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Titel1712

Bemerkungen

Angela Merkel, gehöhlert
Europa taumelt in den Abgrund – und wer ist schuld daran? Im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen erhalten wir darüber Auskunft: Eine »Patin« hat das Unheil angerichtet, die Staatschefin des stärksten europäischen Landes, die deutsche Bundeskanzlerin. Sie ist »bindungslos unterwegs«, ohne Glauben, ethische Standards mißachtend, egoman nur auf persönliche Macht bedacht. Und so kommt es, daß der »Wertekonsens, den alle bürgerlichen Parteien teilen, seine Gültigkeit verliert«. Der »Geist Europas« wird nur noch »über Geldwerte definiert«. Autorin dieser fulminanten Anklage ist Gertrud Höhler, in Kürze erscheint ihr Buch »Wie Angela Merkel Deutschland umbaut«. Die ehemalige Literaturwissenschaftlerin, dann Unternehmensberaterin (unter anderem für den Chef der Deutschen Bank), Anwärterin auf ministeriale Würden, derzeit Fernseh-Talkerin und Schnellschreiberin versteht sich auf Selbstmarketing und hat Sinn für Moden im gesellschaftlichen Themenangebot; vermutlich rechnet sie damit, daß sich demnächst unter Realitätsschock die in Deutschland gängige Bewunderung für die Bundeskanzlerin in ihr Gegenteil verkehrt. Dann erscheint Gertrud Höhler als frühzeitige Mahnerin. Erstaunlich aber die Wut, mit der sie sich über die »Patin« hermacht. Nur ein Stilmittel? Oder steckt Enttäuschung darin, daß Angela Merkel, anders als Helmut Kohl, auf Gertrud Höhlers Rat verzichtet? Ziemlich un-verfroren ist es, daß eine Publizistin, die ja durchaus Einblick in die Finanzwelt bekam, die Herrschaft von »Geldwerten« über die europäische Politik dem persönlichen Moralmangel einer Spitzenpolitikerin anlastet. Und billigste Demagogie, daß die Autorin das »System M« mit dem Begriffsstempel »autoritärer Sozialismus« versieht. Gertrud Höhler stellt sich gern als »konservativ« dar – darauf sollte man nicht hereinfallen. Ganz so hohlschwätzerisch ist der konservative Diskurs denn doch nicht.

M. W.


Künstliche Aufregung
In eine »Staatskrise« habe die schwarz-gelbe Regierungskoalition die Bundesrepublik hineingetrieben, echauffierten sich die Sprecher der SPD und der Grünen, nun befinde man sich in einer wahlrechtslosen Lage. In der Tat hat die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, das von CDU/CSU und FDP fabrizierte Bundeswahlgesetz in Teilen für grundgesetzwidrig zu erklären, dazu geführt, daß eine Neuregelung zustandekommen muß, bevor der nächste Bundestag gewählt werden kann. Aber sie wird zustandekommen, mit Hilfe der Sozialdemokraten und der Grünen, denn welche Partei möchte schon riskieren, daß der Reichstag in Berlin leer dasteht? Die wahlrechtlichen Probleme, mit denen sich das Bundesverfassungsgericht höchst spitzfindig beschäftigte, sind für das Wohlergehen der Bürgerinnen und Bürger in diesem Land nicht sonderlich dramatisch: Um die Überhangmandate geht es, um deren Zahl und die Verrechnung zwischen den direkt und den per Listen gewonnenen Mandaten. Praktisches Gewicht erhält diese Frage nur dann, wenn im Parlament die Wahl des Regierungschefs/der Regierungschefin beziehungsweise deren Abwahl von den Stimmen sehr weniger Abgeordneter abhängt. Anzunehmen ist, daß die Manager des Regierungsgeschäfts und des Parlamentsbetriebs versiert genug sind, einen Kanzler/eine Kanzlerin ins Amt zu bringen, ohne daß ihnen der Vorwurf gemacht werden kann, das sei ihnen nur mit falscher Überhangmathematik gelungen. Aus dieser »Staatskrise«, läßt sich resümieren, wird nichts.

