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Titel1817

Bemerkungen

Blablakate

Mir, einem Laternenpfahl,

wird auch nichts geschenkt,

weil man Werbematerial

ständig an mich hängt.

 

Alle möglichen Plakate

musste ich geduldig tragen,

deren triste Inserate

leider oft danebenlagen.

 

Jetzt jedoch des Wahlkampfs wegen

hängt ein Bild zu meinem Groll

so eines Parteistrategen,

den man tunlichst wählen soll.

 

Das ist eine arge Bürde

und missfällt mir sehr,

weil ich den nicht wählen würde,

wenn ich Wähler wär`.

 

Ach, verzeiht mir mein Gezeter.

Was die Laune mir verdirbt,

ist, dass man für Volksvertreter

wie für Konsumgüter wirbt.

Günter Krone

 

 

 

Feelgood

Am Dienstag, 12. September, stellte Apple das neue iPhone vor. Voraussichtlich ab 22. September sollen die neuen Geräte verkauft werden, wenn keine technischen Probleme auftreten. Zeit online textete dazu am 8. September:

»Die Schlangen vor den Apple Stores werden länger sein als die vor den Wahllokalen zwei Tage später. Anders ausgedrückt: Mit einem verkaufsoffenen Sonntag könnte Apple die Bundestagswahl beeinflussen.«

 

Dem Hörspielautor Hans Kasper (1916–1990) wird der Aphorismus zugeschrieben: »Eine ernsthafte Schwäche der Demokratie ist, dass sie sich ziemlich danach richten muss, was der Bürger denkt, ehe die Gewissheit besteht, ob er es überhaupt tut.«

Klaus Nilius

 

 

 

Wahl-Splitter

Anleihe bei Goethes Faust: Die Wahlversprechen hör ich wohl. Allein mir fehlt der Glaube.

*

Übergewichtige, die ein paar Kilo loswerden wollen, sollten sich nicht zur Wahl stellen; die Abgeordnetendiäten sind zu üppig, um abspecken zu können.

*

Meinungsforschungsinstitute sprechen vor den Wahlen gern von einem Kopf-an-Kopf-Rennen der Parteien. Und die Wähler sind die Zuschauer?

*

Wenn Meinungsumfragen und Wahlbarometer nur noch ein wenig genauer werden, machen sie dann die Wahlen selbst nicht überflüssig?

*

Wer sich ganz und gar von Gott verlassen fühlt, dem hilft es auch nicht, CDU zu wählen.

*

Wenn Wahlkämpfer ihre Ellenbogen gebrauchen, dann aber bitte mit Fingerspitzengefühl.

*

Mit Parteispenden lässt sich gut auf Stimmenfang gehen.

*

Parteispenden sind eine Art Wetteinsatz; die Wohltäter setzen auf Sieg.

*

Ein Sprichwort sagt: Geld regiert die Welt. Warum lässt es sich nicht durch Wahlen legitimieren?

*

Es muss ein Zyniker gewesen sein, der den Begriff Wahlurne erfunden hat.

*

Wenn eine Wahl für eine Partei verloren geht, war nicht etwa das Wahlprogramm falsch; nein, man habe es nur den Wählern nicht richtig vermitteln können.

*

Nach einer Wahl erkranken manche Abgeordnete an Alzheimer: Sie können sich nicht mehr erinnern – an ihre Wahlversprechen.                               

Dietrich Lade

 

 

 

Offene Taschen

Unter der Überschrift »Immer das Gesicht wahren« berichtet die Leipziger Volkszeitung, dass Frankreichs Staatspräsident Macron »26.000 Euro ausgegeben [hat], um bei Auftritten gut auszusehen«, und fragt: »Pure Eitelkeit oder Professionalität?« Komische Frage. Selbstverständlich spricht die Verschwendung von Steuergeldern für Professionalität. An gleicher Stelle ist zu lesen, dass Frau Merkel eine Visagistin beschäftigt, die »offiziell als Assistentin firmiert. Die Kanzlerin muss sie also nicht … aus eigener Tasche bezahlen.« Es könnte meine Tasche sein, aus der die Bezahlung erfolgt.                                   

