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Titel1719

Polnische Schicksalssommer (II)  (Stefan Bollinger)

Sommer 1939: Der »Fall Weiß« ist lange fertig ausgearbeitet und unterzeichnet. Die Wehrmacht steht auf dem Sprung. Den Krieg wollte sich mittlerweile Hitler nicht mehr nehmen lassen, noch einmal eine Verhandlungs-»Lösung« wie mit dem Münchner Diktat sollte ihm nicht mehr dazwischenkommen. Für Moskau war die Lage erst recht schwierig. Aus London und Paris gab es Signale, etwas gegen eine mögliche Aggression Deutschlands auf Polen zu unternehmen. In München noch ausgeschlossen sollte nun Moskau in die Verantwortung genommen werden. Aber wie schon in der Krise 1938 hieß, die Unterstützung Moskaus einzufordern, die Frage zu klären, wie sowjetische Truppen gegen den Aggressor antreten könnten. Eine gemeinsame Grenze gab es nicht. Polen (und eventuell Rumänien) müsste(n) den Durchmarsch gestatten. Die halbherzig und von unteren britischen und französischen Chargen mit der Moskauer Militärführung und dem Außenminister geführten Verhandlungen mit dem Westen steckten im August 1939, als die Krise um Polen sich zuspitzte, in einer Sackgasse.

 

 

Preis der Schaukelpolitik

Die polnische Führung hatte mehr Angst vor einer sowjetischen Einflussnahme als vor den Deutschen, sie fürchtete um ihre Fabriken und Güter, die bei einer möglichen sozialen Umwälzung ihnen abhandenkommen könnten. Die Schaukelpolitik des letzten Jahrzehnts hatte Polen in eine Sackgasse geführt, und seine westlichen Alliierten wussten erst recht nicht, was sie wollten: tatsächlich einen Krieg mit aller Konsequenz gegen Deutschland oder doch abwarten, dass sich das Gewitter gegen den sowjetkommunistischen Feind entlädt.

 

Aus heutiger Sicht ist der Sinneswandel in Moskau im August 1939 nicht so überraschend wie er es für die Zeitgenossen war. Nach München, erst recht nach der Besetzung Prags im März 1939, der Preisgabe der ČSR, war für Stalin und seine Mitstreiter offensichtlich: Auf den Westen ist kein Verlass. Der wird die faschistische Aggression nicht aufhalten und wollte es auch nicht. Wenn Polen wie schon 1938 in der »Sudetenkrise« (also gegenüber der ČSR) nicht einmal mitspielte, wenn seine eigene Existenz auf der Kippe stand, was sollte sich Moskau um seine hehren, auch antifaschistischen Ideale kümmern. Und Nazi-Deutschland wollte seinen Krieg, sorgte sich aber um einen solchen an zwei Fronten mit hohem Risikopotential. Es wurden Fühler in Richtung Moskau ausgestreckt, und dort waren sie willkommen. Was folgte, waren Entscheidungen im Tagestakt. Die Militärverhandlungen der Sowjetunion mit Großbritannien und Frankreich blieben ergebnislos, Deutschland bot ein Vertragswerk an, und in Windeseile war Außenminister Ribbentrop in Moskau und unterzeichnete mit seinem Amtskollegen einen Nichtangriffsvertrag, wenige Wochen später gar einen Freundschaftsvertrag. Ein Krieg im Osten war so für Deutschland ohne besondere Gefahr möglich, was der Westen tun würde, blieb offen. Für Moskau schien die Kriegsgefahr gebannt, zumindest auf Zeit.

 

Problematisch, politisch wie moralisch, völkerrechtlich sowieso, war das, was nicht veröffentlicht wurde. Geheime Zusatzprotokolle, die Einflusssphären zwischen beiden Mächten absteckten und noch vor Kriegsbeginn auch Polen im Falle einer absehbaren Niederlage teilen würde, die insbesondere auch die baltischen Republiken Moskaus Interessensphäre zuschlugen. Makabre Entscheidungen über die Köpfe der betroffenen Völker hinweg, aber damals – siehe Prags Schicksal – Usus im Handeln der Großmächte. Sozialistische Politik hätte anders aussehen müssen. Ganz davon abgesehen, dass es Moskau mit der »Freundschaft« recht ernst meinte, was jüdische und kommunistische Emigranten am eigenen Leib zu spüren kamen, als sie der Gestapo überstellt wurden. Desorientierung und Desillusionierung nicht nur vieler Kommunisten war die Folge dieser Vertragspolitik.

