erstellt mit easyCMS  
Titel1717

Überlegungen für einen Beitrag  (Wolfgang Helfritsch)

Ein Ossietzky-Sonderheft zum Thema »Mein Kapital« – konkreter formuliert, zum Jubiläum des weltverändernden und legendären Marx‘schen Dreibänders – das ist schon eine harte Nuss! Kann ich dazu einen Beitrag leisten, zumal ich von der Wissenschaft schon lange wegevaluiert bin? Ich lese mich zwar in unserem Periodikum gern, aber vor über 60 Jahren, als ich das Werk – sagen wir mal wahrheitsnah – während der Studienzeit im Pflichtstudium überflogen hatte, waren die Verhältnisse noch nicht so gewendet, wie sie es heute sind. Inzwischen heißt Karl-Marx-Stadt längst wieder Chemnitz. Und dass die Berliner Karl-Marx-Allee noch nicht zur Karl-Chemnitz-Allee umfirmiert wurde, würde vermutlich selbst den Namensgeber des Boulevards erstaunen. Der steht – im Gegensatz zu dem das sächsische Großstadtpanorama mitbestimmenden und offensichtlich dem Friedhofsmonument auf dem Londoner Highgate Cemetry nachempfundenen wuchtigen Chemnitzer »Nischel« – in der Krümmung des Strausberger Platzes bescheiden als Denkmal herum und will den gestauten Kreisverkehr nicht stören.

 

Aber es geht nicht um den Verkehrsfluss und die Denkmalpflege, sondern um das Standardwerk, und da werden die Fachleute gewiss bisher vernachlässigte Aspekte aufspüren und zerpflücken. Und da fühle ich mich überfordert, denn viel mehr als die Entstehungsgeschichte und das den Mehrwert heckende Wesen des Kapitals ist bei mir theoretisch nicht hängengeblieben, vom praktischen Umgang mit eigenen Geldern ganz zu schweigen. Ähnlich wird es vielen meiner Ex-Kollegen und Altersgefährten gehen, denen der Dreibänder und artverwandte Klassiker die häuslichen Regale füllen, beim Herausgreifen Hausstaub aufwirbeln und die Frage provozieren, was unsere Nachvorderen nach unserem Ableben mit den Ex-Bestsellern anstellen werden, bevor wieder aktueller Bedarf erwächst.

 

Nun könnte man sich mit den menschlichen Umständen beschäftigen, unter denen Karl Marx genial und unwiderlegbar die ökonomischen Umstände der Menschheitsgeschichte aufgeblättert hat und beim Tüfteln selber arm wie eine Kirchenmaus geblieben ist. Er wäre fast verhungert, hätte ihn nicht ein Engel gesponsert und hätten ihn Jenny und Helene nicht selbstlos und demutsvoll über Wasser gehalten, seine Kinder versorgt und seine Lebensbedürfnisse befriedigt. Heutzutage könnte sich der Patriarch vielleicht nicht so viel Zeit zum Schreiben nehmen, weil er zwischendurch in Abfallbehältern nach Pfandflaschen stöbern und sich vielleicht einen bequemen Schlafplatz unter einer Bahnhofsbrücke suchen müsste.

 

Sicher, dass die Erkenntnisse von Marx zur Veränderung der Welt beigetragen haben, ohne dass alle Blütenträume reiften, steht außer Frage. Großes braucht seine Zeit, bedarf der Aktualisierungen und Verästelungen und Variationen, und auf der Strecke wird die Theorie nicht selten mit der Feststellung der Praxis »Mein ist die Rache!« bestraft oder zumindest abgebremst.

 

Das hat Marx und andere nicht von ihren Visionen und ihrer selbstlosen Arbeit abgehalten. Ich verneige mich vor Marx – und überlasse den Marx-Spezialisten die detaillierte Werkanalyse.