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Titel1914

Protestantismus und Kriegspropaganda  (Hartwig Hohnsbein)

Am 31. August 1939 berief die NS-hörige Deutsche Evangelische Kirche (DEK), in der die etwa 30 Landeskirchen vereinigt waren, einen dreiköpfigen »Geistlichen Vertrauensrat« (GVR), der die verschiedenen Strömungen innerhalb des deutschen Protestantismus vertreten sollte, um dadurch die »Verpflichtungen der Evangelischen Kirche gegen Führer, Volk und Reich« »geordnet und umfassend« umzusetzen (s. Günter Brakelmann: »Kirche im Krieg«, 1979).

Der Protestantismus insgesamt, schon weitgehend angepaßt, wurde nun auch förmlich zu einem Teil des faschistischen Staates; für die wenigen Kirchenleute, die überhaupt noch auf Grund ihres christlichen Glaubens Widerstand leisteten, war ihre Verfolgung unausweichlich. Sprecher des GVR wurde der Landesbischof in Hannover, August Marahrens. Der Kirchenhistoriker Klaus Scholder beschreibt Marahrens politisch als einen »gläubigen Anhänger Hitlers«, der zeitweise der »Bekennenden Kirche« nahestand, was damals durchaus möglich war. Als Präsident des Lutherischen Weltbundes repräsentierte Marahrens seit 1935 zugleich das weltweite Luthertum. Ihm zur Seite standen der Landesbischof der lutherischen Kirche Mecklenburgs, Walter Schultz, und der Geistliche Vizepräsident des Evangelischen Oberkirchenrates in Berlin, Friedrich Hymmen. Walter Schultz war 1933 zum Führer des Bundes nationalsozialistischer Pastoren aufgestiegen, sein Credo lautete: »Wir evangelischen Mecklenburger wollen rückhaltlos zu unserem Kanzler und Führer stehen« (s. Ernst Klee: »Personallexikon zum Dritten Reich«, 2003). Friedrich Hymmen sprach für die »unierten« Christen in Preußen. Er war ebenso wie seine zwei Komplizen im GVR glühender Antisemit und bekennender Militarist.

Marahrens hatte sich im Mai 1939 für das Sprecheramt qualifiziert, als er in einer Grundsatzerklärung ausdrücklich das »völkisch-politische Aufbauwerk des Führers« befürwortete: »Im Bereich des völkischen Lebens ist eine ernste und verantwortungsbewußte Rassenpolitik zur Reinerhaltung unseres Volkes erforderlich.« Diesen Rassismus zu vertreten, hatte er dann zu einer Dienstverpflichtung für »die pfarramtliche Arbeit« gemacht (vgl. »Kirchliches Jahrbuch 1933–1944«), eine Verpflichtung, die bis heute nie aufgehoben wurde.

Der GVR proklamierte in den Jahren bis 1945 das, was schon zuvor im Protestantismus mehrheitlich gedacht, gepredigt und unterrichtet worden war: Bewunderung der verbrecherischen Eroberungskriege des NS-Regimes, Übereinstimmung mit seiner Rassenpolitik, oft mit Hinweis auf Luther, und schließlich – nach dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 – »geistliche« Unterstützung (durch Gebete) bei der Ausrottung des »östlichen Untermenschentums«, des Bolschewismus. Aus den Verlautbarungen des GVR und den Veröffentlichungen in den Pastoralblättern, der damals bedeutendsten Zeitschrift »für Predigt, Seelsorge und kirchliche Unterweisung«, die bis Ende 1943 erscheinen konnte, wird erkennbar, wie in jener Zeit nach den vorgegebenen Mustern vieltausendfach Sonntag für Sonntag in zumeist gut besuchten Gottesdiensten gepredigt und worum gebetet wurde.

