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Titel1811

Bemerkungen
Vertrauensfrage
Viel ist in diesen Tagen von Vertrauen die Rede sowie von »den Märkten«. Die Märkte, so heißt es, müßten wieder Vertrauen in die Politik gewinnen. Nur auf diesem Weg könnten der Euro und die Wirtschaft stabilisiert werden. So äußerte sich auch Bundeskanzlerin Merkel Ende August im diesjährigen ZDF-Sommerinterview.

Die Rhetorik ist nicht neu. Unzählige Politiker bemühten in den vergangenen Jahren die Floskel vom »Vertrauen der Märkte« – eine vornehme Umschreibung für das Wohlwollen der kapitalkräftigen Anleger. Oder kurz: die Gunst der Reichen.

Neu allerdings ist, wie Merkel im gleichen Interview vorsichtigen Unmut artikulierte. »Die Märkte«, so die Kanzlerin, »wollen bestimmte Dinge erzwingen« und »spekulieren gegen uns«.

Hier wird es nun interessant. Denn was bedeutet es eigentlich, wenn eine Regierungschefin eine Gruppe von Menschen, die sie offenbar als gefährlich wahrnimmt, um »Vertrauen« bittet? Ist das nicht ein absolutes Eingeständnis der eigenen Machtlosigkeit oder der Scheu vor einer Konfrontation, an deren Ende die eigene Machtlosigkeit offen erkennbar würde?

Sollten, wenn überhaupt, nicht ganz im Gegenteil die milliardenschweren Spekulanten, welche die gesamte Krise verursacht haben, ihrerseits um das Vertrauen der Öffentlichkeit bitten? Das sie allerdings kaum mehr bekämen.
Hier offenbart sich die tiefe Schizophrenie der gegenwärtigen Debatte, die durch eine mutwillige Vernebelung der Sprache befördert wird. Denn genau so wenig, wie man die superreichen Kapitalbesitzer als »Märkte« deklarieren kann (zu denen ja immer zwei Parteien gehören, nämlich Käufer und Verkäufer, im Falle von Staatsanleihen also profitsuchende Kapitalbesitzer und kreditsuchende Staaten), so wenig kann man beim gegenwärtigen Stand der Krise noch von »Vertrauen« sprechen. Es geht längst um etwas anderes: die private Verfügungsgewalt über das Vermögen der Nationen und ihrer Bürger – mit »Eurobonds« oder anderen Aneignungsmethoden, für die dann sicher ähnlich harmlos-vertrauenswürdig klingende Worte gefunden werden.
Paul Schreyer


Das Wulff-Rätsel
Der Bundespräsident, freuten sich seine bisher enttäuschten publizistischen Freunde, habe endlich am Bodensee eine nicht provinzielle Rede gehalten, »zur Sache« sei es darin gegangen, dennoch habe er sich volkstümlich ausgedrückt. Und was wollte Christian Wulff mitteilen? An der Europäischen Zentralbank hatte er vorher schon herumgekrittelt, da kann Schäuble nur müde lächeln. Liest man den Text, lassen sich mit ziemlicher Mühe drei handfeste Aussagen entdecken. Erstens: Die Politiker (er selbst war offenbar keiner) hätten die Neigung, Staatsschulden anzuhäufen. Zweitens: Zum Risiko gehöre Haftung. Drittens: Nun sei Rückkehr zum »soliden Wirtschaften« geboten, »schmerzhafte Einschnitte« müßten geschehen. Näheres dazu kam in der Rede nicht vor. Nun dürfen wir raten, wer haften und wo eingeschnitten werden soll. Um die Lösung herauszufinden, sollten wir uns durch die beliebte Debatte über das Für und Wider von Eurobonds nicht ablenken lassen. Eine kleine Hilfe kann auch das Beispiel Griechenland geben: Dort wird »Sparsamkeit« ausprobiert.
Marja Winken


Kohls Gehässigkeiten
Das Periodikum Internationale Politik, nach eigener Einschätzung »Deutschlands führende außenpolitische Zeitschrift«, hat – so heißt es da einleitend – den »Herrn Bundeskanzler« interviewt, nämlich Helmut Kohl. Über »eine Außenpolitik, der es an Verläßlichkeit mangelt«, so der Untertitel des Beitrags.

