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Titel0212

Bemerkungen

Die üblichen Parolen
Nutzen sich diese Parolen denn nie ab? Jedes Jahr, wenn Tarifverhandlungen fällig sind und die Gewerkschaften Forderungen stellen, erhebt sich lautes Geschrei der Unternehmerverbände und der ihnen eng verbundenen Monopolpresse: Höhere Löhne seien verderblich für den Wirtschaftsstandort Deutschland – als wäre die Bundesrepublik von allen Seiten durch wirtschaftliche Übermacht bedroht; die Krise hat gerade das Gegenteil gezeigt.

Die Deutsche Presse-Agentur (dpa), die sich größtenteils im Besitz der Medienkonzerne befindet, klagt: »Ungeachtet einer sich abkühlenden Konjunktur und der Schuldenkrise haben Gewerkschaften zu Jahresbeginn ihre Forderungen nach deutlichen Lohnerhöhungen bekräftigt.« Und so reden auch die überregionale und die Provinzpresse den Lohnabhängigen ins Gewissen: In diesem schwierigen neuen Jahr müßten sie sich »zurückhalten« – als hätten sie ihnen nicht schon in jedem vorangegangenen Jahr Zurückhaltung gepredigt.

Explodierende Profite dagegen waren den tonabgebenden Medien noch nie Anlaß zu solchen Ermahnungen. Die – gewöhnlich verschwiegene – Aufgabe dieser Medien ist es ja gerade, propagandistisch dafür zu sorgen, daß gesellschaftliche Verhältnisse bestehen bleiben, in denen die Reichen noch reicher und mächtiger werden können.

Nachdem die Lohnerhöhungen jahrelang hinter der Verteuerung des Lebensstandards zurückgeblieben sind, hat sich die Kluft zwischen Arm und Reich immerzu vergrößert. Jetzt sind in der reichen Bundesrepublik rund zwölf Millionen Menschen arm oder von Armut bedroht. Und die Mittelschicht schrumpft – innerhalb eines Jahrzehnts von 62 auf 54 Prozent der Bevölkerung.

Heute ist es nicht einmal mehr selbstverständlich, daß die Gewerkschaften Forderungen stellen, sondern häufig übernimmt die Kapitalseite diese Rolle. So verlangt die dem US-Konzern General Motors gehörende Firma Opel von ihren Beschäftigten, auf vereinbarte Lohnerhöhungen im Gesamtwert von 1,1 Milliarden Euro zu verzichten; die IG Metall hat diese Dreistigkeit mit Hinweis auf ein bis 2014 laufendes Abkommen zurückgewiesen.

Die Unternehmer versuchen auf jede erdenkliche Weise, Lohnarbeit zu verbilligen. Zum Beispiel durch Ausgliederung von Betriebsteilen in neue Firmen, für deren Beschäftigte dann nicht mehr die früher erreichten Tarifsätze gelten. Oder durch vermehrte Beschäftigung von Leiharbeitern. Oder durch die Zumutung, Mehrarbeit zu leisten, womöglich sogar unbezahlt – während es doch gerade umgekehrt darauf ankäme, die Erwerbsarbeitszeit zu verkürzen. Das von Ossietzky 2011 als Sonderdruck verbreitete »Manifest zur Überwindung der Massenarbeitslosigkeit« hat mit wissenschaftlicher Präzision die Notwendigkeit und die Möglichkeit dargestellt, den Produktivitätsfortschritt zu nutzen, um die wöchentliche Arbeitszeit um etliche Stunden zu verkürzen (ohne Lohnverlust der Beschäftigten) und dadurch Vollbeschäftigung herzustellen.