 

Polens Elite, Adel und Bourgeoisie hatten sich klassenmäßig »richtig« gegen ein Zusammenwirken mit Moskau entschieden. Ihre wankelmütige Politik zwischen Deutschland und den Westmächten hatte das Land aber in die Isolation gebracht. Die späte und – wie sich herausstellte – halbherzige Garantie Londons und Paris‹ vom März 1939 half im September 1939 nicht. Die »Verbündeten« erklärten zwar Berlin den Krieg, aber faktisch begann das, was später als »komischer Krieg« (drôle de guerre), »Scheinkrieg« (phoney war) oder »seltsamer Krieg« (strannaja wojna) in die Geschichtsbücher Eingang fand. Die deutsche Bezeichnung »Sitzkrieg« ergibt zwar einen militärischen Sinn, weil die Wehrmacht in aller Ruhe ihre Offensive im Westen vorbereiten konnte. Sie verdeckt aber bewusst die politische Weigerung Londons und Paris‹, ernsthaft Krieg gegen den Aggressor zu führen. Sie wollten immer noch Appeasement, Beschwichtigung und eine Wendung Hitlers gegen die Sowjetunion. Im Westen kam es zu keinen ernsthaften Kampfhandlungen, die versprochene Entlastungsoffensive für Polen Mitte September fiel aus. Die polnischen Truppen wurden trotz hartnäckigem Widerstand geschlagen. Und die Sowjetunion nahm zur Kenntnis, dass Polen geschlagen war, seine Führung drauf und dran war, das Land zu verlassen, und seine Verbündeten es im Stich ließen. Sowjetische Panzer nahmen Ostpolen und stellten so, wie Moskau es verstand, insbesondere Westbelorussland und die Westukraine unter ihren Schutz. Hunderttausende polnische Soldaten und Offiziere gerieten in sowjetische Gefangenschaft. Ihr Schicksal war unterschiedlich. Tausende Offiziere und Beamte wurden 1940 als »Klassenfeinde« erschossen. Katyn ist das Symbol dieser Verbrechen, die in der Sowjetunion im Widerspruch zu bekannten Informationen unglückseligerweise auch lange nach Stalins Tod bis hin zu Gorbatschows Zeiten verschwiegen und geleugnet wurden ebenso wie die geheimen Absprachen mit Nazideutschland. Keine Politik der Ehrlichkeit, kein Weg, Vertrauen aufzubauen.

 

 

Kalkulationen und Fehlkalkulationen

Militärisch war die Entscheidung Moskaus eigentlich sinnvoll. Der Kriegsbeginn gegen Deutschland – auch von Stalin zwingend erwartet (aber erst ein, zwei Jahre später) verzögerte sich, die sowjetische Aufrüstung konnte fortschreiten, die Grenzbefestigungen sollten sich zwar als nutzlos erweisen, die gut 400 Kilometer mehr bis nach Leningrad und Moskau waren aber überlebensnotwendig. Allein das Misstrauen Stalins gegen seine Geheimdienstinformation und der Glaube, nur er wisse, wann Hitler kommen werde, begünstigten das Verhängnis von 1941.

 

Und doch: Im September 1939 begann in Ostpolen eine soziale Revolution, begannen sowjetische Funktionäre, aber eben auch einheimische Sympathisanten mit der sozialistischen Umgestaltung zugunsten der Arbeiter, der kleinen Bauern. Im Resultat war dieser Prozess widersprüchlich: Die Sowjetunion des Jahres 1939 brachte nicht die Oktoberrevolution mit ihrer Massenbewegung, ihren Basisprozessen, sondern die stalinistische Deformation, die gerade in den »Großen Säuberungen« ihren schrecklichsten Ausdruck gefunden hatte. Aber was heute verschwiegen und vergessen wird: In Polen gab es damals, noch mehr im Widerstand gegen die faschistische Okkupation, erst recht beim Wiederaufbau Hunderttausende, ja Millionen, die sich für die Ideale der Arbeiterbewegung, der sozialistischen Revolution engagierten. Kommunisten und Sozialisten kämpften in der Armija Ludowa (AL), engagierten sich für das Lubliner Komitee (PKWN, eine Woche vor dem Warschauer Aufstand gegründet!), die von Moskau geförderte Gegenregierung, wurden Mitglieder der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, schafften 1956 selbst eine antistalinistische Wende. Und doch war es eine Linke, die nie der Geschichte entrinnen konnte. Die polnischen Kommunisten verloren in den 1930er Jahren ihre Partei auf Stalins Geheiß und viele von ihnen im sowjetischen Exil, das sie vor den polnischen Repressionen schützen sollte, ihr Leben. Der Sozialismusversuch in Polen verlief oft dramatisch, Fehler wurden zu Hauf gemacht, und die Abkehr von den einstigen Zielen setzte in den 1970er Jahren sukzessiv ein. Eine antikommunistische, wenn auch zunächst sozial orientierte Massenbewegung in Gestalt der Solidarność leitete den Zusammenbruch Polens als sozialistischen Staat, schließlich des europäischen Ostblocks ein.

