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Titel2211

Der gute Mensch von Hamburg  (Ralph Hartmann)
Nein, das hat er nicht verdient, der gegenwärtige Dauerfernsehtalker und vormalige Bundesminister für Bildung, Wissenschaft und Forschung, Staatsminister im Auswärtigen Amt und Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, Klaus von Dohnanyi. Kaum hatte sich der namhafte SPD-Genosse mit dem distinguiert-aristokratischen Auftreten in einem Interview für Die Welt energisch gegen zu hohe Gehälter ausgesprochen, da fielen sie schon über ihn her. Im Internet wurde er als »Dummschwätzer« beschimpft und seine Begründung, in anderen Ländern, so in Frankreich, würde wesentlich weniger gezahlt, als »kenntnisarmes Gesabbel« diffamiert. Das ist ungerecht, denn er hat ja nicht die bescheidenen Gehälter der Manager kritisiert, sondern die horrenden der deutschen Lehrer. Diese überbezahlten Pauker – in Hamburg verdienen sie als Neulehrer rund 3000 Euro brutto und nach zwölf Jahren steigt ihr Gehalt auf 3800 Euro – und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ließen sich auf die Palme bringen und wiesen den Vorstoß Dohnanyis empört zurück. Einer ihrer Sprecher, der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm, bezeichnete ihn gar als »absurd«.

Diese scharfe Reaktion auf die Forderung des um das deutsche Bildungswesen besorgten 83jährigen Dohnanyi ist unfair und geradezu ehrabschneidend. Zeichnete er sich doch schon immer während seines langen Berufslebens durch große Bescheidenheit und schnelles Handeln aus. Das zeigte sich augenfällig 1987, als der Hamburger Senat unter seinem Vorsitz eine enorme Erhöhung der Pensionen von Senatoren durchboxte. Um die Öffentlichkeit nicht unnötig zu erregen, peitschte er das Gesetz in zwei Stunden durch zwei Parlamentsausschüsse und zwei Plenarsitzungen der Bürgerschaft. Als der Vorgang vier Jahre später im Zuge eines Diätenskandals ruchbar wurde, mußte die Erhöhung zurückgenommen werden, was sich gewiß negativ auch auf das Einkommen des Pensionärs Dohnanyi auswirkte. Es ist nur zu hoffen, daß er aus seinen anderen früheren Staatsämtern Pensionsbezüge erhält, die ihm das Leben erträglicher machen.

Vielleicht hat er sich auch noch einiges zurückgelegt aus der Zeit, in der er nach der ostdeutschen Freiheitsrevolution als Berater der Treuhandanstalt fungierte und als Aufsichtsratsvorsitzender der TAKRAF AG Leipzig den Weltmarktführer für Drehkräne mit 26 Einzelbetrieben an 61 Standorten und 40.000 Beschäftigten privatisierte und in die »soziale Marktwirtschaft« führte. Für diese Schufterei erhielt er von der Treuhandanstalt nur wenig über drei Millionen Euro, je Arbeitstag gerade einmal 2500. Die hatte er sich bitter verdient. Schließlich war er kein Ökonom und mußte sich im Eilverfahren in das für ihn sachfremde Gebiet einarbeiten. Glücklicherweise standen ihm erfahrene Berater wie Roland Berger und McKinsey zur Seite, und so gelang es ihm, den Industriegiganten TAKRAF in kurzer Zeit zu zerschlagen und 25.000 Beschäftigte von der Mühsal der täglichen Arbeit zu befreien. Noch heute ist er stolz auf das Geleistete. Zum 20. Jahrestag der Gründung der Treuhandanstalt konnte er mit Blick auf seine Spitzenleistung bei TAKRAF im Deutschlandfunk feststellen: »Wir sind ja auch ungewöhnlich erfolgreich gewesen. Wir haben ja 30 Prozent der Arbeitsplätze erhalten.« Dieser Erfolg ist umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, daß er und die Treuhand es in Ostdeutschland, wie er dem Sender offenbarte, mit »eine(r) total zerstörte(n) Wirtschaft« und mit »wirtschaftlichem Schrott« zu tun hatten: »Es gab 1989 kein einziges funktionierendes Unternehmen.« Wie es die DDR ohne ein »einziges funktionierendes Unternehmen« geschafft hatte, noch 1988 ein Nationaleinkommen von 258 Milliarden Mark, was einem Bruttosozialprodukt von über 300 Milliarden DM entsprach, zu erreichen, darauf ging der »Herr aus Hamburg« (Herbert Wehner) nicht ein. Auch nicht darauf, daß der kleinere deutsche Staat 1970 bis 1989 trotz widrigster Bedingungen laut einer Studie der Bremer Universität mit 3,3 Prozent eine beträchtlich höhere durchschnittliche jährliche Wachstumsrate als die BRD aufwies. Wozu auch, würde das doch die Leistungen der Treuhand schmälern, der es auch dank des Beitrages des Hamburger Ex-Bürgermeisters gelang, das östliche Anschlußgebiet in kürzester Zeit zu deindustrialisieren.

