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Titel2010

Seelengüte  (Sergej Guk)
Die russische Obrigkeit ist nicht so hartherzig, wie sie manch einer darzustellen versucht. Nehmen wir als jüngstes Beispiel die Lebensmittelpreise. Nach den wochenlangen Bränden, die Felder und Weiden vernichteten, haben sie ihre Kunst des Raufkletterns wieder überzeugend bewiesen. Die Armen, vor allem die schutzlosen Alten, drehen ihre Rubelchen nicht zweimal, sondern dreimal um, bevor sie entscheiden, auf welche Nahrungsmittel sie nunmehr verzichten.

Präsident Dmitri Medwedew zeigte sich darüber sichtlich mitgenommen und machte persönlich mit einer Schar von Gefolgs- und Fernseh-Leuten einen Rundgang durch die Brotverkaufsstuben. Und das Wunder geschah: Überall, wo er sich blicken ließ, schrumpften die Brotpreise prompt wie Balzac‘sches Chagrinleder. Zwar nicht für längere Zeit, aber immerhin.

Daraufhin verkündete das von diesem Effekt angenehm berührte Staatsoberhaupt den weisen Ratschluß, die Bäckereien sollten künftig billigeres Brot für die Bedürftigen produzieren. Qualitätsmäßig müßten die Erzeugnisse für die Armen nicht auf dem Niveau der für die wohlhabenden Mitbürger bestimmten Backwaren stehen. Für Menschen der zweiten Klasse, so konnte man das verstehen, sind auch Speisereste gut genug.

Medwedew brauchte seinen Aufruf nicht zu wiederholen: Die Geschäftsleute sind selber nicht von gestern. Alles, was der Verschlechterung der Qualität, der Verringerung der Kosten, der Erhöhung der Preise und letztlich der Gewinnsteigerung dienlich ist, tun sie stillschweigend, ohne daß der Oberchef sie dazu auffordern müßte. Ordnungsgemäß warnte der Präsident die Unternehmer aber vor weiterer Preistreiberei: »So geht es nicht, meine Herren!«

Aber es geht. Und wie. Weltweit kann Benzin wegen des Ölpreisverfalls billiger verkauft werden, nur in Rußland mit seinen riesigen Öl-Vorkommen wird der Benzinpreis an den Tankstellen unbeirrt zulegen. Sporadische Drohgebärden aus der Regierung und dem Präsidialamt beeindrucken gierige Ölbarone nicht mehr als das Surren einer Fliege.

Jedes Jahr beginnt bei uns ausnahmslos mit der Erhöhung der Strom-, Wasser-, Gastarife sowie der Miete, der Telefongebühren und so weiter – aus welchem Grunde auch immer. Jedesmal raten wir: um wieviel diesmal? Um 25 Prozent wie im vorigen Jahr oder noch mehr? Diesen Tariferhöhungen eilen die Preise für die restlichen Waren nach, vor allem für Lebensmittel. »Die da ganz oben« geben zwar zu, das sei unerträglich und nicht fair, unternehmen jedoch gegen die Willkür nichts. Wir vermuten, sie können nicht viel ausrichten. Die wichtigsten Wirtschaftszweige sind längst verhökert – unter eifriger Beteiligung der zuständigen Beamten. Jetzt fehlt es den Machthabern an wirksamen finanziellen Druckmitteln.

Kürzlich bestellte der Präsident die Manager des vor Geld stinkenden Gas- und Ölmonopols Gasprom zu sich und fragte, ob sie den Brandopfern helfen können. Die Herren erklärten sich sofort bereit und teilten Medwedew mit, Gasprom könne den Notleidenden Satellitenschüsseln zukommen lassen. Viel zu großzügig für die armen Teufel, die kein Dach über den Kopf haben. Oder sollen sie die Schüsseln beim nächsten Unwetter als Schutzhelme tragen? Der Empfang von Dutzenden bunten Fernsehprogrammen könnte die Armen jedenfalls vor häßlichen Gedanken und bösen Absichten schützen. Vielleicht aber hatte der Konzern die Geräte irgendwo preisgünstig eingekauft, wollte nun die Lagerhallen räumen und die einem Wohltäter zustehenden Steuervorteile nutzen.