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Titel2109

Bemerkungen

Welche Verfassung?
Mit Entsetzensrufen reagierten die meinungsmachenden Medien im Bundesland Nordrhein-Westfalen auf den Entwurf des Landtagswahlprogramms der Linkspartei: »Linksrevolutionäres« und »DKPistisches« sei da zu Tage getreten. Und die im Land regierende schwarz-gelbe Koalition äußerte sich so, als wäre bald ein Verbot dieser Partei des Bösen fällig. »Wer ein solches Programm beschließt, steht nicht auf dem Boden des Grundgesetzes«, empörte sich der CDU-Landesvorsitzende, Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, und der Vorsitzende der FDP-Fraktion im Landtag, Gerhard Papke, urteilte: »Mit ihrem Programm hat die NRW-Linkspartei ein bedrückendes Dokument kommunistischer und freiheitsfeindlicher Ideologie vorgelegt. Hauptsächlich lasteten sie der Linkspartei an, sie plane eine »Verstaatlichung« der Energiekonzerne.

Aber an dieser rhetorischen Justiz war offenbar Leseschwäche beteiligt. Tatsächlich heißt es nämlich in dem linksparteilichen Papier, die Energieversorgung (wie auch andere infrastrukturelle Leistungen) gehörten »in öffentliches und demokratisch kontrolliertes Eigentum« – eine Forderung, die derzeit schon viele Kommunen zu realisieren versuchen. Verfassungsfeindlich? Das Grundgesetz kann nicht gemeint sein, es räumt in Artikel 15 ausdrücklich Möglichkeiten ein, zum Zwecke der »Vergesellschaftung« Grund und Boden. Naturschätze und Produktionsmittel in »Gemeineigentum oder andere Formen der Gemeinwirtschaft« zu überführen. Die (1950 beschlossene) Verfassung des Landes NRW kann auch nicht gemeint sein, sie enthält in Artikel 27 sogar eine Sollvorschrift, »Grundstoffe« (die Kohle war damals einer davon) seien in öffentliches Eigentum zu überführen.

Rüttgers, Papke und ihre publizistischen Kompagnons haben also nicht die Verfassungsnorm, sondern die Verfassungswirklichkeit im Sinn, die politisch-ökonomische Faktizität also: Die Herrschaft der Konzerne soll nicht angetastet, deren weiter privatisierender Zugriff nicht gehindert werden. Wer die Verfassungsnorm ernst nimmt, verläßt demnach ihren »Boden«; er begibt sich in die rauhe Luft politischer Diffamierung.

Arno Klönne


Ein Pferdekenner

Freiheit und Recht nennt sich eine vom »Bund Widerstand und Verfolgung Bayern e.V.« herausgegebene Zeitschrift, die der SPD nahesteht und der Totalitarismustheorie folgt. Sie publiziert nicht nur Aufsätze über die NS-Geschichte und die der kommunistischen Staaten, sondern widmet sich auch der Enthüllung derzeitiger »linksradikaler Umtriebe«. In der neuesten Ausgabe beschreibt Rudolf van Hüllen (nach eigener Angabe »in der Präventionsarbeit gegen Rechts- und Linksextremismus tätig«) die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) als »trojanisches Pferd«. Historisch, so der Autor, habe die VVN »die Einführung einer stalinistischen Variante des Sozialismus« zum Ziele gehabt; gegenwärtig sei sie »eine Symbiose mit autonomen Gewalttätern eingegangen«. Der Beweis van Hüllens: Auf der Homepage der VVN-BdA-Gruppe in Aachen werde »für typisch autonome Aktionsfelder geworben«. Da sei zu lesen: »Wenn Rot-Grün Krieg führt, wenn der Innenminister sagt, das Boot sei voll, dann kritisieren wir das ebenso wie die Kampagnen eines Roland Koch gegen AusländerInnen oder die Verstrickung der konservativen Parteien in den Militarismus der BRD.« Herr Staatsanwalt, übernehmen Sie schnell – da offenbaren sich politische Terroristen!