 

 

Schwieriges Erinnern

Zurück zum Jahr 1939. Die deutsche Wehrmacht konnte sich erstmals ernsthaft in einem großen Krieg beweisen. Ihre moderne Technik – nebenbei bemerkt keineswegs so ideal, wie die Wochenschauen es glauben machen wollten –, die Führungskunst ihrer Generale bewährte sich. Polens Niederlage war unvermeidlich. Gleichzeitig brach damit das Zwischenkriegspolen mit seinen politischen und sozialen Widersprüchen, seiner Inkonsequenz und falschen Außenpolitik zusammen. Daran ändert nichts die Tatsache, dass die eigentlich marode und gescheiterte polnische Führung es verstand, sich im Exil zunächst neu zu formieren. Der Patriotismus der Polen sorgte für neue polnische Streitkräfte im Exil und vor allem für einen funktionierenden politischen, auch bildungspolitischen und schließlich militärischen Untergrund im besetzten Polen selbst. Die Armija Krajowa (AK) wurde zu einer ernstzunehmenden militärischen Kraft. Sie war oft von Antikommunismus und Antisemitismus durchsetzt, schaffte es aber auch – ähnlich wie die AL – den Deutschen nennenswerte Verluste beizubringen. Dass sie 1944, wie oben bereits angerissen, versuchte, das alte Polen gegen den Vormarsch der Roten Armee und die in deren Gefolge sich etablierende linke Regierung wieder zu errichten, führte zu dem Befehl für den Warschauer Aufstand, der, so wie er angelegt war, keine Erfolgsaussichten haben konnte. Vielmehr führte er zu Konflikten mit den Sowjets und der neuen polnischen Regierung, die letztlich im vom Westen unterstützten Bürger- oder besser Bandenkrieg in den ersten Nachkriegsjahren endeten. Das ist insofern alles traurig, weil auch in der AK viele aufrechte Patrioten kämpften, denen die politischen Querelen um Machtpositionen für die alten Eliten eigentlich egal waren. Die Linke, also auch die polnische Nachkriegsregierung, tat sich auch mit diesen Widersprüchen schwer.

 

Erinnerung in Polen ist also ein schwierig Ding. Erst recht, wenn sie die eigentliche Herausforderung ausblendet. Den Krieg Nazideutschlands, die Zerschlagung des polnischen Staates, die systematische Ausrottung der polnischen Intelligenz, die Vernichtung derjenigen polnischen Staatsbürger, die einen jüdischen Hintergrund hatten. Die deutschen Faschisten führten vom ersten Tag des Krieges einen Krieg mit Kriegsverbrechen, einen Vernichtungskrieg. Einsatzgruppen der SS, denen Sicherheitspolizei- und spätestens ab 1941 auch Ordnungspolizei-Einheiten angehörten, waren mörderisch zugange, Wehrmachtsverbände traten ihnen tatkräftig und mordend zur Seite. Der Kampf des polnischen Widerstandes, egal, ob bürgerlich oder kommunistisch, und die Befreiung durch die Rote Armee haben Polen erst wieder die Chance zur Wiedergeburt und zur Suche nach dem besten Entwicklungsweg für ihr Land geben können. Diese Suche ist bis heute nicht abgeschlossen.

 

 

Stefan Bollingers neues Buch »1939. Wie Kriege gemacht werden« (circa 180 Seiten, 14,90 €) erscheint demnächst im Verlag PapyRossa.