Günter Krone

 

 

 

Sanders‘ Weltbild

Bernie Sanders mag sich in seinem Buch vielleicht sozialistisch geben (Friedrich Wolff: »Bernie Sanders‘ Revolution« in Ossietzky 16/2017), aber sein Agieren weicht davon ab. Sonst könnte er zum Thema Krieg und Frieden, nicht die Positionen der westlichen Wertegemeinschaft, sprich NATO, vertreten. So solidarisiert er sich mit den Aggressionen des US-Imperialismus in der Nahost-Region (eine der Quellen für diese und folgende Aussagen ist https://www.wsws.org/de/articles/2015/10/16/pers-o16.html) im Oktober 2015. Er bekundete seine Unterstützung für die Politik der Obama-Regierung, Menschen durch Drohnen ermorden zu lassen. Auf die Frage, ob er den Einsatz von Drohnen und Spezialkräften für Antiterroreinsätze gutheiße, erklärte er: »Nun, das alles und noch mehr.« Sanders äußerte mehrfach sein Versprechen, »Amerikas wichtige strategische Interessen zu verteidigen«. Das sind die Interessen des amerikanischen Großkapitals, die Interessen der Millionäre und Milliardäre. Sanders behauptet demagogisch, gegen sie zu sein, aber versprach, sollte er Oberbefehlshaber werden, ihre globale Vorherrschaft zu verteidigen.                          

Manfred Lotze

 

 

Na, Sohnemann

Da ist ein Bild, ganz tief in mir gespeichert, das mich nicht loslässt mein Leben lang. Ich bin noch Kind, nicht mal zehn Jahre alt. Die Schule ist aus, wir spielen Fußball auf dem großen, freien Platz, dem Schützenhof, direkt vor unserer Haustür. Wir wollen Tilkowski werden, Fritz Walter oder dieser neue, dieser Uwe Seeler. Wir spielen selbstvergessen, eingetaucht in eine Welt, die ganz uns gehört und niemand sonst. Und wenn wir im Spiel auch erbitterte Gegner sind, sind wir doch vor allem eines, nämlich Freunde, teilweise bis heute.

 

Wenn die Glocken der Pauluskirche mit dem schiefen Turm dreimal läuten, schaue ich hinüber zum Ende des Platzes, von dem aus man die Geschäftsstraße unserer Stadt erreichen kann. Die alte Politz hat dort an der Ecke ihren Kiosk. Sprudel können wir dort kaufen, wenn wir völlig verschwitzt sind, und vor allem die Tüten mit den Fußballbildern.

 

»Die Politz«, sagt meine Oma, »ist deine Sparkasse.«

 

Gleich, um kurz nach drei, das weiß ich, wird mein Vater dort auftauchen. Er ist Bergmann und kommt immer gegen drei Uhr von der Zeche Heeren mit dem Bus nach Hause. Wenn ich ihn dann sehe, unterbreche ich mein Spiel, laufe hin zu ihm und sehe, wie er lächelt, wenn er mich entdeckt.

 

»Na, Sohnemann«, sagt er, wenn ich ihn erreiche und streichelt mir über den Kopf. Immer nur dies, »na, Sohnemann«, dazu das Streicheln mit der Hand und sein Lächeln. Sonst nichts.

 

Ein paar Schritte gehe ich neben ihm her, fasse ihn an der Hand, dann renne ich zurück zum Fußball, wo meine Freunde, deren Väter auch Bergleute sind, auf mich warten.

 

Meine Mutter, das weiß ich, wartet schon mit dem Essen auf ihn, Gemüse, Kartoffeln aus dem kleinen Garten hinter unserem Haus, wir haben nicht viel Geld für Lebensmittel. Und anschließend, wenn er gegessen hat, raucht er Zigaretten in der Küche, zwei, drei. Immer zu viel. Er sitzt dann weit vorgebeugt auf seinem Stuhl, raucht und stöhnt zwischendurch leise. Ein tief erschöpfter Mann, für den die Arbeit vor Kohle viel zu schwer ist. Kaufmann hatte er gelernt, aber keine Arbeit gefunden, bis er dann dahin gekommen war, wohin alle Väter meiner Freunde im Ruhrgebiet gekommen waren. In den Pütt oder ins Loch, wie meine Mutter immer sagte.

 

Dieses Bild begleitet mich: mein Vater, wenn er von der Zeche kommt, wenn ich ihn begrüße und er nach Hause geht. Und unser selbstvergessenes Spiel mit meinen Freunden. Eine Kindheit geprägt von Liebe und Begrenztheit.

 

Manchmal, wenn ich durch unser Haus lief, hielt meine Oma mich fest. »Mach mal den Mund auf«, sagte sie und schaute auf die Zahnlücke zwischen meinen Schneidezähnen. »Du kommst noch mal weit rum in der Welt«, sagte sie dann. »Warum komme ich weit rum, Oma?« »Wer so eine große Zahnlücke hat, der kommt weit rum«, antwortete sie. Was das eine mit dem anderen zu tun hat, habe ich damals nicht verstanden und weiß es bis heute nicht, aber meine Oma hat recht gehabt. Ich bin in vielen Ländern gewesen und habe dort teilweise sogar Vorträge über deutsche Literatur und Lesungen gehalten, in Ländern, die sie sich nicht vorstellen konnte.