In den Konzernmedien lesen wir, die Unternehmer könnten eine mäßige Lohnerhöhung eher verkraften als eine Arbeitszeitverkürzung. Ja, denn die Unternehmerherrschaft im Betrieb würde eingeschränkt. Daher das Wutgeheul und der Widerstand, mit dem sie einst schon die 35-Stunden-Woche zu verhindern versuchten. Die Gewerkschaften – die mutigsten und konsequentesten von ihnen – erreichten damals durch Streik ihr Ziel. Diesmal könnte der Kampf noch härter werden. Die Gewerkschaftsführungen, die auf den jüngsten Kongressen der Dienstleistungs- und der Metallgewerkschaft in vielen Anträgen mit dem Thema Arbeitszeitverkürzung konfrontiert wurden, sollten allmählich anfangen, der Unternehmerpropaganda entgegenzuwirken und den Kampf vorzubereiten.

Werner R. Schwab


Portugal und seine Arbeitslosen
In dem von der Wirtschaftskrise gebeutelten Portugal hat der Ministerpräsident Pedro Passos Coelho von der rechten Partido Social Democrata arbeitslosen Lehrern als Weihnachtsgeschenk einen eigenwilligen Rat erteilt: Die unbeschäftigten Pädagogen sollen sich im portugiesischen Sprachraum nach Alternativen umsehen, beispielsweise in Angola und Brasilien, so der Vorschlag Coelhos.

Es kam was kommen mußte – nicht nur von den arbeitslosen Lehrern: ein landesweiter Aufschrei. Die Opposition wirft dem Ministerpräsidenten vor, er habe resigniert. Selbst in den schlimmsten Zeiten des faschistischen Salazar-Regimes hat es von Regierungsseite keine Appelle zum Verlassen Portugals geben. In den Salazar-Jahren emigrierten die Portugiesen aus politischen Gründen.

Die Portugiesen brauchten in harten Jahren nie staatliche Appelle, um mobil zu sein. Seit Jahrhunderten hat das Land seine sozialen Probleme in die Kolonien in Afrika, Asien und Südamerika exportiert. Galt vor Jahren die Emigration als überholt, hat sie heute stark zugenommen. Und anders als früher verlassen inzwischen Hochqualifizierte das Land für immer.

Auch der Staatssekretär für Sport und Jugend erntete mit seinem Vorschlag, die jungen Arbeitslosen sollen ihre »Zone des Komforts« verlassen und die Landesgrenze überqueren, keinen Beifall, sonder landesweiten Protest. Ein EU-Abgeordneter der Partido Social Democrata plädierte für eine nationale Auswanderungsagentur. Daß die Kosten die EU tragen soll, sagte der Abgeordnete nicht. Bis zum Ende des Jahres werden bestimmt weitere Vorschläge zum Abbau der Arbeitslosigkeit aus dem Land der Seefahrer und Weltentdecker kommen.
Karl-H. Walloch


Externe Wahl-»Hilfe«
Im März steht in Rußland die Neuwahl des Präsidenten an, und vermutlich hat Putin es sich leichter vorgestellt, dann wieder in dieses zwischenzeitlich anders besetzte Amt einzurücken. Ihn mit Gerhard Schröder einen »lupenreinen Demokraten« zu nennen, dürfte stark übertrieben sein, aber Putin weiß immerhin, daß er den Wünschen nach mehr demokratischer Partizipation, die sich jetzt in der Bevölkerung seines Landes verstärkt regen, entgegenkommen muß. Noch kann er bei einer Mehrheit mit dem Vertrauensvorteil rechnen, den er durch seine Politik der staatlichen Stabilisierung gewann, als es galt, aus den Turbulenzen der Jelzin-Ära herauszukommen. Bemerkenswert ist der Druck, den die herrschende Politik in den USA und in der EU auf die inneren politischen Entwicklungen Rußlands auszuüben versucht. Ungeniert verlangte die Außenministerin Washingtons eine Wiederholung der Dumawahl, und offensichtlich bemühen sich westliche regierungsnahe Agenturen und Medien, die Proteste gegen das System Putin in Rußland anzuheizen. Das Europäische Parlament, das dem Demokratieverlust in europäischen »Schuldenstaaten« untätig zuschaut, resolutionierte für einen demokratischen »Umbruch« in Rußland. Aber was soll da gebrochen werden, welch einen Sieg über Putin möchten die Machteliten der USA und der EU durch propagandistische Intervention und Wahl-»Hilfe« herbeiführen? Um die »Überwindung des Kommunismus« geht es nicht mehr. Putin, was immer in seinem Kopf vorgehen mag, hat keine proletarische Weltrevolution im Sinn. Offenbar sind es zwei Ziele, die sich die westliche Einmischung in russische gesellschaftliche Konflikte setzt: Erstens soll Rußland in seiner weltpolitischen Rolle geschwächt werden, die NATO-Staaten möchten ihre Geopolitik ungestört von russischen Einsprüchen oder Gegengewichten betreiben. Zweitens will westliches Kapital in Rußland ungehemmt seine Geschäftsfelder erweitern können. Da sind Putinsche Regulierungen hinderlich. Mehr Respekt für Menschenrechte in Rußland? Darum sorgen sich im Westen weder die geopolitischen Strategen noch die unternehmerischen Topmanager. Da hätten sie ja auch in ihrem eigenen Terrain und dem ihrer Verbündeten überreichlich zu tun.
Peter Söhren