Selbst Wolfgang Schäuble gerät bei van Hüllen in Verdacht, »ein Stück weit mitverantwortlich« zu sein dafür, »daß linksextremistisch motivierte Gewalt gegen Polizisten bei ›antifaschistischen‹ Demonstrationen auf dem Umweg über die VVN-BdA neuerdings auch aus Steuermitteln finanziert wird«. Denn seit 2006 sei die VVN-BdA nicht mehr im Bundesverfassungsschutzbericht erwähnt und könne daher Gemeinnützigkeit in Anspruch nehmen.

Wer hätte das gedacht: der wackere konservative Schwabe als klammheimlicher Helfer der »Autonomen«!

Ein Tip für den Pferdekenner van Hüllen: Hat vielleicht ein trojanisches Fohlen im berichterstattenden Bundesamt für Verfassungsschutz den Bundesinnenminister getäuscht? Wer weiß, wie weit die stalinistisch-autonome Unterwanderung fortgeschritten ist.
Peter Söhren


Viel Lob für den Bertelsmann
Reinhard Mohn, langjähriger Chef des Bertelsmann-Konzerns, ist gestorben, und Presse wie Politik wetteiferten darin, ihn als »Pionier«, »Patriarchen«, »Visionär« und »Großstifter« zu würdigen. Zu Ehren des Verstorbenen, über dessen Leben und Werk sich ansonsten viel Kritisches sagen ließe, ist anzumerken: Solch hemmungslose Lobhudelei hätte ihm nicht gefallen.

Ein Satz der Bundeskanzlerin gibt Aufschluß über sie selbst: »Bei Bertelsmann ist es gelungen, das gesellschaftliche System auf ein Unternehmenssystem herunterzubrechen und das dann so zu führen, wie die Gesellschaft geführt werden muß.«

Angela Merkels Gedankengang ist aber nicht ganz vollständig. Die von Mohn eingerichtete Gütersloher Denkfabrik hat es nämlich durchaus verstanden, unternehmerische Führung auch wieder ins gesellschaftliche System hinaufzubrechen und der Politik beizubringen, wo es lang gehen soll – und zwar so, daß dabei direkte eigene Geschäftsinteressen nicht zu kurz kommen. Gestiftet wurde eine politische Agenda wie auch eine Quelle des Profits: Public-Private-Partnership in hochentwickelter Form, als gemeinnützig anerkannt, mit Steuervorteilen bedacht. Insofern war Reinhard Mohn wirklich ein Pionier.
Marja Winken


Soziallehre – zeitgemäß

»Gut gemeint allein hilft nicht. Schauen Sie sich die Geschichte vom Heiligen Martin an. Der ist heiliggesprochen worden, weil er seinen Mantel teilt und die eine Hälfte dem Bettler gibt. Vermutlich haben danach beide gefroren: Martin hat den Mangel nur gleich verteilt, aber keine Anstalten gemacht, ihn zu beseitigen. Die Antwort des Kapitalismus wäre: eine Mantelfabrik zu bauen und den Bettlern Arbeit zu geben, damit die sich einen Mantel kaufen können. Alle gewinnen, auch Martin – nur wäre er dann nicht heiliggesprochen worden.« (Die Zeit, 24. 9. 2009)

Hier spricht kein Hohepriester des Kapitals, sondern der katholische Wirtschaftsethiker Karl Homann. Seine zeitgemäße Auslegung der Heiligenlegende sollte zum diesjährigen Martinstag von den Kanzeln verkündet werden, gleichsam als Opfergabe für die neue Koalition und mit einem Segenswunsch für sie verbunden. Die Martinsumzüge in den Städten könnten umfunktioniert werden, um für den Bau von Mantelfabriken Spenden einzuwerben. Das müßte den Bürgern unmittelbar einleuchten, denn wir leben ja im Kapitalismus und nicht mehr in den Zeiten des Heiligen Martin. Auch Sozialhilfeempfänger können schließlich Mäntel nähen, notfalls in Heimarbeit.

