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Titel2211

IG Metall auf Augenhöhe?  (Peter Söhren)
Mehr Belobigungen aus der Chefetage deutscher Politik kann eine Gewerkschaft nicht verlangen: Als Rettungsmannschaft des Industriestandortes Bundesrepublik würdigte der Bundespräsident die IG Metall auf ihrem Kongreß, und die Bundeskanzlerin feierte diesen Arbeitnehmerverband als Garanten der »sozialen Marktwirtschaft«. Einig war sie sich mit dem IG-Metall-Vorsitzenden darin, daß die Gewerkschaft mit Wirtschaft und Politik »auf Augenhöhe« verkehre, ein »Gemeinschaftswerk« nannte sie diese Kooperation. Die »Lohnzurückhaltung« ist es vor allem, die der IG Metall so heftige christdemokratische Sympathie verschafft hat, der Bundespräsident erstattete ausdrücklich Dank für die unternehmensfreundliche Bescheidenheit in Krisenzeiten; »belohnt« müsse sie werden, wenn die Konjunktur dazu Gelegenheit biete, meinte die Bundeskanzlerin.

Etwas kontrovers kann es auch unter den Beteiligten an einem »Gemeinschaftswerk« zugehen, wenn dessen Grundlagen nicht in Frage gestellt werden: Daß bei der Rente mit 67, in Sachen Zeitarbeit und Entlohnung von Leiharbeit die IG Metall dem Regierungskurs widerspricht, wurde auf dem Kongreß deutlich. Aber dann wieder Übereinstimmung: »Die IG Metall steht uneingeschränkt zu Europa« – eine Formel, auf die – nicht ohne Mühe – die Regierungsparteien ihre eigene Gefolgschaft eingeschworen haben. Und daß die Banken endlich »mehr Verantwortung zeigen« sollen, ist allgemein Konsens. Organisationspolitisch steht die IG Metall gut da, sie hat bei den Stammbelegschaften in ihren Branchen überwiegend einen gesicherten Einfluß und konnte Mitglieder hinzugewinnen.

Die Frankfurter Allgemeine, die seit jeher dieser Gewerkschaft gebührende Aufmerksamkeit schenkt, schreibt ihr »ansehnliche Beliebtheitswerte« zu; die Ursache dafür sei »Konzentration auf den Betrieb statt auf die Straße«, also Zurückhaltung beim gesellschaftspolitischen Engagement. Daß die »Verschlankung« der IG Metall-Spitze nicht die nötige Mehrheit gefunden hat, sei als »Zwischenruf« zu werten, als »letztes Aufbegehren von links außen« gegen »übermächtige Pragmatiker«. Es könne aber nicht ausgeschlossen werden, daß der mit 96,2 Prozent wiedergewählte Erste Vorsitzende Berthold Huber den Linken in seiner Gewerkschaft »Gefälligkeiten« erweise, »um die Wogen zu glätten«. Und dann ein interessanter Hinweis der F.A.Z. – auf eine »mögliche zweite Wirtschaftskrise«. Exakt dort steckt das Problem: Es ist unwahrscheinlich, daß die Mitglieder der IG Metall sich mit der vielgerühmten Lohnzurückhaltung auf Dauer abfinden. Lohndumping im eigenen Lande ist aber ein Grundzug der Exportstrategie deutscher Unternehmen; eben dadurch konnte die deutsche Industrie Produzenten in anderen europäischen Ländern niederkonkurrieren. Infolgedessen breiten sich Elendszonen aus. Die Rede vom »Bekenntnis zur europäischen Einheit« verdeckt diese Kämpfe um Märkte und Profite zwischen den »Standorten«. Massenarmut wiederum schmälert Exportchancen, die nächste Krise wird nicht ausbleiben, sie wird auch deutsche Unternehmer treffen. Diese werden bemüht sein, Absatzverluste durch Lohnsenkungen und Entlassungen zu kompensieren, also wird nichts aus der »Belohnung« zurückhaltender LohnempfängerInnen hierzulande. Schon weisen die Unternehmer die Forderung der nordwestdeutschen IG Metall nach sieben Prozent mehr Lohn in der Stahlbranche empört zurück. Unter solchen Umständen vermittelt der Spruch von der »gleichen Augenhöhe« kein Wohlgefühl mehr; gewerkschaftliche Konfliktfähigkeit wird dann notwendig sein. Ein Kommentar des Instituts der Deutschen Wirtschaft zum IG-Metall-Kongreß ahnt schon Böses: Die organisatorisch gut aufgestellte Gewerkschaft, derzeit noch ganz »pragmatisch«, könne denn doch auf die Idee kommen, »Streitlust« zu entwickeln. Hoffen wir’s, und fügen an: Durch Vorstandsbeschluß wird dies nicht in Gang kommen. Aber die Gewerkschaften sind ja Mitgliederverbände.