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Titel1712

Die Menschwerdung der Märkte  (Sabine Schiffer)

Es war sicher nicht die Initialzündung für die Verwendung des Begriffs »Märkte«, als Angela Merkel nach dem G20-Gipfel in Mexiko so etwas äußerte wie: »Die Märkte wollen das so!« Aber da ist es mir zum ersten Mal so richtig aufgestoßen.

Es findet eine Personifizierung »der Märkte« statt. Was immer »sie« sind, wer immer »sie« beeinflußt, »die Märkte« erhalten Subjektstatus. Sie werden zum Agens, zum handelnden Subjekt, das sogar die Agenda der Politik bestimmen kann. Und dies auch dann noch, wenn »die Märkte« die Objektrolle in einem Satz übernehmen, wie: »Griechenland beruhigt die Märkte.« Hier findet eine Verselbständigung eines abstrakten, nicht zu bestimmenden Akteurs statt, der denkt, fühlt, leidet und bestimmt, ganz so als würde es sich um einen Manager handeln. Oder trauen Sie etwa inzwischen Märkten mehr menschliche Regungen zu als Managern?

»Ein Signal der Zuversicht an die Märkte« ging vom Gipfel in Mexiko aus. Was »die Märkte« bewegt, fragt regelmäßig die Süddeutsche Zeitung, wobei das Verb »bewegen« weniger diejenigen meint, die das Marktgeschehen beeinflussen, als eben dieses Gefühl von »bewegt sein« – so scheint es. Schließlich sucht nicht nur EZB-Präsident Mario Draghi die aufgeregten Märkte »zu beruhigen«, denn Aufregung schadet dem Blutdruck und erhöht das Infarktrisiko. Ausgerechnet dem besorgten Übervater Draghi jedoch bescheinigt die ARD, daß er »die Märkte« enttäusche. Die Armen! Da können einem »die Märkte« schon ganz schön leid tun!

Das ZDF unterstellt hingegen »den Märkten«, daß sie »gierig« seien – auch das eine nicht weniger menschliche Eigenschaft – und spricht von »der Sprache der Märkte«. Die gibt es, aber eben auch die Sprache, die »die Märkte« zum handelnden politischen Subjekt erhebt. Und letztere gilt es kritisch zu hinterfragen, weil sie Teil des Neusprech ist und davon ablenkt, wie der Handlungsspielraum der offiziellen Entscheider schrumpft. Hier lohnt es sich, die Ausführungen George Orwells zum Newspeak noch einmal nachzulesen.

Angesichts der Tatsache, daß »die Märkte« nun entscheiden und sich Politiker allenfalls noch als »kompetente Krisenmanager« inszenieren können, ist das neue Umfrageergebnis von Infratest Dimap geradezu verblüffend: 68 Prozent der befragten Deutschen sind mit Angela Merkel als Bundeskanzlerin zufrieden. 70 Prozent sehen gar die sogenannte Euro-Rettung bei ihr in guten Händen. Und sogar Finanzminister Wolfgang Schäuble legt in der jüngsten Umfrage noch einmal zu. Vielleicht mag es ja auch an der Gegenüberstellung liegen: Je böser »die Märkte« erscheinen, umso lieber erscheinen die sie eigentlich verantwortenden Politiker?
Bleibt also zu hoffen, daß »die Märkte« den Hochgelobten keinen Strich durch die Rechnung machen. Denn auch dazu sind sie in der Lage, sie sind schließlich unberechenbar. Die Unberechenbarkeit der sprachlichen Potenzzuschreibungen hingegen zahlt sich für diejenigen aus, die es bis heute geschafft haben, sich hinter »den Märkten« zu verstecken und weiterhin und weitestgehend deregulierte und unkontrollierte und somit sehr lukrative Geschäfte machen. »Der Bürger« als Akteur kommt da freilich nicht vor, nur als »Gläubiger« – im doppelten Sinne des Wortes.