Interessanter als das angestrengte Nachdenken darüber, wie Erst- und Zweitstimmen mandatsträchtig verrechnet werden können, wäre eine parlamentarische Selbstreflexion: Was eigentlich haben diejenigen, die das Volk vertreten sollen, bei den Weichenstellungen in Politik und Ökonomie noch zu entscheiden? Ein ganz anderer, durchaus dramatischer »Überhang« läßt sich da entdecken: die Übermacht von Akteuren, die niemand gewählt hat und die in der Verfassung gar nicht vorkommen.
A. K.


Heiße Luft
Der Parteivorsitzende hat verkündet, mit welchem Thema die SPD bei der nächsten Bundestagswahl Stimmen gewinnen will: Die Banken und der Finanzsektor müßten »gebändigt« werden. »Eine Minderheit schadet der Mehrheit – und dem ganzen Land« hat Sigmar Gabriel seine Thesen überschrieben, veröffentlicht auf der Website der Bundes-SPD, seltsamerweise als »Gastbeitrag«. Fühlt sich der oberste Sozialdemokrat in seiner eigenen Partei nicht mehr so recht zu Hause? Oder soll angedeutet werden, daß er in der Troika, wenn es um die »K«-Frage geht, nur als Besucher auftritt? Gabriels Polemik gilt den »schwarzen Schafen« unter den Spitzenbankern, die sich »vom Ethos des ehrbaren Kaufmanns entfernt« und so einen »massiven Vertrauensverlust für die gesamte Branche« verursacht hätten. Das Finanzkapital darf also zuversichtlich in die Zukunft blicken – die Sozialdemokratie nimmt sich der Wiederherstellung seiner Reputation an, und wenn sie erst wieder regiert oder mitregiert in Berlin, wird alles gut.

»Auch die Politik«, schreibt Gabriel, habe »in der Vergangenheit schwere Fehler gemacht«, selbst seine eigene Partei sei nicht fehlerfrei gewesen, sie habe sich »dem neoliberalen Mainstream nicht stark genug entgegengestellt«. Woran mag es gelegen haben? Waren Gerhard Schröder und Peer Steinbrück einfach nicht alphatierisch genug? Haben sie aus unangebrachter Neigung zur Harmonie die Bundesrepublik für die große Finanzherde geöffnet, nicht ahnend, daß darin auch einige dunkelwollige Geschöpfe mitlaufen?

Die Branche soll also, geht es nach Gabriel, wieder vertrauenswürdig werden, den »Regeln der Marktwirtschaft« Geltung verschafft werden. Zu diesem Zweck macht er einige Vorschläge: Ein Bankeninsolvenzrecht müsse man einführen, die Aktionäre und Anleihegläubiger für Verluste haftbar machen, »unanständige Gehälter« von Finanzmanagern kürzen et cetera. Im schlimmsten Fall sei eine Bank reif für eine Verstaatlichung.

Bei den Betreibern des spekulativen Megageschäfts lösen solche Ankündigungen keinen Schrecken aus, das alles ist altbekannt und zum Teil längst praktiziert, ohne den Betrieb insgesamt zu stören. Aber Gabriel hat noch eine originelle Forderung in petto: »Die Banken müssen wieder langweilig werden.« Er meint damit, sie sollten sich in aller Ruhe und Gemütlichkeit einer »Finanzierung der Realwirtschaft« widmen. Speziell den Hochfrequenzhandel mit Wertpapieren will der SPD-Vorsitzende abschaffen. Der gute Gabriel, offenbar hat er in seinen politischen Lehrzeiten nicht die Muße gehabt, die Geschichte und Systematik des Finanzkapitalismus zu studieren. Er hätte gar nicht Marx zur Lektüre heranziehen müssen, ein durchaus bürgerliches Werk wäre schon informativ gewesen. Langweiligkeit des Einsatzes und der Verwertung von Kapital ist unvereinbar mit den Regeln jenes ökonomischen Systems, das Gabriel »Marktwirtschaft« nennt, und die »Realwirtschaft« ist ja, »marktwirtschaftlich« betrachtet, kein Selbstzweck.

