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Titel2010

Bemerkungen

Attacke
Horrormeldungen in den schnellen Medien: »Und dann die Attacke«, meldet Bild-online. »Der Täter konnte fliehen«, »noch keine heiße Spur« heißt es in heute vom ZDF. Die Polizei gibt eine Telefonnummer an, bei der sich Zeugen melden können, und der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft warnt vor »Radikalisierung«, vor »gewalttätigem Protest«, vor »gesellschaftlichem Sprengstoff«. Die grüne Partei »verurteilt« den Anschlag »scharf«. Immerhin hat das Opfer die Attacke »überstanden«, wie Focus-online meldet. Nun wird wegen »versuchter Körperverletzung« und »Sachbeschädigung« ermittelt. Jürgen Trittin ist der Beschädigte; »körperliche Gewalt« dürfe kein Mittel des politischen Streits sein, sagt er. Die Tatwaffe: Joghurt. Und in den Blogs fehlt es nicht an klammheimlicher Freude: Die böse »Saat von 1968« gehe auf – diesmal habe es den Richtigen getroffen.

»Wir behandeln die Falschen«, so betitelte der Psychiater Manfred Lütz seine »Seelenkunde«. Die Reaktionen auf das Joghurt-Attentat bestätigen diese These.

Peter Söhren


Sowohl als auch

Einen »Arbeitsparteitag« brachte die SPD hinter sich; es arbeitete vor allem ihr Vorsitzender, dessen Rede kein Ende nehmen wollte. Aber die Partei ist ihm dankbar: endlich mal ein Vorsitzender mit vermutlich längerer Haltbarkeitsdauer. »Die SPD ist wieder da«, sprach Sigmar Gabriel seinen Parteifreunden Mut zu. Gemeint sind die Umfragewerte (bei denen Wahlabstinente allerdings nicht zum Vorschein kommen). Die Ortsvereine können nicht gemeint sein, denn in denen geht es durchweg apathisch zu, und nicht wieder da sind die vielen Sozialdemokraten, denen seit der Ära Schröder / Steinmeier / Clement / Müntefering / Steinbrück die Lust an der Politik vergangen ist. Steinmeier allerdings ist der Partei nicht abhanden gekommen, und Steinbrück war als »Levitenleser« (Wirtschaftswoche) auf dem Parteitag anwesend. Er warnte davor, sich allzu sehr um Rentner und »Hartz IV«-Empfänger zu kümmern, die SPD müsse »Leistungsträger« ansprechen. Er riet auch davon ab, der Partei wieder ein linkes Image zu geben. »Wir brauchen Sowohl-als-auch-Positionen«, hieß sein Kernsatz.

Damit steht er nicht im Widerspruch zum Parteivorsitzenden. Steuerpolitik, »Hartz IV«, Renteneintrittsalter – der Parteitag begnügte sich mit vagen Formulierungen. »Wir müssen die Dinge offen lassen«, mahnte Sigmar Gabriel. Also erst mal die demoskopischen Konjunkturen abwarten und schauen, wie sich der Partnermarkt fürs Regierungsgeschäft entwickelt.

Sowohl-als-auch nicht zuletzt beim Thema »Deutschland schafft sich ab«. Für die einen begründete der Parteivorsitzende noch einmal, weshalb Sarrazin für die SPD eine Belastung sei, den anderen versprach er, »Integrationsverweigerer« aus dem Lande zu verweisen, und Heinz Buschkowsky war eingeladen, um dazu sein »Ja wattn sonst!« zu sagen.

