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Titel2010

Ein Starintellektueller  (Reiner Diederich)
Unter dem Titel »Die neuen Jakobiner« schreibt Norbert Bolz im Focus 37/10 über den »Gesinnungsterror der politisch Korrekten«. Bolz wird als »Berliner Medienphilosoph« vorgestellt, der »in seinen letzten Büchern den konservativen Kanon abgeschritten hat«. Wie man das macht, einen Kanon abschreiten, bleibt das Geheimnis der Focus-Redaktion. Wollte sie das Wort »herbeten« vermeiden? Es wäre treffender. Denn Bolz besingt in seinem Kanon das Übliche: Familie, Religion und Freiheit – fehlt eigentlich nur noch das Vaterland.

Medienphilosoph – wer denkt da nicht sofort an die Werbung. Dort ist immerzu von der Philosophie eines Unternehmens oder gar eines Produkts die Rede, und sei es Rasierschaum zum Einseifen. Oder an Sloterdijk, der wie Bolz auf allen Kanälen zu Hause ist. Wie dieser stellt sich Bolz dem angeblichen Zeitgeist in den Weg, in Wirklichkeit verleihen gerade sie beide dem neuesten Trend philosophische Weihen. Unvergessen Sloterdijks Vorschlag vom letzten Jahr an die Besserverdienenden, das Steuerzahlen einzustellen und stattdessen nach Lust und Laune zu spendieren.

Den Zeitgeist, von dem sich Bolz bedroht fühlt, beschreibt er so: »Längst haben die Funktionäre der Politischen Korrektheit die Stellen der sozialen Kontrolle dessen besetzt, was als diskutabel gilt.« Aber erleben wir nicht gerade, wie Thilo Sarrazin unter dem Applaus der Mehrheit der Bundesbürger die Grenze dessen, was als diskutabel gilt, nach rechts verschiebt? Wie selbst seine Kritiker einen Kotau vor seinen angeblich weitgehend richtigen Zustandsbeschreibungen von der Integrationsfront machen, um nicht den Anschluß zu verlieren?

Daß es Bolz um den Fall Sarrazin geht, obwohl er das in dem Artikel nicht offen sagt, wird an den »Zauberwörtern« deutlich, die seiner Ansicht nach von den »neuen Jakobinern« mobilisiert werden, um Meinungszensur auszuüben: »Multikulturalismus, Respekt und neuerdings Diversität«. Alles hilflose Begriffe, die den Bundesbürgern die Realität der Einwanderung zu Bewußtsein bringen sollten. Aber Bolz regt sich über sie auf. Er empört sich über »Antidiskriminierungsämter«, nicht über die alltägliche Diskriminierung. Er möchte die deutsche »Leitkultur« wieder haben.

Deshalb greift er auf Thomas Manns »Betrachtungen eines Unpolitischen« aus dem Jahre 1918 zurück, die für ihn die beste Definition der Politischen Korrektheit lieferten: »Auferstehung der Tugend in politischer Gestalt, das Wieder-möglich-Werden eines Moralbonzentums sentimental-terroristisch-republikanischer Prägung, mit einem Wort: die Renaissance des Jakobiners.«

Schon die kleine Kostprobe zeigt, daß Thomas Mann in diesem Werk alle seit der Französischen Revolution entstandenen Ressentiments gegen die westliche, republikanische Zivilisation versammelt hatte. Er stellte ihr den deutschen Geist und die deutsche Kultur als das angeblich ganz Andere gegenüber. Vor allem die Vorstellung, daß das moderne Volk »demos«, eine politische Willensgemeinschaft mit demokratischer Verfassung sein soll, nicht »ethnos« als mythische Bluts- und Kulturgemeinschaft, war ihm – und ist bis heute vielen Deutschen – unbegreiflich.

Thomas Mann hat sich schon 1922 in seiner Rede »Von deutscher Republik« von den »Betrachtungen« distanziert. Als sie letztes Jahr in einer kommentierten Ausgabe im S. Fischer-Verlag wieder erschienen, fiel der Kommentar von Hermann Kurzke äußerst wohlwollend aus. Zufall – oder wird dieses Gedankengut in der Krise erneut gebraucht?

Warum Norbert Bolz die politisch Korrekten bekämpft sehen will, hat er unmißverständlich klar gemacht: »Wir leben weit entfernt von Meinungsfreiheit. Das mächtige Tabu über einer politischen Rechten kann nur durch ein Coming-out der Starintellektuellen gebrochen werden.« Bevor ein deutscher Geert Wilders oder Jörg Haider möglich sein wird, müssen, da hat Bolz recht, noch einige Tabus gebrochen werden. Er – der sich offenbar für einen der Starintellektuellen hält, weil er so oft im Fernsehen auftreten darf – und andere arbeiten daran.