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Titel2108

Lernen und vertrauen  (Kurt Pätzold)
Wie viel läßt sich binnen weniger Wochen, ja Tage lernen, wenn einem Helfer werden, wenn uns Redakteure von Zeitungen und Zeitschriften, Nachrichtensprecher von Rundfunk und Fernsehen und selbst hochgestellte Persönlichkeiten wie Minister zur Seite springen und uns dolmetschen, was sie uns mit fremdem Vokabular sagen und auch verständlich machen wollen! Sie haben unseren verborgenen, vor sich hin rostenden aktiven Sprachschatz mobilisiert und – wichtiger noch – uns manche neue Wortwendung und Sprachbilder nahe- und beigebracht, die wir in unserer passiven Wortschatztruhe frisch halten wollen.

Um nicht zu übertreiben: Manches kannten wir schon, beispielsweise das Kompositum Finanzmarkt. Es war den Altbundesbürgern früher geläufig als ihren armen Brüdern und Schwestern, aber nach nahezu zwei Jahrzehnten Einheit verbinden auch die – um ein Beispiel zu nennen – Ostberliner Ossis mit dem Begriff Markt nicht mehr nur die legendäre Markthalle in der Ackerstraße. Auch daß zu Regierungen ein Finanzminister gehört, war bekannt. Nun aber: In welcher Vielfalt von Verbindungen begegnet den Gesamtdeutschen in diesen Tagen
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Guter Rat ist teuer
Die Kanzlerin und ihr Finanzminister sind böse davon überrascht worden, daß auch die Bundesrepublik in die Wirbelstürme und Verheerungen des internationalen Finanzmarktes geraten ist. Nun ist »die Stunde der Politik« angebrochen – aber wer denkt sich die Maßnahmen für den politischen Katastrophenschutz aus? Angela Merkel ist gewiß keine Expertin in Banken- und Börsenkunde, und auch Peer Steinbrück wird nicht über Insiderkenntnisse verfügen. Also müssen Fachleute her. Über zwei solche Männer verfügt, den Einschätzungen der wirtschaftsnahen Presse zufolge, die Regierung selbst: Jörg Asmussen (Staatssekretär bei Steinbrück) und Jens Weidmann (wirtschafspolitischer Mitarbeiter im Kanzleramt). Die beiden werden in der Welt am Sonntag als »Kontaktleute der Bankenwelt« gerühmt, ein »hochrangiger Vertreter des Bankenlagers« habe sie »Bindeglieder zwischen Finanzwelt und Regierung« genannt. Beratend kommt Bundesbankpräsident Axel Weber hinzu. Und zum »kleinen Kreis«, der »streng geheim« (so die erwähnte Sonntagszeitung) die Rettungspläne ausarbeitet, gehören dann noch vier Externe: Martin Blessing und Klaus-Peter Müller von der Commerzbank, Josef Ackermann von der Deutschen Bank, Paul Achleitner von der Allianz. Sie alle verstehen etwas von den Finanzgeschäften. Man kann sicher sein, daß sie wohlüberlegte Empfehlungen geben. Da aber guter Rat teuer ist, muß jemand die Kosten tragen, nicht für die Ratgeber, sondern für die Umsetzung der Ratschläge. Die Bundesregierung wird wissen, wer da in Frage kommt: der gemeine Steuerzahler.
Und damit wir gar nicht erst anfangen, uns über den teuren Rat den Kopf zu zerbrechen, läßt die Regierung den Bundestag ruckzuck ein Gesetz beschließen. Am besten so schnell, daß die Abgeordneten es nicht schaffen können, den Text samt Begründung vorher zu lesen.
Marja Winken
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die Bezugnahme auf die Finanzen: Wir lesen von einer Finanzbranche und von Finanzinstituten, vom Finanzbedarf und gar von einem Finanzgipfel, von Finanzsystemen und Immobilienfinanzierern. Wir, die wir froh sind, wenn wir die Sicherungen in unserem Hause oder in unserem – sagen wir – Mercedes finden, grübeln über Sicherungsfonds, Hilfsfonds. Einlagensicherungsfonds und Mindestsicherungen. Wir, die wir mit der Benachrichtigungskarte in der Hand die automatische Station suchen, in der unser Postpaket abholbereit liegt, sollen uns Rettungspakete und Stabilisierungspakete vorstellen. Wir, die wir zwischen einem Stein- und einem Holz-, einem Einfamilien- und einem Hochhaus zu unterscheiden wissen, sind von der Nachricht eines in San Francisco existierenden Geldhauses überrascht. Sonnen- und Regenschirme haben wir benutzt, an Fallschirmen schwebende Sportler gesehen, nun sollen wir uns einen Risikoschirm vors geistige Auge stellen.

Es sind seit Kindesbeinen wohlvertraute Wörter, die nun in neuer Kombination verwirrend wirken. Wir kannten einen angeschlagenen Boxer oder auch ein angeschlagenes Ei. Was aber ist eine angeschlagene Bank? Vertraut ist uns der unangenehme Geruch angebrannter Kartoffeln, wenn das Wasser, in dem sie nur gar kochen sollten, verdampft ist. Nun wird uns gemeldet, daß elf Milliarden Euro verdampft seien, und wir blicken erschrocken in unsere Geldbörse und sehen beruhigt, daß die Scheine oder Münzen sich da noch befinden. Zu faulem Obst gehören schwirrende Insekten. Was aber gehört zu faulen Krediten? Wir sind schon vom Fahrrad gestiegen, wenn wir ein schleifendes Geräusch wahrnahmen. Wie aber hören sich schleifende Defizite an? Wir haben, als es die »Unplattbaren« noch nicht gab, schon manches Loch im Fahrradschlauch geflickt. Wie aber flickt man ein Liquiditätsloch? Manch einer erinnert sich der Plage einer vollen Blase. Was aber ist eine Spekulationsblase, und wer füllt sie womit?

Und so geht es fort mit dem inflationären Angebot an Begriffen und Bildern: Unternehmen in Schieflage, legitime Interessen der Konkurrenten, Anlegerschutz. Genug! Eigentlich müssen wir uns mit alledem nicht aufhalten. Was wir sollen, sagen uns die Politiker unisono so, daß es sich ganz ohne irgendwelche speziellen Kenntnisse verstehen und beherzigen läßt. Rat Nr. 1: Empört euch, Bürger, über die menschliche Geldgier, Quelle der Bankenkrise, diese Sucht, die einigen – ohne eigenes Verschulden – in die Wiege gelegt wurde, während ihr anderen – unergründbares Schicksal – davon zu eurem Glück nichts oder nur geringe Rationen abbekommen habt. Rat Nr. 2: Schöpft, Bürger, Vertrauen in »unsere Banken«, helft ihnen nach Kräften, weiter ihre Geschäfte zu machen unter der bewährten staatlichen Bankaufsicht, die wir neu gestalten, und freut euch auf die alsbald bevorstehende eintrittfreie Besichtigung des Kapitalismus im Käfig.