Die Personalie: Für die Kanzlerkandidatur werde Gabriel den Vortritt freigeben für Steinbrück, mutmaßt Bild-Online gleich nach Ende des Parteitags. Und wo, wenn nicht im Hause Springer, sollte darüber entschieden werden.
Arno Klönne


Mit Demoskopie gegen Luxus
»Nicht über 20 Euro« dürfe sie kosten, die Anpassung des monatlichen Regelsatzes bei »Hartz IV« an die Einwände des Bundesverfassungsgerichts, so hieß es erst bei denen, die politische Verantwortung tragen. Diese Bürde ist schwer, und die Politiker erschraken vor ihrer eigenen Großzügigkeit. Also gingen sie runter: »Ungefähr 10 Euro«. Der bayerische Ministerpräsident, »Luxus« befürchtend, mahnte: »Am besten keinen Cent – der Sozialstaat muß bezahlbar bleiben.« Sorge um das Gesundheitssystem kam auf: Dürfen Bier und Zigaretten bei der Berechnung des Regelsatzes berücksichtigt werden? Selbstverständlich nicht, wußte die FDP, denn solcher Konsum hat Folgewirkungen: Die Transfermenschen könnten die Krankenkassen in den Ruin treiben.

Entscheidungshilfe kann von Bild am Sonntag. Die Zeitung beauftragte EMNID mit einer Schnellumfrage, das demoskopische Institut, dem wir schon den Hinweis zu verdanken haben, eine neue Rechtspartei könne bei 20 Prozent des Wahlvolkes mit Zustimmung rechnen. EMNID sagt von sich: »Wir verschaffen den Deutschen Gehör ... mit innovativen Untersuchungsansätzen«. Und so geschah es: »Mehrheit der Deutschen lehnt ›Hartz IV‹-Erhöhung ab« – konnten die Medien melden, pünktlich vor der Sitzung der Regierungskoalitionäre zu diesem Thema. Die Bundesarbeitsministerin sorgte für einen Kompromiß: 5 Euro mehr im Monat soll es geben, insgesamt 364 Euro. Auf diese Weise ist vermieden, daß die Erwerbslosen über die Stränge schlagen. Bei der Berechnung des Regelsatzes bleiben Ausgaben für Alkohol und Nikotin nun außen vor, einkalkuliert wird neu der Internet-Zugang, damit sie sich ganz modern unterhalten und ablenken können. Aber wenn nun »Hartz IV«-Empfänger auf die Idee kommen, sich darüber zu informieren, was andere Gruppen der Gesellschaft aus öffentlichen Kassen beziehen? Ist das nicht riskant?

Nicht in Gefahr ist das »Lohnabstandsgebot«, 5 Euro mehr rütteln daran nicht. Oder doch? Das EMNID-Institut, das den Stoff für die so nützliche Meldung über deutsche Mehrheitsmeinung lieferte, zahlt, wie man hört, seinen TelefonarbeiterInnen ein recht bescheidenes Honorar. Auch für sie sollten dann doch ein paar Euro dazugelegt werden, damit sie nicht ins Grübeln über den politischen Mehrwert ihrer befragenden Tätigkeit, der innovativdemokratischen, geraten.
Marja Winken


Abstandssorgen
Fünf Euro pro Monat reichen, als Aufstockung bei »Hartz IV«, sagt die zuständige Bundesministerin; der Maßstab dabei müsse sein: »Was können die Leute ausgeben, die mit Arbeit ihr eignes kleines Einkommen verdienen. Auch die können sich nicht alles leisten.«

Da sind Rechenoperationen anzustellen. Nehmen wir als »eigenes kleines Einkommen« auf Mindestlohnbasis 1.500 Euro im Monat an und erhöhen fiktiv den »Hartz IV«-Regelsatz auf 850 Euro, so würde noch gar nichts schief gehen mit dem »Abstandsgebot«, auch die Transferempfänger könnten sich noch nicht alles leisten. Aber wenn wir ganz utopisch vorgehen, die »Hartz IV«-Bezüge über die Mindestlöhne hinaus erhöhen, sagen wir mal auf 2.000 Euro monatlich? Dann wäre die Katastrophe da: Die Arbeitslosen könnten sich alles leisten, die Niedriglöhner würden aufsässig, und Vorstandsmitglieder der staatlich alimentierten Pleitebanken, denen das monatliche Höchstsalär auf 41.600 Euro beschränkt wurde, hätten Grund zur Klage: Der Abstand reicht nicht mehr hin, warum noch als Großbanker schuften, wenn alle sich alles leisten können.
P .S.


