erstellt mit easyCMS  
Titel2215

Kulturgeschichtliches Notstandsgebiet  (Maamoun Abdelkarim)

In Syrien wirken sich die tragischen Ereignisse seit Krisenbeginn im Jahr 2011 auf alle Bereiche des Lebens aus, auch auf die Archäologie: Das Kulturerbe im Land ist stark gefährdet. Viele unserer Befürchtungen sind leider wahr geworden. Die sechs syrischen Weltkulturerbe-Stätten stehen bei der UNESCO auf der roten Liste gefährdeter Objekte, und weite Teile Syriens gelten als kulturgeschichtliche Notstandsgebiete. Die Risiken verschärfen sich dadurch, dass es in manchen Regionen an spezialisierten staatlichen Einrichtungen fehlt, nicht zuletzt Archäologieämtern.


Systematische Raubgrabungen organisierter bewaffneter Banden haben stark zugenommen, und aus Museen sind Artefakte gestohlen worden. Immer mehr Kulturobjekte werden heimlich außer Landes geschafft. Hier sind auch die Nachbarländer gefordert: Leider unternehmen sie an den Grenzen und auf eigenem Staatsgebiet bisher nicht genug, um Schmuggel zu unterbinden.


In Syrien wurden historische Stätten und kulturelle Wahrzeichen beschädigt, antike Statuen aus ideologischen Gründen zerstört. Die gewaltsamen Auseinandersetzungen haben so manche antike Stätte zum Schlachtfeld gemacht – mit katastrophalen Folgen für Zitadellen und andere historische Bauwerke. Und wenn Familien, die ihre Wohnungen verlassen mussten, nun notgedrungen in antiken Gebäuden kampieren, hinterlässt auch das seine Spuren.


In der derzeitigen schweren Krise ist die dem syrischen Kulturministerium unterstehende Altertümer- und Museenverwaltung (DGAM – Directorate-General of Antiquities and Museums) bemüht, auch unter schwierigsten Bedingungen ihren weiten Aktionsradius aufrechtzuerhalten und möglichst viel zu retten und zu bewahren. Dabei ist die Zusammenarbeit mit Gemeinden und Institutionen vor Ort entscheidend. Mit landesweiten wie auch lokalen Kampagnen wird versucht, das Bewusstsein der syrischen Bevölkerung für die Bedeutung ihres großen kulturellen Erbes zu schärfen und wachzuhalten. Nur so ist es gelungen, mehr als 6.500 während der Krise unbefugt ausgegrabene Kunstobjekte sicherzustellen.


Einige Mitarbeiter haben ihren Einsatz mit dem Leben bezahlt, so ein Museumswächter, der zu seinem Schutz und dem seiner Familie nach Damaskus versetzt worden war und dann ausgerechnet dort, auf einem städtischen Platz, einer Bombe zum Opfer fiel. Die Nachricht von der Ermordung des einstigen Antikendirektors von Palmyra, Khaled Asaad, durch den IS ging um die Welt.


Vor allem in der von terroristischen IS-Kämpfern eroberten Gegend der antiken Stadt Palmyra hat sich die Lage dramatisch verschlechtert. Seit dem IS-Einmarsch wachsen unsere Sorgen um diese bedeutende historische Stätte, denn Palmyra steht für Eigenschaften, die dem IS verhasst sind: Toleranz und multikultureller Reichtum.


Die wachsende Gefahr, die unser kulturelles Erbe bedroht, kann von der syrischen Altertümer- und Museenverwaltung nicht allein in Schach gehalten werden. Deshalb haben wir uns an internationale Organisationen mit der Bitte gewandt, unsere nationalen Bemühungen zur Rettung des Kulturerbes zu unterstützen und zu verhindern, dass es im Herzen des kulturellen Menschheitserbes zu einer schmerzlichen Katastrophe kommt.