Der Wirtschaftsethiker Homann aber sollte konsequent sein. Wenn die Ethik des Teilens nicht marktgerecht ist, was zweifellos der Fall ist, dann ist auch eine Wirtschaftsethik überflüssig oder gar schädlich, weil sie das Walten des freien Marktes nur behindert. Also ab in die Mantelproduktion – zu einem Lohn von 3,80 Euro pro Stunde. Denn auf die Frage der Zeit, ob ein solcher Preis für die Arbeit gerecht sei, antwortete Homann: »Der Preis ist ein Indiz für Knappheit oder Nichtknappheit des Faktors Arbeit am Arbeitsmarkt. Das ist keine Frage der Gerechtigkeit.«
Reiner Diederich


Töten, um Gott zu versöhnen
Die »breite Blutspur, die sich längs durch die Geschichte des Christentums zieht«, wurde erstmals sichtbar, als die Christengemeinden im 4. Jahrhundert durch den römischen Kaiser Konstantin staatliche Anerkennung fanden und dafür ihrem bisherigen Bekenntnis abschworen, das sich dem Soldatenberuf widersetzte. Seitdem galt das Töten andersdenkender Menschen nicht mehr als verwerflich, sondern wurde, je länger je mehr, sogar zu einem »frommen Werk«. Die Missionszüge, die die »christlichen Herrscher« im frühen Mittelalter quer durch Europa unternahmen, die Kreuzzüge, die »Heiligen Kriege gegen Ketzer und Heiden« wurden, bis in unsere Tage hinein, oft zu einem einzigen Blutrausch.

Der Zusammenhang von christlicher Religion und Gewalt ist zwar seit langem bekannt, besonders durch die Erkenntnisse des kanadischen Instituts für Friedensforschung aus den 1960er Jahren. Selbst die kirchengeschichtliche Forschung kann ihn nicht mehr ignorieren. Dennoch findet sie immer wieder Gründe, die kirchlichen Verbrechen zu entschuldigen, zum Beispiel diese: Gewalttätigkeiten seien nicht »typisch christlich«, sondern aus dem »Zeitgeist« erwachsen. Aber den hatten die Kirchen in der Regel selbst geschaffen.

In seinem Buch »Der geopferte Jesus und die christliche Gewalt«, dem die einleitenden Zitate entnommen sind, kommt der Verfasser, der emeritierte evangelische Superintendent Herbert Koch, zu einem völlig anderen Ergebnis: Er leitet die Verbrechen der Kirchen aus der »christlichen Kernthese« ab, der »Sühnopfer-Versöhnungsthese«.

Ausgangspunkt ist die alttestamentliche Behauptung von der Bosheit des menschlichen Herzens »von Jugend auf« (1. Mose 8, 21), die später angereichert wurde mit der abstrusen »Erbsündenlehre« des Kirchenvaters Augustin im 4./5. Jahrhundert. Dadurch, so die altjüdische Vorstellung, wird der Schöpfergott beleidigt, der nun Sühnopfer braucht, um versöhnt zu werden. Schon die frühen Christen sahen in dem gekreuzigten Jesus ein solches Sühnopfer, das bald zu einem »Vorbild« für sie selbst wurde. Das erklärt ihre Opferbereitschaft in den Jahrhunderten, als sie noch machtlos im römischen Imperium lebten. Später, als das Christentum selbst an die Macht gekommen war, wurden die Feinde der christlichen Staatskirche die Opfer des sühneheischenden Rachegottes. Sie wurden grausam ausgerottet.

Diese »Versöhnungslehre« hat mit dem »ureigenen Evangelium Jesu«, das Feindesliebe gebietet, nichts zu tun, sie steht in direktem Widerspruch dazu, wie der Verfasser überzeugend belegt. Es wäre seiner Auffassung nach an der Zeit, dieser menschenmordenden Ideologie den Abschied zu geben. Danach sieht es bei den Vertretern der Großkirchen allerdings nicht aus. Für die katholische steht eben diese Lehre als Erklärung der »Opferhandlung« in der Messe unabänderlich fest, und die evangelische hat sie soeben als tragendes Element in ihrer neuen »Friedensdenkschrift« wieder einmal bekräftigt. Kochs Buch ermuntert alle, die auf die Menschenfreundlichkeit Jesu hoffen, den Kampf gegen die »Sühnopferlehre« aufzunehmen.