Die Börsen zeigten sich unbeeindruckt von den wahlkämpferischen Thesen des SPD-Vorsitzenden. Und die Banken können getrost darauf setzen, daß eine möglicherweise wieder bundesregierende SPD (Gabriel wird ihr Bundesfinanzminister nicht heißen) genug damit zu tun hat, nicht sie, sondern das murrende Volk zu bändigen. Finanzmanager, ehrbar oder nicht ehrbar, wissen auch: Parteien müssen, damit sie ihre Dienste für den »Markt« tun können, erst einmal WählerInnen werben. Da muß man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen.
Marja Winken


Die Extremismusfalle
Eine olympial eingesetzte Sportlerin hat den falschen Freund, einen aus der Neonaziszene. Das erzeugte heftige Reaktionen, und der Bundesinnenminister ließ wissen, daß er schon seit längerem erwäge, den Sportverbänden eine »Extremismusklausel« zu verordnen. Nur aus der Sorge heraus, die internationale Presse könne sauer werden, wenn bräunliche deutsche Fälle wie das Malheur mit der Ruderin auftreten? Das allein wird den wackeren CSU-Politiker nicht angetrieben haben, im Feld des Verbandswesens gesinnungspolizeiliche Ordnung zu schaffen. Die »rote Gefahr« ist es, die ihm im Kopfe rumort. Wie läßt sich, so wird er nachsinnen, behördlich gewährleisten, daß in Zukunft kein deutscher Turner mehr in Versuchung gerät, sich mit einer Occupy-Aktivistin anzufreunden? Die Kollegin im Bundesministerium für Familie und Jugend hat für diesen Schutz vor Extremisten und Extremistinnen ja schon Vorarbeit geleistet. Und auch der Bundesfinanzminister, er hat in der neuen Abgabenordnung vorgesehen, daß kein Verein mehr vom Finanzamt als gemeinnützig akzeptiert wird, wenn ihn ein Verfassungsschutzbericht in Extremismusverdacht bringt. So wird Deutschland gesäubert.
Peter Söhren


Immer diese Russen
Wer die deutschen Medien liest oder hört, weiß längst: Das Land Putins ist alles andere als eine »lupenreine Demokratie«, da hat Gerhard Schröder, dem wir doch sonst so viel verdanken, eine Fehleinschätzung in die Welt gesetzt. Rußland ist eine Diktatur. Jüngst hat es sich wieder einmal als solche erwiesen, ein neues Gesetz zwingt politisch tätige Nichtregierungsorganisationen, die vom Ausland her finanziert werden, sich mit diesem Merkmal registrieren zu lassen, als »Agenturen«. Eine solche Regelung ist freiheitsfeindlich, denn sie kann der Reputation von Vereinigungen schaden, die bisher für ihre politischen Auftritte freundlicherweise viel Geld vor allem aus US-amerikanischen Kassen erhielten. Die Sponsoren mochten, bescheiden wie sie sind, ihre Großzügigkeit der russischen Öffentlichkeit nicht bekanntgeben. Als »Erdrosselung der Zivilgesellschaft« hat der prominente deutsche Grüne Volker Beck dieses russische Gesetz gebrandmarkt.

Die Russen sollten sich ein Beispiel an den freiheitlich-demokratischen Sitten in Deutschland nehmen. In unserem Gesetz über Parteien ist geregelt, daß solche politischen Vereinigungen Spenden aus Ländern außerhalb der EU nicht annehmen dürfen. So kommt Putin gar nicht erst in Versuchung, Knete in die deutsche Parteipolitik zu geben. Freilich gibt es auch in den USA Institutionen, die an deutscher politischer Willensbildung Interesse nehmen und sich dies etwas kosten lassen. Unseren Parteien können sie nichts spenden, aber Politiker sind ja auch außerhalb ihrer Parteien unterwegs, so daß US-amerikanische Freigebigkeit zum Zuge kommen kann.

