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Titel2215

Mal was anderes hören  (Sanne Hofmann/Volker Bräutigam)

Wir hatten es uns vorgenommen: Einmal keine Propaganda-Tröte der deutschen Systemmedien ARD, DLF oder ZDF hören, sondern deren sattsam Bekanntes mit Informationen aus der zweistündigen Nachrichtensendung »Today« der britischen BBC abgleichen. Schließlich steht die BBC bei uns in Deutschland noch immer für unbestechlichen staatsfernen Journalismus. Einst war sie das Vorbild für unseren öffentlich-rechtlichen, gebührenfinanzierten Rundfunk. Und »Today« ist eines der beliebtesten Programme der BBC überhaupt. Der Sender hatte ein Gespräch mit Peter Ford zur Lage in Syrien und zum Eingreifen der russischen Luftwaffe in das Kriegsgeschehen angekündigt. Ford war von 2003 bis 2006 britischer Botschafter in Syrien. Als Arabist und vormaliger Botschafter auch in Beirut, Riad, und Kairo ist er unstreitig einer der wenigen echten westlichen Nahost-Experten; nach seinem Abschied vom diplomatischen Dienst war er bis vor kurzem Generalkommissar des UNRWA, des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge. Der Moderator stellte Fragen, die so klangen, als wäre er kein BBC-Mann, sondern einer unserer hiesigen Rundfunkanstalten entsprungen.


Aber er fing sich Antworten ein, die ihn hörbar nach Luft schnappen ließen. Ford versteckte sich nicht hinter diplomatischen Floskeln, und schon gar nicht blies er flott ins Horn der britischen Regierung. Vielmehr forderte er geradeheraus, der Westen solle gefälligst sein Embargo gegen Syrien aufheben, es sei eine der Ursachen des gegenwärtigen Flüchtlingsdramas. Ohne Assad werde Syrien eine unermessliche Katastrophe erleben, vergleichbar mit dem Irak und Libyen, weil es keine »demokratische Opposition« gebe, nur Dschihadisten – ob sie nun IS, Al-Kaida, Al-Nusra-Front oder Freie Syrische Armee heißen.


Die fragliche »Today«-Sendung ist im Internet unter www.bbc.co.uk/programmes/b06gtbj1 verfügbar. Das Interview mit Ford beginnt bei 1°:35’:10«. Auszüge: (Übersetzung: S. H.):
Moderator: Denken Sie, dass das Eingreifen der Russen, bei allen gegenwärtigen Kosten, auf längere Sicht doch was Gutes haben könnte?


Ford: Ja, ich halte den russischen Einsatz für sehr positiv. Wie John Simpson [der Korrespondent; S. H.] schon sagte: Die Assad-Regierung hing in den Seilen. Junge Männer sind scharenweise nach Europa geflohen, weil sie sich nicht einziehen lassen wollten. Das Eingreifen der Russen hat das Blatt gewendet für die syrische Armee. Die war runtergewirtschaftet von 300.000 auf 80.000 Soldaten. Die Russen haben eingegriffen, um die Balance wiederherzustellen. Die NATO sollte, statt die beleidigte Leberwurst zu spielen, dankbar sein, dass die Russen eine Art erwachsene Aufsicht ausüben. […]


Moderator: Doch auf welche Weise könnte Assad Teil einer langfristigen Lösung sein? […] Wird dadurch nicht der Tag aufgeschoben, an dem Assad seinen Hut nehmen muss und Syrien in Ordnung gebracht werden muss?


Ford: Ich stimme damit überhaupt nicht überein. Assad muss nicht gehen. Lassen wir uns nicht einschüchtern von Camerons [der britische Premier; S. H.] Mantra […] Ich war vor einigen Tagen in Nord-Jordanien, ich sprach mit einem jungen Flüchtlingsmädchen, einem Teenager – ich fragte sie: Wer ist schuld in deinen Augen? Alle, wir machen sie alle verantwortlich, die Dschihadisten, die in unser Dorf gekommen sind und uns vertrieben haben, und wir machen die Regierung verantwortlich, weil sie nicht stark genug ist. Nicht stark genug! Viele Syrer hegen diesen Groll gegen die Regierung. Die Regierung kann also schlecht verantwortlich gemacht werden, wenn sie sich jetzt mehr bemüht und mit russischer Unterstützung dem Sieg näher kommt […] Assad oder die Sintflut. Die NATO-Führung muss diese Frage beantworten. Leider kriegen wir diese Antworten nicht von der Labour-Partei in Großbritannien. Ich verstehe nicht, warum die sich nicht getraut, die Regierung zur Rede zu stellen, denn das ist ein Schwachpunkt in der Argumentation der Regierung: Sie antwortet nicht auf die Frage: Wer soll Assad ersetzen?


Moderator: Ja, aber sie trauen sich nicht recht zu sagen, dass sie Assad unterstützen und dass er die langfristige Lösung sein wird, weil er so viele seiner eigenen Leute ermordet hat und sie wissen oder vermuten es, dass er deshalb so polarisiert in politischer Hinsicht, dass er realistischer Weise auf lange Sicht kein politischer Führer in Syrien sein kann. […]


Ford: Er wird nie beliebt bei allen sein, aber welcher Staatschef des Nahen Ostens ist das? Die Wahrheit ist, dass Assad von gut 40 Prozent des syrischen Volkes unterstützt wird, das ist mehr als für Cameron gestimmt haben. (...) Es wäre realistisch zu erwarten, dass der Westen mal die Luft anhält, tief durchatmet, die Russen mal machen lässt. Die NATO soll damit weitermachen, alles zu tun, was sie kann, um den IS zu bekämpfen, aber sie sollte nicht die einzige Macht dort unterminieren, die Bodentruppen hat und die, wie John Simpson vorhin sagte, die einzigen sind, die in der Lage sein könnten, den IS zu besiegen. [...] Der Westen kann helfen, indem er zum Beispiel Sanktionen gegen die syrische Wirtschaft aufhebt, die nur die armen Syrer bestrafen, das ist ein Grund, weshalb so viele aus Syrien fliehen, die Sanktionen des Westens, über die wir nie ein Wort hören! […]