Transfer
In Debatten über die Sozialpolitik, die arg unsozial geworden ist, hört und liest man neuerdings immerzu das Wort Transfer; aktuell vor allem im Zusammenhang damit, daß in Deutschland einige Millionen aus der Erwerbsarbeit Ausgegrenzte nach Abschluß des internationalen Jahres zur Bekämpfung der Armut monatlich fünf Euro mehr erhalten sollen – die den Preisanstieg der vergangenen Jahre nicht ausgleichen. Woher kommt das Wort? Was sagt es uns? Oder – denn das ist ja häufig der Zweck sprachlicher Neuerungen – was verschleiert es? Antworten erbeten an
die Redaktion


Unterm Strich
Jetzt müßte es jede und jeder begriffen haben: Die Sozialleistungen hierzulande sind zu üppig, und deshalb fehlt der Antrieb zur Arbeit. Die Regierung hat uns das erklärt, die Fachmänner aus der Wirtschaft erläutern es noch mal in den Talkrunden, und die Medien leisten Tag für Tag Überzeugungsarbeit: »Wachsende Sozialtransfers dämpfen das Bemühen zur Aufnahme gering bezahlter Arbeit... Je höher die staatliche Leistung, desto geringer der Anreiz zu arbeiten«, heißt es im Leitartikel der Frankfurter Allgemeinen vom 28. 9., und auch Wissenschaftler bemühen sich um Aufklärung. Das Handelsblatt vom selben Tage berichtet unter der Überschrift »Wer arbeitet, ist der Dumme« von einer Studie des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, worin der Arbeitsmarktexperte Klaus Schrader »rein rechnerisch« die »Fehlsteuerung« nachgewiesen habe. Hier ein Beleg: Eine geringqualifizierte ostdeutsche alleinstehende Frau mit zwei Kindern bekomme »unter dem Strich acht Prozent mehr Stütze, als sie im Dienstleistungssektor als Einstiegsgehalt verdienen würde«. Was läßt sich dagegen tun? Weniger Stütze, dadurch mehr Arbeit. Nun ist es rein empirisch so, daß sich nicht allerorten die erwähnten Dienstleistungsjobs anbieten. Aber wo ein Anreiz ist, wird auch ein Weg sein: Die gute Frau löst ihren Haushalt auf und siedelt um – dorthin, wo ihre Dienstleistung gefragt ist. Das kostet ein bißchen, macht aber nichts, sie nimmt einen Kleinkredit auf. Derartige Tätigkeiten sind oft nicht von Dauer. Auch nicht schlimm, die Frau kann in einer Billigpension wohnen, das hält flexibel. Bleibt nur das Problem mit den Kindern. Die muß sie irgendwie abschaffen. Wir sind ja, der Ministerin von der Leyen sei’s geschworen, auf dem Weg in eine kinderfreundliche Gesellschaft.
M. W.


Alice und die »Wahrheit«
Selbst die »Oberemanze« komme nun dem »Volkshelden« zur Hilfe, freuen sich massenweise deutsche Männer: »Emma-Gründerin fordert Kopftuchverbot« liest man in den Zeitungen. Erst mal für die Schulen, aber dabei muß es ja nicht bleiben. Bild rührt für seine Mitarbeiterin die Werbetrommel: »Alice Schwarzer rechnet mit Islamisten ab.« Islam, Islamismus – da wird so mancher, der sich ums Abendland sorgt, nicht unterscheiden können oder wollen. Alice Schwarzer nimmt es auch nicht so genau mit den Unterschieden: »Frauen, die in Demokratien für das Recht auf Kopftücher kämpfen, gucken weg bei dem blutigen Unrecht, das in islamischen Ländern unterm Kopftuch passiert«, behauptet sie im Gespräch mit dem Focus. So als wäre jede Muslimin, die hierzulande auf das Kopftuch nicht verzichten will, eine Anhängerin der Gewaltjustiz in Ländern wie Saudiarabien.