Der arme Wulff
Man kann nur hoffen, daß die Bundeskanzlerin, die ja Wichtigeres zu erledigen hat, denn der Finanzmarkt ist ein ungeduldiger Auftraggeber, bald zwischendurch Zeit findet, die Nachfolge für das Amt des Bundespräsidenten zu arrangieren. Tag für Tag ein neues Kapitel der Wulffiade – das hält nicht einmal der beständigste TV-Konsument aus.

Aber man muß auch mitmenschlich denken: Wie soll denn ein Staatsoberhaupt noch freudig Hände schütteln, wenn selbst seine eigene Partei öffentlich darüber nachdenkt, wie es von seiner Tätigkeit entbunden werden kann? Wenn nur noch darüber geredet wird, wer demnächst seinen Platz einnimmt? Da muß dem Präsidenten auf Abruf sogar der Spaß am teuer bezahlten Eigenheim vergehen. Und dann diese exzessive Fragerei – vierhundert Antworten soll er geben, wenn das nicht Mobbing ist. Schlimmer noch die Erfahrung, daß Freundschaften eben doch wanken, sich gar in kriegerische Beziehungen verwandeln. Wie schön war über Jahre hin das innige Verhältnis zu Deutschlands obersten Meinungs
nern – und dann hauen diese ihren Kumpanen in die Pfanne. Wie soll der nun noch von der Vorteilhaftigkeit überkommener Werte reden? Von Treue? Sicher, eigene Fehler hat es auch gegeben. Vielleicht war es leichtfertig, einfach mal dahinzusagen, der Islam gehöre zu Deutschland. Aber jetzt würde es auch nichts mehr bringen, das Gegenteil zu behaupten.

Wulff verdient Mitleid. Ihm bleibt nicht einmal die Möglichkeit, sich mit einem »Vorerst gescheitert« publizistisch zu rehabilitieren. Der Titel ist schon besetzt und welcher Unternehmer würde das sponsern? Das Heimatlied hat getrogen. »Erdverwachsen«, na ja. Wer will schon immer selbst den Urlaub in Niedersachsen verbringen, aber mit dem »sturmfest«, das war nichts. Ein bodenständiges Bild bietet sich an, das dem Nochpräsidenten Trost geben könnte, den Umgang von Medienmächtigen mit Politikern betreffend: Das Hausschwein wird erst gemästet, dann geschlachtet. So ist der Lauf der Welt.
P. S.