 

Den Platz meiner Kindheit gibt es noch, er sieht ganz anders aus als zu meiner Zeit. Vierstöckige Gebäude, Flachdach, unten Geschäftsräume, darin inzwischen viele Leerstände, darüber Wohnungen. Zwei Bäume stehen noch aus meiner Kindheit, zwei Bäume. Eine Platane, die zum Schulhof unserer Schule gehörte, die direkt neben dem Schützenhof lag, und eine Kastanie, die im Garten des Pfarrhauses der Schule gegenüber stand. Ich habe ein Gedicht über diese letzten Zeugen meiner Kindheit geschrieben.

 

In diesem Bild lebt die Liebe meiner Eltern fort, die mir Kraft gab, große Schritte zu gehen und die Enge, die mich umgab, zu überwinden. Doch da ist auch die Trauer, dass sie, meine Mutter und mein Vater, die eine Begrenztheit, die geographische, nur sehr spät und auch das nur ein wenig, überwinden konnten. In dem anderen, in ihrer Liebe, aber waren sie grenzenlos.  

Heinrich Peuckmann

 

 

 

Luther oder Münzer?

Das ist eine Frage, die man auch daraufhin untersuchen kann, was denn Reform(ation) eigentlich bedeutet? Spätestens seit Gerhard Schröder (SPD) ist das Wort Reform zur Drohvokabel geworden: Eine Reform der Rentenversicherung bedeutet heute: weniger Rente, eine Reform von Hartz IV: mehr Horror.

 

Aber wir feiern Reformation – ich allerdings nicht. Da kommt, wenn auch etwas spät, ein historisches Theaterstück in Stuttgart gerade recht, das das Thema versucht: »Martin Luther & Thomas Münzer oder die Einführung der Buchhaltung«. Schauspiel von Dieter Forte.

 

Um Buchhaltung geht es darin nur indirekt, aber wohl um die Entstehung der Geldwirtschaft, den Monopolkapitalismus, die Feudalherrschaft und deren ideologische beziehungsweise theologische Absicherung. Aktuelle Themen.

 

Das Stück stammt aus dem Jahre 1970. Man merkt das ein bisschen: Es wird viel gesprochen, dramatisch ist auf der Bühne wenig los, wobei leider die Figuren oft karikaturistisch verzerrt werden, vor allem im ersten Teil. Es darf gelacht werden – über diese aristokratischen Blutsauger und Dummköpfe im Gegensatz zu den heutigen, obwohl sie alle zum Fürchten waren und sind.

 

Im ersten Teil viel Luther, leider kaum Münzer, das wird im zweiten Teil nach der Pause deutlich besser, das Stück wird »dialektischer«, man sieht die Gegensätze: Der Fürstenknecht Luther wird kenntlicher – und sein Widerpart Münzer gewinnt Kontur. Es wird über Gewalt gesprochen, auch über die Gutgläubigkeit. Blindheit und Passivität machen die Unteren hilflos und liefern sie dem grausamen Gemetzel der Herrschenden aus. So darf heute kaum noch gedacht und diskutiert werden. Es ist ein bisschen wie Schülertheater im besten Sinne: viel zum Lernen, zum Überprüfen, Nachdenken und Weiterfragen. Der Schluss ist nicht ganz geglückt. Trotzdem: Hoffentlich findet das Stück sein Publikum. Und ein paar Menschen gedenken und feiern Münzer statt Luther … 

 

Wolfgang Haible

Bis 21. Oktober täglich außer sonntags um 20 Uhr im Alten Schauspielhaus Stuttgart. Eine Stunde vor jeder Vorstellung gibt der Schauspieler Gregor Eckert im Foyer (1. Rang) eine Einführung zur Produktion.