Die Zusammenarbeit mit ausländischen Institutionen ist für uns von besonderer Bedeutung. Trotz der seit vier Jahren anhaltenden Behinderungen kommunizieren wir so gut wie möglich mit UNESCO, ICOMOS, ICCROM-ATHAR, ICOM, WMF, italienischen Kultureinrichtungen, dem Deutschen Archäologischen Institut (DAI), dem Arabischen Welterbe-Regionalzentrum (ARC-WH) sowie Interpol. Wir stehen auch mit Archäologiekollegen in Italien, Deutschland, Japan, England und Frankreich in Kontakt und sind bemüht, in Syrien bestehende ausländische Grabungen zu sichern. Dank der internationalen Zusammenarbeit führten verschiedene syrische Kulturerbeprojekte 2014 zu Ausstellungen und internationalen Konferenzen in Beirut, Paris, Rom und Rimini sowie in Berlin, wo sich unter anderem die Freie und die Technische Universität für die Bewahrung des syrischen Kulturerbes einsetzen.


Solange antike Stätten in schwer umkämpften Gebieten liegen und für uns kaum zugänglich sind, ist uns keine vollständige Schadenserhebung möglich. Dennoch haben wir inzwischen viele Schäden fotografisch dokumentieren und, genau wie die Museumsbestände, elektronisch erfassen können und sind dabei, Wiederaufbaupläne zu erstellen für Orte, an denen vorerst wieder Ruhe eingekehrt ist, wie Homs, Palmyra und der Burganlage Krak des Chevaliers. Ein Entwurf für ein neues Antikengesetz ist in Arbeit, damit der jetzigen Situation (Verhinderung von Raubgrabungen und Plünderungen, Einziehung gestohlener und geschmuggelter Artefakte) Rechnung getragen und das zur Wiederherstellung und Pflege des Kulturerbes nötige Budget sichergestellt werden kann. Das DGAM führt in beschränktem Umfang an sicheren Orten weiterhin eigene Grabungen durch, hält seine publizistische Tätigkeit aufrecht und sorgt dafür, im Internet erreichbar zu sein – für jedermann, propagandafrei, auf Arabisch und Englisch (www.dgam.gov.sy).


Wer in Syrien bedeutende historische Stätten und wertvolle Schätze der Menschheit zerstört, begeht nicht nur ein Verbrechen, das Geist und Identität der einheimischen Bevölkerung verletzt und sich gegen alle Syrer richtet, sondern vergeht sich an der Menschheit. Wir werden das nicht schweigend hinnehmen. Auch wenn wir der wachsenden Gefahr nur begrenzte Kräfte und Ressourcen entgegensetzen können, lassen wir uns auf keinen Fall unterkriegen. Die derzeitigen Vorgänge in Syrien treiben uns an, unser Bestes zu geben, um der Zerstörung des kulturellen Menschheitserbes ein Ende zu setzen. Rund 2500 DGAM-Mitarbeiter erscheinen nach wie vor zum Dienst und leisten weiter ihre Arbeit zum Schutz antiker Stätten und zum Erhalt der Museumsbestände. Es ist uns gelungen, den größten Teil dieser Bestände an sichere Orte zu bringen, 99 Prozent davon bisher in gutem Zustand zu erhalten und an tausenden von antiken Stätten Beschädigungsfolgen zu mindern.


An manchen wichtigen Stätten haben wir allerdings nichts ausrichten können. Wir sind auf Unterstützung von außen angewiesen. Nationale wie internationale Institutionen sind aufgerufen, dieses Land, das als Wiege der Zivilisation bekannt ist, davor zu bewahren, eine kulturgeschichtliche Wüste zu werden. Zukünftige Generationen werden es uns danken.

Prof. Dr. Maamoun Abdelkarim ist Direktor der syrischen Altertümer- und Museenverwaltung. Sein englischsprachiger Beitrag erscheint hier in einer von Susanna Böhme-Kuby und Jürgen Krause bearbeiteten deutschen Fassung.