Fritzisch
Derzeit befindet sich die Bundesrepublik Deutschland im präsidialen Elend – sie muß ein Staatsoberhaupt »ohne Würde« ertragen. Schreibt die Wochenzeitung Junge Freiheit, das zentrale Organ der Neuen Rechten, das zunehmend Politikern der »Mitte« als Tribüne genehm erscheint. Woran fehlt es dem gegenwärtigen Amtsinhaber, etwa an Distanz zur Geschäftswelt oder an der Bereitschaft zur ganzen Wahrheit? Das ist nicht die Sorge der Jungen Freiheit, sie beklagt, daß Wulff »den Euro nicht abschaffen, die millionenfache Zuwanderung aus fremden Kulturen nicht als Anschlag auf die Lebensfähigkeit Deutschlands geißeln« und die »fortgesetzte Vergangenheitsbewältigung nicht als Form der psychologischen Kriegsführung« attackieren wolle. Aber woher einen solchen Mann für das höchste Amt nehmen? Die Junge Freiheit hat ihn zur Verfügung, wenn auch nur symbolisch: Der Alte Fritz ist es, »der letzte große Krieger« und »erste Diener des Staates«, in ihm sei »die Sehnsucht der Deutschen verkörpert, auch in der Gegenwart gut regiert zu werden«. Das »Jubiläumsjahr« hat begonnen, dreihundert Jahre sind es her, seit dem deutschen Volke der Große Friedrich geboren ward, Potsdam kommt zu neuen Ehren. Die Junge Freiheit ist kein neonazistisches Blatt, sie steht für die schwarz-weiß-rote Tradition, für den Deutschnationalismus, ohne dessen Hilfe freilich das »Dritte Reich« nicht hätte errichtet werden können. Im März 1933 wurde dieses Bündnis mit dem »Tag von Potsdam« gefeiert, im Zeichen des Preußenkönigs, des »großen«. Kurz darauf wurde das Ermächtigungsgesetz beschlossen, und auf den Fahnen der Hitler-Jugend flatterte der preußische Adler, »Sieg oder Tod« wurde gesungen. Das Ende dieser Geschichte ist bekannt.
A. K.


Stalinismustest
Deutschlands tägliches Intelligenzblatt hat in Mechthild Küpper ein Redaktionsmitglied, das nicht nur für die Bundeshauptstadt und deren Schutz vor dem Lumpenproletariat, sondern auch für die Partei Die Linke zuständig ist. Von der taz schrittweise zur F.A.Z. aufgestiegen, hat diese meinungsfreudige Journalistin bisher zuverlässig dafür gesorgt, daß die LeserInnen ihrer Zeitung gar nicht erst auf den Gedanken kommen, die »SED-Nachfolge« könne »politikfähig« werden. Doch nun gibt Mechthild Küppers der Linkspartei doch noch eine Chance, denn ein »Profi« bewerbe sich um den Vorsitz, ein Mann, der »uneitel, präzise und humorvoll« sei, der »nichts Demagogisches wie Lafontaine« habe, als »verläßlicher Gesprächspartner auch außerhalb der Partei« gelte. Dietmar Bartsch also. »Stalinismus durch die Hintertür« habe ihn zeitweilig in seiner Partei aus der Spitzengruppe verdrängt, aber jetzt sei für die PDL eine Gelegenheit, das wieder gutzumachen und sich zu entscheiden: Entweder Bartsch oder »Personenkult«, »Sympathien für doktrinäre Herrschaft«. Hofft die F.A.Z.-Redakteurin ernsthaft, ihr Kandidat für den PDL-Vorsitz werde Erfolg haben? Oder präsentiert sie ihn nur, um nach einem Mißerfolg schreiben zu können: Beim Stalinismustest ist diese Partei durchgefallen? Vermutlich kann Mechthild Küpper auf eine Linkspartei verzichten, sie hat noch andere Themen zur Hand. Dem idyllischen Ort Beverungen an der Weser entstammt sie. Dort gibt es die PDL gar nicht. Ein sauberes Städtchen.
M. W.


