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Titel2019

Bemerkungen

Am Vorabend des Krieges

 

Immer am Vorabend des Krieges.

Neues planen? Etwas wagen?

Heute, am Vorabend des Krieges?

Ein Projekt – vielleicht sogar

eine Schwangerschaft ...

Am Vorabend des Krieges?

 

Alles immer im Schlagschatten des

Kommenden. In Erwartung des Schlages

in einem Schatten leben, der Helles

verdunkelt, Angst vor dem allzu

hellen Licht, das unlöschbar

brennen, alles verbrennen wird.

 

Zu leise die Rufe nach Frieden,

die Schlafenden träumen das Leben.

Am Vorabend des Krieges.

Renate Schoof

 

 

 

Exhumierung gebilligt

Das Tribunal Supremo entschied einstimmig. Spaniens Oberster Gerichtshof fasste am 24. September nach eineinhalb Stunden Debatte den Beschluss, dass die sterblichen Überreste des Diktators Francisco Franco aus dem »Valle de los Caídos« (Tal der Gefallenen) entfernt werden dürfen. Damit wiesen die sechs Richter den Einspruch der sieben Franco-Enkelkinder gegen den Plan der Exhumierung zurück. Die Regierung unter Ministerpräsident Pedro Sánchez (PSOE) hatte im August 2018 ein Dekret zur Umbettung Francos beschlossen. Auch einer Überführung der Gebeine in die Krypta unter dem Altar der Madrider Kathedrale La Almudena, wie von den Enkeln als Bedingung gestellt, wurde eine Absage erteilt. Gegen dieses Ansinnen hatten sich bereits die Opferverbände ausgesprochen, damit keine Pilgerstätte für unverbesserliche Franco-Anhänger in Madrids Stadtmitte entsteht. Die sterblichen Überreste Francos sollen auf dem Friedhof Mingorrubio im Madrider Vorort El Pardo beigesetzt werden. Hier besitzt die Franco-Familie eine Kapelle.

 

In Anwesenheit eines Gerichtsmediziners wird der Diktator bis spätestens 25. Oktober umgebettet Die Franco-Familie wird eine Woche vorher informiert. Das berichten die Tageszeitungen El País und El Diario in ihren Ausgaben vom 12. Oktober.                                   

Karl-H. Walloch

 

 

Gegen Dauergehirnwäsche

Das Filmfest Braunschweig zeigte von Beginn an (1986) auch immer DEFA-Filme, und Gäste aus der DDR waren regelmäßig in Braunschweig. So auch 1989: Da erlebten der Regisseur Roland Gräf, die Dramaturgin Christel Gräf und die Schauspielerin Jutta Wachowiak am 9. November 1989 die Öffnung der Mauer hier in der Stadt.

 

Die Stimme Roland Gräfs, der zu den wichtigsten Autorenfilmern der DEFA gehörte, verstummte in den 1990er Jahren – zumindest auf der Leinwand. »In der Zeit der Ratlosigkeit«, wie er sie selber nannte, griff er zur Fotokamera und hinterließ neben seinem cineastischen auch ein fotografisches Werk.

 

Aus der Idee, mit einer Fotoausstellung und einigen ausgesuchten Filmen den 2017 verstorbenen Regisseur und Fotografen Roland Gräf zu würdigen, wurde inzwischen viel mehr. So können sich nun Bürger*innen und Besucher*innen der Stadt Braunschweig auf ein vielfältiges Programm unter dem Titel »Spät-Vorstellung. 30 Jahre danach – Wende Flicks und mehr« freuen: Ein Gastspiel des Deutschen Theaters Berlin – »Jutta Wachowiak erzählt Jurassic Park« –, ein autobiografisches Solo-Stück mit Jutta Wachowiak, eine Fotoausstellung mit Arbeiten von Roland Gräf im Landesmuseum Braunschweig und im Kino UNIVERSUM sowie eine Filmreihe mit ausgesuchten DEFA-Produktionen und zwei Filmen, die nach 1989 entstanden sind. Dazu werden zahlreiche Gäste erwartet.

 

Ein wesentliches Ziel des Projekts ist es, der »30-jährigen Dauergehirnwäsche« entgegenzuwirken und etwas dagegenzusetzen: weg vom Westblick, weg von den reflexartigen Wiederholungen Stasi – Diktatur – Unrechtsstaat. Zu Wort kommen DEFA-Regisseur*innen und Jutta Wachowiak. Sie spricht unter anderem in einer Schule mit Schülerinnen und Schülern über ihre persönlichen Erfahrungen.                          