Schon am 2. September 1939 lieferte der GVR mit seinem ersten Aufruf den Nachweis, daß sich das Regime auch in Zukunft auf den Protestantismus verlassen konnte: »Seit dem gestrigen Tage steht unser deutsches Volk im Kampf für das Land seiner Väter, damit deutsches Blut zu deutschem Blut heimkehren darf. Die Deutsche Evangelische Kirche stand immer in treuer Verbundenheit zum Schicksal des deutschen Volkes. Zu den Waffen aus Stahl hat sie unüberwindliche Kräfte aus dem Worte Gottes gereicht.« (s. Günter Brakelmann: »Kirche im Krieg«) Etwas später, zum Erntedankfest 1939, wurde von allen Kanzeln in Deutschland verlesen: »In tiefer Demut und Dankbarkeit beugen wir uns am heutigen Erntedankfest vor der Güte und Freundlichkeit unseres Gottes: Wieder hat er Flur und Feld gesegnet, daß wir reiche Ernte in den Scheunen bergen durften ... Aber der Gott, der die Geschicke der Völker lenkt, hat unser deutsches Volk in diesem Jahr noch mit einer anderen, nicht weniger reichen Ernte gesegnet. Der Kampf auf den polnischen Schlachtfeldern ist, wie unsere Heeresberichte in diesen Tagen mit Stolz feststellen konnten, beendet.« (Ebenda) Ganz ähnlich klang es schon im Frühjahr des gleichen Jahres, nachdem Österreich und die Tschechoslowakei zerschlagen waren und das »Memelgebiet« annektiert worden war. Am 9. April 1939 predigte der oberste Protestant in Memel in einer reichsweit übertragenden »Evangelischen Morgenfeier im Rundfunk« »in der Stunde der Befreiung«: »Es geht gerade in den letzten Wochen erneut ein Strom von Freude durch unser Volk ... Der Herr hat Großes an uns getan! Er hat den aufopfernden unermüdlichen Kampf unseres Führers von Sieg zu Sieg geführt. Wir sind wieder frei ... und blicken dankbaren Herzens zu unserem Führer auf, der uns heimgeführt hat.« (Pastoralblätter 1938/39) In Wien hieß es in der Musterpredigt »in der Stunde der Befreiung« einen Tag später: »Ein großes Freuen geht durch unser Land hindurch ... Denn nun ist dem deutschen Volk im Konzert der europäischen Völker jene Rolle zugewiesen, die ihm im Blick auf seine Größe und seine Leistung gebührt ... Ich hatte Gelegenheit, dem Führer beim Empfang der Abordnung unserer Kirche unserer Überzeugung Ausdruck zu geben, daß wir in ihm das Werkzeug in der Hand des allmächtigen Gottes erblicken ... Was wir in den letzten vier Wochen in unserem Lande erlebt haben, ist für uns auch nichts anderes als das Siegen Gottes« (Ebenda). Als »Kriegsmusterpredigt« nach dem Sieg über den »Erbfeind Frankreich« im Frühjahr 1940 veröffentlichten die Pastoralblätter eine Predigt von Hanns Lilje, 1947 Marahrens‘ direkter Nachfolger im hannoverschen Bischofsamt: »Die letzte Woche hat uns den Waffenstillstand gebracht ... Das hat eine ... Empfindung in uns wachgerufen – die Bewunderung für diese gewaltige geschichtliche Leistung und die geniale geschichtliche und militärische Führung ... Und so blicken wir noch einmal auf das Werk, das Gott vor unseren Augen in der Geschichte tut. Dieses Werk hat ewigen Bestand.«

Eine Musterpredigt im August 1939 rühmt die »bedeutsame Vorarbeit«, die die Kirche für die NS-Rassenpolitik geleistet hatte: »Seit vielen Jahrhunderten hat die Kirche als die große Kulturträgerin ihre Register, diese vergilbten Kirchenbücher, geführt. So haben die christlichen Kirchen dem nationalsozialistischen Staat eine bedeutsame Vorarbeit für seine großen rassischen Pläne und Gedanken geliefert. Gerade hier zeigt sich wieder einmal, wie segensreich die Wirksamkeit der christlichen Kirchen für unser deutsches Volk gewesen ist, noch nicht einmal religiös, sondern rein völkisch betrachtet. Heute muß jeder deutsche Mensch seine arische Abstammung nachweisen können ... Und die Kirche arbeitet täglich für Hunderttausende von deutschen Volksgenossen, um ihnen ihre arische Abstammung zu bezeugen.« (Pastoralblätter 1938/39) Durch diese so segensreiche Wirksamkeit der Kirchen für den Staat konnte er die »nichtarischen« Menschen (die bei der »bedeutsamen Vorarbeit der Kirchen« aussortiert und dadurch kenntlich gemacht worden waren) relativ einfach erfassen und sie reibungslos in den Tod treiben.

Segensreich für den NS-Staat war auch, daß die Kirchen seinen Kampf gegen den »Bolschewismus« wohlwollend, ja inbrünstig begleiteten. Die Gelegenheit, dem »Führer« die »unwandelbare Treue und Einsatzbereitschaft« des Protestantismus dafür »aufs neue zu versichern«, ergab sich nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941. In einem Telegramm an den »Führer« teilte der GVR im Namen der ganzen Deutschen Evangelischen Kirche mit: »Der GVR der Deutschen Evangelischen Kirche … versichert Ihnen, mein Führer, in diesen hinreißend bewegten Stunden aufs neue die unwandelbare Treue und Einsatzbereitschaft der gesamten evangelischen Christenheit des Reiches. Sie haben, mein Führer, die bolschewistische Gefahr im eignen Lande gebannt und rufen nun unser Volk und die Völker Europas zum entscheidenden Waffengang gegen den Todfeind aller Ordnung und aller abendländisch-christlichen Kultur auf. Das deutsche Volk und mit ihm alle seine christlichen Glieder danken Ihnen für diese Ihre Tat ... Die Deutsche Evangelische Kirche ... ist mit allen ihren Gebeten bei Ihnen und bei unseren unvergleichlichen Soldaten, die nun mit so gewaltigen Schlägen daran gehen, den Pestherd zu beseitigen, damit in ganz Europa unter Ihrer Führung eine neue Ordnung entstehe und aller inneren Zersetzung, aller Beschmutzung des Heiligsten, aller Schändung der Gewissensfreiheit ein Ende gemacht werde.« (s. Hartwig Hohnsbein: »Talar und Tränengas«, 2011)