Neonationalliberal
Mit der FDP geht es weiter abwärts. Das hastige Auswechseln ihrer Führungsfiguren hat ihr keine Sanierung gebracht, die Umfragewerte sind kläglich, die CDU/CSU möchte eine solche Partnerin bei passender Gelegenheit loswerden. Das parteipolitische Spektrum ist so erweitert, daß die großen Parteien, wenn sie fürs Regieren Hilskräfte brauchen, auf die FDP als unvermeidliche Mehrheitsbeschafferin nicht mehr angewiesen sind. Und beim Wahlvolk gelten die Grünen nicht mehr als »wirtschaftsfeindlich«, auch die Piraten nicht als »links«, also haben modern gesonnene Mittelschichtler andere Optionen als die freidemokratische. Was wird nun aus dem noch vorhandenen Potential der FDP? In Österreich hat sich seit langem die FPÖ etabliert, eine ihrem Namen nach »freiheitliche« Partei, die de facto eine rechtspopulistische Politik vertritt – warnend vor »Überfremdung«, demagogisch im Hinblick auf »Staatsbürokratismus«, speziell den der Europäischen Union, aggressiv gegenüber »ewigen Vergangenheitsbewältigern« und allem, was »links« erscheint. Untertöne dieser Art waren auch in der FDP zu hören, bei jener Richtung, die im innerparteilichen Streit um die »Euro-Rettung« nur knapp unterlag. Und nationalistische, nach rechtsaußen hin Verbindung suchende Strömungen gab es in der FDP schon immer, sie haben ihre Tradition im deutschen »Nationalliberalismus«.

Entwickelt sich aus der FDP im Untergang eine »FPD« nach österreichischem Muster? Auch in etlichen anderen europäischen Ländern sind ähnliche Parteien erfolgreich. Das könnte zu einem solchen Projekt in der Bundesrepublik animieren – im Zuge einer Resteverwertung der FDP.
A. K.


Daimler AG entdeckt Che
Man kann einiges an dem Motorradfan, Chirurgen, Revolutionär und kubanischen Volkshelden Ernesto Guevara de la Serna, genannt Che, kritisieren. Etwa dessen Stalinverehrung. Aber ganz sicher hat Che es nicht verdient, als Ikone der Daimler AG zu fungieren, so geschehen jüngst bei einem Werbeauftritt des Autokonzerns mit Vorstandschef Dieter Zetsche in Las Vegas. Der Anlaß: Die Vorstellung des neuen Marketingkonzepts des Carsharings, unter dem der Konzern das Teilen einer gemeinsam genutzten Luxuskarosse versteht. Zetsche in offenbar geistiger Umnachtung, posierend vor einem überdimensionierten Che-Portrait: »Einige Kollegen denken immer noch, daß Carsharing an Kommunismus grenzt. Aber wenn das der Fall ist: Viva la revolución!« – Es ist nicht der Fall, denn Privatbesitz, auch geteilter, ist in dieser Zukunftsgesellschaft abgeschafft; und kapitalistische Konzerne mitsamt der Konzernherren gleich mit. Frei nach Che Guevara: »Gibt es nicht genug Autos für alle, gibt es Autos für keinen.«
Carsten Schmitt


Großreinemachen
Von wegen »polnische Wirtschaft«, die verächtliche Bezeichnung sollte besser auf viele deutsche Landsleute angewendet werden, bei denen es nicht nur unter den Betten aussieht wie Sau komm raus, sondern im gesamten Haushalt der angeblich so ordentlichen Einheimischen.

Davon erzählt eine Kennerin, die heute zweiunddreißigjährige Immigrantin Justyna Polanska, professionelle Putzfrau und seit 2011 beachtenswerte Autorin. Sie schreibt unter einem Nom de Plume, das macht jedoch nichts, Roman Polanski, geborener Raymund Roman Liebling, wählte auch ein Pseudonym. Der Regisseur hat gern immer mal wieder auf den Putz gehauen, das brachte ihm sowohl Anerkennung wie Ablehnung ein, was ebenfalls auf die 220 autobiographischen Seiten seiner Landsfrau Polanska zutrifft. Allerdings verwickelte sich die attraktive junge Frau nicht wie der Regisseur in schräge Liebesaffären, vielmehr muß sie sich oft sexueller Angebote bis hin zu versuchten körperlichen Attacken erwehren. Das hat sie bisher noch immer geschafft, eine patente Person, die über eine gehörige Portion Ironie und Selbstironie verfügt.