Marit Vahjen

 

 

1. und 2. November., jeweils 19 Uhr, Staatstheater Haus 3, »Jutta Wachowiak erzählt Jurassic Park«, Eintritt: 15/12 €

9. November., 18:30 Uhr, Landesmuseum Burgplatz, Eröffnung der Ausstellung: »Meine LAST PICTURE SHOW«.

Die Broschüre mit dem gesamten Programm siehe hier: https://bit.ly/spaetvorstellung.

Der Link zur Homepage des Filmfests lautet: https://www.filmfest-braunschweig.de.

 

 

 

Zweimal Hamburg

Das Altonaer Museum zeigt bis zum 20. Juli 2020 unter dem Titel »Laß leuchten! Peter Rühmkorf zum Neunzigsten« eine von der Arno Schmidt Stiftung kuratierte Ausstellung. Peter Rühmkorf, geboren am 25. Oktober 1929 in Dortmund, wuchs in Hemmoor bei Stade als nicht-ehelicher Sohn der Lehrerin Elisabeth Rühmkorf auf. Im Jahr 1951 legte er am Athenaeum Stade sein Abitur ab und studierte bis 1957 in Hamburg zunächst Pädagogik und Kunstgeschichte, später Germanistik und Psychologie. Sein ursprüngliches Studienziel Volksschullehrer gab Rühmkorf nach wenigen Semestern auf. Gemeinsam mit dem Lyriker und Essayisten Werner Riegel gab er von 1951 bis zu dessen Tod 1956 die hektografierte Literaturzeitschrift Zwischen den Kriegen im Eigenverlag heraus. Danach war er Gründer und Hauptautor des Studentenkurier, später veröffentlichte er in der Zeitschrift konkret. Von 1958 bis 1964 arbeitete Rühmkorf als Lektor im Rowohlt Verlag in Hamburg, danach war er als freier Schriftsteller und Dichter tätig, schrieb unter einem halben Dutzend Pseudonymen von Lyng bis Hans Hingst.

 

Nun ist ihm, einem der bedeutendsten Lyriker, Essayisten und Pamphletisten der Bundesrepublik, eine Ausstellung gewidmet, die den Besuchern sein Leben wie Arbeiten zugänglich macht. Stets war Rühmkorfs Verständnis politisch. Das zeigt auch die Hamburger Ausstellung. Die Arno Schmidt Stiftung, Erbin der Urheberrechte am Werk Rühmkorfs, bietet in der von ihr gesponserten Ausstellung eine Reise durch die Lyrik- wie Zeitgeschichte der Bundesrepublik von 1951 bis zum Tod Rühmkorfs am 8. Juni 2008 in Roseburg (Schleswig-Holstein). Dafür werden alle Mittel genutzt, die heute Ausstellungsmachern zur Verfügung stehen: von Beleuchtung über Video, Schaukästen bis zu Audioeinspielungen. Fast eine Million Euro flossen in die Ausstellung. Nicht vergessen ist die von Rühmkorf mit entwickelte Reihe »Jazz & Lyrik« mit dem Pianisten Michael Naura.

 

*

 

Etwas bescheidener präsentiert sich die Hamburger Kunsthalle mit der Ausstellung: »Beständig. Kontrovers. Neu. Blicke auf 150 Jahre«. Am 30. August 1869 war der ehrwürdige Gründerbau der Kunsthalle fertig. Er entstand für eine Sammlung, die es bereits gab und die zuvor seit 1850 im Gebäude der Hamburger Börse, der ersten öffentlichen Galerie der Hansestadt Hamburg, untergebracht war. 150 Jahre Kunsthalle: Die jetzige Ausstellung ist keine heitere Selbstbeweihräucherungsschau. Kuratiert von der Provenienzforscherin Ute Haug dokumentiert sie unter anderem die NS-Zeit mit den großen Verlusten in zwölf Jahren brauner Diktatur. Auch an die Diebstähle in der Kunsthalle wird erinnert. Spektakulär war der Raub einer Skulptur des Schweizer Bildhauers Alberto Giacometti während der Langen Nacht der Museen im Mai 2002: Diebe tauschten die eine halbe Million Euro teure Bronzeskulptur gegen ein schwarzes Holzimitat aus. Der Diebstahl wurde erst Tage später entdeckt.