Alles war gut, bestens sogar, solange er noch amtierte, legt Kohl dar, verweist nebenbei auch darauf, daß er die Griechen nicht in die Eurozone hineingelassen hätte, das sei die Schuld von »Rot-Grün«. Doch das ist Geschichte, jetzt regiert ja Kohls Parteifreundin. Und der liest er, ohne sie zu nennen, die Leviten: Deutschland sei außenpolitisch »keine berechenbare Größe mehr«, an einem »klaren Kurs der Westbindung« mangele es, man müsse doch schließlich wissen, »wo man hingehört«, nämlich »an die Seite der USA«. Das Interview mit Kohl fügt sich ein in das Heftthema der Zeitschrift – »Go West!« ist es benannt.

Ist Angela Merkel mit ihrer Außenpolitik auf dem Weg nach Rußland oder China? Das wird auch Kohl nicht befürchten. Er hat ihr halt eins auswischen wollen. Nun muß die Kanzlerin zu allem Ärger, den sie sonst hat, auch noch Treueschwüre für Washington ablegen, überflüssige. Sie mag an allem Möglichen zweifeln, aber nicht an dem Großen Bruder, nicht an der Vormachtstellung der USA. Die Enthaltung im UN-Sicherheitsrat war kein Anzeichen für eine Trennungsabsicht. Sie hat Barack Obama nicht gehindert, Angela Merkel mit dem höchsten Orden zu dekorieren.
P. S.


Zug um Zug –
so wird das Buch heißen, mit dem Altkanzler Helmut Schmidt dem Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück weitere öffentliche Aufmerksamkeit verschaffen wird; in einigen Wochen soll dieses Gemeinschaftswerk der beiden Herren erscheinen. Steinbrück hat es dahin gebracht, als einzig erfolgversprechender sozialdemokratischer Herausforderer der Bundeskanzlerin in Erscheinung zu treten, ohne daß seine Partei in ihren Gremien dazu hätte gefragt werden müssen; von denen hält er erklärtermaßen gar nichts. Die wichtigsten Medien haben ihn hochgelobt, in Sankt Moritz die Bilderberger ihm ihren Segen erteilt, die Demoskopen ihn zum beliebtesten deutschen Politiker erklärt. Nachdem der fränkische Freiherr in die USA entschwunden ist, hat Steinbrück die Starrolle in der Show »Wer ist der Forscheste« übernommen. Mit seinem Buch »Unterm Strich«, von der Friedrich-Ebert-Stiftung als »Politisches Buch des Jahres« ausgezeichnet, konnte er sich als Verkünder »unbequemer Wahrheiten« profilieren. Zu diesen gehört, daß die Sozialdemokratie auf ihre sozialstaatlichen Ambitionen nun endlich verzichten müsse. Ob die treuherzigen unter den Mitgliedern und Anhängern der SPD dieses Steinbrücksche Diktum mitbekommen haben, weiß man nicht; seine Förderer in der Welt der Finanzen werden es wohlwollend zur Kenntnis genommen haben.

Steinbrück ist, wenn die CDU/CSU das Kanzleramt abgeben oder sich zumindest einen anderen Partner suchen muß, der richtige Mann. Schon einmal hat er sich bewährt, als Bundesfinanzminister. Da waren den Banken und anderen großen Akteuren im Finanzmarkt einige staatliche Dienste zu leisten. Die daraus entstandenen Folgen machen noch mehr Dienstleistungen der Politik für dieselben Auftraggeber erforderlich. Wenn ein Politiker mit dem Etikett »SPD« diese erbringt, hat das Vorteile –fürs Kapital.
Arno Klönne


Peanuts
Von einem Erlebnis in der Zeit der sozialdemokratisch-grünen Bundesregierung erzählt jetzt Michael Naumann in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Naumann, Chefredakteur von Cicero, zwischendurch Herausgeber der Zeit, war damals Staatsminister im Kanzleramt. Ein Kabinettskollege habe bei einer Sitzung Hans Eichel (SPD), den Finanzminister, gefragt, ob es stimme, daß durch die bereits beschlossene Abschaffung der Körperschaftssteuer die Banken und Versicherungen ungefähr 24 Milliarden Euro Mehreinnahmen erzielen würden; eine Zeitung habe das gemeldet. Eichel habe daraufhin bei seinem Staatssekretär (ebenfalls SPD) nachgefragt, der habe das bestätigt.

Ein nettes Sümmchen, das da fast unbemerkt den privaten Kapitalsammlern zugeschoben wurde, dem Staatshaushalt also verloren ging.

