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Bis aufs Rasiermesser  (Ingrid Zwerenz)
Offensichtlich halten sich Frankfurts Kapital-Äquilibristen für unberührbar. Im Fernsehen nahmen sich eine Spielfilm-Serie und ein Tatort nicht eben liebevoll der mainischen Banker an. Das ist denen aber schnurzpiepe.

Es begann vor Monaten mit mehreren Folgen von »Geld Macht Liebe«. Da suchte man Finanzmanagern und Börsianern auf die Pelle zu rücken, das Spektakel fiel beim Publikum auf keinen guten Boden, die Quoten stürzten ins Bodenlose – obwohl sich auf dem Bildschirm allerhand tat. Der Bankhausherr Markus von Rheinberg ließ es an nichts fehlen: Lug und Trug sowieso, Auftragsmorde, schließlich greift er selbst zum Gewehr, zielt angeblich auf ein wütendes Wildschwein, erlegt dabei seinen argentinischen Schwiegersohn, der ihm angedroht hatte, üble umweltschädliche Manipulationen zu enthüllen. Das Verbrechen wird nie geahndet.

Die Leute mochten diese Fernsehproduktion nicht. Hegen sie etwa noch Illusionen über Banker? In Hessen gab es vielleicht spezielle Verweigerungsursachen. Verbunden mit der Serie tauchte der Name Roland Koch auf. Fürchtete man im Lande, dem Ministerpräsidenten jede Woche auch noch im Fernsehspiel zu begegnen? Tatsächlich heißt der Darsteller des Markus von Rheinberg im wahren Leben Roland Koch und ist, verglichen mit seinem Namensvetter, ein rundum honoriger Mann, Burgschauspieler und auch sonst seriös, nur in »Geld Macht Liebe« gibt er das Ekelpaket.

Fernseh-Attacke Nr. 2 auf die Verwalter, Vermehrer und Vernichter von Vermögen war der Tatort vom 3. Januar 2010. Titel: »Weil sie böse sind« – ein J.-J. Rousseau-Zitat, wie freundlich mitgeteilt wurde. Ernst Bloch nannte das Böse »eine der am wenigsten durchdachten Kategorien«. Kurz nach Krimi-Beginn schon die erste Leiche, ein Frankfurter Prominenter, steinreich, seit Generationen verwickelt in anrüchige Geschäfte, Privat-Schloßbewohner, aber auch großzügiger Stifter in der Metropole, die wie die meisten Großstädte heutzutage milde Gaben nötig hat. Der edle Spender ist ein sadistischer Widerling und Lump, was sein Sohn Balthasar, dargestellt von Matthias Schweighöfer, als Kind am eigenen Leib erfahren mußte. Schweighöfer bleibt Publikumsliebling, sogar dann noch, wenn er den Mord am mit Recht verabscheuten Vater vertuscht, der die Mutter in den Tod getrieben hatte. Verständlich, daß der Sohn den Täter lobt und ihn mit Geld und guten Worten an sich zu binden sucht. Die übrigen Verwandten Balthasars sind gleichfalls zum Wegschmeißen, ein Bruder des Erschlagenen beutet Prostituierte aus, die Schwester scheffelt Millionen mit Waffenhandel. Geldsäcke, obendrein Drecksäcke. So also geht’s laut couragiertem Drehbuch in Frankfurt zu, einer der »Alpha World Cities«, wie das globale Ranking ergeben hat. Zensurversuche der Hochfinanz blieben offenbar aus.

In der Belletristik mangelt es nicht an Börsianern; Balzacs Baron Nucingen ist legendär, der phantasievolle Spekulant und Schwindler Rougon-Saccard in Emile Zolas Roman »Geld« ebenfalls, der ist so aktuell, daß John von Düffel 2009 am Schauspielhaus Düsseldorf eine Bühnenfassung präsentierte, die vom Publikum begeistert beklatscht wurde.

Nach zwei französischen Autoren zum Thema sollte zumindest ein deutscher genannt werden: Heinrich Mann und sein 1900 publizierter satirischer Roman »Im Schlaraffenland«, Schauplatz ist Berlin. »Die Stimmung erhitzte sich durch das Warten in Nässe und Schmutz. Betrogene Spieler reckten, mitten aus dem Gedränge heraus, ihre Fäuste gegen den Börsenpalast. Sie stießen Drohungen aus gegen Jobber und Ausbeuter … Ein jäher Stoß pflanzte sich in der Menschenmasse fort. Droben war eine Tür aufgegangen, dahinter sah man, inmitten einer Staubwolke, ein Gewirr fuchtelnder Arme und geschwungener Stöcke. Ein gellendes Kriegsgetöse näherte sich, es verfolgte einen stolpernden, verstörten, unkenntlichen Menschen … mit offener Weste, zerrissener Krawatte und einer Hose, die die Spur von Fußtritten trug. Er flog wie ein weicher, schmutziger Packen alter Kleider die Stufen hinab und in einen bereitstehenden Wagen. Die Pferde scheuten, der Kutscher peitschte sie in die gestaute Menge hinein, die mit wütenden Drohungen um sich biß …«

Ein expressionistisches Kapitel, das noch weiter eskaliert: »›Haut ihn tot, den Hund! – Knickt ihm die Eisbeene – So was muß mit’n Knüppel auf’n Kopf geschlagen werden!‹« Die von Bank und Börse Betrogenen tobten im Jahr 1900, in den USA hielt die Polizei im Jahre 2008 mit Mühe die Opfer des Bernard Madoff nach dessen Verhaftung davon ab, an dem Großganoven, der per Invest-mentfonds und Schneeballsystem einen Milliardenschaden anrichtet hatte, Rache zu üben. Heinrich Mann schrieb über den gejagten Jobber »Friedrich Wilhelm Schmeerbauch, daß, während er den Revolver in seinen Mund hinein abfeuerte, er sich gleichzeitig mit einem Rasiermesser den Hals durchschnitten« habe. So blutig können böse Börsianer enden – wobei sich herausstellt: Schmeerbauch war gar nicht der Hauptschuldige, in Wahrheit hatte der schwerreiche Generalkonsul Türkheimer insgeheim das gigantische Aktionärstäuschungsmanöver inszeniert, Unzählige ruiniert und sein Riesenvermögen vermehrt.

Zum Kontrast hier der reale deutsch-jüdische Berliner Bankier Carl Fürstenberg, geboren 1850 in Danzig, gestorben 1933 in Berlin. Ein Mann seines Formats hätte nie zum Rasiermesser greifen müssen. Er machte sich aber keine Ilusionen über die Branche. Ein Börsen-Neuling, den mitten im Geldtrubel ein dringendes Bedürfnis ankam, wandte sich an ihn: »Verzeihung, könnten Sie mir nicht sagen, wo die Toiletten sind?« Darauf der berühmte Fürstenberg: »Ach, da bleiben Sie ruhig im Saal, hier bescheißt einer den andern.« Fast möchte man mal einen jungen Mann engagieren, der an der Frankfurter Börse die gleiche Frage stellt. Wäre wenigstens einer der dort Agierenden zu so viel Selbstkritik und Selbstironie fähig?