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Titel2116

Kapitalkollaps  (Manfred Sohn)

Der polnische Publizist und Journalist Tomasz Konicz (43) ist als Autor guter Artikel über die Situation in Osteuropa und die Folgen der sich seit 2008 in immer neuen Wellen vertiefenden internationalen Krise des Kapitalismus bekannt. Im August hat er beim konkret-Verlag sein bisher umfassendstes Werk vorgelegt. Im »Kapitalkollaps« analysiert er die »finale Krise der Weltwirtschaft«. Er tut dies in der Tradition von Karl Marx und unter Berücksichtigung der Aktualisierung von dessen Analysen durch die Vertreter der sogenannten Wertkritik, die in Deutschland vor allem mit dem Namen des 2012 verstorbenen Robert Kurz verbunden ist.

 

Das Buch hat drei Stärken. Zum einen pariert Konicz vor allem im ersten Drittel den vielfach auch aus Reihen reformorientierter, nicht radikal-marxistischer Linker zu hörenden Vorwurf, die analytische Herleitung eines bevorstehenden »Zusammenbruchs«, den Marx in den »Grundrissen zur Kritik der politischen Ökonomie« als unvermeidliches Resultat einer fortlaufenden Expansion des Kapitalismus ankündigt, wäre durch empirische Fakten nicht gedeckt. Gestützt auf eine ganze Breitseite von offiziellen Statistiken, die er grafisch gut aufbereitet, macht er klar, dass wir alle nolens volens in der Zeit leben, in der der »prozessierende Widerspruch« (Marx), der tief im Grundmechanismus der auf Tauschwirtschaft beruhenden Gesellschaftsformation angelegt ist, nun an die Oberfläche bricht: Die Dynamik dieses Systems beruht darin, alle menschlichen Bedürfnisse in die Warenform zu gießen, weil nur über die Verwandlung in die Ware aus Geld mehr Geld zu machen ist. Das gelingt aber nur durch Anwendung menschlicher Arbeitskraft, die wiederum systematisch aus dem Produktionsprozess verdrängt werden muss, um in der Konkurrenz dieser Tauschwirtschaft wachsend überleben zu können. Also muss sich das Kapital seiner eigenen Substanz, der wertbildenden Arbeit, entledigen und, angefangen von der Peripherie, immer mehr »überflüssige Menschen« schaffen. Dieser Prozess ist von Konicz nicht abstrakt, sondern empirisch sattsam unterfüttert dargelegt.

 

Die zweite Stärke seines Buches besteht darin, dass er in der Lage ist, den inneren Motor zu beschreiben, der dafür verantwortlich ist, dass die »Welt aus den Fugen gerät«, wie es inzwischen sogar der Außenminister der Bundesrepublik Deutschland formuliert. Die Gründe für dieses Auseinanderbrechen unserer Welt richtig zu analysieren ist der Schlüssel für alle strategischen Debatten, egal ob auf der politischen Rechten, der Linken oder in der politischen Mitte. Wer dies so unbekümmert von Theorie wie Steinmeier und andere tut, wird versuchen, die immer größer werdenden Fugenritzen durch einen Mörtel aus Geld und Waffen zuzuschmieren – und dabei früher oder später scheitern. Wer in der Tradition von Marx und Kurz die Tauschwirtschaft selbst als Motor dieser weltweiten Entwicklungen erkennt, kommt zwangsläufig zu dem Schluss, dass innerhalb dieser kapitalistischen Tauschwirtschaft »die Krise nicht überwunden werden kann«, wie Konicz formuliert, es also eines revolutionären Bruchs bedarf, wenn nicht die Menschheit in den Untergangsstrudel des von ihr geschaffenen Systems mit hineingerissen werden will.

 

Drittens stellt Konicz – damit über Robert Kurz hinausgehend – die Frage, was über Aufklärung hinaus seitens der Linken getan werden kann, um den sich abzeichnenden Kapitalkollaps nicht zu einem Kollaps der menschlichen Zivilisation werden zu lassen. Er zerpflückt in einem eigenen Kapital sorgfältig die »Illusionen nationaler Politik« und zeigt die Grenzen der »historischen Schranke bürgerlicher Demokratie« auf, um dann ohne jede Illusion mit Verweis auf den »Hoffnungsschimmer Rojava« einen solchen Ausweg aus dem Zusammenbruchsdrama unserer Zeit aufzuzeigen – »mit der Konzentration auf Selbstverwaltung statt auf Staatsaufbau …«, wie es am Schluss des großen Wurfs heißt.

 

Manches in den Formulierungen wird dem selbstgesetzten Anspruch, allgemeinverständlich zu formulieren, nicht gerecht, sondern ist einer gewissen Liebe zum Soziologendeutsch zum Opfer gefallen. Manches ist korrekturbedürftig, etwa, wenn der Autor Warenterminbörsen, von denen doch schon Thomas Mann in »Buddenbrooks« berichtet, zu den »neuartigen Betätigungsfeldern des Finanzkapitals« rechnet. Manchem haftet der Kurz’sche Kardinalfehler an, die kurze menschliche Lebensspanne zum Maßstab historischer Veränderungsprozesse zu nehmen und das Eintreffen der richtigen Prognosen »bereits in den kommenden Jahren – oder gar Monaten« zu erwarten. Unabhängig davon ist dem Autor und uns allen dringend eine große Verbreitung des Buches zu wünschen.

 

Tomasz Konicz: »Kapitalkollaps. Die finale Krise der Weltwirtschaft«, konkret, 276 Seiten, 23 €