Damals hat sich Naumann offenbar nicht weiter für den Vorgang interessiert; er war für Kultur zuständig, ein Ressort, in dem es um höhere Werte und kleinere Beträge ging. Dem Kanzler Gerhard Schröder aber, der schon in jener Zeit einen Sinn für die Welt der Finanzen hatte, wird der Effekt seiner Steuerreform bewußt gewesen sein. Man kann ihm manches vorwerfen, doch nicht, daß er zu jenen gehöre, die nicht wissen, was sie tun.
M. W.


Marx lesen
Bei der Partei Die Linke handelt es sich um eine Vereinigung, der man das Schlimmste zutrauen muß. Das wissen längst auch LeserInnen der Frankfurter Rundschau, aber möglicherweise sind doch noch einige Altlinke darunter, und so hat das Blatt nun eine spezielle Lektion nachgeschoben: Diese Partei »verrät den theoretischen Vordenker Karl Marx«. Solch schweren Vorwurf macht der Autor Dirk Pilz (seit längerem Mitarbeiter der Berliner Zeitung, die jetzt dem selben Großverleger gehört wie die FR) an dem linksparteilichen Glückwunschschreiben zum Fünfundachtzigsten von Fidel Castro fest. Darin ist nämlich die Rede von »Idealen«, an denen Kuba unter Castros Führung im Widerstand gegen die US-amerikanische Blockadepolitik festgehalten habe. »Ideale«, schreibt der FR-Autor, habe Marx gar nicht im Sinne gehabt, sie hätten zwangsläufig Vergewaltigung der Geschichte zur Folge, was man »am Stalinismus, der DDR und Kuba« sehen könne. »Vordenker Marx« sei vielmehr mißtrauisch gegenüber der Idee eines geschichtlichen Fortschritts gewesen, Rückschritte habe er stets befürchtet. Pilz schließt seinen Beitrag mit der Aufforderung: »Man studiere die Geschichte, man lese Marx« – und wende sich ab von der Linkspartei, hätte er für Begriffsstutzige noch hinzufügen können.

Lassen wir die Ideale der Linkspartei mal beiseite (zumal das Glückwunschschreiben, wie wir inzwischen wissen, automatisch hervorgebracht war und vom Vorstand der Partei als unglücklich formuliert angesehen wird); fragen wir: Was hätte Marx zur Castro-Politik gesagt? Der FR-Autor Pilz nimmt vermutlich an, der »Vordenker« hätte den Kubanern geraten: »Fortschritt hin, Rückschritt her, was bringt’s; laßt den Unsinn mit der Revolution, beugt Euch den Herren in Washington.« Pilz, hauptsächlich als Theaterkritiker tätig, hat offenbar noch nicht die Zeit gefunden, seiner eigenen Leseempfehlung nachzukommen.
Clara Tölle


Lehrbeispiel Mehdorn
Die Qualität von Theatermachern, Regisseuren, Sängern wird gern damit »bewiesen«, daß man die Häuser und Festivals auflistet, von denen sie eingeladen wurden. In Wahrheit beweisen solche Listen nur eins: eben daß sie eingeladen wurden.

Es gibt ein lehrreiches aktuelles Modell: Der frühere Bahnchef Hartmut Mehdorn hat so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Ohne große Übertreibung kann man sagen, er habe das Unternehmen in den Sand gesetzt, die Deutsche Bahn zugrunde gerichtet. Trotzdem wurde Hartmut Mehdorn zum Nachfolger des zurückgetretenen Chefs der Fluglinie AirBerlin, Joachim Hunold, ernannt.

Im Kulturbetrieb verhält es sich nicht anders als in der Wirtschaft. Wer einmal einen »Namen« hat, wer sich im Gespräch hält, wird weitergereicht, immer wieder berufen, egal ob er gute Arbeit geleistet oder Mist gebaut hat. Wer sich einmal einen Platz im Netzwerk erobert hat, braucht um seine Zukunft nicht zu bangen. Die Entscheidungsträger haben nämlich keine Ahnung, ihre Berater oft ebenso wenig, oder aber sie gehören selbst dem Netzwerk an und empfehlen auf Gegenseitigkeit. So pflanzt sich die Inkompetenz fort. Das Gerücht ersetzt die Überprüfung der tatsächlichen Leistung, pathetisches Selbstlob die Kontrolle durch neutrale Instanzen. Noch offensichtliche Dummheit wird als Intelligenz, folgenreiche Unfähigkeit als Begabung verkauft. Auch Preise sagen in der Kultur immer weniger aus: Die Kandidaten werden von Analphabeten aus den Katalogen derer gewählt, die schon Preise erhalten haben. Das Modell Mehdorn hat Konjunktur.

