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Titel1817

Feindliche Übernahme  (Hubert Brieden)

»Wir wollen auch deutlich machen, dass die heutige Bundeswehr keine Kriegsarmee mehr ist.« Dies teilte der Bürgermeister der Garnisonsstadt Wunstorf (Region Hannover) der Presse mit. Angesichts der Kriegseinsätze deutscher Truppen in Jugoslawien, Afghanistan, Mali und anderswo eine schier unlösbare Aufgabe. Aber offensichtlich schreckt der ehemalige Luftwaffenoffizier und CDU-Funktionär auch vor unlösbaren Aufgaben nicht zurück. Dazu muss man wissen: Der Fliegerhorst Wunstorf mit seinem Lufttransportgeschwader 62 der Bundeswehr ist der »Heimat«-Flugplatz des militärischen Großraum-Transportflugzeuges Airbus 400 M. Eine Maschine, die eigens für die internationalen Kriegseinsätze der kämpfenden Truppe konzipiert wurde, um große Mengen an Personal und Material in kurzer Zeit an jeden Punkt der Welt zu transportieren. In den letzten Jahren wurden die Landebahnen verlängert, ein Flugleitsystem installiert, das Starts und Landungen Tag und Nacht bei jeder Witterung ermöglicht. Ausgedehnte Logistikhallen komplettieren den Standort. Zwar hat der A 400 M noch technische Probleme, aber auch mit den alten Transall-Transportflugzeugen war und ist das Geschwader an fast allen internationalen Kriegseinsätzen beteiligt.

 

Wie will der Wunstorfer Bürgermeister angesichts dieser Situation deutlich machen, dass die Bundeswehr keine Kriegsarmee mehr ist? Ganz einfach: Er pappt der kämpfenden Truppe ein international bekanntes Friedenssymbol an: Guernica (baskisch: Gernika). Und so kamen die Bundeswehr und der Repräsentant der Garnisonsstadt auf die Idee, am 8. September auf dem Gelände des Fliegerhorstes im militärischen Sicherheitsbereich, abseits der Öffentlichkeit, vor handverlesenen Gästen einen martialischen Guernica-Gedenkstein errichten zu lassen.

 

Am 26. April 1937 wurde die baskische Stadt während des Spanischen (Bürger-)Krieges durch ein mehrstündiges Flächenbombardement der deutschen Legion Condor fast vollständig vernichtet. Unter den Tätern waren auch Angehörige des Traditionsgeschwaders Boelcke, das seit 1935 auf den damals neu angelegten Fliegerhorsten Wunstorf, Langenhagen und Delmenhorst stationiert war. Schon damals spielte der Flugplatz für die internationalen Kampfeinsätze des deutschen Militärs eine zentrale Rolle. Im Zweiten Weltkrieg waren die Boelckeflieger an Bombardements an allen Fronten beteiligt (siehe auch »Guernica und die Folgen des Krieges«, Ossietzky 8/2017).

 

Über die Massenmorde der Wunstorfer Flieger wurde nach dem Krieg geschwiegen. Anfang der 1980er Jahre konnte der Arbeitskreis Regionalgeschichte aus Neustadt am Rübenberge nach Recherchen im Bundesarchiv-Militärarchiv die Beteiligung Wunstorfer Flieger an der Bombardierung spanischer Städte und speziell von Guernica nachweisen. Das Lufttransportgeschwader der Bundeswehr bestritt die Forschungsergebnisse zunächst, später versuchte die Stadt in einer von ihr finanzierten Chronik die Bedeutung des Horstes für die Legion Condor zu relativieren. Als sich in Wunstorf immer mehr Menschen dafür engagierten, eine Städtepartnerschaft mit Guernica anzustreben, lehnten die Bundeswehr und die Stadt Wunstorf diesen Vorschlag kategorisch ab. Daraufhin organisierten Menschen aus den Gemeinden rund um den Fliegerhorst eine »Städtepartnerschaft von unten«. Über Jahre entwickelten sich freundschaftliche Kontakte. Jahr für Jahr reisten Gruppen aus der Region Hannover zu den Gedenkfeierlichkeiten anlässlich der Zerstörung der Stadt am 26. April nach Guernica. Menschen aus der baskischen Stadt erwiderten die Besuche. Die Stadt Wunstorf unterstützte diese Aktivitäten weder politisch noch finanziell. Unterstützenswert schien dem Bürgermeister dagegen die Einrichtung eines kleinen Ju-52-Museums auf dem Fliegerhorst, in dessen Mittelpunkt der Flugzeugtyp steht und bewundert werden soll, der als Transport- und Bombenflugzeug bei den Angriffskriegen der Wehrmacht zum Einsatz kam – so auch bei der Vernichtung Guernicas. Die Ausstellung war derartig peinlich, dass sich 1998 das Verteidigungsministerium genötigt sah, einzuschreiten und die allgegenwärtigen Hakenkreuze überkleben und die NS-Schriften entfernen ließ. Die Untaten und Massaker, die die Boelckeflieger mit ihrer geliebten Tante Ju begingen, bleiben dennoch bis heute ausgeblendet.

 

Unterdessen wurden die Forschungen zur Geschichte des Boelckegeschwaders und die selbst organisierte Städtepartnerschaft fortgesetzt. 2014 fuhren erstmals auch zwei Mitglieder der Grünen, die stellvertretenden Bürgermeisterinnen aus Wunstorf und Neustadt am Rübenberge, mit zu den Gedenkfeierlichkeiten nach Guernica. Mit der Forderung, die Wunstorfer Oswald-Boelcke-Straße umzubenennen, mochten sie sich nicht anfreunden – das sei in der Garnisonsstadt, in der die Bundeswehr das gesellschaftliche Leben weitgehend bestimmt, nicht durchzusetzen.

 

2016 fuhren sie wieder mit ins Baskenland und warteten mit dem Überraschungsvorschlag des Wunstorfer Bürgermeisters auf: die Errichtung eines Guernica-Gedenksteins auf dem Fliegerhorst. Zur Einweihung sollten möglichst auch Gäste aus der baskischen Stadt kommen: der Bürgermeister, SchülerInnen und LehrerInnen einer baskischen Schule und ein Chor. Alle fanden es gut, dass in Wunstorf endlich öffentlich an die Vernichtung der Stadt erinnert werden sollte. Verschwiegen hatten die Grünen bei ihrer Einladung, dass der Stein im militärischen Sicherheitsbereich auf dem Fliegerhorst Wunstorf stehen und die Veranstaltung unter Regie der Bundeswehr stattfinden sollte. Nachdem der Sachverhalt in Guernica bekannt geworden war, verzichteten sämtliche Eingeladenen auf die Reise nach Deutschland. Nur eine Stadtratsabgeordnete – die bis dahin niemand kannte – machte sich auf den Weg ins militärische Sperrgebiet. Die baskische Linke schrieb in einer Stellungnahme, Guernica und die Militärbasis seien unvereinbar. Aus Protest gegen die feindliche Übernahme eines Friedenssymbols durch die Bundeswehr benannten Friedensaktivisten die Oswald-Boelcke-Straße symbolisch in Gernikastraße um. Der Wunstorfer Bürgermeister lehnt eine Umbenennung weiterhin ab. Unterdessen wurde einem Besucher, der den Stein besichtigen wollte, der Zutritt an der Wache des Fliegerhorstes verwehrt. Er müsse – wurde ihm beschieden – zuvor einen Antrag bei der Kommandantur stellen.