Auch politisch interessierte Nichtchristen sollten die Lehre kennen, die, von den US-amerikanischen Evangelikalen aggressiv verbreitet, dazu beigetragen hat, daß das Leben auf unserem Globus andauernd mit Krieg und Folter bedroht ist. In dem Kapitel »Amerikas Kreuzzüge« ist das eindrücklich dargestellt.
Hartwig Hohnsbein

Herbert Koch: »Der geopferte Jesus und die christliche Gewalt«, Patmos, 237 Seiten, 16.90 €



Das weiße Band

Das weiße Band, mit dem man die Kinder kennzeichnet, um sie gegen die Sünde zu feien – sie müssen es tragen, solange die Strafe andauert, Wochen und Monate. Das weiße Band, mit dem die Hände rechts und links des Bettes gefesselt werden, um vor Onanie zu schützen – hinderlich wird es, als Feuer ausbricht, da sich das Kind nicht selbst abbinden kann und deswegen in Panik gerät; die Geschwister trauen sich nicht, den Bruder abzubinden. Das weiße Band, das die Unschuld bedeutet, die den Kindern von eben jenen genommen wird, die immer von der Unschuld der Kinder reden. Das weiße Band im Haar, die Rute auf dem Körper, die Ringe unter den Augen, der zusammengepreßte Mund des verzweifelten Kindes, das nach Rache dürstet, ohne es zu wissen.

Martin Hanekes Film »Das weiße Band« handelt von der Erziehung in Deutschland zur Kaiser-Zeit wie in Schwarzweiß-Fotografien aus einem Familienalbum. Er zeigt den langsamen Verfall der Menschen von Kindheit an; das Ersticken in den engen Schranken der von Gott und dem Baron festgelegten Klassen; die heimlichen Ausbrüche. Dem Zerbrechen der Gesellschaft gehen Angst, Schmerz, Ohnmacht, Haß, Selbstmord und Tod voraus.
Gesichter vergangener Zeiten halten uns den Spiegel vor und erklären uns unsere Geschichte, die uns nun eindeutiger als vorher erscheint. Ganz von unten, aus der Perspektive der Kinder eines beliebigen deutschen Dorfes, stellt sich die Welt als der alltägliche Alptraum dar. Hinter verschlossenen Türen pressen die Erwachsenen die Kinder mit Gewalt in die vorgegebenen Rollen. Das gelingt nur halb, denn die Kinder haben gelernt, sich zu verbergen, ihre Münder zu verschließen, ihre Wut herunterzuschlucken und einzig in ihre Augen die Kraft einer fragenden Zukunft zu legen.

Zwischen idyllischer Erntearbeit und festlichem Erntedank gelingt es, die Idee dörflicher Idylle gründlich zu zerstören und den Zuschauer zum geistigen Mitgestalten des Films zu veranlassen. Man denkt, lernt, macht sich seine eigenen Gedanken. Bilder lösen Assoziationen aus, die uns erfüllen. Die Geschichte gewinnt durch Weglassen: durch das Weggelassene, das wir ergänzen. Den alten Erzähler sieht man jung wie auf Erinnerungsfotos und hört doch seine alte Stimme, die wie aus dem Lehnstuhl heraus klingt. Er will keine Wahrheit behaupten, nur Lücken zwischen den Bildern schließen und kramt manches hervor, was auch ganz anders gewesen sein kann. Die erhoffte Auflösung aller »Unglücksfälle« wird nicht gegeben, am Ende stellen sich mehr Fragen und Rätsel als am Anfang. Sie verfolgen uns noch in den übernächsten Tag hinein.

