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»Was wäre, wenn …«  (Ralph Hartmann)

ist eine beliebte, häufig gestellte Frage. Im Vorjahr hat der Konrad Theiss Verlag ein ganzes Buch eben mit dem Titel »Was wäre wenn: Alternative Geschichte« herausgegeben. Der Journalist und ehemalige »Stabschef beim Schweizer Radio DRS 1«, Hans-Peter von Peschke, stellt in seinem Werk absurde hypothetische Fragen, die er historisch recht fragwürdig beantwortet. So fragt er unter anderem: Was wäre passiert, wenn Caesar das Attentat überlebt hätte? Wie hätte sich die mittelalterliche Welt verändert, wenn die Mongolen Europa überrannt hätten? Und welche Auswirkungen hätte eine Niederlage der deutschen Nationalelf im Jahr 1954 auf die Entwicklung des Fußballs gehabt? Mit dem Titel »Was wäre, wenn …?« hatte bereits Kurt Tucholsky 1919 unter seinem Pseudonym Ignaz Wrobel in der Berliner Volkszeitung einen Beitrag veröffentlicht, in dem es einleitend hieß: »Posito, gesetzt den Fall – also nehmen wir einmal an, der Krieg wäre glücklich ausgegangen – durch irgendeinen wahnsinnigen Zufall wäre er glücklich ausgegangen, die Soldaten wären heimgezogen, man hätte sie noch monatelang in den Kasernen zurückgehalten (so war das geplant) – und Kaiser Wilhelm II. hätte, nach all dem Rummel, sagen wir im Alter von 65 Jahren, das Zeitliche gesegnet. Und der Kronprinz wäre auf den Thron gekommen. Mein Gott, was hätte es da alles gegeben! Kronprinzen sind immer ein unbeschriebenes Blatt, aber dieser wäre nicht schlecht voll geschrieben worden! Die Professoren, die ja alles beweisen können, denn das haben sie gelernt, die Professoren, sage ich, hätten bewiesen, dass Deutschland gar keinen geeigneteren, keinen tüchtigeren, keinen besseren Fürsten hätte haben können als diesen jungen Mann.«


Ermutigt durch solche Beispiele, gestatte ich mir die Frage: Was wäre, wenn es die »Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte« nicht gäbe? Es ist nicht auszudenken. Wir alle wären weniger informiert über das blutige Geschehen in Syrien, wir wüssten weniger über die Untaten Assads sowie seiner Soldateska und die Heldentaten der »Rebellen«. Aber, Allah sei Dank, es gibt sie! Für die deutschen Leitmedien, aber dank dpa zuweilen auch für linke Blätter, ist sie eine große Hilfe, eine nie versiegende Quelle, um die Bundesbürger schnell, exakt und regelmäßig zu informieren. Zwei Beispiele sollen es illustrieren: Am 2. August informierte Bild unter fetter Schlagzeile: »Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldet: Mindestens 65 Tote bei Kämpfen in Syrien.« neues deutschland veröffentlichte am 21. Oktober einen fünfspaltigen Beitrag und überschrieb: »Russland flog in Syrien bereits über 500 Luftangriffe. Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldet 370 Tote …«


Zuweilen ist die Beobachtungsstelle zu schnell, um nicht zu sagen voreilig. So wusste Focus online am 30. September zu berichten: »Kreml-Chef Putin mischt sich militärisch in Syrien ein. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte kamen bei den Luftangriffen nördlich von Homs mindestens 27 Menschen ums Leben. Aktivisten berichteten von mehr als 35 Toten – darunter Frauen und Kinder.« Zeit online war am gleichen Tag noch präziser: Unter der Überschrift »Syrien: Russische Angriffe gelten nicht dem IS« meldete das Webangebot: »Russische Kampfflugzeuge haben erstmals Stellungen in Syrien bombardiert … Am Nachmittag gab es die ersten unbestätigten Berichte, wonach Stellungen der oppositionellen Freien Syrischen Armee (FSA) getroffen wurden. Kurze Zeit später teilte die Assad-Gegnern nahestehende Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit, bei Luftangriffen auf die Orte Rastan, Talbisseh und Saafarani in der Provinz Homs seien 27 Zivilisten getötet worden. Auch in diesen Orten sei eine Präsenz von IS-Kämpfern nicht bekannt … Von unabhängiger Seite können diese Angaben nicht überprüft werden.« Ähnliche Meldungen wurden von den Medien weltweit verbreitet.


Die russische Reaktion kam postwendend. Maria Zacharowa, die Sprecherin des russischen Außenministeriums, erklärte auf einer Pressekonferenz, dass derzeit Bilder von angeblichen zivilen Opfern russischer Luftschläge kursieren. Die Aufnahmen stammten jedoch aus der vergangenen Woche. Gleichzeitig unterstrich sie, dass Medien bereits von »ersten Opfern russischer Luftangriffe sprachen, bevor überhaupt die ersten russischen Flugzeuge gestartet waren«.