Auch wenn Dohnanyi die Treuhand über den grünen Klee lobt und den »Aufbau Ost« preist, so weiß er doch, wenn es sich nicht um seine eigenen Verdienste handelt, zu differenzieren. Als ihn das ostdeutsche Wirtschaftsmagazin W&M, anläßlich des 20. Jahrestages des Mauerfalls befragte, was denn nach den zurückliegenden 20 bewegten Jahren für ihn Licht und Schatten in den neuen Ländern seien, antwortete er kurz und knapp: »Licht sind Freiheit und Lebensqualität, Schatten sind Entvölkerung und Arbeitslosigkeit.« Wie Freiheit und Lebensqualität im hellen Licht erstrahlen können, wenn Massenarbeitslosigkeit herrscht und sich ganze Landstriche, Städte und Dörfer entvölkern, dazu hüllt er sich in Schweigen.

Umso offenherziger und wortgewaltiger ist unser SPD-Tausendsassa, wenn es um die Auswahl seiner Freunde geht. Seinen ehemaligen Parteivorsitzenden Oskar Lafontaine hat er besonders ins Herz geschlossen, so daß er ihm zum 65. Geburtstag in der Bild-Zeitung unter anderem mit den Worten gratulierte: »Lafontaine lebt von Unwahrheiten. Lafontaine hat sich mit der Wirklichkeit dieser Welt nie viel Mühe gegeben ... Gute Absicht ohne Sachverstand kann in der Politik ein Verhängnis sein ... Deswegen ist Oskar Lafontaine wahrscheinlich der intelligenteste politische Dummkopf, den wir haben.”

Nein, ein Sympathisant von Lafontaine ist Dohnanyi wahrlich nicht. Seine Sympathie gehört solch bewährten Demokraten wie Erwin Teufel, Hans Olaf Henkel, Oswald Metzger, Roland Berger, Roman Herzog, Rupert Scholz, mit denen er im neoliberalen »Konvent für Deutschland«, dessen stellvertretender Vorsitzender er ist, über Reformen für unser Vaterland nachsinnt. Seiner Zuneigung erfreut sich auch Thilo Sarrazin. Als dieser wegen seiner im Skandalbuch »Deutschland schafft sich ab« dargelegten rassistischen Positionen aus der SPD ausgeschlossen werden sollte, erklärte Dohnanyi sich bereit, ihn vor der Schiedskommission zu verteidigen. Immerhin kenne die SPD Sarrazin doch auch als »loyalen und demokratischen Genossen«. Sein Buch sei doch »faktenreich« und auch seine »biologischen Argumente« seien nicht ganz falsch.

Nun, Sarrazin wurde bekanntlich nicht ausgeschlossen. Mit seinem Machwerk und seinen vielen öffentlichen Lesungen hat er in kurzer Zeit Honorare von mehreren Millionen Euro eingestrichen. Da kann Dohnanyi nicht mithalten, obwohl auch er sich so manchen Euro dazuverdient. Immerhin gehört er zu den hochdotierten Vortragskünstlern der ECON-Referentenagentur, die ihn als »rhetorisch brillanten, viel gefragten Redner« auf dem Polit-Markt feilbietet. Über seine Honorare wird Stillschweigen bewahrt, aber sie dürften so mickrig sein, daß sie seine Pensionen und Rücklagen nur mäßig aufbessern. So blickt er zwangsläufig neidvoll auf die exorbitanten Lehrergehälter und verlangt deren Kürzung. Schon immer war er ein Vorkämpfer für soziale Gerechtigkeit, denn er weiß: Gelobt ist nur, was gerecht und gut ist.