Putin könnte sich auch einmal den deutschen Regierungsentwurf für ein neues Steuergesetz ansehen. Da geht es unter anderem um Spenden an Nichtregierungsorganisationen. Ob diese steuerlich anerkannt werden, entscheidet dann nicht ein Potentat, sondern darüber befinden die amtlichen Verfassungsschützer. Also Geheimdienste, von denen wir wissen, daß sie nichts anderes im Sinne haben als die zivilgesellschaftlichen Freiheiten. Der russische Staatspräsident sollte sich aus diesen unseren Behörden einmal erfahrene Männer ausleihen, damit sie ihn in Sachen Demokratie beraten.
P. S.


Zensur mit Bomben
In modernen Eroberungskriegen besetzt man nicht mehr die Bahnhöfe, sondern die Rundfunkanstalten, oder man zerstört sie einfach. So geschah es 1999 in Jugoslawien, wo die NATO völkerrechtswidrig die Zentrale des serbischen Fernsehens in Belgrad bombardierte und dabei 16 Angestellte tötete. In Novi Sad sah ich damals einen großen Trümmerhaufen, der vom dortigen Regionalsender übriggeblieben war. Der Sender hatte nicht lange vorher einen europäischen Preis für sein völkerverbindendes Programm erhalten.

Daran erinnerten mich die jüngsten Nachrichten aus Syrien: Fernsehsender werden bombardiert, ausländische Sender auf Seiten der imperialistischen »Freunde Syriens« versuchen die Herrschaft im Äther zu übernehmen und die Menschen zu desorientieren.

Am »Kampf um die Öffentlichkeit« in Nahost beteiligt sich auch die Deutsche Welle, wie deren Multimedia-Direktor Christoph Lanz dieser Tage mitteilte. In Abu Dhabi tat sich der US-amerikanisch/britisch/australische Murdoch-Konzern mit Scheich Mansour zusammen, um einen neuen Nachrichtenkanal zu betreiben. Selbstverständlich nicht um Propaganda zu verbreiten, sondern um der Propaganda der Schurken mit seriöser Aufklärung zu begegnen. Wie Murdoch das US-amerikanisch/britisch/australische Publikum aufklärt und Springer das deutsche.

Einst im Krieg gegen Jugoslawien schaltete die Eutelsat-Zenrale in London auf deutschen Antrag hin die Übertragung jugoslawischer Fernsehberichte ab, die uns hätten zeigen können, was die NATO dort anrichtete. Wir hätten sonst den Glauben daran verlieren können, daß sie einen sauberen, nahezu unblutigen Krieg führte, in dem allenfalls Kollateralschäden entstanden. Begründung des Auswärtigen Amtes: Was aus Belgrad komme, sei selbstverständlich nur Propaganda. So begründet man heutzutage Zensur-Eingriffe in unser Grundrecht auf Information.
Eckart Spoo


Es »strittmattert«
Den 100. Geburtstag Erwin Strittmatters will sich der Aufbau Verlag in geschäftlicher Hinsicht nicht entgehen lassen. Die Tagebücher und die Biographie mußten vorliegen, obwohl ein bißchen mehr Zeit Almut Gieseckes Kommentaren sicher gut getan hätte, und Annette Leo hätte überprüfen können, was wirklich in eine Biographie hineingehört und ob sie nicht zum Ende hin flüchtig geworden ist. Immerhin entstanden dank immenser Fleißarbeit beachtenswerte Bücher. Besonders Annette Leos unspektakuläre Schreibweise imponierte mir.

