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Titel2108

Gewinnwarnung  (Dietrich Kittner)
Wo genau ich als junger Mann das folgende Zitat gelesen habe, weiß ich nicht mehr, aber es hat sich mir ob seiner Deutlichkeit schon damals tief eingeprägt: »Wenn Geld zur Ware wird, dann ist alles vorbei.« Der Autor war nicht irgendwer, sondern ein Fachmann par excellence: Robert Pferdmenges, seinerzeit mächtiger Finanzjongleur, 1931 bis 1954 Teilhaber des Kölner Bankhauses S. Oppenheim jr. & Cie., seit 1949 CDU-Bundestagsabgeordneter, engster Freund und Berater Konrad Adenauers, kürzer formuliert: Prototyp des Erzkonservativen der fünfziger Jahre. Durchblick haben solche Leute eben doch, und gelegentlich äußern sie sich erstaunlich offen. Ich habe Pferdmenges, nicht nur in letzter Zeit, häufig im Zusammenhang mit Karl Marx zitiert. Geld ist längst Ware geworden.

Jetzt also will die Bundesregierung »unsere« deutschen Bankkonzerne retten und hat sich zu diesem Zweck mit dem bisherigen Gottseibeiuns verbündet: Staatsbeteiligungen mit Milliardensummen aus Steuergeldern.
An sich wäre Verstaatlichung ja nichts Schlechtes, im Gegenteil. Bloß: Die Maßnahme soll nur vorübergehend sein. Wetten, daß den Firmen nach ihrer Rückkehr in die Supergewinnzone der Rückkauf für einen Appel und ein Ei angeboten werden wird?

Da nun aber die unfreiwilligen Geldgeber, die sogenannten kleinen Leute, auch irgendwie beruhigt werden müssen, ließen Merkel & Steinbrück GmbH unlängst vor laufenden Fernsehkameras persönlich eine Garantie für die Guthaben der »Kleinsparer« raus. Sicher sei alles bis 100.000 Euro. – Pro Familie, pro Person oder pro Konto?

Gesetzesform erlangen soll die Garantie nach beider Worten jedoch nicht. Das macht die Sache einfacher. Wenn es schiefgehen, etwa gar ein Staatsbankrott drohen sollte, tritt die Regierung eben bedauernd zurück – mit der Insolvenzerklärung können sich, falls sich welche finden, dann die Nachfolger herumschlagen. Es sind ja eh bald Neuwahlen ...

Oder aber der Staat bringt die Notenpresse auf Hochtouren. Wahrscheinlich beides. Ergebnis wäre galoppierende Inflation mit doppeltem Nutzeffekt: Der Rückkauf der Staatsbeteiligungen wird für die Banken noch billiger, und die Kleinsparer behalten nominell tatsächlich ihre garantierten 100.000 Euro, bloß daß die dann nichts mehr wert sind. Im Extremfall – wir hatten so etwas nach einem Schwarzen Freitag schon mal – kann man sich dafür dann ein Fahrrad kaufen oder drei Laib Brot oder ein Straßenbahnticket. Bis zur nächsten Währungsreform. So etwas ist halt Schicksal.
*
Früher war das alles bekanntermaßen noch einfacher, da machte die Preise nämlich der Liebe Gott. So steht es jedenfalls in der Bibel. Wenn die Leute im alten Ägypten mal wieder zu sehr gesündigt hatten – das mußten sie ja, sonst wären sie ausgestorben –, schickte ihnen Gott eine Strafe. Angenommen jedoch, er hatte zufällig keine Erreger für eine Pestilenz zur Hand, kein Wasser für eine Überschwemmung, weil gerade Trockenheit herrschte, oder er kriegte keine Heuschrecken für eine Plage – Amerika war schließlich noch nicht entdeckt –, da mußte er sich eben etwas anderes einfallen lassen. Vielleicht hatte er auch gerade keine Lust, einen Krieg zu verhängen – der Liebe Gott mußte damals ja noch alles selber machen, Kaiser Wilhelm, Hitler oder G. W. Busch waren noch nicht geboren. Da ließ der Herr eben als Strafe die Preise steigen. Genauer: Gott schickte eine große Teuerung über das Land. So nannte man damals die Inflation. Das waren nicht etwa Kornspekulanten, die mit Hilfe einer Hirseverknappung die Brotpreise hochtrieben. Nein, das macht Gott – als Strafe.

Da war für die armen Sünder in Ägypten plötzlich sogar guter Rat teuer geworden. Brot und Mieten unerschwinglich. Alle waren schrecklich zerknirscht, bis auf die Immobilienhaie natürlich, die mit Mietspyramiden spekulierten: Eigentumssarkophag in Südlage, unverbaubar, alles Wüste. Für soziale Härtefälle gab es bestenfalls Weidenkörbchen im Nil, vorausgesetzt, man hatte gute Beziehungen zu einem lockeren Partygirl am Pharaonenhofe.
Also die Preise stiegen unaufhaltsam. Was nun? Den Leuten im alten Ägypten blieb nur zerknirscht zu sein, Opfer darzubringen, wie der alttestamentarische Fachausdruck lautete, und zu beten.

Da war der Liebe Gott besänftigt, nahm die Strafe von ihnen, Brot und Wohnungen wurden wieder billiger.

So konnten die ollen Ägypter und Israeliten die Preise regulieren, mit Zerknirschtsein, Opferdarbringen und Beten.

Und so will unsere Regierung das heute noch.