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Titel2108

Die Wühlarbeit der Falun gong  (Volker Bräutigam)
Vielen gilt sie als harmlose buddhistische Sekte, die kontemplative Exerzitien für Esoteriker anbietet und asiatische Morgengymnastik für Oma und Opa veranstaltet. Die Falun gong – zu deutsch etwa: »Rad des Gesetzes« – wird bedauert, weil sie in ihrem Ursprungsland, der Volksrepublik China, verboten ist. Der Grund für die dortige Verfolgung: In einer offenen Machtprobe hatte die Falun gong bewiesen, daß sie staatliche Autorität ablehnt. Von sich selbst behauptet sie allerdings, sie sei eine nur locker organisierte »Meditationsbewegung«, existiere »ohne namentliche Registrierung« als Verein oder dergleichen und sei »weder eine Religion noch eine Sekte«.

Das Kult-Image dient als Tarnkappe. Darunter steckt eine gefolgschaftsstarke Heilsbewegung, die auf einen Umsturz in Peking hinarbeitet. Mit Unterstützern weltweit organisiert sie öffentlichen Druck auf die chinesische Regierung. Dabei nutzt sie den Spielraum ihrer jeweiligen Gastländer und instrumentalisiert deren staatliche und gesellschaftliche Strukturen.

An Geld, woher auch immer es fließt (mutmaßlich aus Kassen der US-Geheimdienste), scheint es der Falun gong nicht zu mangeln. In tausenden China-Restaurants liegen Ausgaben ihrer Zeitung Epoch Times unentgeltlich aus (als Die Neue Epoche früher außerdem in vielen Läden der »Spar«-Kette und in Supermärkten). Das Blatt, laut Falun gong »aus Eigenmitteln« finanziert, erscheint in mehreren Sprachen und mindestens 37 Ländern, die französische Ausgabe unter dem beziehungsreichen Titel La Grande Epoque. Auch der Name der chinesischen Ausgabe rührt an unbestimmte Sehnsüchte nach glorreichem Aufbruch: Da Jiyuan Shibao, was man als »Großartiger-Neubeginn-Zeitung« übersetzen könnte. Ein Machwerk, herausgegeben in vielen Sprachen, das mit der Attitüde der verfolgten Unschuld agitiert. Den wiederholt auch auf den Internet-Seiten der Epoch Times veröffentlichten Aufruf, aus der Kommunistischen Partei auszutreten, sollen bereits elf Millionen Chinesen befolgt haben.

Außerhalb jeglicher demokratischer Legitimation und öffentlicher Kontrolle nährt die Falun gong auch in Deutschland China-feindliche Vor- und Einstellungen. Die gehässige China-Berichterstattung in den hiesigen Massenmedien, der Merkel-Empfang für den – nicht nur mit dem hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch, sondern auch mit dem chilenischen Blutsäufer Pinochet bis zu dessen Tod freundschaftlich verbundenen – Dalai Lama, die antichinesischen Aktionen vor und während der Olympischen Spiele; neuerdings heftige Attacken gegen den Auslandssender Deutsche Welle wegen dessen (realistischer) China-Berichterstattung – solche Kampagnen sind gewiß nicht allein der Falun gong zuzuschreiben, aber ohne ihre permanente Wühlarbeit undenkbar.

Ein Verfahren gegen die Falun gong stieße hierzulande ins Leere. Sie ist kein eingetragener Verein. Man weiß nichts über ihre Mitgliedschaft, ihre Organisationsstruktur, ihre Finanzierung. Merkwürdig nur, daß sie den deutschen Staatsschutz nicht interessiert und nicht im Verfassungsschutzbericht auftaucht.

Bei den erwähnten Angriffen auf die Deutsche Welle engagierten sich, ganz im Sinne der Falun gong und teils sogar in deren Wortwahl, der SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz und die Grünen-Abgeordnete Ursula Eid. Die Ex-Staatsekretärin brachte, wie auf den von der Falun gong gesponserten Internetseiten blog.china-guide.de gefordert, im Bundestagsunterausschuß für Kultur und Medien die Deutsche Welle auf die Tagesordnung: Die China-, Russland- und Arabien-Programme der DW seien »einseitig« und »propagandistisch«. Wiefelspütz ließ sich von Falun-gong-nahen Interviewern befragen und sprach gegenüber der Berliner Zeitung und dem Focus der stellvertretenden China-Redaktionsleiterin der DW, Zhang Danhong, die journalistische Qualifikation ab (ohne die Arbeit der Kollegin zu kennen). Konkreter Anlaß: Zhang hatte in einer Talkshow eines anderen Senders dazu geraten, keine Zerrbilder von China zu zeichnen, und sie hatte darauf hingewiesen, daß die Volksrepublik 400 Millionen Menschen von Hunger und bitterster Armut befreit habe. Diese Äußerung hatte Falun gong-Anhänger zu wutschäumenden Tiraden veranlaßt.

Alles spricht dafür, daß die gleichen Eiferer auch eine Gruppe vielbeschäftigter deutscher Autoren inspirierten, kollektiv einen Offenen Brief an den Bundestag zu richten, in dem Arbeit und Beschäftigte der Deutschen Welle niedergemacht und Zhang Danhongs von der DW-Leitung genehmigte Auftritte falsch dargestellt werden. Das Schreiben kommt zu dem ungerechtfertigten Schluß, die Mitarbeiter mehrerer Redaktionen der Deutschen Welle stünden unter Kommunismus-Verdacht, es sei erforderlich, die Programme dieses Senders »unabhängig« zu kontrollieren. Die »59 Kalten Krieger« (wie der Medienkritiker Thomas Immanuel Steinberg die Verfasser nennt) von Henryk M. Broder bis Arnulf Baring gaben das Schreiben zugleich an die Presse, die FAZ zitierte daraus, auf der rechtslastigen Internet-Seite www.perlentaucher.de wurde es in voller Länge wiedergeben. Seine Textgestaltung (Stil, Idiomatik, Grammatik, Syntax) verrät Kennern die Herkunft aus Computern von Falun-gong-Propagandisten.

Hochtrabend als »Autorenkreis der Bundesrepublik« firmierend fordern die Unterzeichner Zensur und Gesinnungsschnüffelei in einem öffentlich-rechtlichen Sender, der sich gewöhnlich durch lammfromm regierungstreue Programme auszeichnet. Mit von der Partie ist – eingedeutscht? – Mario Vargas Llosa, Peruaner spanischer Nationalität, der weltweit als »Bannerträger des Neoliberalismus« (Wolf Gauer) agiert. Der Offene Brief belegt, daß seinen Verfassern die sozialökonomische Lage der Menschen in aller Welt ebenso egal ist wie die Rundfunkfreiheit. Zumindest dies haben sie mit der Falun gong gemeinsam.