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Titel1817

Falsches Wort am falschen Ort  (Winfried Wolk)

»Wir wissen, dass Russland die internationale Landkarte mit Gewalt neu entwerfen möchte«, warnte US-Verteidigungsminister James Mattis (Spiegel online 24.8.2017). Markige Worte. Führten womöglich Russland und Mexiko ein Großmanöver direkt an der Grenze zu den USA durch? Oder hatte Kanada mit Russland ein Assoziierungs- und Verteidigungsbündnis abgeschlossen? Nein. Diese Worte sprach Mattis in Kiew. Und während er diesen Satz aller Welt warnend ins Hirn schickte, marschierte eine US-amerikanische Kampfeinheit dort bei einer Militärparade mit und Truppen der US Navy bauten im ukrainischen Schwarzmeerhafen Ochakiv eine neue Marinebasis, die nur hundert Kilometer westlich des russischen Flottenstützpunktes Sewastopol auf der Krim liegt. Sie soll mit dem nahegelegenen, bereits existierenden, geheimen US-Luftwaffenstützpunkt verbunden werden (www.navy.mil/submit/display.asp?story_id=101829).

 

Ist dem amerikanischen Kriegsminister entgangen, dass sich die NATO auf Betreiben der USA längst bis an die Grenzen Russlands ausgedehnt hat, obwohl 1990 der damalige US-Außenminister James Baker im Katharinensaal des Kreml erklärt hatte, dass das Bündnis seinen Einflussbereich »nicht einen Zoll weiter nach Osten ausdehnen werde«, falls die Sowjets der NATO-Mitgliedschaft eines geeinten Deutschland zustimmen (s. a. Ralph Hartmann: »Und willst du nicht mein Bruder sein«, Ossietzky 19/2016).

 

Schon 1991 hatte laut Vier-Sterne-General Wesley Clark Paul Wolfowitz, damals Staatssekretär im Verteidigungsministerium der Bush-Regierung, erklärt, dass der erste Irak-Krieg gezeigt hätte, »dass wir unsere Truppen in der Region des Nahen Osten einsetzen können[,] und die Sowjets werden uns nicht mehr stoppen«. Nun hätten die USA »ungefähr fünf oder zehn Jahre Zeit bekommen, um all die sowjetischen Klientelregime zu beseitigen: Syrien, de[n] Iran, de[n] Irak, bevor die nächste große Supermacht uns herausfordert.« (www.youtube.com/watch?v=cIAtMPt8UE4&feature=youtu.be)

 

Beim Neuentwurf der internationalen Landkarte beließ es die USA und die NATO nicht beim Beseitigen der »sowjetischen Klientelregime« im Nahen Osten, man ging ein ganzes Stück weiter und vereinnahmte nicht nur die früheren Staaten des Warschauer Paktes, sondern bemühte sich auch um die Randstaaten des ehemaligen weltpolitischen Gegners. Da war besonders die Ukraine von Interesse, denn sie ist nach Zbigniew Brzezinski »ein neuer und wichtiger Raum auf dem eurasischen Schachbrett, ein geopolitischer Dreh- und Angelpunkt, weil ihre bloße Existenz als unabhängiger Staat zur Umwandlung Russlands beiträgt. Ohne die Ukraine ist Russland kein eurasisches Reich mehr…«, wie in der deutschen Übersetzung seines 1997 erschienen Buchs »The Grand Chessboard – American Primacy and Its Geostrategic Imperatives« zu lesen ist (deutscher Titel: »Die einzige Weltmacht – Amerikas Strategie der Vorherrschaft«, aus dem Amerikanischen von Angelika Beck). Er konkretisiert darin auch die politischen Ziele: »Amerikas primäres Interesse muss folglich sein, mit dafür zu sorgen, dass keine einzelne Macht die Kontrolle über dieses Gebiet [an anderer Stelle definiert: das Kaspische Becken und Zentralasien, W. W.] erlangt und dass die Weltgemeinschaft ungehinderten finanziellen und wirtschaftlichen Zugang zu ihr hat […] Somit kann das Bemühen Russlands, allein über den Zugang zu bestimmen, nicht hingenommen werden.«

 

Nun ist Russland bereits längst durch all diese freundlichen, US-gesteuerten Aktionen eingekreist; jedoch sind es – will man James Mattis glauben – nicht die USA, die mit Gewalt die internationale Landkarte neu entwerfen, es ist Russland. Vielleicht ist die Ukraine bereits Bestandteil der USA und das Schwarze Meer deren Territorialgewässer, vielleicht sieht das die neue Landkarte vor, die die USA seit langem entworfen haben. Dass Russland einer solchen Landkarte außerordentlich skeptisch gegenübersteht, scheint mir allerdings verständlich.