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Bemerkungen
Zwei Lager?
Das wahlkämpferische Getöse ist nun erst einmal vorbei, und beim Wahlvolk bleibt Verwirrung zurück. Von einer Konfrontation jener »zwei Lager«, die der CSU-Vorsitzende Huber, mit dem Blick schon auf die Bundestagswahl 2009, in die politische Landschaft ­hineinreden wollte, war weder in Hessen und Niedersachsen noch im Bund etwas zu spüren. Koch und Wulff warnten vor der Linkspartei als einer »SED-Nachfolgerin« und verdächtigten die SPD, sie werde »auch das Bündnis mit Kommunisten nicht scheuen«; indessen läßt sich nicht verdecken, daß die Union eine Bundeskoalition mit der SPD betreibt und diese zur Zeit wohl auch nicht aufzukündigen gedenkt. Unter solchen Umständen wirkt der Schlachtruf »Freiheit oder Sozialismus« nicht gerade überzeugend. Außerdem steckt darin möglicherweise ein Risiko: Wer weiß, ob nicht manche Bürgerinnen und Bürger unter »Sozialismus« den Sozialstaat verstehen! Die Zahl derjenigen, die diesen erhalten oder genauer: wiederhergestellt wissen möchten, wächst ständig an. Den meisten von ihnen leuchtet nicht ein, daß sie dann auf Freiheit verzichten müßten – wieso auch?
In Hessen wandten sich SPD, Grüne und Linkspartei gegen den Kochschen Rassismus, aber daraus entsteht noch keine »Volksfront«. Die hessischen Grünen haben mit Koch nichts im Sinn, stehen aber ansonsten der CDU nicht gar so fern; die hessischen SPDler wollen mit der Linkspartei nichts zu tun haben. Zudem ist auch der hessischen FDP die Kochs Wüterei peinlich; allerdings bedeutet das nichts, wenn es ums Koalieren geht. In Niedersachsen kann die Rede von einer »Volksfront« nur als Politikfiktion wahrgenommen werden, woher sollte das Rot-Grün-Rot kommen?
Der CSU-Huber hat als Schreckensbild sich anbahnender Entwicklung in der Bundesrepublik ein »Kabinett aus Kurt Beck, Andrea Nahles, Claudia Roth, Jürgen Trittin und Oskar Lafontaine« an die Wand gemalt. Das ist bayerische Politikfolklore. Ironischerweise könnte sie freilich bei Politikern der Linkspartei die Hoffnung wecken, da sei womöglich doch etwas dran – wenn die eigene Partei sich noch mehr in »Regierungsfähigkeit« übe.
Ein solcher Lernprozeß auf der Linken wäre systemfunktional. Eine Partei, die sich allmählich auf Beteiligung am Regieren auch im Bund vorbereitet, würde Union, Grüne und SPD nicht mehr in die lästige Lage bringen, einer entschiedenen Opposition kleine soziale Konzessionen machen zu müssen. Das Kartell wäre wieder perfekt, selbst wenn der Lohn fürs Wohlverhalten des Neulings dann doch ausbliebe.
Arno Klönne

Luft-Blasen
Obwohl der geplante Südberliner Großflughafen zunächst nur auf dem Papier existiert, ist er neuerdings Gegenstand ausführlicher Debatten, weil man über Sachen, die nicht vorhanden, stunden- und jahrelang reden oder zeitungsseitenlang schreiben kann. Das alles ist sehr angenehm, weil es keinerlei Kenntnisse voraussetzt und überhaupt nichts bewirkt.
In der Stadt New York, die nicht annähernd so weltbedeutend ist wie Berlin, gibt es zwar keine abbröckelnde Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, und nicht mal einen eigenen Grunewald mit Jagdschloß nebst integrierter Holzauktion können sich die New Yorker leisten – aber große Flughäfen, eingerichtet für unzählige startende und landende Maschinen. Ein Airport heißt »La Guardia«, ein anderer »John F. Kennedy« (der Mann ist ja seinerzeit als Berliner bekannt geworden).
Wie schon gesagt, kennt unser virtuelles Kosmodrom bisher keine landenden und startenden Aeroplane. Nur Geduld, alles zu seiner Zeit, Herrschaften!
Aber unser GFH hat immer noch keinen Namen. Unmöglich: Ein Flughafen ohne Namen ähnelt einer Zigarre ohne Bauchbinde. Ein Name muß her! Das Ding sollte so heißen wie ein großer und berühmter Berliner ... Nante? Nee. Nante riecht nach Schnaps. Momper? Auch ungeeignet, man denkt unwillkürlich an Mampe-Liköre und solche Sachen. Ein Wort aus der Luftfahrt wäre fein. Überlegt doch mal. Wer das rechte Wort findet, soll eine fast neuwertige Luftpumpe gewinnen. Ich hab ja noch ne alte im Keller. Die reicht uns. Ich schreibe also an die Jury: »Wie der neue Airport für den Großraum Berlin heißen soll? Na, Schneider von Ulm soll er heißen!«
F.M.

