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Titel1717

Mein Kapital  (Urte Sperling)

Erstmals gelesen (oder besser: angefangen, zu lesen) habe ich das »Kapital« im Sommer 1968. Da lag ich tuberkulosekrank für einige Monate in einer Westberliner Klinik. Während der Mittagsruhe lud mich der Stationsarzt in sein Dienstzimmer ein und begann mit mir die Lektüre des ersten Kapitels von Band 23 der »blauen Bände«. Es ging um den gesellschaftlichen Reichtum, der als riesige Warenansammlung erscheint, und was es mit der Ware, ihrem Wert und ihrem Preis auf sich hat. Der Arzt sympathisierte mit den Maoisten, hatte China im Bild abonniert und sah in mir eine potentiell zu Bekehrende für die marxistisch-leninistisch-maoistische Bewegung. Ich nahm die tägliche Lektüre-Stunde als willkommene Abwechslung des langweiligen Klinikaufenthalts, verstand allerdings vom Inhalt der Lektüre aufgrund fehlender philosophischer oder ökonomischer Vorbildung kaum etwas.

 

Wenig später lebte ich in einer der zahlreichen West-Berliner »Kommunen«. Wir – fünf Student*innen unterschiedlicher Fachrichtungen – erlebten den Zerfall des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) und die Gründung von sogenannten Basisgruppen und waren auch interessiert, unserem kleinbürgerlichen Student*innenleben durch Kontakt zur Arbeiter*innenklasse eine uns sinnvoll erscheinende Richtung zu geben und für Aufklärung vor den Fabriktoren und in den Fabriken zu sorgen: über die Gesellschaft, in der – wie uns inzwischen klar geworden war – nicht wir, sondern die Arbeiter*innen die materiellen Grundlagen des Reichtums schufen, an dem wir partizipierten. Um uns für Agitation und Propaganda fit zu machen, luden wir einen Philosophiestudenten ein, mit uns das »Kapital« zu lesen. So trafen wir uns jeden Sonntag um 10 Uhr im »Berliner Zimmer« unserer Wohngemeinschaft und studierten den Ersten Band. Die Marx'sche Herleitung der Mehrwertproduktion, das Geheimnis der Ausbeutung und die daraus resultierende Möglichkeit und Notwendigkeit, dass diejenigen, die die Waren produzierten, Eigentümer*innen der Produktionsmittel sein sollten, leuchtete uns ein. Und wir gründeten erfolgreich eine Lehrlingsgruppe in einem der damals noch zahlreichen Werke der AEG. In dieser Gruppe lasen wir die Kurzfassungen unserer »Kapital«-Lektüre, die Broschüren »Lohnarbeit und Kapital« und »Lohn, Preis, Profit«. Wir gründeten die Betriebszeitung Der Rotstift und brachten es auf etwa zehn Ausgaben, bis die Lehrlingsaktivisten unserer Gruppe sich gewerkschaftlich und politisch in der IG Metall und der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins organisierten, wir uns dem Abschluss unseres Studiums zuwandten und unsere politischen Aktivitäten an die Hochschule verlagerten. Dort – genauer an der Freien Universität – trug inzwischen der Philosoph Wolfgang Fritz Haug mit seinen »Kapital«-Kursen zur Verbreitung der Marx'schen Theorie bei. Zahlreiche Tutoren vermittelten die erworbenen Kenntnisse an die Neulinge. Ich selbst beschäftigte mich erst Jahre später wieder mit dem »Kapital«.

 

Das war Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre im Kontext der sogenannten zweiten oder neuen Frauenbewegung. Galt in der traditionellen marxistisch inspirierten Bewegung als Konsequenz aus der Marx‘schen Theorie die These vom »Grund-« oder »Hauptwiderspruch«, der die materiellen Grundlagen der als kapitalistisch analysierten Gesellschaften bestimmte, und waren alle anderen herrschaftlichen oder Unterdrückungsverhältnisse in diesem Verständnis sogenannte Nebenwidersprüche (und dies betraf auch die untergeordnete Rolle von Frauen), so rebellierten Feministinnen und sozialistische Frauengruppen gegen diese Einordnung ihrer Interessen als Nebenwiderspruch, der sich mit der Abschaffung des kapitalistischen Eigentums »von selbst« lösen werde. Sie nahmen den Godfather der Theorie noch einmal kritisch unter die Lupe und entdeckten einen »blinden Fleck« in der Arbeitswertlehre. Die »Hausarbeitsdebatte« machte sichtbar, dass Marx in seiner Bestimmung des Wertes der Ware Arbeitskraft die traditionelle männliche Voreingenommenheit unkritisch übernommen hatte: Reproduktions- oder Sorgearbeit in der Familie galt auch in der Arbeitswertlehre als »Naturressource«.

 

Was angesichts der aktuellen Debatte um »Care«- oder »Sorge«-Arbeiten ein Allgemeinplatz geworden ist, stieß damals unter Marxist*innen auf massive Abwehr. Mann und Frau taten sich schwer, zur Kenntnis zu nehmen, dass die Arbeitskraft an lebendige Menschen gebunden ist, die erst einmal geboren und aus hilflosen Wesen zu Arbeitskraftbesitzer*innen herangezogen werden müssen, und dass die Art und Weise, wie die damit verbundenen Tätigkeiten bewertet und bepreist werden, durchaus zu den materiellen Voraussetzungen kapitalistischer Gesellschaften zählen. Im Zusammenhang mit dieser Debatte habe ich persönlich noch einmal zum »Kapital« gegriffen und das Kapitel 24 im ersten Band über »Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation« gelesen und dazu Rosa Luxemburgs Überlegungen zum Akkumulationsprozess hinzugenommen.

 

Diese Debatte um die politische Ökonomie der »Sorgearbeit« ist heute wieder äußerst aktuell. Nur wird sie in der Regel ohne Rückgriff auf Marx geführt, sehen wir einmal von Außenseiterinnen wie Roswitha Scholz von der »Exit«-Gruppe ab. Sie hat den Versuch einer Lösung des Problems mit der »Reproduktionsarbeit« im Rahmen der Marx'schen Wert-Theorie noch nicht aufgegeben und spricht von einem Phänomen, das sie »Wertabspaltung« nennt, welches untrennbar mit der Durchsetzung des Wertgesetzes verbunden sei. Demzufolge gelte in der Produktion von Waren und Dienstleistungen die Arbeits- und Mehrwerttheorie, die Herstellung der »Ware Arbeitskraft« jedoch erfolge gleichsam exterritorial, zum Nachteil der dort Tätigen. Darüber will ich für den Rest meiner Tage noch weiter nachdenken.