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Titel1914

Kästner: Bleib am Leben, sie zu ärgern  (Anja Röhl)

Kästner hat den Krieg gehaßt. Das hat ihm Sergeant Waurich eingebrockt, als 17jähriger sah er, daß die Hälfte seiner Mitschüler schon gefallen war – und das war erst der erste Streich, dem dann das vollendete Irrenhaus folgte, das immer noch weitergeht, weiter und weiter. Bis heute, wo Deutschland sich wieder als Herrscher über Europa aufspielt, zur Weltherrschaft nur noch ein Katzensprung. »Nur das Etikett zeigte nicht mehr Wehrmacht, sondern Bundeswehr an«, schrieb Otto Köhler jüngst über das Jahr 1955 und den Beschluß des Bundestages zur Wiederbewaffnung. Der Schriftzug Demokratie ist mit äußerst brüchiger Farbe über all die Schandtaten gepinselt, die seit Jahren gegen die Menschenrechte begangen werden. Diejenigen, die immer wieder echte Demokratie einklagen, werden als Kommunisten gebrandmarkt.

Der Kästner-Abend mit Gina Pietsch und Hannes Zerbe am Klavier in der Berliner jw-Ladengalerie beginnt mit den Worten: »Man unterschätzt Kästner als politischen Lyriker und Essayisten!« Politische Epigramme werden vorgetragen, Kurzgedichte. Gina Pietsch hat eine vielschichtige Mischung aus Kästners Werk zusammengesucht, den Abend baut sie autobiografisch auf. Die große Rolle der Mutter in Kästners Leben wird auf liebevoll-satirische Art deutlich. Der Toleranz der Mutter hatte er es zu verdanken, daß er Schriftsteller werden konnte, denn als er kurz vor seinem Lehrerexamen zu ihr sagte: Ich kann nicht Lehrer werden, sagte sie nur: »Gut, mein Sohn« und knappste auch noch das Geld für ein Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft aus dem schmalen Haushaltssäckel ab. Doch all das wurde durch den Erfolg belohnt, den Kästner schon bald mit seinen ersten Texten hatte. Dann singt und deklamiert Gina abwechselnd: »Kennst du das Land, wo die Kanonen blühen?« Sie unterbricht durch Briefausschnitte, Episoden, führt durch Geschichtsepochen, Weltkrieg, Wirtschaftskrise, Ruhrkampf, Arbeitslosigkeit, sehr stark intoniert sie: »Ein Suizidaler erzählt«, Weihnachten bei den Armen, und sonntags regnet es sowieso: »Der Rucksack wächst, der Rücken wird nicht breiter / Ich kam zur Welt und lebe trotzdem weiter!«
Gina Pietsch hat ein ungewöhnlich persönlich-politisches Kästner-Programm zusammengestellt, mit Klavierbegleitung und Liedern aufgefüllt, kommt sie erst im letzten Teil zur Mann-Frau-Beziehungsproblematik mit der sachlichen Romanze und ähnlichen Gedichten (Du hast das Buch vergessen), in denen Kästner durchaus den Standpunkt der Frau einnimmt, zu sich selbst den kritisch-ironischen Blickwinkel einnimmt, den Gina Pietsch zum Kern ihres Programms gemacht hat. Immer wieder bricht sie mit scheinbar eindeutigen Urteilen. Wenn sie Rühmkorf zitiert, der Kästner als »Frauenversteher« beschreibt, so setzt sie ein Gedicht dagegen, wo er sich eher weniger als solcher ausweist. Das fördert die Vielschichtigkeit, mit der Kästner von ihr neu entdeckt wird. Dabei hat sie viel Unbekanntes aufgetan. Über die Opportunisten, die Verderbung des menschlichen Charakters und sogar Gedichte im Erich Fried vorfühlenden Stil: »Das geht nicht mehr so weiter, wenn das so weiter geht.« Auch auf Kinderebene enthüllt Gina Pietsch, daß Kästner keineswegs einem kindertümelnden antiaufklärerischen Kinderbild huldigte, im Gegenteil, mit großem Witz, aber glasklar klärt ein Kind ein anderes darüber auf, daß es weder Osterhasen noch Weihnachtsmänner gibt, und daß also, wenn die Geschenke in manch anderen Kinderstuben größer sind, es nicht ihre Schuld ist, wie solcherart Mythen seit Jahrhunderten weismachen wollen. Ein gelungener Abend, der es lohnt, mehrmals angeschaut und angehört zu werden.

Weitere Tourneetermine: 18.9., 20 Uhr, Zimmer 16, Florastraße 16, Berlin; 10.10., 20 Uhr, Kleine Treppe, Friedrichstraße 130, Berlin; 30.10., 19.30 Uhr, Galerie 100, Konrad-Wolf-Straße 99, Berlin; 6.2.2015, 20 Uhr, Bestehornhaus, Hecknerstraße 6, Aschersleben. www.ginapietsch.de