erstellt mit easyCMS  
Titel2215

Eine Hymne zum Mitsingen – und Mitschießen  (Victor Grossman)

US-Amerikaner, die meisten jedenfalls, kennen zumindest eine Strophe der »Hymne« der US-Marinesoldaten: »From the Halls of Montezuma to the shores of Tripoli,/ We will fight our country’s battles in the air, on land and sea./ First to fight for right and freedom and to keep our honor clean,/ We are proud to claim the title of United States Marine.« (Von den Sälen Montezumas bis zu den Stränden Tripolis’ schlagen wir unseres Landes Schlachten in der Luft, zu Land und zu Wasser. Vorneweg im Kampf für Recht und Freiheit und für die Reinhaltung unserer Ehre. Wir sind stolz, uns US-Marinesoldaten nennen zu dürfen.)


Ein kurzer Blick ins Geschichtsbuch ist hilfreich: Der erste Schlag der 20jährigen USA außerhalb ihrer Grenzen zielte auf Länder Nordafrikas, die Geiseln nahmen und Tribut verlangten. Gerecht oder nicht, in Derne, im heutigen Libyen, schlugen 500 Marinesoldaten 1805 hart zu und hissten die erste US-Fahne im Ausland. Verluste auf US-amerikanischer Seite: zwei Tote und drei Verletzte; die Gegner in Tripolis beklagten 800 Tote und 1200 Verletzte. Das lässt an heute denken! Ein Unterschied: Präsident Jefferson wartete, bis ihm der Kongress den Krieg genehmigt hatte, wie von der Verfassung verlangt. Obama unterließ diese Kleinigkeit bei seinem Angriff 2011 auf Strände Tripolis‘.


Vier Jahrzehnte danach folgten die »Säle Montezumas«. Hintergrund des Angriffs: Die Baumwollplantagenbesitzer der USA sehnten sich nach neuen Anbauflächen und billigen Arbeitskräften, in Mexiko war aber die Sklaverei verboten. Wie heute fand man eine propaganda-nützliche Hassfigur: General Antonio López de Santa Anna. Nach kleineren Grenzstreitigkeiten zogen US-Truppen vom Norden und vom Hafen Veracruz aus gegen die junge Republik Mexiko, nahmen die Hauptstadt samt »Montezuma-Palast« im September 1847 ein; fünf Monate später sah sich das Land gezwungen, 55 Prozent seines Staatsgebiets aufzugeben, von Texas bis an die Pazifikküste Kaliforniens.


Den im Lied gefeierten »Kampf für Recht und Freiheit« führte man dann in Lateinamerika und im Pazifikraum weiter. Das Warum schilderte ein pensionierter Marineoffizier, der es zum damals höchstmöglichen Rang und zu unzähligen Orden gebracht hatte – nur erreichten die Worte des Generalmajors a. D. Smedley D. Butler (1881–1940) nie den Bekanntheitsgrad des oben zitierten Liedtextes: »Ich habe 33 Jahre und vier Monate im aktiven Militärdienst verbracht, … den größten Teil davon als erstklassiger Muskelmann für das Big Business, die Wall Street und die Banker ..., ein Gangster für den Kapitalismus ... 1914 half ich, Mexiko und besonders Tampico für US-amerikanische Erdölinteressen zu sichern. Ich habe dazu beigetragen, dass die Jungs von der National City Bank, die in Haiti und Kuba abkassierten, einen angenehmen Aufenthalt hatten. Ich half mit, ein halbes Dutzend mittelamerikanischer Republiken zugunsten der Wall Street zu vergewaltigen … 1909 bis 1912 war ich an der Säuberung Nicaraguas für das internationale Bankhaus Brown Brothers beteiligt. Ich machte 1916 in der Dominikanischen Republik den Weg frei für die US-amerikanischen Zuckerinteressen. ... In China half ich 1927, dass Standard Oil seinen Weg unbelästigt gehen konnte ... So gesehen hätte ich Al Capone ein paar Tipps geben können. Der hat in seinen besten Tagen mit seiner Gangsterbande in drei Bezirken agiert. Ich war auf drei Kontinenten aktiv.« (Common Sense, Bd. 4, Nr. 11, November 1935; Übers. V. G.)