Ob ihre Botschaften nicht von Islam-Hassern mißbraucht werden könnten, wurde Schwarzer gefragt. »Die Wahrheit ist immer richtig«, antwortete sie. Ist sie Alleinbesitzerin von »Wahrheiten«? Und was bewirkt die Verkündigung einer »Wahrheit«, wenn eine andere, die gleich daneben zu finden ist, verschwiegen wird? Wie wär’s mit dieser Devise: »Mein Kopf gehört mir!« Also: Niemand hat das Recht, eine Frau zu zwingen, ein Kopftuch zu tragen. Und niemand hat das Recht, eine Frau zu zwingen, kein Kopftuch zu tragen. Allerdings: Da würde Bild wohl nicht einsteigen.
A. K.


Pädagogischer Zwischenfall
In einem Gymnasium einer deutschen Mittelstadt ereignete sich kürzlich dies. Ein Schüler, der zur aussterbenden Spezies junger Zeitungsleser gehört, unschlüssig noch, ob er sich alsbald für das Handwerk des Journalisten ausbilden lassen will, stieß bei der morgendlichen Lektüre auf den außenpolitischen Seiten von der alten Welt bis zur jungen Welt in Berichten über Israel und den viel erwähnten Friedensprozeß im Nahen Osten immer wieder auf einen Begriff, der ihn stutzen ließ. Er beschloß, bei seinen Lehrern für die deutsche Sprache, die Geschichte und die Kunde von der Gesellschaft Rat zu erbitten, und fragte, als die Stunden eingeläutet waren, jeweils so: Er lese in der Presse »von rechts außen bis links hinten« täglich von Siedlungsbau, Siedlungstätigkeiten, Siedlungsaktivitäten auf einem Territorium, das zu dem Staate, dessen Bürger da siedelten, nicht gehöre. Warum eigentlich, frage er sich und nun die Pädagogen, schreibe da niemand von vorsätzlichem, wenn schon nicht von vollendetem Landraub? Er hat mir die Antworten, die er erhielt, nicht verraten. Sie scheinen ihn nicht überzeugt zu haben. Den Namen der Anstalt, an der sich das zutrug, habe ich dann schnell vergessen. Aber nichts spricht dagegen, die Frage auch anderswo zu stellen.
Kurt Pätzold


(K)ein Konzentrationslager
Dieses deutsche Konzentrationslager, in dem im März 1944 innerhalb von acht Tagen 9000 weißrussische Zivilisten erschossen wurden, verhungerten oder durch Seuchen umkamen, darf kein Konzentrationslager gewesen sein. Warum nicht? Weil es nicht von der SS betrieben wurde. Wäre es von der SS betrieben worden, dann könnte es ein KZ gewesen sein. Weil es aber von der Wehrmacht geplant und bewacht wurde, darf dieses Lager nicht KZ genannt werden, denn deutsche Soldaten sollen doch bitte nicht als Massenmörder erscheinen – auch wenn eindeutig feststeht, daß es Massenmord war: Die 9. Armee unter General Josef Harpe sperrte die Zivilisten ausschließlich deshalb ein und tötete sie, weil sie sie als »unnütze Esser« loswerden wollte.

So oder ähnlich muß die Bundesregierung gedacht haben, als sie seit 2006 bis heute mit immer neuen Ausflüchten das Ansinnen des belorussischen Justizministeriums abwies, das Todeslager Osaritschi endlich als ein KZ anzuerkennen. Jedes Mal antwortete die deutsche Seite, dies sei »wegen juristischer Hindernisse nicht zu machen«.

