erstellt mit easyCMS  
Titel0212

»Die Welt vom Frieden zu befrein«  (Wolfgang Beutin)

Ein Manifest »gegen die kriegerische Verblödung der Menschheit« nannte Karl Kraus (1874–1936) seine Tragödie »Die letzten Tage der Menschheit«. Im laufenden Jahr jährt sich zum neunzigsten Male das Erscheinen der ersten Buchausgabe dieses wichtigsten deutschsprachigen Antikriegsdramas.

In ihm ist vom Ersten Weltkrieg die Rede als »dem größten Verbrechen, das je unter der Sonne, unter den Sternen begangen war«. In einer Szene singt Kommerzienrat Wahnschaffe sein Couplet, das nichts anderes darstellt als die gründlichste Entlarvung der deutschen Weltpolitik. Deren ökonomische und zugleich ideologische Basis sei die Verschmelzung des Industrialismus mit dem Nationalismus: »Leicht lebt es sich als Arbeitsvieh / im Dienst der schweren Industrie. Heil Krupp und Krieg! Ich bin ein Deutscher!« – »Ich geb’ mein deutsches Ehrenwort: / Wir Deutsche brauchen mehr Export.«

Wahnschaffe enthüllt auch den Sinn der deutschen Kriegszielpolitik: »Der Friede uns nicht intressiert, / eh wir die Welt nicht annektiert. / Die wenigstens gehört dem Deutschen!« – Das Couplet widerlegt die Propagandalüge von der ›Einkreisung‹ des Reiches durch die Ententemächte: »Der Endsieg unser Recht beweist: / die Welt wird von uns eingekreist!« – Und das Resultat von alledem: »Die Welt vom Frieden zu befrein, / steht fest und treu die Wacht am Rhein.«

In seinen friedenspolitischen Schriften sah Kraus eine primäre geistige Ursache aller Kriege, auch des von 1914–1918, im Mangel menschlicher Vorstellungskraft. Das »Verhängnis aller Politik« sei »der Ausfall an Phantasie«, und die ersehnte Umwandlung der Welt werde »schwerlich ohne die Erkenntnis reifen, daß es auch etwas gibt wie einen Marxismus der moralischen Gegebenheit«.

Schon die Vorbereitung auf den Krieg sei von Übel; und die »Militärübung ... gewiß der gröbste Unfug ..., der unter der Sonne begangen werden kann ...« Wo Kraus einmal das Unwissen eines europäischen Zeitgenossen erwähnt, rügt er zugleich den durch dessen Ursprungsland aus Preußen-Deutschland importierten Militarismus: »Ein Europäer, der keine Ahnung hat, daß Schießen den von Berlin übernommenen höchsten Ausdruck der Lebensfreude bedeutet ...«, einer Lebensfreude, die einer Vernichtung des Lebens und der Natur gleichkommt!

Im Vergleich zu »den Anforderungen eines durch und durch ehrlosen Handwerks neuzeitlicher Kriegführung« stelle der althergebrachte Begriff von ›militärischer Ehre‹ durchaus einen Widerspruch dar. Ehre – und Weisheit – finden sich in der Moderne daher einzig noch beim Deserteur: das ist »einer, der so weise war zu glauben, daß das Menschenleben zu etwas besserem tauglich sei als sich von bunt tapezierten Trotteln zum Schlachtviehtransport abrichten zu lassen«. Zugleich mit allem kriegerischen Irrsinn entlarvt Kraus die Vaterlandsideologie als Verklärung verwerflicher Geschäfte und verbrecherischer Angriffskriege: »Die vaterländische Idee war nichts anderes als der Ruhmfusel zur Animierung für ein bei klarem Verstand zweifelhaftes Geschäft und unzweifelhaftes Verbrechen, als die verklärende Ausrede für einen Diebsplan, und darum ein Betrug am Beutel und am Ideal zugleich; ihre Exekutoren nichts als mehr oder minder bewußte Einbrecher, deren Komplizen Seelsorger, Jugendbildner, Ärzte und sonstige Konsorten der Humanität, ihre Opfer beklagenswert, tadelnswert und nur entschuldigt durch eine angeborne, von der vaterländischen Erziehung bestärkte Geistesschwäche.«

Alles, was Deutschland an Kriegen vorbereite und anfange, erweise nicht »das deutsche Geistesleben«, sondern im Gegenteil das »totale Nichtvorhandensein dieses Geisteslebens« als Voraussetzung für den Krieg. Als Kraus seine Tragödie 1927 in Paris in einer Darbietung präsentierte, sagte er in einem Vorspruch: »Sittlich hinreichend begründet wäre die Vorlesung als solche schon in der Erkenntnis, daß die Menschheit, von der ja das Drama handelt und die sich dem Autor doch in jeder Hörerschaft vorstellt, den Krieg vergessen hat und lieber einen neuen haben möchte. Darum darf und muß man ihr vom Kriege sagen ... Ich behaupte, daß im Krieg jeder geistige Mensch ein Hochverräter an der Menschheit war, der nicht gegen sein eigenes kriegführendes Vaterland aufgestanden ist – mit allen Mitteln, die ihm seine geistige Natur gewährt hat.«