 

In den Anfangsjahren fehlte der Kunsthalle ein wissenschaftlicher Leiter. Der erste kam 1886 mit Alfred Lichtwark, der seinen Schwerpunkt auf Künstler aus Hamburg und das 19. Jahrhundert legte. Er kaufte neben Arbeiten von Caspar David Friedrich, Philipp Otto Runge und Max Liebermann auch Werke französischer Impressionisten an. Zum Nachfolger des verstorbenen Lichtwark wurde 1914 der Bremer Kunsthistoriker Gustav Pauli berufen. Er war zuvor Direktor der Bremer Kunsthalle gewesen und erwarb Arbeiten von Paula Modersohn-Becker, Claude Monet, Édouard Manet, Gustave Courbet, Pierre-Auguste Renoir und Camille Pissarro. Sein Ankauf des »Mohnfeldes« von van Gogh löste den Bremer Künstlerstreit von 1911 aus. Gustav Pauli strukturierte die Hamburger Sammlung; zwischen 1919 und 1933 tauschte oder verkaufte er Hunderte von Arbeiten, um mit dem Geld gezielt andere Kunstwerke zur Ergänzung der Sammlung zu kaufen.

 

Durch die Nazi-Aktion »Entartete Kunst« 1937 verlor die Kunsthalle mehr als 1000 Werke der Moderne, darunter Arbeiten von Kokoschka, Picasso, Nolde und Kirchner. Erster Direktor der Kunsthalle nach dem Krieg wurde 1946 Carl Georg Heise. Seit August 2019 ist Alexander Klar Chef der Kunsthalle, zuvor leitete er das Museum Wiesbaden.

Anders als die Ausstellung zu Peter Rühmkorf im Altonaer Museum, wurde die Jubiläumsausstellung zur 150-jährigen Geschichte der Kunsthalle mit eigenen Mitteln gestaltet. Sie ist noch bis zum 10. November zu sehen.

 

Karl-H. Walloch

 

 

Und Orpheus singt

 

Ach, ich habe sie verloren

Orpheus singt, erweicht die Götter

Und erweicht auch dich

All mein Glück ging nun

 

dahin. Hörst du nun, lange

vorbei, in der Hafenkneipe

der Spelunke von Cuxhaven

lange Theke, Resopaltisch

 

Heute läuft im Fernsehen

diese Oper, die von Gluck, Sie

verstehen, und die Frau

hinter der Theke, faltiges

 

Gesicht, knallrote Lippen

tiefer Ausschnitt, schüttelt

ungläubig den Kopf

Was läuft heute? Eine Oper?

 

Könnte ich die hier wohl

sehen? Eine Oper, lacht sie

hier in meiner Kneipe

so was hatten wir noch nie

 

Sie lacht lange, nickt dann

plötzlich. Warum nicht? Gibt

vermutlich niemand mehr, der

sich das später noch mal wünscht

 

eine Oper. Und so läuft sie

in dem kleinen Kasten in

der Ecke, singt Orpheus

nun in der Spelunke

 

und die Kerle an der Theke

Tattoos auf den Oberarmen

Kleiderschränke, vier sind

es, schauen verwirrt zu mir

 

herüber. Wat is los hier?

Mach dat weg, wer will so

was hören? Doch die Wirtin lacht

Lass ihn, ist doch mal was

 

Neues. Wenn er es doch gerne

hört. Einer wollte grad zu dir

kommen, stoppt die Schritte

geht langsam zurück zur Theke

 

Komischer Laden ist das hier

sagt er, wirklich komisch

aber lässt dich doch in Ruhe

trinkt sein Bier, genau wie du

 

Plötzlich sind dann alle ruhig

auch die Wirtin zapft kein

Bier mehr. Orpheus singt: Ach

ich habe sie verloren

 

Und erweicht die Götter

und erweicht auch dich

und dazu die Kerle

an der Theke. All mein

 

Glück ist nun dahin. Dein

Glück aber kommt, kommt zu

dir durch den Gesang. Kommt

auch plötzlich zu den Kerlen

 

ungläubiges Erstaunen

Schweigen, dann der Blick

zu dir, mild, fast dankbar

so was hatten wir noch nie

 

Warum bloß nicht, klang doch gut

das alles. Was hat er denn verloren

Kleiner, fragt der eine von den

Vieren, komm, erklär das mal.

 

Kann wohl nur was Schönes sein

wenn der so traurig singt, ja, was

Schönes. Gibt es wohl noch in der

Welt, irgendwo vielleicht, weit weg

 

Heinrich Peuckmann

 

 

