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Titel2118

Wem ham'se de Krone jeklaut?  (Klaus Nilius)

Für die von Hermann L. Gremliza herausgegebene Zeitschrift konkret ist die Sache klar: Die Novemberrevolution von 1918 ist eine »Unvollendete«, sie ist vor 100 Jahren gescheitert (Ausgabe 11/2018). Na klar: Die Monarchie war abgeschafft, doch die alten Strukturen waren weiter intakt. Oder, wie Theodor Plievier, der sich 1918 am Matrosenaufstand in Wilhelmshaven beteiligt hatte, seinen 1932 im Malik-Verlag, Berlin, erschienenen Roman betitelte: »Der Kaiser ging, die Generäle blieben«. (Eine Neuauflage wurde 1979 im Konkret Literatur Verlag, Hamburg, veröffentlicht.)

 

Der Spiegel setzt einen drauf, schichtet gleich einen ganzen Scheiter-Haufen und vergleicht munter Äpfel mit Birnen: »1848, 1918, 1968, 1989: REVOLUTION – Warum die Deutschen so oft scheitern«. Und meint, »man« »könnte heute fragen«, wer sich eigentlich des 9. November 1918 erinnere. Jene Revolution »ist beinahe vergessen, das Jubiläum wird längst nicht so gefeiert wie ein Lutherjahr oder ein Wagnerjahr«. Denn: »Es gibt keinen Revolutionsmythos, keinen Revolutionshelden.« Dafür gibt es in der analyseschwachen und oberflächlichen Titelgeschichte (Heft 42, 13. Oktober) im Sauseschritt aneinandergereihte Episoden und Zitate. Auch Gauland und Schäuble dürfen ihren Senf dazugeben, und Lenins arg durchgewalktes Bonmot von der Bahnsteigkarte darf auch nicht fehlen.

 

Die schleswig-holsteinische Landeshauptstadt könnte dem Spiegel widersprechen: »2018 jährt sich der Kieler Matrosenaufstand zum 100. Mal – ein Ereignis von nationalgeschichtlicher Bedeutung. Es machte den Schauplatz Kiel zu einem Geburtsort der deutschen Demokratie. Kiel erinnert daran, mit Ausstellungen und Theater, Vorträgen, Publikationen und Filmen.« Von wegen »beinahe vergessen«. Das Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum widmet dem Matrosenaufstand vom 4. November 1918 eine große Sonderausstellung in der Fischhalle, die bis zum 17. März 2019 zu sehen ist. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) war schon da, ebenso der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther (CDU). Allerdings sind diese beiden Besucher revolutionärer Umtriebe unverdächtig.

 

Die Ausstellung in Kiel präsentiert sich in Themenblöcken:

»Wie war die gesellschaftliche Situation im Kaiserreich vor dem Ersten Weltkrieg? Wo liegen die Grundlagen für die Revolution?

 

Welche Auswirkungen hatte der Erste Weltkrieg sowohl auf die Flotte als auch auf die Zivilbevölkerung? Wieso gab es in Kiel überhaupt eine Situation, in der eine Revolution beginnen konnte?

 

Was passierte in Kiel, und wie verbreitete sich die Revolution von Kiel aus im gesamten Deutschen Reich (›Sturmvögel der Revolution‹)?

 

Welche Auswirkungen hatte die Revolution auf Kiel (Abzug der Flotte, Umstellung auf Friedenswirtschaft), und welche Folgen ergaben sich auf Reichsebene (Räterepublik oder Parlamentarismus, Bürgerkrieg oder Aufstände)?

 

Wie wurde die Revolution bis heute rezipiert, welche Bedeutung hatte und hat sie für die deutsche Geschichte?«

 

Nicht nur in Kiel, auch in Bayern kam es 1918 zur Novemberrevolution. Arbeiter und Soldaten erhoben sich am 7. November in München, 60.000 Menschen strömten auf die Theresienwiese. Kurt Eisner rief in der folgenden Nacht den Freistaat Bayern aus. Die Wittelsbacher wurden abgesetzt. Alles ohne Blutvergießen. Drei Tage später waren in Deutschland 22 Fürsten von ihren Thronen gestürzt.

 

Zeitnah dichte Erich Mühsam sein »Rebellenlied«, in dem es heißt: »Vier Jahre hat die Welt der Knechte/ Ihr Blut verspritzt fürs Kapital./ Jetzt steht sie auf, zum ersten Mal/ Für eigne Freiheit, eigne Rechte.«

 

In Berlin entstand schon kurz nach der erzwungenen Abdankung Kaiser Wilhelms II. ein Spottlied, dessen erste Strophe lautet: »Wem ham'se de Krone jeklaut?/ Dem Wilhelm, dem Doofen,/ Dem Oberganoven,/ Dem ham'se de Krone jeklaut.«

 

Und Karl Kraus schrieb kurz nach dem Ersten Weltkrieg sein Theaterstück »Die letzten Tage der Menschheit« mit den Versen von den erfrorenen Soldaten, die Hanns Eisler vertonte und die so beginnen: »Kalt war die Nacht,/ wer hat diesen Tod erdacht …!«

 

Texte und Lieder wie diese wurden vor fünfzig Jahren im zeitlichen Umfeld der 68er rezitiert und gesungen, gehörten ins Repertoire zum Beispiel des »Hamburger Sängerhaufens«, mit dem auch die Schauspielerin Eva Mattes zeitweise auftrat, und der norddeutschen Folkgruppe »Liederjan« sowie anderer Songgruppen und Liedermacher.