Renommierte deutsche Historiker betonen, daß es sich bei dem Todeslager Osaritschi um »eines der schwersten Verbrechen der Wehrmacht gegen Zivilisten überhaupt« handelt (so Dieter Pohl vom Institut für Zeitgeschichte). Fest steht, daß General Harpe entsprechende Grundlagenbefehle gegeben hatte, die zur Zwangsrekrutierung der Arbeitsfähigen und zur Deportation und Konzentration der arbeitsunfähigen Angehörigen in mit Stacheldraht umzäunten Arealen ohne Gebäude oder sanitäre Einrichtungen in einem Sumpfgebiet in der Nähe des Dorfes Osaritschi führten. Erwiesen ist auch, daß diese Menschen schon beim Transport nach Osaritschi gleichermaßen dem Verhungern wie den willkürlichen Erschießungen der sie bewachenden Soldaten der 35. Infanteriedivision ausgeliefert waren. Der Osteuropa-Historiker Hans-Heinrich Nolte (Hannover) weist darauf hin, daß Divisionschef Johann-Georg Richert wegen seiner Verantwortung für Verbrechen in diesem Konzentrationslager von den Richtern des Minsker Prozesses 1946 zu Recht zum Tode verurteilt wurde. Professor Christian Gerlach (Bern) hatte schon in seiner Dissertation »Kalkulierte Morde« Osaritschi als »Todeslager« für »unnütze Esser« charakterisiert.

Nach vier Jahren Hinhaltetaktik gab anno 2010 das deutsche Außenministerium der belorussischen Regierung den Tip, sie solle sich mit ihrem Anliegen doch bitte an den Internationalen Suchdienst des Roten Kreuzes in Genf wenden, da die deutsche Regierung ihr »KZ-Verzeichnis in Kooperation mit dem Internationalen Suchdienst« aufstelle. In einem über die belorussische Nachrichtenagentur BTA verbreiteten Brief an den Suchdienst zeigt sich das weißrussische Justizministerium befremdet über diese deutsche Informationspolitik mit Verschleppungstendenz, und sie bittet nun diese Organisation um Anerkennung des Todeslagers bei Osaritschi als Konzentrationslager. Nachdem das Internetlexikon Wikipedia seit dem 15. September einen unmißverständlichen enzyklopädischen Artikel »Konzentrationslager Osaritschi« führt, sei der Bundesregierung ein Blick dorthin empfohlen.
Wigbert Benz


Gauck und »Stuttgart 21«
»Wer einmal seinen Staat verschwinden sah, betrachtet aktuelle Mächte ohne letzten Ernst«, schrieb Christoph Dieckmann einmal in der Zeit. Das klingt gut – aber ist es auch wahr? Gilt es auch für Angela Merkel oder Joachim Gauck? Gauck, der für die SPD und die Grünen als Bundespräsidentschaftskandidat auftrat und zugleich bekundete, dass er eigentlich für die CDU und die FDP größere Sympathien empfindet, hat nun in der ARD-Sendung »Beckmann« die Politik aufgefordert, das Bahnprojekt »Stuttgart 21« trotz der Bürgerproteste zu realisieren. In jahrelangen Prozessen seien Entscheidungen zu dem Milliardenvorhaben gefallen, die bekannt gewesen seien. »Und diese Entscheidungen jetzt nicht zu vollziehen, das wäre ja fast eine Straftat. Die Politiker, die jetzt sagen, ich baue einfach nicht weiter, die dürfen das gar nicht tun, wenn sie sich selbst ernst nehmen.«

Man kann über »Stuttgart 21« und auch über die Vorzüge der direkten Demokratie unterschiedlicher Meinung sein. Man kann Entscheidungen von Parlamenten gegenüber Volksabstimmungen bevorzugen. Aber eins kann man nicht: sich als Repräsentant der Bürgerbewegung in der DDR seligsprechen lassen und zugleich die Beachtung von Bürgerprotesten in die Nähe einer Straftat rücken. Gauck ist eine Mogelpackung, seine Autorität ist erschwindelt. Er betrachtet die aktuellen Mächte nicht nur mit Ernst, sondern mit der Beflissenheit des deutschen Untertanen. Daß er nicht Bundespräsident wurde, sollte zumindest all jene freuen, die beim Bahnprojekt »Stuttgart 21« mitreden wollen. Bei Wulff wußte man wenigstens, woran man war. Und wenn über »Stuttgart 21« auch kein Staat verschwinden wird – bezüglich der Stadt- und Landesregierungen wäre ich mir nicht so sicher. Vielleicht wird sich der wendige Gauck noch gemeinsam mit der in Stuttgart regierenden CDU blamieren. Das zu beobachten, wäre schon eine Befriedigung.
Thomas Rothschild