 

 

 

Auf dem Wege

Die Ladengalerie der jungen Welt begeht am 7. Oktober den 10. Jahrestag ihrer Gründung und lädt aus diesem Anlass zu einer Feier ein. Das Programm wird von Esther Esche, Gina Pietsch, Nikolas Miquea, Anja Panse und Arnold Schölzel gestaltet. Von Beginn an ist die Ladengalerie Treffpunkt von Freunden und Sympathisanten dieser linken Tageszeitung. Der Besuch ist immer ein Erlebnis, ob es um eine Lesung, eine Premiere von Büchern aus linken Verlagen, eine Vernissage oder eine Diskussion über aktuelle Probleme geht. Geleitet wird die Ladengalerie von Michael Mäde, der selbst schriftstellerisch tätig ist (Ossietzky 18/2016). Dem studierten Filmwissenschaftler und Dramaturgen gelingt es stets, eine offene, entspannte Atmosphäre zu schaffen. Man ist einfach gern dort. Für mich zählten Ausstellungen mit Gemälden und Graphiken von Heidrun Hegewald, Ronald Paris und Gottfried Richter, mit antifaschistischer Kunst aus der Sammlung von Gerd Gruber oder mit Fotografien von Gabriele Senft zu den bisherigen Höhepunkten. Die gegenwärtige Ausstellung mit Bildern des armenischen Malers Archi Galentz unter Titel »Requiem« läuft noch bis zum 5. Oktober.

 

Die kleine Festveranstaltung am 7. Oktober beginnt um 18 Uhr. Eintritt 10, ermäßigt 7 Euro. Um Anmeldung wird gebeten. Ladengalerie der jungen Welt, Torstraße 6, 10119 Berlin, Öffnungszeiten: Mo. bis Do. 11-18 Uhr, Fr. 10-14 Uhr, www.jungewelt.de/ladengalerie, 030/536355-56                  

 

Maria Michel

 

 

Wie Eigen-Sinn entsteht

Oskar Negt ist unter anderem durch das zusammen mit Alexander Kluge veröffentlichte Buch »Geschichte und Eigensinn« (1981), aber auch durch die Mitarbeit an der Entwicklung von Konzepten zur Integrierten Gesamtschule (Glockseeschule in Hannover) bekannt geworden.

 

Hintergründe zu beiden Bereichen liefert seine »autobiographische Spurensuche« mit dem Titel »Überlebensglück«. Sie enthält eine von vielen Reflexionen durchzogene Darstellung seiner Biografie und reicht bis in seine Schulzeit zurück. Dieser Lebensabschnitt war geprägt von Chaos und Marginalisierung: Mit zwei älteren Schwestern kommt Negt im Januar 1945 auf der Flucht aus einem kleinen ostpreußischen Dorf bei der Bombardierung des Zuges mit dem Leben davon, schlägt sich, immer von den Schwestern beschützt, mühsam nach Königsberg, von da per Schiff in ein Lager nach Dänemark durch. Nach der Befreiung Dänemarks bleibt er als Flüchtling mit seinen Schwestern, materiell versorgt, aber schulisch unversorgt, in dem inzwischen mit Stacheldraht umgebenen Lager. Als er mit den Schwestern zu den Eltern in die damalige SBZ kommt, ist er für die Schule eine Herausforderung. Weder dort noch später in der Nähe von Oldenburg ist er wirklich integrierbar. Trotzdem schafft er sein Abitur, und zwar weil sein unkonventioneller Physiklehrer ihm erlaubt, statt seinen Lernstoff nachzuholen, seiner verbohrten Idee nachzugehen, Goethes »Farbenlehre« gegen Newtons physikalische Theorie zu verteidigen, und ihm auf diese Weise ermöglicht, in den Augen des Lehrerkollegiums ein Goethe-Experte zu werden.

 

Dass so einer aus Überlebensdrang Eigen-Sinn und daraus wiederum das Bestreben entwickelte, Schülern individuelles Lernen zu ermöglichen, scheint nur folgerichtig.

 

Das Buch trägt, besonders im ersten Teil, auch befremdliche Züge des Eigen-Sinns; so taucht Kant zunächst eher unter dem Vorzeichen einer folkloristischen Reminiszenz an Königsberg auf, aber mit Hilfe des Bezugs auf denselben Kant gelingt es dem Verfasser gegen Ende des Buches auch, eine Zukunftsperspektive zu entwickeln.           

           

Lothar Zieske

 

Oskar Negt: »Überlebensglück/Eine autobiographische Studie«, Steidl, 320 Seiten, 24 €

 

 

Bahnbrechende Pilzsuche

Man will es einfach nicht glauben, aber jetzt reiht sich in den Waldwegen wieder PKW an PKW, und vermummte Sammler begeben sich mit Spankörben und mit Taschenmessern bewaffnet auf die Pirsch nach Steinpilz und Ziegenlippe. Überall sprießen sie, die kleinen Kappen und Schirme, nach einem Herbstregen. Doch Vorsicht ist angesagt, man kann zwar jeden Pilz essen, aber manchen nur einmal. Oder anders ausgedrückt: Die leckere Pilzpfanne sollte nicht unbedingt nach Krankenhaus riechen. Zwar ist manche Grundregel hilfreich, zum Beispiel findet man den Birkenpilz vorzugsweise unter Birken und Rotkappen in der Nähe von Fichten – aber das setzt immer noch voraus, dass man weiß, was Birken und Fichten sind.

