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Titel1919

Goldman Sachs und mein Krebs  (Horst Schäfer)

Das ist pervers. Am 12. September berichtete das ARD-Politmagazin Panorama: Fast alle großen Pharmaunternehmen weltweit, darunter auch Bayer, sind aus der Forschung an Antibiotika, insbesondere zur Bekämpfung der immer gefährlicher werdenden resistenten Keime, ausgestiegen. Die Begründung: Die »Profitaussichten« seien zu gering!

 

Dabei sterben jedes Jahr zehntausende Menschen in der EU an den Folgen einer Infektion mit resistenten Keimen, davon bis zu 3000 in Deutschland. Die OECD warnte schon 2018: Rund 2,4 Millionen Menschen könnten bis zum Jahr 2050 in Europa, Nordamerika und Australien an multiresistenten Keimen sterben, wenn der gegenwärtige Trend bei der Verbreitung der Erreger anhält und die Politik nicht gegensteuert. Aber, so Panorama: »Mittel gegen Krebs sind für die Konzerne lukrativer.«

 

Dann informierte 3sat am 19. September in der Sendung Scobel über die Einstellung einer anderen Studie: Ein Programm zur Heilung von Alzheimer mit 3200 Teilnehmern weltweit wurde 2019, knapp ein Jahr vor dem Ende, über Nacht abgebrochen – was die Betroffenen aus den Medien erfuhren.

»Für die Alzheimer-Forschung ist das ein herber Rückschlag, da es sich um ein bis dato vielversprechendes Medikament handelt, das bei positivem Verlauf bereits 2023 auf dem Markt verfügbar gewesen wäre«, kommentierte Richard Dodel, Neurologe an der Universität Duisburg-Essen, den Studienabbruch. Jetzt sei es wichtig, die Alzheimer-Forschung forciert zu fördern.

 

An dieser Förderung durch die öffentliche Hand scheint es zu fehlen, obwohl es allein in Deutschland mehr als 1,7 Millionen Alzheimer-Kranke gibt. Auch die abgebrochene Alzheimer-Forschung war von privaten Geldgebern des US-amerikanischen Pharmakonzerns Biogen abhängig, die wie üblich darauf hofften, durch steigende Aktienkurse schnellen Profit zu machen. Als sich die Aussichten minderten, mit dem Medikament bald auf den Markt zu kommen, stieg Biogen aus. Wie das Handelsblatt berichtete, minderte das innerhalb weniger Stunden den Börsenwert der Firma um 17 Milliarden Dollar.

 

Bereits 2018 sind unter anderem die Pharmariesen Johnson & Johnson, Lilly sowie Merck & Co. und Novartis wegen mangelnder Erfolgsaussichten aus Alzheimer-Projekten ausgestiegen; Marktführer Pfizer sogar komplett aus der gesamten Alzheimer-Forschung, denn die Forschung sei nicht lukrativ genug. Bernie Sanders sagte kürzlich in der von ABC übertragenen Debatte der demokratischen US-Präsidentschaftsbewerber: »Die Pharmaindustrie, deren Korruption und Gier, töten heute Menschen.«

 

Goldman Sachs hatte für diese Entwicklung der Pharmaindustrie schon im vorigen Jahr die »wissenschaftliche« Begleitmusik geliefert. Goldman Sachs? Das ist doch die Großbank, die Finanzkrake, die der Kabarettist Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig in der ZDF-Anstalt schon am 13. November 2012 in einem unvergesslichen (und bei Youtube noch immer zu genießenden) Schaubild als Strippenzieher in Politik und Wirtschaft vorgestellt hatte. Finanzminister Scholz holte sich im März 2018 deren Co-Chef für Deutschland, Jörg Kukies, sogar als beamteten Staatssekretär in sein Ministerium. Das manager magazin (19. März 2018) reagierte mit der Schlagzeile: »Scholz macht die Brandstifter zur Feuerwehr.«

 

In einer »Biotech-Marktstudie« erklärte Goldman Sachs, medizinische Behandlungen, die zu einer Heilung führten, schmälerten den für das Unternehmen notwendigen »langfristigen Geldfluss«. Das zitierte die Online-Ausgabe der Deutschen Apothekerzeitung (DAZ) am 16. April 2018 unter der Überschrift »Heilung ist schlecht fürs Geschäft« aus der Studie. Und weiter bei Goldman Sachs: »Das Potential, Behandlungen zu entwickeln, die schon nach einer Anwendung die Heilung vollbringen, ist der attraktivste Aspekt der Gentechnik. Allerdings sind solche Behandlungen ganz anders zu betrachten, wenn es darum geht, ein ständiges Einkommen zu erzielen.«

 

Goldman Sachs macht das am Beispiel der Entwicklung eines erfolgreichen Medikaments gegen Hepatitis C deutlich. Dazu schreibt die Frankfurter Rundschau am 5. Mai 2018: »Der interne Bericht ›Die Genom-Revolution‹ nimmt als Beispiel ein Medikament gegen Hepatitis C, das mit Hilfe der Gentechnik entwickelt worden ist und das schon nach einer einzigen Anwendung Heilung bringen kann.« Mit den Hepatitis-C-Medikamenten konnte 2015 ein weltweiter Umsatz von 12,5 Milliarden Dollar erzielt werden, aber schon 2018 werden es nur noch weniger als vier Milliarden sein. Denn das Medikament gegen Hepatitis C hat Heilungsraten von etwa 90 Prozent, wodurch der Pool von zu behandelnden Patienten immer kleiner wird, was wiederum die Neuinfektionen immer weiter reduziert, also sinkt der Umsatz und somit auch der Gewinn.« Obwohl in diesem Fall die reguläre 12-Wochen-Behandlung laut AOK 60.000 Euro kostete – bei Herstellungskosten von 136 Dollar!

 

Da ist es ganz gut, dass ich Krebs habe und mein neues Medikament die Krankenkasse »nur« knapp 4000 Euro im Monat kostet. Allerdings bleibt genug Anlass für Skepsis: Entwickler ist ein Unternehmen, das von Johnson & Johnson 2009 geschluckt wurde. Das ist der Pharmagigant, der 2018 aus Forschungsprojekten zu Alzheimer ausgestiegen war und erst im September 2019 vom Bezirksgericht des US-Bundesstaates Oklahoma zu mehr als einer halben Milliarde Dollar Strafe für Schadenersatzforderungen verurteilt wurde.

 

Der Vorwurf: Der Konzern habe massenhaft Opioide als Schmerzmittel verkauft und die damit verbundenen Suchtgefahren bewusst heruntergespielt. Allein 2018 seien fast 70.000 US-Bürger an einer Überdosis des Schmerzmittels gestorben. Die US-Gesundheitsbehörde spricht von einer Epidemie mit insgesamt mehr als 400.000 Toten, die sogar zu einer Senkung der durchschnittlichen Lebenserwartung in den USA geführt habe.

Dass die Pharmaindustrie als Teil des Systems Goldman Sachs keine Mittel zur Heilung von Krebs entwickeln wird, ist mir ja klar. Denn wer schneidet sich schon selbst den »langfristigen Geldfluss« ab, von dem er milliardenfach profitiert. Da kann man nur hoffen, wenigstens als potentiell zu melkende Kuh noch längere Zeit am Leben erhalten zu werden.

 

Vielleicht wird der Begriff pervers dem geschilderten Sachverhalt doch nicht ganz gerecht. Besser wäre menschenverachtend. Oder noch genauer: Kapitalismus.