In den Tagebüchern mußte einiges weggelassen werden. Geblieben sind aus 19 Jahren 600 Seiten. Strittmatter war ein manischer Schreiber. Zeitlebens war er – wie es die Mutter seines Helden im »Laden« sagte – »empfindlich uff de Wörter«. Alles ordnete er diesem Schreiben-Können, ja Schreiben-Müssen unter: seinen Tagesablauf, die Familie, die Freunde, die Laune und letztlich wohl auch die Gesinnung. Was er hinterlassen hat, sein Werk, ist beachtlich. Darin rumzulesen macht immer noch Spaß.

Nun muß ein Schriftsteller zwar nicht so liebenswürdig, weise, humorvoll wie seine Gestalten und Bücher sein. Und Strittmatter war nicht wie Stanislaus Büdner und die anderen, obwohl er es uns gern weismachen wollte. Sein Leben war brisanter als das seiner Helden. Daß er während des Krieges in einem Polizeibataillon war, weiß man schon seit einigen Jahren. Was speziell sein Bataillon Grausames in Slowenien, Griechenland und anderen Ländern verbrochen hat und vor allem wie er damals dazu stand, hat Annette Leo dargelegt. Sie konnte ihn dank der Freigabe der Briefe durch die Söhne als einen mehr als nur braven Nazi entlarven, und das tut weh angesichts seiner Beteuerungen selbst im Tagebuch, im Krieg keinen einzigen Schuß abgegeben zu haben. Er mußte dies alles mit sich selbst ausmachen, denn sofort nach Kriegsende stellte er sich als sozialdemokratischen Schriftsteller mit Schreibverbot bei den Nazis und guten Kontakten zu Widerstandskämpfern in Griechenland dar. Erfährt man einiges Interessantes über seine Schriftstellerjahre bis 1973, ist dennoch hinsichtlich der »ganzen« Wahrheit Vorsicht geboten: Hier stilisiert sich jemand, der unbedingt als ein DDR-Tolstoi gesehen werden wollte.

Ich gestehe, vom Menschen Strittmatter ziemlich enttäuscht zu sein. Hoffentlich wirkt sich das nicht auf meine Lektüre aus. Den »Wundertäter III« noch einmal zu lesen, habe ich mir fest vorgenommen.
Christel Berger
*
Als sich die Historikerin und Publizistin Annette Leo der Aufgabe stellte, Erwin Strittmatters Biographie zu schreiben, wird sie gewußt haben, daß dies angesichts vorangegangener Enthüllungen kein leichtes Unterfangen sein würde. Was sie zu lesen bekam, bestätigte, daß sich 1940 der damals 28jährige Strittmatter freiwillig bei der Wehrmacht, der Schutzpolizei und der SS beworben hatte (es fanden sich ein entsprechender Brief an seinen Vater und Aufzeichnungen, daß er nicht länger in der Zellwollen AG schuften wolle). Die Bewerbung wurde zunächst zurückgestellt, schließlich aber wurde er zur Schutzpolizei einberufen und dem Polizeibataillon 325 zugeordnet, das in Polen zur Partisanenbekämpfung eingesetzt war. Nach einer Ausbildung zum Gebirgsjäger fand er sich im Polizei-Gebirgsjäger-Regiment 18 wieder, das nach Fronteinsätzen auf Heinrich Himmlers Weisung hin die Bezeichnung SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiment verliehen bekam. Keinen Schuß will Strittmatter in all den Kriegsjahren abgegeben haben. Wirklich? Was er in Tagebuchblättern und Briefen an die Mutter in Siegermanier festhielt, spricht dagegen, und es spricht auch dagegen, daß er, als einmal Not am Mann war, aus der Schreibstube weg zur »Befriedung« abkommandiert wurde – was auch die Erschießung von Geiseln bedeuten konnte. Wie auch immer, er wird das brutale Vorgehen gegen Zivilisten miterlebt haben, das Niederbrennen von Dörfern auch. Und spricht nicht seine Anwesenheit im April 1945 in Wallern/Südböhmen dafür, daß er von der Erschießung total erschöpfter jüdischer Frauen wußte, die nach einem Gewaltmarsch aus dem KZ in diesem Ort Zuflucht gesucht hatten? Solche Greueltaten sind in Briefen an seine Mutter angedeutet – und finden Gestaltung im dritten Band seiner Romantrilogie »Der Wundertäter«, der wegen einer russischen Soldaten angelasteten Vergewaltigungsszene zunächst in der DDR hätte verboten werden sollen, dann aber doch erschien und große Resonanz erfuhr ... Welch eine Verwandlung des in viel Kriegsgeschehen Verwickelten zum mehrfach ausgezeichneten DDR-Schriftsteller, der über lange Strecken dem Schriftstellerverband vorstand und dem Ministerium für Staatssicherheit Auskünfte erteilte, bis er sich über den Geheimdienst erhob und direkten Kontakt zu Kurt Hager im Zentralkomitee der SED aufnahm.