 

Pilzsuche ist jetzt eine beliebte Freizeitbeschäftigung. Allein die Bewegung beim Sammeln ist gesund. Wenn nur der Stress nicht wäre. Man spaziert im Wald herum, und es sieht so aus, als sei kein einziger Pilz da. Das geht dann schon an die berühmten Nerven, wenn man minutenlang mit Röntgenaugen erfolglos den Waldboden scannt. Da … endlich! Wir bücken uns jedoch vergeblich, es war nur ein Tannenzapfen. Die braunen Pilzkappen haben die unerfreuliche Eigenschaft, sich zwischen Gras, Moos und Herbstlaub perfekt vor unserem Zugriff zu verstecken. Ein Wunder, dass Biotechnologen und Genforscher noch keine Pilzart entwickelt haben, die auf ihrem Hut eine blinkende Rundumleuchte trägt oder ein akustisches Signal sendet. Aber vermutlich ist damit nichts zu verdienen, der Wald stellt seine Pilzgaben ja kostenfrei zur Verfügung.

 

Manfred Orlick

 

 

Zuschriften an die Lokalpresse

Wie die Deutsche Post am »Welttag des Briefeschreibens« mitteilte – ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt und hatte vorher leichtsinnigerweise einfach nach Bedarf drauflosgeschrieben –, ist als Pilotprojekt eine »Modernisierung der Universaldienstvorgaben« vorgesehen. Demzufolge soll die Zustellung an die Wohnadresse nur noch an drei Werktagen erfolgen; dafür soll aber die Möglichkeit geprüft werden, die Post auch am Arbeitsplatz auszuliefern. Das klingt interessant, wird aber wegen der wachsenden Zahl der Rentner, wegen der Arbeitslosen, Leiharbeiter, Azubis und Saisonkräfte schwer zu realisieren sein. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Art der Übermittlung von Nachrichten nicht unbedingt Euphorie bei den Arbeitgebern auslösen und Abmahnungen befördern würde. Es ist sicherlich für die Post nicht einfach, trotz der Digitalisierung traditionelle Beförderungsleistungen zu realisieren. Erstaunlich, dass nach Angabe der Post dennoch bundesweit 59 Millionen Briefe pro Werktag befördert werden. Nun ist wiederum Mitdenken der Bundesbürger angesagt, und da will ich nicht zurückstehen. Wenn den noch aktiven Briefschreibern gesetzlich das Recht zugestanden würde, die von ihnen erstellten Korrespondenzprodukte nicht nur eigenhändig zu frankieren, sondern auch zu entwerten sowie eigenfüßig den Adressaten zu überbringen, könnte sich die Deutsche Post auf verwaltende und statistische Aufgaben beschränken. – Erwin Zubringer (71), Zusteller a. D., 04827 Posthausen

 

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Die ADAC-Motorwelt berichtet nicht nur über bahnbrechende Innovationen in der Automobilbranche und über Software zur Verringerung des Schadstoff-Ausstoßes, sondern sie gibt auch Tipps für Autoausflüge zu Freizeitzielen. Der Besuch von Freizeitparks beispielsweise wird in der »Sommerspezial«-Ausgabe 2017 beschrieben als eine »Erfolgskurve wie der Lifthügel einer Achterbahn« (S. 55). Als Beweis für die Rentabilität des Europa-Parks bei Freiburg wird beispielhaft angeführt, dass das Gesamtgewicht der im vergangenen Jahr verbrauchten Ketchupmasse »fast der eines Airbus A320 entspricht«. Das finde ich ebenso beeindruckend wie 1.669.213 Kugeln Eis und 562 Tonnen Pommes, die im Berichtszeitraum im Event-Gelände von Rust verzehrt worden sind. Auch diese Daten hätte man allerdings besser kommentieren können, vielleicht so: »Alle Pommesstäbchen aufeinandergereiht ergeben die dreifache Höhe des Berliner Telespargels« oder »Mit den verbrauchten Eiskugeln könnte das Abschmelzen der Pole um zwei Jahre verlangsamt werden«. Zumindest Letzteres würde – neben dem Werbeeffekt für die Freizeitparks – das unumkehrbare Bemühen der Kraftfahrzeug-Hersteller für den Umweltschutz noch deutlicher manifestieren. – Melanie Seltsam-Krusebier (32), Umwelt-Aktivistin, 99610 Wundersleben                            

 

Wolfgang Helfritsch