Und dann alle
»Annettes Dasch-Salon« sollte im Berliner Radialsystem V auf den Weg gebracht werden. Eine Pressefrühstück mit Annette Dasch war angesetzt, man saß im sonnendurchfluteten Glaskubus, schaute auf die Spree, auf das leckere Essen auch. Ja, Annettes Dasch-Salon sollte den Medien schmackhaft gemacht werden. Was nicht schwierig war – bei den Zutaten.
Annette Dasch, international renommierte Sopranistin, jung, liebenswert, professionell im Umgang mit Öffentlichkeit, wirbt für ihre Idee: Sie will das Lied aus der Nische holen, auch das zeitgenössische. »Nicht glamourös« soll es in ihrem Salon zugehen, sondern es soll einfach »mit Herzenslust« gesungen werden, »auch mit dem Publikum.« Man war gespannt.
Die Premiere ist ausverkauft, Schlangestehen nach Restkarten. Stühle werden geschleppt. 350 Interessenten finden Platz. Die Namen der angekündigten Mitwirkenden schürten verheißungsvolle Spannung bei Kennern der Szene: Mojca Erdmann, Sopranistin mit himmelstürmender Stimme, Roman Trekel, Bariton und ruhmreicher Schubert-Interpret, die Pianisten Katrin Dasch (Schwester von A.) und Manuel Lange.
Auf der Bühne ein Flügel nebst einladender Sitzgruppe im Blümchenchintz. Auftritt Annette Dasch. Souverän trägt sie ihre Idee vor, den traditionsreichen »Berliner Salon« wieder zu beleben. Singend eröffnet sie den musikalischen Reigen, verneigt sich gemeinsam mit Schubert vor »Der holden Kunst«.
Annette Dasch schafft gute Laune. Unprätentiös plaudert sie mit ihren Gästen über Biografisches, plänkelt hin und her, spürbar unter Spannung. Es folgen Lieder von Mendelssohn und Debussy. Danach fordert das »Dasch-Salon-Rätsel« zwei Gäste aus dem Saal zum launigen Wettbewerb heraus, sie sollen Kenntnisse über Interpreten und Komponisten beweisen. Zwei Karten für »Lieder im Meistersaal« belohnen den Sieger. Der Ablauf gerät ein wenig zäh, das kann man künftig gewiß noch leichter händeln. Die Saloniere Dasch hat jedoch ausreichend Bonus bei ihrem Publikum.
Peter Dasch, Gesangsstudent und Bruder von A., singt ein Lied von Ralph Vaughn Williams und erntet freundlichen Applaus. Es soll ein Prinzip werden, Studenten, wenig bekannten Sangeskünstlern ein Forum zu bieten, damit sie sich bekannt machen können. Sponsoren werden gesucht, damit man den Unentdeckten ein kleines Honorar zahlen kann. A. hält es »für die Pflicht der Erfolgreichen, andere ins Licht zu holen«.
Es folgen Lieder von Benjamin Britten. Applaus! Mojca Erdmann singt Aribert Reimann, unbegleitet, bravourös. Wenn die zierliche Person ihre Stimme artistisch in die Höhe steigen läßt, stockt dem Publikum der Atem. Kehliges Juchzen. Tosendes Getrampel.
Auftritt Roman Trekel mit Auszügen aus Schuberts »Winterreise«. Hohe Stimmkultur und einfühlsame Interpretation. Die Zuschauer feiern ihn. Ein Tutti der Protagonisten als Abgesang. Und dann ereignet sich, was mir diesen Abend lange im Gedächtnis halten wird: Sänger und Publikum lernen gemeinsam ein mehrstrophiges Barocklied, singen es hingebungsvoll und mögen gar nicht aufhören. Glück auf allen Gesichtern. Die Seelen spannen weit ihre Flügel aus.
Anne Dessau
Der nächste Salon ist am 20. April im Radialsystem V.

Press-Kohl
Die Gaststätte »Massai« in der Lychener Straße macht das Berliner Publikum mit afrikanischer Küche bekannt. Damir Fras informierte uns in der Berliner Zeitung über eine kannibalische Spezialität des Lokals: Dort kann man, wie es scheint, nicht nur Menschenfleisch verzehren, sondern sogar sein eigenes:
»Im Massai kann man sich von der Sahara bis zum Kap der guten Hoffnung essen.«
Selbstverständlich wird kein Gast zu solcher Beköstigung gezwungen.
Wer keinen Appetit auf sich selber hat, wähle »Filet vom Krokodilschwanz (19,50 Euro inklusive Suppe) oder Steak vom Zebra (18,90 Euro)«.
Was Damir Fras aß, wurde nicht mitgeteilt. Vielleicht »Springbock (17,90 Euro). Das Steak von dieser Antilopenart schmeckte wie Rindfleisch, was mutmaßlich damit zusammenhängt, daß ein Springbock wie ein Rind auch ein Huftier ist.« Wieder was dazugelernt!
Felix Mantel