Annette Leos Biographie stellt Strittmatters künstlerische Leistung nie in Frage, er wird als der Schriftsteller von Format beschrieben, der er war, einer mit strengsten Arbeitsregeln, der alles und jeden in seinem Umfeld der Kunst unterordnete. »Ich will lieber nicht schreiben, ich will dich lieber lieb haben«, soll Eva Strittmatter, seine dritte Ehefrau, ganz zu Anfang ihrer Beziehung zu ihm gesagt haben, und in den Jahren, die folgten, hat sie ihn mit Rat und Tat unterstützt – bis hin sogar zur zeitweiligen Trennung von den eigenen Söhnen. »Störe meine Kreise nicht« blieb Strittmatters Maxime – wobei körperliche Tätigkeit auf Schulzenhof seine Kreise nie störte: Beim Holzhacken im Wald, dem Fällen von Bäumen, während langer Fußwege durch Feld und Wiesen und auf dem Rücken seines Pferdes kamen ihm die besten Gedanken.

Deutlich setzt Annette Leo in ihrem gut lesbaren, gekonnten Buch den Soldaten Strittmatter und den in der Nachkriegszeit linientreuen Parteigänger der SED von dem Schriftsteller ab, der schließlich bis hin zu seinem Tode nichts anderes wollte, als sein Werk zu vollenden.
Walter Kaufmann
*
Strittmatter war ein unpolitischer Mensch, der politischen Verstrickungen nicht entkam. Annette Leo sagt das so entschieden nicht. Tatsache bleibt: Strittmatter war kein Nazi und kein Antifaschist. Er war kein Militarist. Er wurde nie zu einem treuen Marxisten. Erwin Strittmatter ist kein »Gemeinschaftsmensch« gewesen. So hat er sich selbst treffend eingeschätzt. Diese Festlegung ist einem bisher unbekannten Brief entnommen, den Leo für die Recherche der Biographie nutzen konnte. Nicht, um einen Strittmatter vorzuführen, der im Politischen wieder und wieder versagte. Der in seinen ambitioniert autobiographisch bestimmten Romanen – »Ochsenkutscher«, »Der Wundertäter«, »Der Laden« – Ereignisse und Entscheidungen seines Lebens mit unlauterem Vorsatz kaschierte. So autobiographisch Literatur oft ist, besonders die des Erzählers der Lausitz und ihrer Leute, Literatur ist Literatur. Sie ist nicht das Leben. Annette Leo erwähnt die »Wandlungsfähigkeit von Strittmatters biographischem Gedächtnis«. Aber ja doch! Was für ein Erzähler wäre Strittmatter geworden ohne die Wandlungsfähigkeit? Literarische Bücher sind zumeist die Wunschbiographie der Schreiber. Das einem Schriftsteller zum Vorwurf machen? Wer diktiert der Literatur die Gesetze?
Bernd Heimberger