… vorn die Ostsee
»Bademeister! Bademeister! Unerhört! Ist die Ostsee für die Kundschaft da, oder sind Sie für die Ostsee da? Was sich diese Leute erlauben! Nu geben Sie schon her den Bademantel! Hier! Nein, da! Herrgott ...« So ließ Kaspar Hauser seinen neureichen Großbürger Wendriner 1925 in der Weltbühne motzen. Tucholsky arbeitete die Ostsee gern in seine Texte ein. Seine besondere Liebe zu diesem Gewässer rührt wohl daher, daß der gebürtige Berliner dreijährig nach Stettin, dem heutigen Szczecin, kam und dort einige Jahre heranwuchs. So war es folgerichtig, daß die Kurt- Tucholsky-Gesellschaft in diesem Jahr in Mecklenburg-Vorpommern Station machte, nachdem sie in den vergangenen Jahren Tucholsky schon an viele andere Orte nachgereist war. »… vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße …« war das Motto der Jahrestagung. Der Vorsitzende der Gesellschaft, der Londoner Germanist Ian King, leitete ein Seminar zu diesem Thema, in dem er auch den frühen Antisemitismus zur Sprache brachte. 1922 schrieb Peter Panter: »Zinnowitz läßt auf dem Gemeindehaus ein großes blank poliertes Hakenkreuz anbringen. (…) Ein herzerfrischender antisemitischer Wind pfeift brausend über den judenreinen Strand des anmutigen Badeörtchens, seine Toiletten sind sämtlich schwarz-weiß-rot angestrichen und mit frommen Wünschen für die Monarchie versehen.« Im benachbarten Heringsdorf sah es anders aus, denn dort siedelten sich jüdische Künstler an, wie Rudolf Nelson, der Großmeister des Berliner Kabaretts der zwanziger Jahre, den Tucholsky mehrfach besuchte.

Die Tagungsteilnehmer wandelten in Warnemünde auf Tuchos Spuren und besuchten Graal-Müritz. In der Pension Buchenhof (heute Heimatmuseum) hatten Kurt und Else Tucholsky ihre Flitterwochen verbracht.
Tucholsky war 1911 von Rheinsberg mit Else Weil, seiner »Claire«, nach Warnemünde gereist, wo er die erste Skizze seiner inzwischen legendären Erzählung »Rheinsberg« zu Papier brachte. Hier machte er mehrfach Urlaub. Er war auf der Insel Poel und in Kölpinsee auf Usedom, und als er ins Exil ging, fiel die Wahl auf Schweden, der Ostsee nahe. »Ich sitze zur Zeit auf Gotland, welches in der Ostsee liegt und mir demzufolge gut tut«, schrieb er im Sommer 1935 an seinen Leidensgefährten Walter Hasenclever ins französische Exil. Tröstlich, daß er in seinem Todesjahr hier noch schöne Tage genießen konnte.
F.-B. Habel


Schwarzes Tier beim Grillfest
Es macht mir keinen Spaß, Stücke zu verreißen, aber manchmal muß es sein. »Schwarzes Tier Traurigkeit« in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin, ein aus Hannover übernommenes Stück, das im wesentlichen von Mittelständlern handelt, die in einem Wald picknicken und mit ihren kleinen, privaten Beziehungskisten so lange zündeln, bis es zu einem Waldbrand kommt, ist ein typisches Stück bürgerlichen Theaters im Spätkapitalismus. Es verzerrt die Wirklichkeit, erregt Angst, wirkt antiaufklärerisch, systemstabilisierend, gefährlich.