Walter Kaufmanns Lektüre

Eugen Ruge hatte Akteneinsicht, und was er zutage förderte, bleibt unbestritten: Vernehmungsprotokolle zuhauf, Todesurteile, Verbannungen. Der stalinistische Terror jener Moskauer Jahre 1936/37 war fürchterlich, er hat Nachwirkungen bis in die Gegenwart – allein die Vorstellung ist grauenvoll, dass in russischen Kerkern Kommunisten gefoltert und getötet wurden, darunter zahllose deutsche, die den Henkern der Nazis entkommen waren, nicht wenige auch, die im Auftrag der deutschen KP in der Komintern für die Weltrevolution wirken sollten. Von solchen Männern und Frauen erzählt Eugen Ruges Roman »Metropol«, er erzählt, wie sie verschwanden, ihre Schar zerrüttet und dezimiert wurde und wie jeder für sich aufs nachmitternächtliche Knacken des Aufzugs im Wohngebäude lauschte und dem dann folgenden Klopfen an der Tür: Holen sie jetzt dich oder den Genossen nebenan? Sie verschwanden im Glauben an Stalin, gingen in den Tod mit seinem Namen auf den Lippen – wenn Stalin davon wüsste, dachten sie, er würde es nicht dulden. Väterchen Stalin würde es verhindern! So gingen sie, einer nach dem anderen, den Weg zur Erschießung oder zur Verbannung. Auch wenn sie gestanden hatten, den Foltern erlegen waren, blieben sie sich ihrer Unschuld bewusst. Gegen Ende des Romans sind ihre Reihen gelichtet, und wer übrig blieb, fragte sich, warum er verschont wurde.

 

Egon Ruges Buch ist ein düsteres Buch, düsterer als Arthur Köstlers »Sonnenfinsternis« oder Nino Haratischwilis »Das achte Leben«. »Metropol« ist so kalt, so dunkel, dass der Alltag, das tägliche russische Leben (das ja weiterging, bei allem Tragischen weitergehen musste) völlig überschattet bleibt. Es drängt sich die Frage auf, was dieser neuerliche Dolchstoß gegen den Kommunismus bewirken soll. Stalin ist tot, der Stalinismus ist überwunden, die Sowjetunion gibt es nicht mehr. Soll die Schilderung jener mörderischen Vergangenheit dazu führen, das Jetzt und Heute unserer gegenwärtigen Welt zu akzeptieren? Das wird Eugen Ruge nicht gewollt haben. Was aber will er?                            

W. K.

 

Eugen Ruge: »Metropol«, Rowohlt, 432 Seiten, 24 €

 

 

Ein böses Buch

Das ist kein braves Buch. Umso löblicher, dass es zur Leipziger Buchmesse den Preis erhielt.

 

Da lässt eine gestresste Vier-Kinder-Mutter Frust ab, Lebensfrust, denn bisher lebte sie in dem Glauben, in einer Gruppe guter Freunde einigermaßen aufgehoben zu sein. Seit der Schulzeit gemeinsame Abenteuer, gemeinsame Ferien, zeitweise gemeinsames Wohnen, gleiche Ansichten von einer Welt, in der (Klassen-)Unterschiede überbrückbar schienen, keine Rolle spielten. Man half sich, feierte und fühlte sich miteinander wohl. Bis auf das eine oder andere Mal, als ... Aber das fällt Resi erst jetzt wieder ein, als die Freunde ihr die Wohnung kündigen.

 

Die Anklage der Aufsteigerin gegen die mittlerweile gut situierten Freunde hat Wucht und ist von einer Detailgenauigkeit, die beeindruckt. Dabei nimmt es die Autorin mit sprachlichen Feinheiten sehr genau, so dass das Buch wie aus einem Guss wirkt. Zu Recht preiswürdig!     

 

Christel Berger

 

Anke Stelling: »Schäfchen im Trockenen«, Roman, Verbrecher Verlag, 272 Seiten, 22 €

 

 

Zuschrift an die Lokalpresse

Mehrmals schon musste ich in der Presse mit großem Erstaunen lesen, dass aus den Arsenalen der Bundeswehr oder aus den Schließfächern der Polizei Waffen und Munition unauffindbar verschwunden sind. So hatten zum Beispiel die Nachrichten-Agenturen AFP und dpa darüber berichtet, dass »der Bund« seit 2014 zahlreiche Maschinengewehre und Pistolen wie auch Waffenteile und exakt 19.445 Schuss Munition spurlos ausbuchen musste. Das wundert den unbewaffneten Normalbürger, der ja nicht davon ausgehen kann, dass die wehrhaften Gegenstände in den Behörden auf Wühltischen herumliegen. Und man freut sich, wenn die Deutsche Presse-Agentur – wie in der jungen Welt vom 28./29. September zitiert – mitteilen kann, dass die Bundeswehr die »Kontrollen verschärft« hat und »weniger Waffen verschwunden« sind. Gut, dass die Medien die Bürger auch mit solchen Erfolgsmeldungen beruhigen können! Nun würde mich allerdings auch interessieren, auf welche Fundstücke bei welchen Adressaten die Behörden bei Razzien und anderen Einsätzen gestoßen sind, damit man als Senior mit Hund gegebenenfalls auch ein Auge mit darauf werfen kann. – Fredy Findeisen (83), Rentner, 98666 Waffenrod

 

Wolfgang Helfritsch