Deshalb wird in ihrem Buch »Unter deutschen Betten« weder gejammert noch angeklagt, sondern so genau wie humorvoll notiert, was in deutschen Behausungen und den Köpfen ihrer Bewohner oder Besitzer an Mist und Müll anzutreffen ist. Gleich der erste Job ist ein Desaster. Nach dem Abitur war Justyna erwartungsfroh Richtung Deutschland aufgebrochen, um Geld zu verdienen für ihr Traumziel: eine Ausbildung als Visagistin. Vermittelt wird ihr eine Stelle in einem sogenannten gehobenen Viertel Offenbachs, wo sie in einer Villa nicht nur den Haushalt führen, sondern auch noch eine verzogene freche Göre betreuen soll. Lohn für die Doppelbelastung fällt meistens flach, dafür gibt’s an vielen Tagen nicht mal was zu essen, nach einem Jahr verläßt das indes schon ganz abgemagerte junge Ding dieses ungastliche Haus. Fortan verschafft sie sich ihre Arbeit per Zeitungs-Annonce: Putz- und Bügelstelle gesucht. War sie in Offenbach fast verhungert, leidet sie als schwer schuftende Fensterputzerin in einer anderen Stelle bei 30 Grad Hitze großen Durst, während die Familie direkt neben ihr sich an gekühlter Limettenlimonade labt. Ein solches unsägliches Gesocks bittet Justyna (das mit Bedacht gewählte Pseudonym verweist auf deren Gerechtigkeitssinn) verständlicherweise nicht um etwas zu trinken. Ihr Geld fordert sie energisch ein, mit Recht verweist die versierte Reinigungskraft auf eine Lücke – ich fasse das mal unter dem Stichwort Putzfrauenbewegung zusammen. Mag die über Jahrzehnte hin aktive deutsche Frauenbewegung inzwischen abgeschlafft sein – die spezielle Klientel könnte eine solche Interessenvertretung dringend brauchen – und Polanska wäre nicht mehr länger eine Einzelkämpferin.

Besorgt um verschiedene Hilfskräfte gibt sich Thomas Gottschalk in einem Gespräch mit dem Spiegel vom 21. November 2011. Der gläubige Katholik äußert sich über sein Christentum und wie er das zum Beispiel in seinem Zweitwohnort Malibu realisiert, den der Spiegel »gottlos« nennt. Oberstes Thommy-Prinzip: Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst. »Ich will für meine Frau und meine Kinder ... genauso da sein wie für alle anderen, für die ich verantwortlich bin, Putzfrau oder Gärtner. Schon aus Dankbarkeit dafür, daß ich mir dieses Personal überhaupt leisten kann.« Klingt nicht unsympathisch, wobei sich der sonst eher konfliktscheue Showmaster einen Seitenhieb auf Kollegen nicht verkneifen kann, die »sich für Afrika einsetzen und gegen alles Elend in der Welt ankämpfen« – das ist des deutschen Fernsehlieblings Sache nicht, ihm genügt die Rolle des privaten Kümmerers. Den Angriff auf Karlheinz Böhm, der nicht genannt, wohl aber gemeint ist, finde ich ziemlich mies, ähnlich schofel ging in seinen späteren Jahren Thomas Bernhard den österreichischen Landsmann Dietmar Schönherr wegen dessen Aktion für Nikaragua an und nannte ihn einen größenwahnsinnigen Schauspieler. Mitunter ist es ja ganz nützlich, wenn unter Kollegen aufgeräumt wird, doch oft geht es dabei alles andere als sauber zu.
Ingrid Zwerenz

Justyna Polanska: »Unter deutschen Betten. Eine polnische Putzfrau packt aus«, Knaur, 222 Seiten, 8,99 €


Ziemlich trostlos
»Bis vor fünfzehn Jahren hat er immer die Welt gerettet. Dann hat die Welt eine Wende gemacht und ist ihm in die Parade gefahren«, so Hanns über seinen Lebensweg.