Nach oben buckeln macht krumm. Die deutsche Sittengeschichte, von Kindern erlebt und erlitten, mündet in den Abgrund des ersten Weltkriegs wie in eine Erlösung ein.
Anja Röhl


Nachdenken über Deutschland
Ohne das »hohe Maß realisierter sozialer Gleichheit« in der DDR wäre nicht möglich geworden, was Friedrich Dieckmann den »Erfahrungsanschluß an eine europäische Revolutionsgeschichte« nennt: die Volkserhebung des Herbstes 1989, die zur Öffnung der Mauer und zur Einheit Deutschlands führte. Eben daher aber rührt die »wechselseitige Erfahrungssperre«: So rätselhaft für Westdeutsche eine Gesellschaft bleibt, die binnen 40 Jahren zwei einschneidende Umwälzungen erlebt hat, so un-begreiflich ist für Ostdeutsche »eine Sozietät, die besitzstrukturell, also in den Machtverhältnissen ihres Wirtschaftseigentums, unbeschadet durch die Katastrophen dieses Jahrhunderts gekommen ist«. Und schwer vereinbar sind die Vorstellungen von Freiheit: »substantial« als etwas unter Mühen und Gefahr zu Erringendes im Osten, »institutional« im Westen als etwas Vorgegebenes, das sich »unter realkapitalistischen Verhältnissen als Chimäre erweist«. Dieckmann, ein in der Bundesrepublik »angekommener« DDR-Intellektueller des Jahrgangs 1937, seit Jahrzehnten im Nachdenken über Deutschland geübt, bahnt sich einen eigenen, unabhängigen Denkweg durch die deutsche Nachkriegsgeschichte. Das Schreiben ist für ihn nicht Wiedergabe von Fertiggedachtem, sondern lebendiger Denkprozeß auf hohem Abstraktionsniveau. Das macht die Lektüre zur lustvoll anregenden Herausforderung zu aktivem Mit- und Neudenken. Daß es sich um eine Bündelung separat entstandener Aufsätze handelt, bemerkt man kaum; das Buch liest sich wie ein sorgsam durchkomponiertes Ganzes, dessen motivische Überlappungen wie dramturgische Kunstgriffe wirken.

Aufregend aber ist Dieckmanns Sicht des 17. Juni 1953. Folgt man seiner akribisch belegten und schlüssig entwickelten Darstellung, so war der Aufstand bewußt provoziert (durch eisernes Festhalten an der für die Arbeiterschaft unerträglichen Normerhöhung), um zweierlei zu verhindern: den in Moskau bereits beschlossenen Sturz Ulbrichts und die vom sowjetischen Sicherheitsminister Berija eingeleitete neue Deutschlandpolitik, die – abgestimmt auf ähnlich gerichtete Initiativen Churchills – den Kalten Krieg beenden wollte durch Preisgabe der DDR zugunsten eines neutralen Gesamtdeutschland. Niemand weiß, ob Berijas Neuansatz, wäre er nicht intern sabotiert worden, weltpolitisch eine Chance gehabt hätte. Sicher ist: Der Aufstand erzwang den Einsatz russischer Panzer, Berija war diskreditiert und wurde hingerichtet; Ulbricht triumphierte; Adenauer gewann haushoch die Bundestagswahl im Herbst. Träfe Dieckmanns Analyse zu, so hätte der Aufstand vereitelt, was er anstrebte und was ohne Aufstand möglicherweise zum Greifen nahe war. Es wäre, mit der antikischen Bedeutungsschwere des Wortes, eine Tragödie gewesen.
Hans Krieger
Friedrich Dieckmann: »Deutsche Daten oder Der lange Weg zum Frieden«, Wallstein Verlag Göttingen, 188 Seiten, 19.90 €


Bericht einer Märchenkönigin
Die niederländische Schauspielerin Cox Habbema, die viele Jahre am Deutschen Theater in Berlin arbeitete, hatte damals Kontakte zu Dissidenten in der DDR ebenso wie zu Offiziellen. Als Ausländerin konnte sie zwischen Ost und West hin- und herpendeln, manche Konterbande in die DDR mitbringen, aber auch Vergleiche anstellen.