 

Wie aber hielt man es 1968 mit der Novemberrevolution, die sich zum 50. Mal jährte, damals, als mal wieder ein Gespenst in Europa umging, als, frei nach dem französischen Anarchisten Pierre-Joseph Proudhon, »unter dem Pflaster der Strand« lag, eine Parole, die in der 1968er Mai-Revolte in Paris an die Mauern gemalt wurde?

 

»lies keine oden, mein sohn, lies die fahrpläne: sie sind genauer.« 1957 wurde das Gedicht mit dem Titel »ins lesebuch für die oberstufe« erstmals veröffentlicht. Sein Verfasser, der damals 27 Jahre alte Hans Magnus Enzensberger, gab sich allerdings mit ein paar Fahrplänen nicht zufrieden (zu H. M. E. siehe »Walter Kaufmanns Lektüre« in Ossietzky 19/2018).

 

Er gönnte sich gleich ein ganzes Kursbuch, das er zusammen mit dem Schriftsteller Karl Markus Michel herausgab. Die Kultur- und Theoriezeitschrift erschien ab Juni 1965 zunächst im Suhrkamp Verlag, dessen Lektor Michel damals war. In kurzer Zeit entwickelte sie sich zu einem der wirkungsmächtigsten Organe der Außerparlamentarischen Opposition, wurde für »lange Zeit ein Leitmedium der linksintellektuellen Szene«, so die FAZ im Juni 2008 in einer Rückschau. Die Anfangsauflage von 10.000 Exemplaren steigerte sich mit der zunehmenden Politisierung der Zeitschrift auf rund 50.000 am Ende der sechziger Jahre.

 

Häufige Schwerpunkte der Zeitschrift: Revolution, Dekolonisation und nationale Befreiungskämpfe in der Dritten Welt, in den damals noch so genannten unterentwickelten Ländern. Fidel Castro und Kuba. Frantz Fanon und die »Verdammten dieser Erde«. Mao Tse-tung und die Große Kulturrevolution. Der Iran unter der Knute des Schah-in-Schahs. Die südafrikanische Apartheid. Der algerische Befreiungskampf. Che Guevara. Imperialismus und Revolution in Lateinamerika. Die Kuba-Krise. Der Militärputsch in Griechenland. Die Studentenrevolten in der Bundesrepublik Deutschland und anderswo. Die mögliche Aufrüstung der BRD mit Atombomben. – Die Liste der brandaktuellen Themen, die Auftritte revolutionärer Protagonisten ist schier endlos.

 

Aber, soweit ich sehe: nirgendwo ein expliziter Beitrag zur Novemberrevolution 1918. Man beschäftigte sich lieber mit theoretischen Erörterungen zur Frage einer deutschen Revolution, hier, heute, jetzt.

 

Zum Beispiel Hans Magnus Enzensberger im Januar 1968 (Kursbuch 11) in seinen »Berliner Gemeinplätzen« (H. M. E.: »Diese Notizen heißen so, weil sie keinem Einzelnen gehören …«).

 

Sätze von Enzensberger: »Die Revolution in Europa ist keine materielle Gewalt. Weil ihr eine starke Klassenbasis fehlt, wirkt sie körperlos …Überall, selbst in den Vereinigten Staaten, erinnert das Wort Revolution an die besseren Möglichkeiten einer Nation. In Deutschland ist es ein Fremdwort geblieben.« Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg habe es allerdings in Deutschland die Möglichkeit einer Revolution gegeben. Diese Chance werde nicht wiederkehren. Denn: »Die herrschende Klasse hat, als einzige, das deutsche Desaster, für das sie verantwortlich ist, ungebrochen überstanden. Ihr Kern ist unversehrt.«

 

In Kursbuch 14 (August 1968) führen Enzensberger, Rudi Dutschke, Bernd Rabehl (damals SDS, später u.a. NPD und DVU) und Christian Semler (damals SDS, vorher SPD, später Mitgründer der maoistischen KPD/AO, noch später taz-Redakteur) ein »Gespräch über die Zukunft«, über revolutionäre Ziele und Möglichkeiten.

 

Enzensberger merkt in der kontroversen Diskussion an, dass man um die »genaue Betrachtung der sogenannten Mittelklasse … nicht herumkomme«. Man müsse »diesen Leuten« ihre Abhängigkeit klar machen, denn die Sicherheit, von der sie träumten, sei »im Rahmen des bestehenden Systems« nicht erreichbar.

 

Rabehl antwortet: »Revolutionär werden diese Leute nie; viel eher werden sie Zyniker.« Und: »Wie war es in Deutschland 1918? Gab es da Ansätze? Die Kopfarbeiter und die Handarbeiter sollten zusammenkommen, die Ingenieure sollten die Arbeiter unterweisen in der Führung der Betriebe. Und wenn auch in der Rätebewegung einige radikale Angestellte mitmachten, so ist doch nach 1919, 1920 ein Prozess eingetreten, wo gerade diese Intelligenz von der Arbeiterbewegung abfiel und immer mehr integriert wurde …«

 

Das war’s mit 1918, als Matrix von den 1968ern gewogen und für zu leicht befunden.

 

Enzensberger statuiert zum Schluss: »Wir sind von Hypothesen ausgegangen, und wir sind bei einer Hypothese angekommen. Die Zukunftsvorstellungen, die unterwegs zum Vorschein gekommen sind, scheinen mir lückenhaft. Das ist kein Wunder. Ein lückenloses Denken über die Zukunft ist nicht möglich.«

 

Ein kluges Wort. Es galt auch schon 1918. Und es gilt noch heute.