Aber woher bezieht die Beobachtungsstelle ihre schnellen, verlässlichen Informationen, mit denen sie die Medien in aller Welt versorgt? Welcher Apparat steht ihr zur Verfügung? Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte bereits im November 2012 einen Bericht unter der Schlagzeile »Ominöse Protokollanten des Todes«, in dem es hieß: »Sie ist eine der wichtigsten Quellen für westliche Medien, wenn es um Berichte über den syrischen Bürgerkrieg geht … Doch wer steckt hinter dieser Organisation? ... Eigentlich ist es längst kein Geheimnis mehr…, dass die Beobachtungsstelle ein Ein-Mann-Betrieb mit Sitz in Coventry ist … Der Leiter der Organisation aus Coventry und, wie er bestätigt, ihr einziger fester Mitarbeiter nennt sich Rami Abdul-Rahman [Pseudonym, der bürgerliche Name ist Osama Suleiman; R. H.] …. Ihre Informationen bezieht die Beobachtungsstelle nach (dessen) Angaben von etwa 200 Informanten in Syrien und einigen weiteren in Nachbarstaaten. Ob das stimmt und wie verlässlich deren Berichte sind, lässt sich nicht prüfen.« Ungeachtet der Erkenntnisse lässt es sich das Blatt nicht nehmen, die Beobachtungsstelle weiter als Quelle zu nutzen.


Nachdem das russische Außenministerium wiederholt auf den ominösen Charakter der Beobachtungsstelle hingewiesen hatte und von ihr Kontaktanfragen russischer Diplomaten abgelehnt worden waren, machte sich im Auftrag von RT Deutsch der Journalist und Entertainer Nimrod Kamer auf den Weg, um dem Phänomen näherzukommen. In Coventry stieß er auf die Zweiraumwohnung des syrischen Einwanderers Rami Abdel Rahman, die seit vier Jahren die Basis der Beobachtungsstelle ist. Der Oberbeobachter war nicht zu Hause, jedoch telefonisch zu erreichen und erklärte, er sei gerade beim Einkaufen. Als der Journalist ihm sagte, dass er gern mit ihm über seine »Medienorganisation« sprechen würde, reagierte der Angesprochene feindselig: »Ich bin keine Medienorganisation, ich arbeite von zu Hause aus, von meinem privaten Zuhause.«


Der Leiter der Beobachtungsstelle wirkte, nach Einschätzung des Journalisten, gestresst und war nicht zu einem Treffen bereit. Er erzählte von den Gefahren von Interviews bei Tageslicht, denn, so Abdel Rahman, »sie versuchen, mich zu töten«. Auf Rückfrage, wer »sie« denn wären, war der Befragte nicht gewillt, eine Antwort zu geben. Er forderte Kamer auf, seinen Namen und seine Daten zu schicken, so dass er sie der Polizei übermitteln könne. Kamer zog aus dem skurrilen Erlebnis einen anderen Schluss: »Wenn man eine Medienorganisation unterhält, sollte man eigentlich erwarten, dass Journalisten kommen und Fragen stellen, insbesondere wenn es eine so zwielichtige und intransparente Medienorganisation ist … mir hat’s jedenfalls Spaß gemacht.«


Nun also wissen wir, wie eine Einmann-Informationseinrichtung beschaffen ist, die seit vier Jahren Tag für Tag die Medien weltweit über das schreckliche Geschehen in Syrien unterrichtet. Unklar bleibt lediglich, wer dahinter steht, wer tatsächlich die »Beobachtungsstelle« bildet, wer sie finanziert und Herrn Rahman als Aushängeschild benutzt. Egal, wichtig ist doch allein, dass die Welt dank der »Syrian Observatory for Human Rights« täglich mit exakten Informationen versorgt wird.


Tucholsky schließt seinen eingangs erwähnten Beitrag über den Kronprinzen mit den Sätzen: »Die Wahrheit kommt oft spät. Aber diese eine Wahrheit sollte für uns nicht zu spät kommen: […] Was wäre gewesen, wenn … ? Nicht auszudenken. Seien wir froh, dass uns wenigstens das erspart geblieben ist, einen Mann auf dem deutschen Kaiserthron gehabt zu haben, der keine Fehler des Charakters aufwies, weil er keinen hatte.«


Uns aber sind die Beobachtungsstelle und die von ihr gefütterten monopol-kapitalistischen Qualitätsmedien nicht erspart geblieben, die glauben, wir seien mit dem Klammerbeutel gepudert.