstab für Mitverantwortung und zugleich einziger Grund für strafrechtliche Verfolgung wäre ein Aufruf zu konkreter Gewaltanwendung. Er warnt vor Einschränkung der Meinungsfreiheit und vor Willkür: Jedes kritische Denken könne sonst in Verdacht geraten, für Gewalttaten anderer mitverantwortlich zu sein. Um diese Gefahr zu beweisen, erinnert Lucke ausgerechnet daran, daß zu Zeiten der Rote Armee Fraktion die Springer-Presse Heinrich Böll als geistigen Brandstifter diffamierte. Aber was hat Böll, der damals sorgenvoll zu gesellschaftlichem Dialog aufrief, mit Broder und Sarrazin gemein, die sich lustvoll daran machen, Menschen islamischer Religion und Kultur durch menschenverachtende Zuschreibung negativer Eigenschaften zu dämonisieren und auszugrenzen? Die Inhalte unterscheiden sich voneinander wie Tag und Nacht. Lucke verwischt diesen Unterschied genau so wie Broder selbst, der sich als unschuldiges Opfer von Diffamierungen hinstellt.

Ganz anders als Heinrich Böll oder auch Günter Grass und Walter Jens, die immer wieder zum Abbau von Feindbildern mahnten, kommt Broder und Sarrazin politische und moralische Mitverantwortung zu, weil sie mit Schrift und Wort soziale Gruppen gegeneinander aufwiegeln und islamische Bürgerinnen und Bürger zu Haßobjekten werden lassen. Broders antiislamische Hetze hat offenkundig System. Ein Beispiel: Als im Konflikt des Westens mit dem Iran ein militärischer Angriff der USA und Israels drohte, versuchte sich Broder an die Spitze einer Bewegung zu setzen, um durch Dämonisierung eines ganzen Staates Kriegsbereitschaft zu enthemmen und die Kriegsgegner zu isolieren. Broders und Sarrazins Mitverantwortung für die Islamophobie in Deutschland und Europa läßt sich nicht wegreden, auch nicht in der taz, auch nicht von einem aufgeklärten Journalisten wie Albrecht von Lucke (Redakteur der Blätter für deutsche und internationale Politik),auch nicht mit dem Argument, es gelte, die Meinungsfreiheit zu schützen.

Anders Behring Breivik hat sich in seinem 1.500-Seiten-Manifest ausführlich auf seine geistigen Väter bezogen. Da wird ganz klar, wie die Arbeitsteilung funktioniert: Die einen stacheln sprachgewandt fremdenfeindliche Ressentiments an, die anderen fühlen sich berufen, stolz die Mordsarbeit zu leisten.