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Titel1817

Heureka  (Günter Buhlke)

Das Griechenland Platons und Aristoteles‘ kannte schon vor über 2000 Jahren Wahlen. Rom übernahm später das System. Auch die Germanen riefen anfangs ihr Volk zum Thing, um Schicksalsfragen zu entscheiden. Im Mittelalter wurde in Europa das allgemeine Wahlsystem durch unveränderbare klerikale Hierarchien und mit einem von Gott bestimmten System des Feudalismus verdrängt. Über opferreiche Kämpfe forderte das Bürgertum die Mitbestimmung für sich. Den Königen und Kaisern konnten Rechte abgerungen werden. Zuerst in England. Im 18. Jahrhundert erkämpften englische und andere europäische Siedler in Nordamerika in blutigen Schlachten gegen die englische Monarchie wieder die republikanische Herrschaftsform. 1789 veränderten die Bürger Frankreichs mit ihren Forderungen nach Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit die Gesellschaftsverhältnisse. Die Staatsgewalten wurden aufgeteilt. Verfassungen mit Wahlen bestimmten die Regeln des Zusammenlebens.

 

2017 bewerben sich 41 Parteien und Gruppen um Plätze im gesetzgebenden Parlament unseres Landes. Die Bewerber können sich auf ein rechtsstaatliches Korsett stützen, das weit über das enge Wahlgesetz hinausgeht. Oder? Da knirscht doch einiges im toleranten Umgang miteinander! Es scheint, dass die Suche nach dunklen Flecken auf der Weste des politischen Mitbewerbers Vorrang hat. An Sündenfälle wird erinnert, wie die »Hartz IV«-Gesetze, oder an die Steuersparmodelle oder Austeritätskonzepte der Koalition zu Lasten der Mehrheiten. Die Keule DDR mit ihrer Stasi- und Sozialismusvariante wird unvermindert geschwungen. Angst wird geschürt, um den Wahlkandidaten der CDU, CSU und AfD Vorteile zu verschaffen.. Wohl dem, der im Netzwerk der medialen Meinungsbildner verankert ist. Wahl-O-Mat hilft den großen Parteien ebenso wie die permanenten Meldungen der Prognose-Institute. Wahlspenden sind nicht frei von Gerüchen. Mit der Verwendung künftiger Steuereinnahmen des Volkes wird parteiegoistisch agiert und auf Stimmengewinne abgezielt.

 

Moral und Ethik leiden 2017. Es stellt sich die Frage, wie edel in früheren Zeiten Wahlen abgelaufen sind.

 

Beispielsweise bewarb sich im Jahr 64 vor der Zeitrechnung Marcus Tullius Cicero um das höchste Amt als Konsul der römischen Republik. Ein Handbuch aus dieser Zeit gibt Verhaltensempfehlungen für einen Wahlkämpfer. Titel: »Commentariolum petitionis«. Verfasser ist Marcus Tullius Ciceros Bruder Quintus. Die Sache erforderte schließlich höchstes Vertrauen. Kein Wunder bei solchen (ausgewählten) Ratschlägen wie: »Es bedarf großer Geschicklichkeit, nirgends anzustoßen, wenn man sich unter so vielen Menschen mit Lastern aller Art und Schwere bewegt.« Grundsätzlich gelte: »Charakter ist zwar ein unschätzbarer Besitz, aber bei einer nur wenige Monate beanspruchenden Angelegenheit darf man sich doch wohl einmal verstellen. An Leutseligkeit fehlt es Dir ja nicht, es bedarf der Schmeichelei, die im gewöhnlichen Leben unmoralisch und entwürdigend ist, bei der Wahl aber unvermeidlich wäre. Wenn die Speichelleckerei demoralisiert, ist sie verwerflich, wenn sie einem dagegen Freunde erwirbt, ist sie doch nicht schlechthin zu tadeln.« »Außerdem sollte, wenn möglich, darauf geachtet werden, wenn sich für die Mitbewerber eine ihrem Charakter entsprechende Verrufenheit einstellt, wegen ihrer Verbrechen, Ausschweifungen oder Bestechungen.« (zitiert nach: »Wie man eine Wahl gewinnt. Der antike Ratgeber von Quintus Tullius Cicero, Übers. Ph. Freeman, Verlag Haffmans & Tolkemitt, 2013)

 

Cicero hat bekanntlich seine Wahl gewonnen. Der Nestor der römischen Geschichte Theodor Mommsen urteilte über Cicero hart. Er stellte den großen Rhetoriker als Urbild eines Blenders dar.

 

Quintessenz: Seit langem werden Wahlen nach speziellen Konzepten vorbereitet. Ihre Grundmuster im Kampf um die Stimmen lassen Ähnlichkeiten erkennen. Etwa: Wohlwollen erzeugen, Hoffnung bringen, Empathie zum Wähler ausdrücken, den Mächtigen Verfassungstreue versichern, möglichst bei Allgemeinplätzen bleiben, um nicht anzuecken. Dem Anliegen der demokratischen Wahl aber können Strategiekonzepte nichts anhaben.

 

Wichtig ist der Ratschlag, das Wahlrecht als ersten Schritt für den Politikwechsel zu nutzen und der Vernunft sowie dem eigenem Gewissen zu folgen. Wir sehen uns im Wahllokal, versprochen!