Die Rettung der Welt bestand für den damals jungen DDR-Journalisten in Artikeln, in denen zwischen den Zeilen Aufmüpfiges und Wahres stand. Das gab seinem Leben einen Sinn. Später galt er unter den Kollegen gar als Schlagzeilenkönig, aber nicht lange danach war er arbeitslos, verlor Ansehen und Halt. Als Lokalredakteur einer Kleinstadtzeitung versucht er es nun – immer noch sprachmächtig, aber illusionslos, voller Wut auf den ganzen Unsinn um ihn herum. Nicht viel anders geht es seiner Frau und früheren Kommilitonin Veronika, die als Werbespezialistin jobbt und jeden Quatsch anpreist.

Zwei von vielen, die so dahinleben, Potenzen vergeuden oder verlieren, in jeder Hinsicht ärmer und schäbiger werden. Der Leser erfährt mehr über ihren Stuhlgang, Schminkgewohnheiten und seine Schwanzgelüste als etwa über eine Meinung zur Welt, geistige Interessen, gar gesellschaftliches Engagement. Wo nichts ist, kann man es nicht schildern. Kathrin Gerlof beschreibt den Zustand der beiden schonungslos, ja hart und schroff. Damit wir Leser weiter an dieser Trostlosigkeit interessiert bleiben, ist das Ganze an eine ungewöhnliche Geschichte gekoppelt, die bis zum Schluß ihr Geheimnis behält: Auf Grund einer Amnesie hat Veronika verdrängt, daß sie mit knapp 16 ein Kind geboren hatte. Vielleicht gibt es das wirklich, glaubhaft wird es nicht, denn Kathrin Gerlof, sonst recht ausführlich, bleibt hierzu äußerst knapp. Aber hätte ein Kind den ganzen Sinnverlust wirklich ersetzen oder verhindern können?
Christel Berger
Kathrin Gerlof: »Lokale Erschütterung«, Aufbau Verlag, 342 S., 19,99 €


Gute Vorsätze
Das neue Jahr beginnt man mit guten Vorsätzen: Raucher haben es da am leichtesten. Sie geloben, auf die laut Schachtelaufdruck möglicherweise tödlich endende Qualmerei zu verzichten. Dieser Vorsatz kann jährlich erneuert werden, vorausgesetzt, der nikotinverdunkelte Organismus hat den Löffel zwischenzeitlich noch nicht abgegeben und die Welt ist wieder nicht untergegangen. Was sagen Sie da, der Kettenraucher Helmut Schmidt wäre schon weit über 90? Na und? Wenn er nicht geraucht hätte, wäre er wahrscheinlich schon weit über 100!

Ein Raucher kann sich die Bewunderung für den dutzendmal gefaßten Beschluß immer wieder neu organisieren. Aber der Nichtraucher?

Vielleicht sollten wir auch – Prost! –auf den übertriebenen Alkoholgenuß, verzichten. Höchstens noch zwei Bierchen und einen Verdauer nach dem Abendbrot oder zwei, drei Flaschen Sekt mit guten Freunden nach der kirchlichen Trauung und der gerichtlichen Scheidung oder auf den neuen Bundespräsidenten. Ansonsten Ebbe. Wer will denn schon wie Amy Winehouse enden.

Es gibt noch andere gute Vorsätze. Täglich zehn Minuten Kopfstand im Büro oder 20 Minuten King-Ping-Mehr-oder-Weniger-Training in der Mittagspause oder bei jedem Wetter täglich mindestens eine halbe Stunde frische Bewegung an flotter Luft! Damit hat mein Nachbar nach seiner OP gerade wieder angefangen. Achillessehne, wenn Sie wissen, wo die langläuft. Richtig, das ist der wunderbare Körperteil, der nach dem griechischen Sagenhelden benannt ist. Pardon, ich meine natürlich nicht wunderbar, sondern verwundbar. Das sind die Griechen ja sowieso, mit und ohne Achillesferse.