»Der Klügere gibt nach! Eine traurige Wahrheit; sie begründet die Weltherrschaft der Dummheit«, schrieb Marie von Ebner-Eschenbach. Der Klügere muß gar nicht erst nachgeben. Die Dummen machen es unter sich aus.
Thomas Rothschild


Amtierende Ignoranten
Mancher jammert, was für Nieten
oft in hohem Amt fungieren
und dem Bürger Dinge bieten,
die ihn ungemein frustrieren.

Und er fragt sich frustbeklommen,
wie denn ausgemachte Laien
solche Ämter überkommen. –
Das erledigen Parteien,

wenn sie wacker Kenntnisschwachen
hohe Ämter zuerkennen
und sie zu Experten machen
dadurch, daß sie sie so nennen.

Durch den Einsatz von Vokabeln
werden Allround-Ignoranten
ohne weitres zu Notabeln
und zu wahren Amtsgiganten.

Mitten unter Ahnungslosen
kann man groß sein auch als Kleiner,
denn dort zählt man zu den Großen,
wenn man tut, als wär‘ man einer.

Und so werden auf die Schnelle
Durchschnittsdenker, schlicht und
                                                  bieder,
quasi Intellektuelle,
manchmal Kabinettsmitglieder.

Diese können dann beflissen
jegliches Ressort versehen
und mit dem, was sie nicht wissen,
an der Zeitgeschichte drehen.

Daran nun Kritik zu üben,
heißt in falsche Richtung wandeln.
Nämlich: Sachkenntnisse trüben
nur die Unbefangenheit im Handeln.
Günter Krone


Alles in Ordnung
Weil in Fukushima immer mehr Radioaktivität in die Atemluft dringt (wie auch ins Wasser, ins Erdreich, ins Gemüse), haben die japanischen Behörden den Grenzwert erhöht: Kinder dürfen jetzt jährlich mit 20 statt bisher einem MilliSievert belastet werden. Ähnlich werden wohl die deutschen Behörden demnächst in Gorleben reagieren müssen. Dort wurde am Zaun des Atommüll-Zwischenlagers jüngst eine so starke Neutronenstrahlung gemessen, daß eigentlich keine weiteren Castor-Behälter mehr eingelagert werden dürften. Aber wenn man den Grenzwert verdoppelt, wird man selbstverständlich die doppelte Menge Atommüll einlagern dürfen. Verantwortungsbewußte Aufsichtsbehörden werden die Grenzwerte immer so hoch ansetzen müssen, daß die Radioaktivität nicht heranreicht. Denn dann ist die Bevölkerung beruhigt und bleibt ruhig, wie es ihre Bürgerpflicht ist.
E. S.


Wie ein Mensch überflüssig wird
Rüdiger Stolzenburg (59) hat seit 15 Jahren eine feste halbe Stelle als Kulturwissenschaftler an der Universität Leipzig und sich mittlerweile einigermaßen abgefunden mit dem geringen Gehalt, der Routine des Hochschulbetriebs, dem Desinteresse der Studenten. Er hat zwar noch ein Lieblingsprojekt, aber kaum Hoffnung auf Verwirklichung. Demnach vermutet man beschriebene Langeweile, Ödnis, aber weit gefehlt: Christoph Hein setzt selbst diese Tristesse noch Gefährdungen aus, die es in sich haben: einer für den Helden immensen Steuernachzahlung, dem möglichen Verlust selbst der halben Stelle, einer prügelnden Mädchengang, einem kriminellen Autographenhändler und schließlich dem zwielichtigen Angebot eines reichen Studenten, das anzunehmen einige seiner Probleme lösen würde. Nur die Moral wäre hin ...

Wieder erweist sich Hein als der unbestechliche Chronist der Gegenwart, der über die Schilderung des Schicksals einzelner ein Zeitpanorama vorstellt, das in der heutigen Literatur seinesgleichen sucht. Ob nun der Autohändler Willenbrock, die namenlose Ärztin, der Historiker Horn, die Malerin Paula Trouseau oder der ewig »Fremde« Bernhard Haber, der schon in früheren Büchern Heins auftauchte – alle sind unsere Zeitgenossen mit Schwächen und Stärken, alle versuchen ihr Leben so zu gestalten, daß es ihnen gut geht, und immer stören die Umstände, und immer beschreibt Christoph Hein das detailgenau, unaufgeregt, c’est la vie. Fast scheint es, als sei er nur ein besonders guter Beobachter. Aber es zeigt sich auch, wie klug Hein die Figuren um Stolzenburg erfunden und eingesetzt hat, wie gekonnt alles komponiert ist, um dieses ziemlich bedrückende Bild des Alltags eines mehr und mehr überflüssig werdenden Wissenschaftlerlebens darstellen zu können – als Beispiel für den allgemeinen Wertewandel, durch den der einzelne mit seinen Interessen und seiner Arbeit rapide an gesellschaftlicher Wertschätzung verliert. Schon kann der clevere Finanzberater überhaupt nicht mehr verstehen, wie jemand wie Stolzenburg »tickt«. Für ihn und viele ist er ein Don Quichotte von heute. Hein hat mit seiner Schilderung der persönlichen Misere Stolzenburgs den Leser, der tagtäglich Ähnliches erlebt, auf seiner Seite: Diese Welt ist aus den Fugen.
Christel Berger