Annette Leo: »Erwin Strittmatter. Die Biographie«, Aufbau Verlag, 447 Seiten, 24,99 €; Erwin Strittmatter: »Nachrichten aus meinem Leben. Aus den Tagebüchern 1954–1973«, hg. von Almut Giesecke, Aufbau Verlag, 601 Seiten, 24,99 €


Baum meiner Seele
Oft ist damit die Königspalme gemeint, ein hoher, schlanker Baum mit sparsamen Wedeln. Sie ist ein Symbol für Kuba. In seinen einleitenden Worten zur gleichnamigen Ausstellung verglich der Künstler Kuba mit diesem Baum; er sei »unberührbar und zauberhaft«, seine Wurzeln seien »tief« und die »Samen weit verstreut«.

Am 22. Juni trafen wir in Berlin-Lichtenberg Yoel Moreno-Aurioles Pupo, genannt Pincho, zur Eröffnung seiner Ausstellung, die von der Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde (GBM) und der Botschaft der Republik Kuba vorbereitet worden war.

Ungewohnt sind diese 21 Bilder: Porträts, in die man sich erst hineinsehen muß. Köpfe, die fast das ganze Bildformat füllen. Augen sehen uns an, ruhig und gefaßt. »In ihren großen Köpfen offenbart sich ihr umfassendes Denken ... Ich bin es selbst in jedem Porträt«, erklärt der Künstler. Die kleinen Münder sind fast immer geschlossen. Wir bestaunen extrem kleine Hände, Beine und Leiber. Früchte und Tiere sind beigefügt. So lagert auf einem der Köpfe zufrieden eine Katze.

Ein Porträt zeigt den vom Künstler verehrten Schriftsteller und Journalisten José Julian Martí (1853–1895), zu dem er ein inniges geistiges Verhältnis hat. Die kleinen Arme und Hände Martís umfassen zärtlich einige Königspalmen. Martís Verse – sensibel, zutiefst lyrisch und sinnlich – spiegeln sich in Pinchos Werken wider.

Die Farben in den Gemälden sind zurückhaltend. Liebevoll hat sie der Maler mit feinen, linearen Pinselstrichen aufgetragen. Die Titel der Bilder erinnern an die Verse Martís: »Die Blätter flüstern«, »Ich fühle dein Denken zu mir kommen«, »Weit ist mein Herz«, ... Yoel Moreno-Aurioles Pupo lebt gegenwärtig im spanischen Sevilla und arbeitet als Designer und Kinderbuchillustrator. Seine Arbeiten wurden in Kuba, Ecuador und Spanien veröffentlicht. Er bekennt: »Mein Land sind seine Menschen. Es ist Frohsinn, Tanz, Sinnlichkeit, Sport, frische Früchte, Zuckerrohr, Schmetterlinge. Mein Kuba ist auch Nostalgie, unbemalte Wände, Kampf, Stille, es ist weiß und schwarz. Mein Kuba ist Hoffnung ... Letztlich widme ich diese Ausstellung den Wurzeln und dem Samen.«
Maria Michel

Die Exposition ist bis zum 31. August montags bis freitags von 10 bis 16 Uhr in der GBM-Galerie, Weitlingstraße 89 in Berlin-Lichtenberg zu sehen.