Oder anstelle des Autos der Umwelt zuliebe den Öffentlichen Nahverkehr nutzen. Zum Beispiel zwischen Potsdam und Berlin. Hahaha. Mit Zwischenübernachtungen in Wannsee und Babelsberg.

Und an liebe Freunde einmal monatlich eine Karte versenden und selbige auf dem nächsten Postamt persönlich aufgeben. Das kann man gleich mit einem Lauf verbinden, die Strecke zur nächsten Postfiliale entspricht knapp Marathonlänge. Ach, schon wieder die Griechen!

Und sich nicht alles von der Boulevardpresse bieten lassen! Gegenhalten, wie der Bundespräsident!

Und keinesfalls wegsehen, wenn Nazis prügeln oder um sich rumschießen. Mitmachen, wie der Verfassungsschutz! Der Umgang mit Blei zum Jahreswechsel ist sowieso eine alte Tradition! Prosit Neujahr!
Wolfgang Helfritsch


An die Lokalpresse
Unsere Polizei hat’s ganz schön dick hinter den Ohren! Vor einer Woche ließ sie in der Presse mitteilen, daß die 500köpfige Spezialgruppe zur Ermittlung der Autozündler wegen des Rückgangs der Delikte aufgelöst worden ist. Die Morgenpost teilte mit, daß die Vorfälle »seit der Abgeordnetenhauswahl« – aha! – deutlich zurückgegangen sind. Zwei Nächte nach der Meldung brannten die nächsten Edelkarossen in Marzahn, weitere zwei Nächte später wieder im branderfahrenen Friedrichshain. Ich denke mir, das hat die Polizei ganz raffiniert eingefädelt, das war Taktik. Sie hat die Sondergruppe nicht wirklich aufgelöst, so dumm kann nicht mal die Polizei sein. Sie hat die Pressemeldung lanciert, damit sich die Brandstifter sicher fühlen und wieder aus ihren Löchern kriechen, und dann wird zugegriffen. Das ist ein Beweis dafür, daß die Polizei besser ist als ihr Ruf. Außerdem wird dadurch erneut bewiesen, daß Medien der Polizeiarbeit nicht nur schaden können, sondern ihr unter Umständen sogar nützen. – Korbinian Knillich, (76), Reporter i.R., 54673 Zweifelscheid
Wolfgang Helfritsch


Auswurf
Der Kolumnenschreiber einer für alles zuständigen Boulevardzeitung, der täglich seinen Geistessenf auf Mensch und Unmensch streicht, hat sich kürzlich mit Helmut Schmidt, dessen Zigarettenkonsum und dessen Verstandeskräften befaßt und geurteilt: »Helmut Schmidt hustet Weisheit aus.« Der Schreiber siedelt Weisheit anscheinend in der Nähe des Spucknapfes an.
Günter Krone


Press-Kohl
Die Berliner Zeitung warb Ende Dezember für ihre »Sonderzugreise«: »Mit dem Hansa-Expreß nach Masuren & Ostpreußen«. Das Farbfoto der Marienburg, die auf solchen Bildern allemal von weißen Wölkchen im stets blauen Himmel (Azur) verziert war, zeigt auf dem Himmel die große Aufschrift »Medizinische Begleitung!«

Weshalb wird der Hansa-Expreß in Ostpreußen medizinisch begleitet? »Am 3. Tag Freizeit oder optionaler Ausflug: Kirche Heilige Linde, Wolfsschanze ...« Falls ein optionaler Ausflügler in jener Wolfsschanze (in welcher der Maul-Held A. Hitler, verscharrt wie ein Maul-Wurf, den letzten Weltkrieg verlor) sich nicht ergeben, sondern übergeben muß, so eilt der Expreß-Notarzt Dr. Brechwurtz herbei und streut Sand über alle Pfützen.
Felix Mantel