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Titel1716

Kurt Pätzold lebt weiter  (Otto Köhler)

Vor einem knappen Jahr sah ich Kurt Pätzold das letzte Mal, beim Ossietzky-Geburtstag, auf den Unwissende den Tag dieser seltsamen deutschen Einheit gelegt hatten. Er sprach über das, was uns trennt: Ostdeutsche nennen die Leute, die sich damals und heute wieder als Nationalsozialisten bezeichnen als die, die sie sind: Faschisten. Die  Nachfolgestaatsbürger im Westen nennen sie – selbstverständlich – Nationalsozialisten, wie die sich schon immer selbst bezeichneten, ja rühmten. So erkennt man noch heute den Unterschied zwischen Ost- und West-Sozialisation. (Thesen seines Vortrags in Ossietzky 21/2015)

 

Nicht nur uns wird er fehlen, den Lesern, der Redaktion und den Autoren dieser Zeitschrift: Kurt Pätzold starb am 18. August an einem Krebsleiden. Einer wird da nicht trauern: Heinrich August Winkler, der eine vierbändige Geschichte des Entstehens der westlichen Wertegemeinschaft schrieb, war der unerbittlichste Feind von Kurt Pätzold. Vor einem Vierteljahrhundert, als Winkler im Zuge des – »Wiedervereinigung« genannten – Raubzugs gerade Pätzolds Lehrstuhl erobert hatte, saß er mir in der Humboldt-Universität gegenüber und wurde deutlich: »Würden Sie einen Professor, jetzt frage ich mal, im Amt belassen, der Studenten relegiert hat?« Wer das sei? Winkler: »Zum Beispiel Kurt Pätzold. Würden Sie jemand im Amt belassen, der aus politischen Gründen dazu beigetragen hat, dass Studenten die Universität verlassen mussten?«

 

So fragte Heinrich August Winkler, um den Mann zu erledigen, auf dessen Lehrstuhl er damals seit wenigen Tagen saß. Er selbst musste erst daran erinnert werden, dass er siebzehn Jahre zuvor als Dekan der Philosophischen Fakultät, an Relegationsverfahren beteiligt war, eine Studentin, die in den Schuldienst wollte, wurde beim Oberschulamt denunziert. Bedauert hat er das nie. Pätzold bestritt nicht, und bedauerte umso mehr, dass er ein Jahrzehnt zuvor als Hochschulassistent an Relegationsverfahren gegen Studenten beteiligt war. Er zählte die Verfahren zu den »Sargnägeln für die DDR« – die Studenten, die politisch aufgefallen waren, wurden »in die Produktion« geschickt, wie man das damals nannte. Pätzold blieb mit diesen Studenten in Kontakt und sorgte dafür, dass sie später ihr Studium zu Ende führen konnten und auch, dass die meisten von ihnen Karriere in Verlagen und in der Akademie der Wissenschaften machten. Einer wurde arbeitslos, aber erst in jener Zeit, da auch Pätzold als knapp Sechzigjähriger aus seinem Arbeitsplatz geworfen wurde. Winklers Einmarsch dortselbst wurde dagegen »für den knapp über Fünfzigjährigen zum Glückswechsel seines Lebens«, urteilte sein Freiburger Historikerkollege Michael Borgolte, der ebenfalls einen freigeräumten Lehrstuhl an der Humboldt-Universität erbeutete.

 

Für Pätzold, den er verdrängte, war es ein Wechsel anderer Art. Seine akademische Laufbahn war abrupt beendet. Zwei Jahrzehnte später traf ich ihn wieder auf einer außeruniversitären Tagung in seiner alten Wirkungsstätte. Es sei das erste Mal seit damals, dass er die Humboldt-Universität wieder betrete, sagte er. Nein, er klagte nicht, er sagte es ohne Bitterkeit. So wie er vermerkte, dass er immer wieder Einladungen aus dem westlichen Ausland bekomme, nie aber von den Historikerkollegen, die ihn vor der Verehemaligung der DDR immer wieder an die westdeutschen Universitäten eingeladen haben.

 

Er hat in dem Vierteljahrhundert der Vertreibung aus der Humboldt-Universität in zahlreichen Büchern und Zeitschriftenveröffentlichungen ein reiches wissenschaftliches Werk über den deutschen Faschismus hinterlassen. Und jetzt, zwei Tage nach Pätzolds Tod, druckte am 20. und 22. August  die junge Welt Auszüge aus einem schon bald von der »edition ost« veröffentlichten Buch, das er auf seinem Krankenbett Anfang Juli vollendet hatte. Es nannte es – schon im Sterbestift – »eine schwere Geburt«.

 

Es ist sein Abschied von den Deutschen. Denen die willig oder auch nur gehorsam dem Faschismus dienten. Er erkennt, dass sie »bereits im Regime als dessen Opfer« erschienen, während sie doch »vor allem dessen Instrumente« waren. Auch danach fanden sie sich in ihrer Masse in einer Opfergruppe wieder, die sich von den vielen anderen Opfern in Europa allerdings dadurch grundsätzlich unterscheidet, dass sie dies durch eigenes Zutun geworden waren. Beseitigt wurde diese Differenz auch und vor allem durch Helmut Kohl, der dafür sorgte, dass das Mahnmal gegen den Faschismus und gegen den Militarismus in der Neuen Wache nunmehr unterschiedslos an alle »Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft« erinnern muss.

 

In der Bundesrepublik war Hitler an allem schuld, das deutsche Volk hatte mit all dem nichts zu tun, die reeducation blieb ein zugunsten der Remilitarisierung schnell aufgegebenes Experiment der Amerikahäuser. Die DDR versuchte die Volksmassen umzuerziehen, ihnen eine positive Kraft zuzumessen. Doch Marxisten müssten eine Antwort finden auf den so erreichten Erfolg: Im März 1990, als die Volksmassen der DDR frei wählen durften, jubelte in der Heldenstadt Leipzig ein Menschenmeer mit aus Bonn importierten schwarzrotgoldenen Fahnen dem westdeutschen Kanzler Kohl, führergläubig zu unter dem Riesentransparent: »Helmut nimm uns an die Hand, zeig uns den Weg ins Wirtschaftswunderland«.

 

Das ist das Vermächtnis des großen marxistischen Forschers Kurt Pätzold: Der Marxismus wird die Rolle der Volksmassen neu bestimmen müssen. Über seinen Tod hinaus wird Kurt Pätzold mit seinem kommenden Buch einen entscheidenden Beitrag dazu liefern. Und so lebt er weiter.