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Schach-Geschichte  (Justus Lenz)
Im November geht in Dresden die 38. Schach-Olympiade über die Bühne. Rechtzeitig ist ein großformatiges, reichlich bebildertes Buch über die gut 80-jährige Geschichte der Schach-Olympiaden erschienen. Der Autor hat gründlich recherchiert und dabei einiges ausgegraben. Wem war schon bekannt, daß 1939 in Buenos Aires für Bolivien ein einstiger deutscher Arbeiterschachspieler antrat, Paul Baender, der als antifaschistischer Emigrant nach Lateinamerika gegangen war? Oder welche Stellung der Schachbund-Präsident Walter Robinow, der 1930 die 3. Olympiade nach Hamburg geholt hatte, innerhalb des hanseatischen Großbürgertums innehatte. Seine Firma handelte auch mit Waffen. Familiengeschichtlich bestanden enge Beziehungen zu dem Olympia-Sponsor HAPAG, der das Turnier mit dem Slogan »Mein Feld ist die Welt« unterstützte. Mit einem Blick auf die Kolonialgeschichte gelingt es Mario Tal, den bitteren Beigeschmack des Mottos zu erklären sowie das doppelbödige Image der Elbstadt als »Tor zu Welt« offenzulegen. Nicht zufällig war einer der Nachfolger Robinows ab 1951 der »Kakao-Zar« Emil Dähne, ebenfalls Hamburger und in der gleichen Liga spielend.

Auch andere Säulenheilige des Deutschen Schachs werden auf den Prüfstand gestellt. Wie kaum ein zweiter verkörpert Alfred Brinckmann, Träger der Goldenen Ehrennadel des Deutschen Schachbundes, schachpolitische Kontinuitäten. Als deutschnationaler Autor berichtete er 1930 aus Hamburg, verdingte sich bald danach als NS-Schachautor und wurde bei der Schach-Olympiade 1958 in München vom Deutschen Schachbund beauftragt, das Turnierbuch zu erstellen. Das paßte ins Bild: Im Ehrenprotektorat saß der bayerische Kultusminister Theodor Maunz, sowohl in der NS-Zeit als auch in der BRD einer der führenden Staatsrechtler. Leipzig 1960 stand unter anderen Vorzeichen: Bei dem auch im Westen viel gelobten Turnier enthielt das Programm für die Akteure eine Exkursion zum KZ Buchenwald.

Es macht die Stärke des Buches aus, zahlreiche Einzelheiten und Anekdoten jeweils in einen gesellschaftlichen Kontext einzuordnen. So erzählt es von dem einstigen tschechoslowakischen Großmeister Ludek Pachmann, der infolge des »Prager Frühlings« in die BRD übersiedelte und durch überaus eifrigen Antikommunismus auffiel: Er unterstützte den ehemaligen NS-Marinerichter und Ministerpräsidenten Baden-Württembergs, Hans Filbinger, und gründete die »Konservative Aktion«, die in Großstädten Bürgerwehren aufbauen wollte und Türken dazu aufrief, das Land zu verlassen. Es gibt aber auch zahlreiche Beispiele für mutiges Engagement: zum Beispiel die BRD-Auswahl in Buenos Aires 1978, die zur argentinischen Militärdiktatur Distanz bewahrte, im Gegensatz zu den Kollegen Fußballern kurz zuvor bei der Weltmeisterschaft am gleichen Ort (Kapitän Vogts: »Argentinien ist ein Land, in dem Ordnung herrscht«).

Auch Turnierverläufe und Spielberichte kommen nicht zu kurz. Doch Mario Tal bietet weit mehr als reine Schachgeschichte: En passant läßt er in dem kurzweilig geschriebenen Werk ein Jahrhundert Kulturgeschichte Revue passieren – wobei er sicher in manchen Details auf Widerspruch stoßen wird.

Ein formales und ein inhaltliches Manko bleiben: Zum einen fehlt in dem ohnehin fast 70-seitigen Anhang aus Fußnotenapparat und Literaturverzeichnis noch ein Namensverzeichnis. Zum anderen: Die Dubiositäten rund um das tief in den sächsischen Korruptionssumpf verstrickte Organisationskomitee von Dresden 2008 werden mehr angedeutet als ausgeführt. Dennoch ist das Buch Pflichtlektüre jedes Schachfreundes. Und auf dem Weg nach Dresden gehört es allemal ins Handgepäck.

Mario Tal: »Bruderküsse und Freudentränen. Eine Kulturgeschichte der Schach-Olympiaden«, Köln 2008, PapyRossa Verlag, 420 Seiten, 29.80 €