Nach der deutschen Vereinigung sah sie als Besucherin Bekannte wieder, beobachtete Ent- und Abwicklungen, die Ernüchterung vieler Intellektueller, radikale Einschnitte in das Kulturgeschehen und die immer stärkere Dominanz des Geldes.

Obwohl seit 1986 als Intendantin des Amsterdamer Stadttheaters tätig, blieb sie bis heute eng mit Berlin und dem Deutschen Theater verbunden.

Cox Habbema ist aus vielen Filmen bekannt, nicht zuletzt aus dem poetischen Märchenfilm »Wie heiratet man einen König«, in dem Eberhard Esche ihr Partner war. Später heirateten beide wirklich.

Gegen diese – auch gegenüber der DDR – kritische Zeitzeugin kann der Vorwurf einer »Ostalgie« nicht erhoben werden. Ihr einfühlsamer und ungeschminkter Bericht über Veränderungen und Einschnitte unterscheidet sich wohltuend von den Lebens- und Leidensberichten mancher Spätwiderständler.
Rudolf Turber

Cox Habbema: »Mein Koffer in Berlin oder das Märchen von der Wende« aus dem Niederländischen von Ina Wilhelm, Militzke Verlag, 192 Seiten, 9.95 €.



Spuren einer Kunstsammlung
Von Goethe im achten Buch von »Dichtung und Wahrheit« in höchsten Tönen gepriesen, war er bisher selbst in seiner Heimatstadt Leipzig kaum noch bekannt: Gottfried Winckler (1731–1795), aus dessen großer, später in alle Welt verstreuten Kunstsammlung gegenwärtig das Leipziger Museum der bildenden Künste eine kleine, aber feine Ausstellung präsentiert. Gottfried Winckler gehörte zu jenem Kreis kunstbegeisterter Kaufleute im reichen Leipzig des 18. Jahrhunderts, die Unsummen für den Erwerb von Büchern, Gemälden, Zeichnungen und Kupferstichen ausgaben und diese Schätze auch interessierten jungen Leuten wie dem damals 18-jährigen Studiosus Goethe zugänglich machten.

Die Wincklersche Sammlung umfaßte schließlich etwa 1.300 Gemälde, 80.000 Kupferstiche und rund 6900 Bücher. Wenig davon blieb in Leipzig. Verkäufe und Versteigerungen der Nachfahren dezimierten den Schatz. Einiges kann man jetzt sehen, darunter acht Aquarelle Christian Friedrich Wiegands, der 218 Gemälde der Sammlung auf eigenen Bildern dargestellt hat – besonders reizvoll. Mehrere Porträts zeigen auch die Persönlichkeit des kunstsinnigen Kaufmanns, der seine Sammlung zu Lebzeiten im Haus Zum goldenen Helm in der Leipziger Katharinenstraße unterbringen konnte, just dort, wo sich heute das neue Gebäude der Leipziger Gemäldegalerie befindet. Die Ausstellung ist bis zum 1. November geöffnet.
Dieter Götze


Kolumbus’ chinesische Karten
Jahrhundertelang galten in Europa wie in Amerika die Spanier und Portugiesen als Entdecker der »Neuen Welt«. Aber inzwischen hat der Engländer Gavin Menzies mit seinem Buch »1421« diese Sichtweise in Frage gestellt. Als U-Boot-Kommandant, also auch ausgebildet in astronomischer Navigation, liest er Karten anders als ein Historiker und kommt zu verblüffenden Ergebnissen. Nach Wikipedia werden seine Hypothesen in »Fachhistorikerkreisen« allerdings als Phantasieprodukt abgelehnt. Das hat vielleicht auch außerfachliche Gründe.

