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Zum Tod von Diether Posser  (Heinrich Hannover)
Diether Posser war ein großartiger Strafverteidiger, als Jurist, Historiker und politisch denkender Mensch umfassend gebildet, sicher und gelassen im Auftreten auch dort, wo andere aus der Haut gefahren wären, aber klar in seinen druckreif vorgebrachten Angriffen gegen rechtsbeugende Richter und Staatsanwälte, mit denen wir es in der von ehemaligen Nazis dominierten politischen Justiz der Adenauer-Ära immer wieder zu tun hatten.. Ein Mann, der auch im aufgeheizten Klima der Kommunistenprozesse der 50er und 60er Jahre wie ein Fels in der Brandung stand und den von antikommunistischem Haß intellektuell blockierten Richtern und Schöffen Formulierungen wie diese ins Gesicht sagen konnte: »Wenn Sie alle unsere Beweisanträge ablehnen, fände ich es ehrlicher, die Angeklagten durch Verwaltungsakt ins Konzentrationslager einzuweisen, statt uns Verteidiger als rechtsstaatliches Dekor zu mißbrauchen.« So geschehen im Düsseldorfer Friedenskomitee-Prozeß 1959/60, in dem ich als junger Anwalt und Mitverteidiger viel von ihm gelernt habe.

Beeindruckend war auch Possers überzeugte christliche Haltung, die seine politische Opposition gegen die christlich lackierten Faschisten und Antikommunisten in Adenauers Gefolge so authentisch machte. Posser hat sich viel Mühe gegeben, mich, den Ungläubigen, für die Lektüre der Stimme der Gemeinde zu interessieren, indem er Stunden damit zubrachte, mir lesenswerte Artikel aus den von ihm gesammelten Beständen herauszusuchen und mir einen großen Stapel mitgab. Ich bin denn auch jahrelang Abonnent, Leser und Autor dieser zur offiziellen Kirchenpolitik oppositionellen Zeitschrift des Niemöller-Kreises geworden, in der man – wie heute in Ossietzky – Artikel unterbringen konnte, die dem herrschenden Zeitgeist und seinen Machern widersprachen. Auch Possers ausführlicher kritischer Bericht über den in den gängigen westdeutschen Medien verschwiegenen Friedenskomitee-Prozeß konnte nur in diesem Blatt veröffentlicht werden.

Posser verdankte ich auch eine freundschaftliche Verbindung zu Gustav Heinemann, der im Friedenskomitee-Prozeß als Zeuge auftrat und mit dem wir viele gemeinsame Stunden verbracht haben. Heinemann, einer der ganz wenigen Politiker, deren freiheitliche Gesinnung durch die Nähe zur Macht nicht verbogen worden ist, war für Posser ein Vorbild, als er selbst Minister in Nordrhein-Westfalen wurde. So konnte ich mit Posser im Klima freundschaftlicher Kollegialität über eine Änderung der Haftbedingungen meiner Mandantinnen Astrid Proll und Ulrike Meinhof sprechen und deren Zusammenlegung erreichen. Auch im Fall meines Mandanten Peter-Paul Zahl empfing er mich bereitwillig zum Gespräch, konnte mir allerdings nur mittelbar weiterhelfen, da er das Amt des Justizministers inzwischen mit dem des Finanzministers vertauscht hatte. Aufschlußreich war die Erfahrung, daß selbst ein Minister Posser mit falschen Informationen seines Apparats über Haftbedingungen und angebliche Äußerungen von Gefangenen getäuscht werden konnte. Aber er war ein Mensch, der zuhören, sich korrigieren und konsequent handeln konnte.

Lesenswert bleiben Possers Bücher, vor allem »Anwalt im kalten Krieg«, das auch seine anwaltliche Tätigkeit in Fällen von DDR-Unrecht dokumentiert. Er war einer, der auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs hochgeachtet und als Verhandlungspartner akzeptiert wurde und sich nicht scheute, die hierzu nötigen, offiziell verfemten Kontakte zu pflegen. Posser war sicher auch als Justiz- und Finanzminister ein Mann von seltener Integrität. Aber seine große Zeit waren die Jahre, in denen er als Rechtsanwalt dem fortwirkenden Nazigeist und dem Mißbrauch des Strafrechts zu politischen Zwecken entgegengetreten ist.