erstellt mit easyCMS  
Titel1719

Deutschlands größter künstlicher See  (Manfred Orlick)

Drei Jahrhunderte Bergbau haben die Region südlich von Halle nachhaltig geprägt. Mitte des 19. Jahrhunderts etablierte sich dann der industrielle Braunkohlenbergbau, vor allem zur Brennstoffgewinnung für die Zuckerraffinerien. Im 20. Jahrhundert kam zur Nutzung als einfacher Energieträger die stoffliche Verwertung der Braunkohle hinzu. Aufgrund ihres hohen Bitumengehaltes wurden in der chemischen Industrie daraus Mineralöle, Paraffine, Teere und Teerprodukte gewonnen.

 

Die Lagerstätte Geiseltal westlich von Merseburg war eines der bekanntesten und größten Braunkohlenvorkommen Deutschlands. Insgesamt über 1,4 Milliarden Tonnen Kohle wurden aus den bis zu 120 Meter mächtigen Flözen gefördert. Zu Spitzenzeiten soll die Fördermenge sogar sieben Prozent der Weltförderung betragen haben. Der Braunkohlentagebau gab vielen Menschen der Region Arbeit und eine sichere Lebensgrundlage. Die traurige Schattenseite: Insgesamt 16 Ortschaften mussten dafür weichen.

 

Mit der politischen Wende 1989/90 und der damit verbundenen wirtschaftlichen Neuausrichtung im Osten Deutschlands sank der Bedarf an Braunkohle, die außerdem unter Umweltaspekten nicht mehr tragbar war. Mit dem letzten Kohlenzug am 30. Juni 1993 endete die Kohleförderung in der Region, und einige Jahre später begann die Rekultivierung des riesigen Tagebaus und seines Umfeldes.

 

Am 30. Juni 2003 erfolgte der Startschuss für die Flutung des Geiseltalsees. Seit diesem Tag strömte aufbereitetes Saalewasser über eine mehr als 17 Kilometer lange Leitung in den Tagebau, 2,2 Kubikmeter pro Sekunde. Von drei 14 Meter hohen Aussichtstürmen rund um den ehemaligen Tagebau konnten Interessierte den ständig steigenden Wasserspiegel beobachten. Am 29. August 2008 hatte der Wasserstand die einheitliche Höhe von 90,30 Metern über Normalhöhennull erreicht, und der Geiseltalsee hatte damit seine geplante Größe erlangt. Mit einer Wasserfläche von 1.842 Hektar, einem Wasserinhalt von 423 Millionen Kubikmetern und einer maximalen Tiefe von 70 Metern war der Geiseltalsee zum größten künstlichen See in Deutschland geworden – der größte See im mitteldeutschen Raum und der zwölftgrößte See in Deutschland. Bis 2030 muss allerdings noch Fremdwasser, sogenanntes Stützungswasser, zur Auffüllung von Absenkungen und als Verdunstungsausgleich zugepumpt werden.

 

Im August 2012 erfolgte dann die erste Freigabe einer Teilfläche, in den Jahren danach weitere Freigaben für die touristische Nutzung. Bereits am 29. Mai 2008 wurde mit der »Marina Mücheln« der erste Freizeithafen mit einer Touristeninformation der Öffentlichkeit übergeben. Von hier kann man mit dem eigenen oder gemieteten Boot beziehungsweise mit einem Fahrgastschiff starten. Inzwischen ist ein ideales Revier für viele Wassersportarten entstanden mit Bootshäusern, Wasserliegeplätzen, Ferienhäusern, Campingplatz und gastronomischen Einrichtungen. In den Sommermonaten herrscht reger Badebetrieb im Strandbad auf der Halbinsel Stöbnitz. Ein Spielplatz und zwei Beachvolleyballplätze sorgen außerdem für Abwechslung bei den Badegästen.

 

Die Nachbarkommune Braunsbedra wollte ebenfalls von dem möglichen »Erfolgskuchen« ein Stück abbekommen und errichtete eine eigene Marina mit 165 Liegeplätzen. Highlight der Anlage ist eine 190 Meter lange Seebrücke mit einer 45 mal 25 Meter großen Plattform, die für verschiedene Events genutzt werden kann. Mücheln und Braunsbedra … zwar will man sich nicht gegenseitig Konkurrenz machen, aber erst die Zukunft wird zeigen, ob zwei maritime Freizeitangebote in unmittelbarer Nachbarschaft wirtschaftlich erfolgreich sind.

 

Es gibt vielfältige Möglichkeiten, den Geiseltalsee zu erkunden. Besonders die gut ausgebauten Rad- und Wanderwege (circa 30 Kilometer langer Rundweg) sind ein Besuchermagnet. Sie bieten aktive Freizeiterholung zu jeder Jahreszeit. Wer es etwas gemütlicher will, genießt mit dem Geiseltal-Express, einer Kleinwegebahn, in einer zweistündigen Rundfahrt die vielfältigen Ausblicke auf den See und die umgebende Natur. Dazu gibt es einen halbstündigen Stopp am Weinberg »Goldener Steiger«. Nein, kein Aprilscherz. An einem Südhang des Geiseltalsees gelang tatsächlich ein unglaubliches Rekultivierungsprojekt: auf einer ehemaligen Abraumhalde vom Bergbau zum Weinbau. Heute wird der kleine Weinberg (nach EU-Vorgaben darf nur eine Fläche von 3 Hektar aufgerebt werden) mit der Straußwirtschaft und einer großen Gästeterrasse jedoch nicht mehr belächelt. Mitunter sind Voranmeldungen angebracht. Oberhalb des Weinbergs befindet sich eine Pilgerklause, denn der Weinberg liegt direkt am Jacobsweg. Sie wurde mit Unterstützung der Bauhaus-Uni Weimar errichtet.

 

Namensgeber für das Geiseltal ist die Geisel, die im Müchelner Ortsteil St. Micheln entspringt und nach 25 Kilometern bei Merseburg in die Saale mündet. Früher war die Geisel das Lebensband der ganzen Region. Entlang ihres Laufes reihten sich zahlreiche Dörfer wie an einer Perlenschnur. Weltweit bekannt geworden ist das Geiseltal durch fossile Funde, die bei der Kohleförderung ans Tageslicht kamen – unter anderem das versteinerte und vollständig erhaltene Skelett eines Urpferdchens (Propalaeotherium isselanum), das 1933 eine archäologische Sensation war. Die Fundstücke sind in Halle im Geiseltalmuseum oder im Landesmuseum für Vorgeschichte ausgestellt. Vor zehn Jahren konnten Wissenschaftler sogar den Speiseplan des Urpferdchens enträtseln. Im Museum hatte man ein nicht inventarisiertes Glasröhrchen mit Mageninhalt entdeckt. Mit Hilfe moderner Analysemethoden stellte sich heraus: Auch der kleine Vorfahr unserer heutigen Vierbeiner war ein Vegetarier.

 

Einen Besuch lohnt auch Mücheln mit seiner historischen Altstadt am südwestlichen Ufer des Geiseltalsees. Immerhin erhielt die Kleinstadt schon 1350 das Stadtrecht. Das ehemalige Ackerbürgerstädtchen konnte es sich bereits 1571 leisten, ein stattliches Rathaus zu bauen, das bis heute mit seiner Renaissancefassade ein Schmuckstück am Marktplatz ist. Hier befindet sich das Heimatmuseum, das neben der Stadtgeschichte auch die 300-jährige Entwicklung des Braunkohlenbergbaus dokumentiert.