Kolumbus, Vasco da Gama, Magellan und Cook machten die gleichen »Entdeckungen«, wie sie die Chinesen 100 bis 400 Jahre zuvor gemacht hatten. Sie brachen nicht ins Unbekannte auf, denn sie hatten Kopien chinesischer Karten bei sich. Von 1421 bis 1423 waren vier chinesische Flotten rund um den Erdball unterwegs, um ihn zu kartographieren und zu kolonisieren. Eine mehr als 600jährige Erfahrung im Navigieren, astronomische Kenntnisse, die die Bestimmung der Längen- und Breitengrade ermöglichten, sowie eine auf allen Gebieten überlegene Kultur machten dieses Unternehmen möglich. Die europäischen Staaten galten bei den Chinesen um 1400 als rückständig und unterentwickelt.

Als Magellan 1520 die später nach ihm benannte »Magellanstraße«, die den Atlantik mit dem Pazifik verbindet, durchquerte, mußte er zunächst eine Meuterei an Bord niederschlagen. Seine entmutigte Mannschaft, in elendem Zustand, glaubte nicht an dieses Ziel. Im Gegensatz zu ihnen kannte Magellan jedoch diese Verbindung: Er hatte eine entsprechende Seekarte bei sich. Daß alle »Entdecker« Kenntnis von ihren zu »entdeckenden« Zielen hatten, belegt Menzies anhand vieler Tagebucheintragungen. Diese Kenntnis wurde nicht geleugnet, möglichst jedoch verheimlicht, um das Unternehmen aufzuwerten.

Ein Vergleich mag die unterschiedlichen Dimensionen der chinesischen Forschungs- und der europäischen Eroberungsmission veranschaulichen: Während die chinesischen Dschunken technisch so ausgerüstet waren, daß sie ohne Not viele Monate auf See verbringen konnten (sie konnten beispielsweise Meerwasser entsalzen), darbte die Mannschaft auf den Karavellen bei Schiffszwieback, der in Staub zerfallen und voller Würmer war. Eine Karavelle war nicht viel größer als das Ruder einer Dschunke.
Sabine Kruse

Gavin Menzies: »1421, Als China die Welt entdeckte«, Droemer, 608 Seiten, 10.95 €



Press-Kohl
Freund Gaston aus Stahnsdorf las in einem Bericht der Zeitung Neues Deutschland über die Speise-Verhaltensweisen im Lande Brandenburg: »Von drei Äpfeln, die in Brandenburg verzehrt werden, sind nur zwei in Brandenburg gewachsen. Fast 40 Kilogramm Äpfel verzehrt der Durchschnitts-Brandenburger im Jahr. Von den 2,3 Kilogramm Erdbeeren, die die Brandenburger pro Kopf und Jahr verbrauchen, wachsen 0,6 Kilogramm im Land, und nur 13 Prozent der verzehrten Birnen stammen aus einheimischem Anbau.« Diese sensationellen Erkenntnisse der Zusammenhänge zwischen Brandenburger Erdbeeren und den in den Mägen der Bürger Brandenburgs verdauten fremden Birnen erinnerten Gaston an eine Parodie, die Manfred Bieler einst verfaßt hat: »Heinz Kahlau: Frage // Vier Äpfel / mal / vier Äpfel / sind / sechzehn Äpfel. // So viele Blüten. / So viele Sommer. /Wie viele Esser?«
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Der Wirtschaftshistoriker Jürgen Kuczynski notierte 1970 über das Altern: »Es scheint mir … nützlich, unsere Gerontologen an die Spitzenleistungen vor der Sintflut zu erinnern. Sagte mir doch neulich einer von ihnen: ›Wenn Sie weiter so gesund leben und laufend für die Weltbühne schreiben, können Sie noch 90 werden.‹ Er war etwas erstaunt, als ich ihm antwortete: Das sind genau 9,7 Prozent der Lebenszeit des alten Adam, der 930 Jahre alt wurde – und das, obgleich er doch all die Aufregungen im Paradies gehabt hatte.« Professor Jürgen Kuczynski, der »Querdenker« und »fröhliche Marxist«, auch »linientreuer Dissident« genannt, starb nach vielen weiteren Beiträgen für die Weltbühne im Alter von 92 Jahren.
Felix Mantel