Zunächst sind die Protagonisten mit Sex, Eifersucht, kleinen Spitzen und Beleidigungen sowie mit dem angeblich schon verblichenen Äußeren der jeweiligen Beziehungspartner beschäftigt. Die Beschreibung, wie dann der Wald brennt und die Picknickenden verbrennen, erregt Übelkeit, hinterläßt aber trotz grausiger Bilder (die Hand blieb an der Autotür kleben, das Baby war schwarz, nur ab und an leuchtete es rosa, das blutende, klebrige Bündel, der Kopf des Kindes schlug gegen ihre Beine) keinerlei Betroffenheit – und das scheint intendiert zu sein. Dabei hat sich Anne Ehrlich mit dem Bühnenbild ehrliche Mühe gegeben, hinter den zugezogenen Blumenvorhängen schildern die fotografisch in schwarzweiß verfremdeten Personen mit blutenden Augen das apokalyptische Geschehen, doch die schwarzverkohlten Beschreibungen beschwören keine andere Gefühlsregung als einen hochgefährlichen Schmerz-Ästethizismus herauf.

Sichtbar wird die Leere des gutbürgerlichen Lebens, das erst in Feuermeer, Krieg und Zerstörung Tiefe bekommt und daher unablässig davon träumt, solche Schrecknisse selber herbeizuführen, lieber allerdings in Filmen, Theaterstücken und fernen Ländern, wo andere sie erleiden müssen, nicht man selber. Das Stück krankt daran, daß es den bürgerlichen Rahmen nicht verläßt, die Personen bleiben auch nach dem Drama einzig auf ihren kleinen Lebensblickwinkel beschränkt. Das Stück ist offenbar dazu bestimmt, weder Mitleid, noch Trost, noch Einfühlung herstellen, nur Ekel hervorzurufen (zum Beispiel wenn die Figuren in verbrannten halbflüssigen Tierkadavern wühlen). Leider geht es weder tatsächlich noch symbolisch um Tschernobyl, Irak, Afghanistan, den drohenden Atomschlag gegen den Iran oder um Hiroshima, es geht um ein Grillfest und seine kleinkarierten Beziehungsproblemchen, und dabei bleibt es auch. Die Personen entwickeln sich nicht. Nicht der Schimmer eines aktuell die Menschen bewegenden Problems dringt in diese Welt. Das wäre nicht so schlimm, wäre da nicht die überbordende, völlig kritiklose Gewaltverherrlichung, die man pornografisch nennen könnte. Warum solche Stücke? Warum verkohlte Finger, über die gelacht werden darf? Woran sollen wir gewöhnt werden?
Anja Röhl


Festival in Senftenberg
Unter nachgebauten Zwiebeltürmchen erklingen schwermütige russische Weisen, begleitet von schluchzenden Balalaika-Klängen. Uniformierte Rotgardistinnen schenken Wodka aus, verteilen Schnitten mit Kaviar. Was passiert im südöstlichen Brandenburg? Sind die vor zwanzig Jahren Abgezogenen zurückgekehrt? Oder ist hier klammheimlich eine proletarische Revolution ausgebrochen? In Anwesenheit städtischer Prominenz und des brandenburgischen Innenministers? Unwahrscheinlich.

Das »Glückauf-Festival« der Neuen Bühne Senftenberg ist schon lange kein Geheimtip mehr. Intendant Sewan Latchinian hat das diesjährige Spektakel mit »Dostoprimetschatelnosti« betitelt – zu deutsch: Sehenswürdigkeiten. Zu sehen sind ausschließlich Werke russischer und sowjetischer Dramatiker, die in den letzten Jahrzehnten fast alle von den deutschen Bühnen verschwunden sind.