In der Musterkriegspredigt zum Überfall auf die Sowjetunion über Richter 5 Vers 31 (»So sollen umkommen, Herr, alle deine Feinde«) werden diese Gedanken aufgenommen und weitergesponnen: »Habt ihr die Gesichter der gefangenen Russen gesehen? Stumpf, leer, verwahrlost und verkommen! So sehen die Menschen eines Volkes aus, dem man mit Vorsatz und Bedacht die Seele aus dem Leib geraubt hat. Was da übrigbleibt, ist nicht mehr ein Menschenantlitz ... Anstelle des menschlichen Gesichtes, durch das das Ebenbild Gottes hindurchleuchtet, ist die Fratze des Bösen getreten, die Maske des Teufels.« (Pastoralblätter 1941/42)

Hinter solchen Predigtworten mochte die Militärseelsorge nicht zurückstehen: Für die Soldaten gab der Generalfeldvikar beim Evangelische Feldbischof, Friedrich Münchmeyer, zu Weihnachten 1941 die Broschüre »Weihnachten« heraus. Darin wird Weihnachten zum »Fest der Kameradschaft«, das seine besondere Tiefe durch den Kampf gegen den Bolschewismus bekommt. Das Wort in der Weihnachtsgeschichte Lukas 2 »Fürchtet euch nicht!« wird vom Engelsgesang zur antikommunistischen Kampflosung; die Parole geht gegen das »Untermenschentum« und den »Vernichtungswillen östlicher Barbarei« – Giftworte, die bis heute nachwirken (dargestellt und zitiert nach Hans-Dieter Bamberg: »Militärseelsorge in der Bundeswehr«, 1970).

In der Folgezeit hielt der Sprecher des GVR, Marahrens, unbeirrt daran fest, den »Führer« und sein verbrecherisches »Werk« bis zu dessen Ende zu stützen Im Juli 1943 (der »Totale Krieg« war inzwischen von Goebbels ausgerufen worden) schrieb er unter anderem: »Überall muß die Erkenntnis geweckt werden: Wir stehen in einem unseren ganzen Einsatz fordernden Krieg, und dieser Krieg muß in unbeirrter Hingabe frei von allen Sentimentalitäten geführt werden.« (zit. nach Hans Prolingheuer: »Kleine politische Kirchengeschichte«, 1984) Ein Jahr später verurteilte Marahrens »den verbrecherischen Anschlag auf das Leben unseres Führers« und verordnete den Gemeinden seiner Landeskirche Hannovers, ein »Dankgebet für die gnädige Errettung des Führers« zu sprechen. Als dann der Krieg beendet war, verabschiedete er sich im Mai 1945 sehr schnell davon und von seiner mörderischen Rolle, die er selbst darin gespielt hatte.

Marahrens amtierte noch bis zum April 1947. Bei seinem Rücktritt sprach ihm sein Kirchenparlament (Synode) »im Blick auf seine Amtsführung als Ganzes volles Vertrauen und ihre bleibende Dankbarkeit aus«. Die ev.-luth. Heimvolkshochschule Loccum trägt seit 1953 seinen Namen, der allerdings heute meist schamhaft verschwiegen wird.

Sein Komplize aus Schwerin, Schultz, konnte sein Bischofsamt dort nicht weiterführen; er fand in der Landeskirche seines »Bruders« Marahrens Aufnahme und Pfarrstelle.

Der Generalfeldvikar Münchmeyer war von 1957 bis 1962 Präsident der Inneren Mission und des Hilfswerkes der EKD.

Hanns Lilje schließlich, der schon 1932 eine NS-Regierung herbeigewünscht hatte, sich 1933 dankbar zu Hitler bekannte und 1941, rechtzeitig zum deutschen Überfall auf die Sowjetunion, seine Schrift »Der Krieg als geistige Leistung« herausbrachte, wofür er vom Goebbelsministerium »amtlich gefördert werden sollte«, war nach dem Kriege als stellvertretender Ratsvorsitzender der EKD führend daran beteiligt, die Remilitarisierung Adenauers in der Bundesrepublik durchzusetzen.