Nach dem Zweiten Weltkrieg erweiterten die USA ihr Blickfeld. Ab 1947 begann eine stillere, doch keinesfalls unscharfe Waffe zu wirken – die CIA. Ihr Ziel: »Regime Changes«. Wo diese Geheimwaffe nicht ausreichte, führte oft die schlagkräftige US-Marine den Kampf an, gefolgt von anderen US-amerikanischen Verbänden. Zwei oder drei Millionen Leichen, viele von Napalm verbrannt, waren in Vietnam das Resultat. Wie viele es in Irak, Afghanistan, Somalia, Libyen, Jemen am Ende sein werden, wird man wohl nie zählen können, auch nicht die Millionen Flüchtlinge, die ihr Leben riskieren und oft auch verlieren. Das Schlüsselwort heißt Hegemonie – auch über alle, die nicht nach den schmissigen »Recht und Freiheit«-Liedern tanzen wollen.


US-General a. D. Wesley Clark, einst NATO-Oberbefehlshaber in Europa, plauderte in einem Interview in Amy Goodmans Funk- und Fernsehsendung »Democracy Now« am 2. März 2007 aus, was ihm ein anderer General im Pentagon anvertraut hatte. Während ihr Land schon dabei war, Afghanistan zu bombardieren, fragte Clark den Kollegen: Haben wir immer noch vor, Krieg gegen Irak führen?« Und der erwiderte, »Oh, es ist viel schlimmer«, griff nach einem Papier auf seinem Schreibtisch und fuhr fort: »Das habe ich gerade von oben bekommen«, womit er das Büro des Verteidigungsministers meinte. »In diesem Aktenvermerk steht, wie wir innerhalb von fünf Jahren sieben Länder fertigmachen, zunächst Irak, danach Syrien, Libanon, Libyen, Somalia, Sudan und zu guter Letzt Iran.« (Übersetzung V. G.)


Der Plan wurde aufrechterhalten, wenn auch Zeitrahmen und Reihenfolge sich anders gestalteten. Nirgends lief es richtig gut für die USA; gerade in Syrien geht nichts so glatt wie einst an Tripolis‘ Stränden, trotz aller Waffenlieferungen und Propaganda. Zu viele machen nicht mit. Auch Russland ahnt, dass es selbst wohl insgeheim auf der von General Clark zitierten Liste steht. Und Wladimir Putin, egal was man von ihm sonst hält, scheint geschickter und stärker zu sein als einst der Bey in Tripolis oder General Santa Anna.


Alle von den US-Regierungen geführten Kriege sind von »Nein«-Stimmen begleitet gewesen. So nannte beispielsweise ein damals noch unbekannter junger Kongressabgeordneter, Abraham Lincoln, die Kriegserklärung gegenüber Mexiko eine unmoralische Provokation. Der Autor und Philosoph Henry David Thoreau lehnte es wegen des Krieges ab, Steuern zu zahlen, und ging dafür ins Gefängnis. Gegen den militärischen Genozid auf den Philippinen schrieb Mark Twain seine bissigsten Polemiken und trat in die Anti-Imperialist League ein. Einer der schärfsten Kritiker, Martin Luther King, prangerte in einer Rede am 4. April 1967 in der Riverside Church, New York, die »Kapitalisten des Westens« an, die bei ihren Investitionen »in Asien, Afrika und Südamerika nur den Profit herausholen, ohne einen Gedanken an die Verbesserung der sozialen Lage in den Ländern zu verschwenden«, und dann »Menschen mit Napalm zu verbrennen … Eine Nation, die Jahr für Jahr mehr Geld für militärische Verteidigung ausgibt als für soziale Programme, nähert sich dem spirituellen Tod.«


Mit Syrien ist Obama nun in eine Zwickmühle geraten: Er kann Putins Angebote und die Weltmeinung nicht völlig außer Acht lassen. Doch die meisten republikanischen Kandidaten für die Wahl in den USA im kommenden Jahr und auch die mögliche Kandidatin der Demokraten, Hillary Clinton, fordern hochgefährliche Vorgehensweisen ein, unter anderem das Einrichten einer »Flugverbotszone« über Syrien – eine bewusste Provokation gegenüber Russland.


Umso wichtiger ist hier die Friedensbewegung. Wenn sie mutig warnt und gegen jene demonstriert, die die Weltherrschaft anstreben und in immer mehr Gegenden der Welt neue Schlachten »in der Luft, zu Land und zu Wasser« schlagen, dann hat das nichts mit Antiamerikanismus zu tun.