Zur Eröffnung gibt es freilich einen vielgespielten Klassiker: Tschechows »Drei Schwestern« in der Übersetzung von Thomas Brasch. Latchinian hat das Stück textgetreu inszeniert, auf Anpassung an den Zeitgeist weitgehend verzichtet. Dennoch ist die Aufführung beklemmend aktuell: Die Ödnis und Enge der zaristischen Gouvernementsstadt scheint Bewohnern der sich entvölkernden ostdeutschen Provinz arg vertraut. »Nach Moskau, nach Moskau!« – der verzweifelte Aufschrei der jüngsten Schwester Irina (Maria Prüstel) hat seine aktuelle Entsprechung in dem Aufbruch nach Westen, wo es noch Arbeitsplätze und öffentliche Förderprogramme gibt. Und wie den drei Schwestern am Schluß des Stückes bleibt auch den Zurückgebliebenen nur die Erkenntnis, daß man auf sich selbst gestellt ist.

Fröhlicher geht es in Latchinians Inszenierung der Komödie »Der Selbstmörder« von Nikolai Erdman zu: Der arbeitslose Semjon Podsekalnikow (Marco Matthes) wacht nachts vor Hunger auf und kündigt in der unweigerlich folgenden ehelichen Auseinandersetzung an, sich das Leben zu nehmen. Der vorher unbeachtete Verlierer sieht sich nun plötzlich im Mittelpunkt öffentlichen Interesses: Viele Leute, die ihn vorher ignorierten, hoffen von seinem Tod zu profitieren. Am Schluß kommt dann alles ganz anders ... Leider erlaubte das Zeitlimit des Festivalabends nur eine gekürzte Fassung dieser rabenschwarze Satire. Ein Stück Ermutigung bleibt sie trotzdem. Wer Erdman nicht mag, kann außerdem zwischen dem Klassiker »Zwanzig Minuten mit einem Engel« von Alexander Wampilow, der Komödie »Die Kröte« von Sergej Medwedjew oder dem Monolog »Nächtliche Stimmen« von Nikolaj Schmeljow wählen.

Weil Michael Gorbatschows Enthaltsamkeitskampagne längst der Vergangenheit angehört, folgt zum Schluß das feuchtfröhliche Liedprogramm »Na Sdorowje!« Der Wodka fließt in Strömen, und spätestens bei »Kalinka« singen alle mit.
Gerd Bedszent
Nächste Vorstellungen: 8., 9., 13., 15., 16., 22., 23., 29.–31. Oktober, Karten über: www.theater-senftenberg.de, Telefon 03573/801286, Fax 03573/792334


Press-Kohl
Wer für die »Sonderseiten der Berliner Bühnen« verantwortlich ist, weiß ich nicht, aber es scheint sich um eine etwas schläfrige Person zu handeln. Am 24. September las man in der Berliner Zeitung auf einer dieser Sonderseiten, die ausführlich für die Berliner Bühnen werben: »Komödie & Theater am Kurfürstendamm. Premiere ›Glorious!‹ mit Johanna von Koczian als schlechteste Sängerin der Welt ... Eine Hommage an Florence Foster Jenkins – für viele die schlechteste Sängerin der Welt ... Was trieb sie an, sich durch die berühmtesten Arien der Musikgeschichte schrill und quietschend zu quälen? ... Das Stück wurde 2005 in London uraufgeführt und ein Riesenerfolg, in zahlreiche Sprachen übersetzt und unter anderem in Montreal, Sydney, Helsinki, Dallas, Toronto, Reykjavik, Warschau, Vancouver, Prag, Durban, Amsterdam, Boston, Prag und Hamburg aufgeführt.« Nun soll es in Berlin dargeboten werden, und zwar am Kurfürstendamm, bekanntlich der einzigen Straße, die es in Berlin gibt. Beziehungsweise die von den dort ansässigen Leuten zur Kenntnis genommen wird. Die Komödie wurde zwar schon im Renaissance-Theater, Hardenberg- Ecke Knesebeckstraße, vom Kudamm höchstens zwei Kilometer entfernt, mit großem Erfolg aufgeführt, mit Desiree Nick in der Hauptrolle. Aber wie soll man südlich der Kantstraße wissen, was vor Jahr und Tag auf den weltbedeutenden Brettern nördlich der Kantstraße geschah?
Felix Mantel