Zuschriften an die Lokalpresse
Der Berliner Kurier veröffentlichte Auszüge aus einem Buch, das Erich Honeckers langjähriger kulinarischer Leibsklave Lothar Herzog geschrieben hat und dessen Erscheinen im Handel für August angedroht wird: »Honecker privat. Ein Personenschützer berichtet«. Ich war erst sehr gespannt darauf, weil ich eine weitere gnadenlose Abrechnung mit dem DDR-Regime erhoffte, zumal Geschichten angekündigt werden, »die kaum jemand kennt«. Nachdem sich die Medien seit geraumer Zeit wieder einmal auf die Mittelgebirgsrepublik zwischen Kap Arkona und dem Fichtelberg eingeschossen hatten, erwartete ich, daß der ehemalige erste Mann des ehemaligen Staates endlich einmal ausgezogen wird bis auf die Epidermis. Nach mehreren Fortsetzungen im Kurier muß ich sagen, daß ich von den Enthüllungen ziemlich enttäuscht bin. Daß der ehemalige erste Mann der ehemaligen ersten DDR Bouletten mit Kartoffelsalat und Bautzener Senf liebte, gern löslichen Kaffee trank und DAB-Dosenbier süffelte, hat mich nicht gerade vom Hocker gehauen und paßt nicht in die Legenden vom Superluxus in Wandlitz und geheimen Valuta-Konten auf noch unentdeckten Inseln. Die Familie Honecker scheint ja fast eine Bilderbuch-Familie gewesen zu sein, und Margot nahm Lothar manchmal sogar den Abwasch ab. Auch haßte Honi bei anderen und sich selbst Mundgeruch und benutzte dagegen ein spezielles Mundwasser. Er liebte ein Mittagsschläfchen und hatte nicht einmal seine Enkelkinder und seinen Hund im Griff. Alles in allem: Er war nach Herzogs gnadenlosen Enthüllungen kein Monster, sondern ein Spießer. Aber daß der »große Erich« seinen MfS-Bediensteten, der übrigens gar nicht wußte, wie er zu den grauen Eminenzen des »kleinen Erichs« geraten war, nicht ein einziges Mal fragte: »Na, Herzog, was macht die Familie?« hat mich genauso enttäuscht wie den Speisenzuträger. Es hat mich sehr berührt, daß olle Lothar für seinen Dienstrevolver nicht mal ein Halfter erhielt, sondern seine Wumme in ein Taschentuch eingewickelt in der Hosentasche tragen mußte. Das hat ihn natürlich beim Servieren behindert. So war es kein Wunder, daß er die Waffe einmal im Kühlschrank des Regierungszuges vergaß. Daß Herzog nach 18 Jahren »ohne Grund« seine Vertrauensstellung verlor, macht die Unmenschlichkeit des Systems deutlich.

Ich danke dem Autor und dem Berliner Kurier herzlich für die Entschleierung intimster Geheimnisse und dafür, daß ich mir den Erwerb der Lachnummer nunmehr sparen kann. Halt, eine Frage habe ich doch noch an den Autor: »Na, Herr Herzog, was macht denn nach dem Erscheinen des Buches die Familie?« – Waldemar Schultze-Dingsbums (72), Rentner, 99775 Sülzhayn
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Werte Redaktion, das Vorhaben, das Pensionsalter von Polizisten schrittweise auf 67 Jahre zu erhöhen, hat Proteste hervorgerufen. Auch die Gewerkschaft der Polizei regt sich darüber auf. Ich finde, das darf man nicht so einseitig sehen. Wenn mehr ältere Beamte im Dienst sind, müssen auch behindertengerechte Dienstfahrzeuge entwickelt, mehr Aufzüge eingerichtet und bessere Gehhilfen entwickelt werden, das schafft neue Arbeitsplätze für Ingenieure und Monteure. Ich bin zwar schon in Pension, aber wenn die technischen Hilfsmittel geschaffen werden, dann würde ich auch gern noch mal mitmischen, vielleicht in Teilzeit. – Bernhard Brandauer (72), POM i. R., 01773 Altenberg
Wolfgang Helfritsch

Hans Beimlers Geburtsort
Auch wenn man etwas fest im Gedächtnis zu haben meint, ist Irrtum nicht immer ausgeschlossen ... Unter dem Titel »Beimlers Bericht« war im Ossietzky-Heft 15/16 auf Seite 636 zu lesen, Augsburg sei Hans Beimlers Geburtsstadt. Eine Nachfrage beim Stadtarchiv Augsburg ergab jedoch: Der gelernte Schlosser, KPD-Politiker, von den Nazis verfolgte Reichstagsabgeordnete und Spanienkämpfer wurde am 2. Juli 1895 in München geboren.
Red.