Christoph Hein: »Weiskerns Nachlaß«. Suhrkamp Verlag, 319 Seiten, 24,90 €


Was nicht ins Fernsehen kommt
Na sowas! »Das Gelb der Blüten zeigte sich noch nicht.« Wer soll das glauben, wenn von Forsythien im Mai die Rede ist! Da sind sie in Berlin längst verwelkt. Und das passiert ausgerechnet Wolfgang Schreyer, der doch für äußerste Genauigkeit bekannt ist. Die Stärke dieses Autors, der Realität und Aktualität immer bis in die kleinsten Einzelheiten ganz nahe zu bleiben, erweist sich auch in seinem neuen Roman »Der Feind im Haus«. Hauptpersonen sind der Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios und dessen Frau, ebenfalls Journalistin. Hauptthema ist die Frage, welche Geschichten das Publikum erreichen dürfen und welche nicht. Stasi-Geschichten eigentlich immer, es sei denn, daß die DDR-Staatssicherheit entdämonisiert würde oder daß auch andere Geheimdienste in ein ungünstiges Licht geraten könnten. Und wenn aus dem Stoff ein Spielfilm werden soll, muß die Frau des Regisseurs die Hauptrolle bekommen...

Noch ein Detail aber erscheint mir fragwürdig: Kann der Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios (auch wenn er sich im Roman sympathischerweise gelegentlich Gedanken macht, ob er sich nicht stärker mit wirtschaftlichen und sozialen Fragen befassen sollte als mit Terrorismus und Antiterrorismus) Ossietzky wirklich als »Erbauungsschrift« wahrnehmen?
E. S.

Wolfgang Schreyer: »Der Feind im Haus«, Verlag Das Neue Berlin, 267 Seiten, 12,95 €


Press-Kohl
Die Berliner Zeitung hat herausgefunden, was ihren Lesern nicht besonders neu sein dürfte: »Kochtöpfe, Messer-Sets und andere Treueprämien von Supermärkten sind bei Weitem nicht so wertvoll wie angegeben.«

Weiter erfahren wir aus dem Hauptstadt-Blatt: »Das Wirtschafts- und Verbrauchermagazin Markt des NDR hat mehr als ein halbes Jahr lang Treueaktionen in Supermärkten beobachtet. Tatsächlich handelt es sich in den meisten Fällen um Produkte, die teilweise in Billiglohnländern extra für diese Aktionen hergestellt wurden ... In den Tests war die Qualität der Prämien jedoch wesentlich schlechter als die sonstige Qualität der Marken ...«

Diese Mitteilung veröffentlichte das Blatt am 22. August 2011. In der selben Ausgabe der Berliner verspricht der Leserservice in einem ganzseitigen besonderen Angebot:

»Schenken Sie 4 Wochen prickelndes Lesevergnügen – wir schenken Ihnen 2 Flaschen Jubiläumssekt (UVP pro Pulle 13,99 Euro). Diesen Sekt hat die Berliner Zeitung in Zusammenarbeit mit dem renommierten Winzer Volker Schreieck ... geschaffen ... Wenn Sie bis zum 23.08.2011 unser Angebot wahrnehmen, erhalten Sie als Dankeschön einen exklusiven Rollerball der Edelmarke Cerruti mit hochwertigem Etui dazu.«

Na dann Prost und angenehmes Rollern!
*
»Baumeister Friedrich Karl Schinkel«, meldete unlängst ein Anzeigen-Blatt, »wurde im Jahre 1869 von Friedrich Drake mit Skizzenbuch und Stift in Bronze gegossen.«

Diese Methode des Bronzegusses hat sich wegen ihrer komplizierten Technik nicht durchgesetzt.
Felix Mantel