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Titel2515

Ich bin ein Morgenthau  (Otto Köhler)

Das Kind Otto Köhler schwärmte – unbeirrt – bis zu seinem zwölften Lebensjahr für den Führer und die Großdeutsche Wehrmacht. Erst 1947 geriet es unter den Einfluß eines (1es) vernünftigen Lehrers und einer Einrichtung in Hammelburg, wo der Junge als Fahrschüler viele Stunden auf seinen Zug wartend verbrachte: das Amerikahaus. Es machte mich zum ich. Dieses Amerika, das ist mein Leben. Die USA habe ich nie betreten, und ich hoffe, bis an mein Lebensende nicht dorthin entführt zu werden.


Hammelburg ist längst wieder zum Standort einer kriegslüsternen deutschen Soldateska geworden, und Schweinfurt, wo ich meine beiden letzten Gymnasialjahre verbrachte, besitzt kein Amerikahaus mehr. Die Amerikahäuser wurden 1953 von den Abgesandten des fanatischen Senators Joe McCarthy mit verbissener Wut von allen »unamerikanischen Umtrieben« gesäubert, vom Besten, was die amerikanische Kultur zu bieten hat. Seither sind die Amerikahäuser als Instrumente der Reeducation verfemt – ich bin froh, daß der kleine Nazi Otto Köhler sie genossen hat.


Als »Morgenthau-Boys« wurden die Umerzieher in den Amerikahäusern von McCarthy und vor allem von seinen deutschen Anhängern geschmäht, schon Joseph Goebbels hatte uns in seinen letzten Lebenstagen den US-Finanzminister Henry Morgenthau als Deutschlands Todfeind empfohlen. Der Ruf hielt bis in die 1990er Jahre, da rückte Bernd Greiner vom Hamburger Institut für Sozialforschung die fortwirkende Nachrede des Propagandaministers zurecht und machte – auch mir – deutlich, wieviel besser es für die Welt wäre, stünden an der Stelle des mächtigen Industriestaates, der heute im Bündnis mit den USA Europa beherrscht und nach immer mehr Verantwortung für immer neue Kriege giert, zwei oder drei harmlose Deutschländer, die als friedfertige Agrarstaaten ein Ökovorbild für die Welt sein könnten.


Mit Roosevelts Tod 1945 war auch Morgenthau erledigt, und der neue Präsident setzte mit der Wallstreet auf ein anderes Bündnis: mit den Deutschen und gegen die Russen und gegen die sich befreienden Kolonialvölker. Klaas Voß, ein Schüler von Bernd Greiner am Institut für Sozialforschung hat 2012 eine Dissertation geschrieben über den Weg, den die USA beschritten, um nach der unfaßbaren Niederlage in Vietnam die aufstrebende Dritte Welt einzugrenzen. »Washingtons Söldner« heißt das Buch (Hamburger Edition, 590 Seiten, 38 Euro), das daraus entstand und das von den »Verdeckten US-Interventionen im Kalten Krieg und ihren Folgen« (Untertitel) handelt.


Voß beschränkt sich auf die Söldnereinsätze 1964 gegen den Kongo, 1975 gegen Angola und Rhodesien und 1984 gegen Nicaragua. Die hart verdiente Niederlage in Vietnam hatte die USA vorsichtig, nahezu ängstlich gemacht. Die US-Amerikaner wollten nicht länger den Haß der Welt erleiden, als Interventionisten dastehen und sich die Hände blutig machen. Die eigenen nicht. Die Söldner, die sie heimlich anwarben, schenkten den USA einen – schien es – propagandistischen Vorteil – die »plausible deniability«. Zu einer Politik der Dementierbarkeit – ein gutes Gefühl vor dem Rest der Welt, wenn auch unglaubwürdig.


Dann kam Bush, der Irak-Krieg, der 11. September und als angebliche Reaktion darauf der Krieg gegen Afghanistan (mit gesamtdeutscher Beteiligung und eigenem deutschen Massaker). Und auch der ersehnte Barack Obama weiß nicht recht, ob er lieber Friedensnobelpreisträger oder der Drohnenfürst seiner Heerscharen sein will. Bei der Gegenwart der USA, beim Leviathan NSA ist Voß noch nicht angekommen: Wissenschaft treibt es mit der Eule der Minerva – sie kommt spät, zu spät. Auch ich hatte nur etwas geahnt, als ich 1966 mein erstes Büchlein »Kongo-Müller oder die Freiheit, die wir verteidigen« schrieb – Voß kritisiert auf Seite 170 zu Recht, daß ich wie andere hinter dem brutalen Kongo-Müller die anderen internationalen Söldner vernachlässigte. Gut auch, daß er auf den deutschen Welt-Journalisten und Kongo-Söldner Hans Germani aufmerksam macht, der schon 1956 für die Deutsche National- und Soldaten-Zeitung und den Spiegel zugleich seine aufmunternden Berichte voller aufgehängter Kommunisten aus dem ungarischen »Volksaufstand« lieferte – zehn Jahre später saß ich selbst in diesem Nachrichten-Magazin und wußte, ja schuldhaft, nichts von dessen Vergangenheit.


Auch die US-Präsidenten wußten fast nichts über die Länder, die sie mit Krieg überzogen. Mit imperialer Wurstigkeit entsandten sie ihre Söldner in alle Winkel der Welt. Entlegene Staaten, stellt Voß fest, wurden von Präsidenten gern verwechselt oder an der falschen Seite von Kontinenten plaziert. Präsident Gerald R. Ford versetzte im Gespräch mit Mao Zedong Angola in den Osten Afrikas und an den Indischen Ozean.


Ich wußte 1944 als Neunjähriger auch nicht, wo die Krim liegt, die wir unbedingt behalten mußten. Aber als mit Naziideen vollgestopftes Kind verfügte ich nur über Soldaten aus Kunststoff.


Eine Rezension ist das nicht. Das Buch des Greiner-Schülers Voß weckt, dafür bitte ich um Verzeihung, zu viele Erinnerungen. Für die von den »Morgenthau-Boys« betriebenen Amerikahäuser danke ich noch heute den USA, doch das ist Vergangenheit. Ein »Amerika«, das mich heute dorthin verbringt, wo ich als unmündiges Kind aufwuchs, das brauche ich nicht. Den Geist der Demokratie und der – nehmen wir das inzwischen mit so viel totalitärem Gauckizismus belastete Wort – Freiheit, den mir die Amerikahäuser vermittelten, haben mir schon McCarthys Hexenjäger nicht austreiben können. Als sie 1953 in Westdeutschland zur Großen Säuberung antraten, begann ich mein Studium in Würzburg – der besten Schule zum Widerspruch – und trat in den SDS, den Sozialistischen Deutschen Studentenbund ein.