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Firmengeschichte von VW mit »Auflagen«  (Manfred Laube)

Nein, Manfred Grieger ist bei VW nicht rausgeflogen. Das Unternehmen und sein Chef-Historiker haben sich auf die Trennung geeinigt. So die offizielle Version des Wolfsburger Automobilherstellers. Der Grund sei ein unterschiedliches Verständnis von der Zusammenarbeit, hieß es. Grieger war seit 1998 als »Leiter der Historischen Kommunikation in der Konzernkommunikation« angestellt und wollte jetzt »Auflagen« seines Arbeitgebers nicht akzeptieren.

 

Die Umstände lassen aufhorchen und weisen auf einen zusätzlichen Skandal hin. Der VW-Konzern manipuliert nicht nur die Abgaswerte von Diesel-Motoren, sondern will auch die Firmengeschichtsschreibung mit allen Mitteln »sauber« halten. Grieger zeigte offenbar zu viel wissenschaftliche Unabhängigkeit. Er hatte in der Zeitschrift für Unternehmensgeschichte (ZUG) eine Studie des VW-Tochterunternehmens Audi zur Rolle des Vorgängerbetriebes Auto Union im Faschismus kritisiert.

 

Die Vorwürfe sind schwerwiegend: Die Audi-Studie hat nach Darstellung Griegers handwerkliche Fehler und verharmlost die Nähe der Firmenspitze zur Nazi-Obrigkeit und die Verstrickung in das NS-System.

 

Mit der inzwischen schnell geänderten Studie zur Zwangsarbeit kommt Audi leider mindestens 30 Jahre zu spät. Das Thema war in den 1980er Jahren dran und löste damals in der Volkswagenstadt Wolfsburg heftige Diskussionen zwischen und in den Parteien, in Kirche und Gewerkschaft aus. Stark umstritten war nicht zuletzt die Rolle Ferdinand Porsches. Er galt in Wolfsburg als der »geniale Konstrukteur« des VW-Käfers. Nach ihm sind noch bis heute eine Schule und die wichtigste Straße im Stadtzentrum benannt.

 

Die Aufregung war groß, als in der St. Mariengemeinde des evangelischen Pastors Hartwig Hohnsbein (bekannt auch als Ossietzky-Autor) am 22. November 1985 eine »Gegenrede zur Porsche-Legende« gehalten wurde. Rednerin war die Archivarin Ursula Krause-Schmitt aus Frankfurt. Als Leiter der Panzerkommission, als »Wehrwirtschaftsführer« in einem »nationalsozialistischen Musterbetrieb« habe Porsche tatsächlich dem faschistischen System bis zum Schluss gedient, »als um ihn herum schon alles in Trümmern lag«, sagte Krause-Schmitt.

 

Es gehe nicht an, dass man die Geschichte immer nur von ihrer schlechten Seite her betrachte, empörte sich die CDU-Kreisvorsitzende Anneliese Zachow. Und viele in Wolfsburg pflichteten ihr bei. Der Vortrag habe dem Image der Stadt geschadet, meinte die Kommunalpolitikerin. In der Stadtverwaltung hatte unterdessen (der 2016 gestorbene) Stadtarchivar Klaus-Jörg Siegfried das Konzept einer ständigen Ausstellung »Gedenkstätte für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft« in der Schublade.

 

Siegfried hatte bereits Quellen gefunden, aus denen hervorging, dass Porsche die Zwangsarbeit in der Produktion nicht nur hinnahm, sondern den Einsatz der Kriegsgefangenen sogar forderte. In der Mariengemeinde schilderten Zeitzeugen, wie russische Gefangene an Prügel und Hunger starben. Die verdrängte Vergangenheit holte Stadt und Werk ein.

 

Das VW-Management erkannte offenbar den öffentlichen Druck und setzte auf Zeitgewinn. Es vergab 1987 einen mehrjährigen Forschungsauftrag an Hans Mommsen von der Ruhr-Universität Bochum. Zum wichtigsten Mitarbeiter und Koautor des Bochumer Professors wurde Manfred Grieger. Ergebnis war das mehr als tausend Seiten starke Buch »Das Volkswagenwerk und seine Arbeiter im Dritten Reich«. Es erschien 1996 und gilt noch immer als beispielhaft.

 

Blättert man nach 20 Jahren wieder in dem Buch, wirken aus heutiger Sicht allerdings manche Formulierungen wie eine Rechtfertigung der Nähe zu den Nazis oder wie der Versuch der Relativierung von Schuld. So heißt es an einer Stelle: »Im Gegensatz zum Massensterben der sowjetischen Kriegsgefangenen in den Stammlagern blieb die Anzahl der Todesfälle im Volkswagenwerk eher gering. Trotz aller Bemühungen, den Gesundheitszustand der Gefangenen zu verbessern ...«

 

Auch mit Anton Piëch gehen Mommsen/Grieger wohlwollend um: »Paradoxerweise war es ein Nichtökonom, der ehrgeizige Jurist Anton Piëch, der als Betriebsleiter energische Anstrengungen unternahm, um das Volkswagenwerk aus den roten Zahlen, die es bis dahin eingefahren hatte, herauszubringen.« Anton Piëch (1894–1952) war der Schwiegersohn Ferdinand Porsches und der Vater Ferdinand Piëchs. Von 1993 bis 2002 war Ferdinand Piëch Vorstandvorsitzender und damit Chef bei VW.

 

Der Spiegel mutmaßte, dass Piëch die Mommsen-Studie brauchte, um sein Ansehen auf dem US-Markt nicht zu gefährden. Es wurde befürchtet, dass die unaufgearbeitete Mitverantwortung des Vaters für das System der Zwangsarbeit dem Sohn hätte schaden können.

 

Firmenhistoriker Grieger hat sich rund 20 Jahre in dem Interessenwirrwarr behauptet. Der Betriebsrat will sich auch in Zukunft von ihm beraten lassen. Die neue Manager-Generation bei VW dürfte bisher wenig Zeit gehabt haben, sich mit den tausend Seiten über die Vergangenheit zu befassen. Die neuen Empfindlichkeiten und Image-Ängste ähneln denen vor 30 Jahren. In den zurückliegenden Jahren hat sich allerdings in Wolfsburg eine Erinnerungskultur entwickelt, die es zu bewahren gilt.

 

Im Verlag Ossietzky erschien 2013 das von Stephan Krull herausgegebene Buch »75 Jahre ›Stadt des KdF-Wagen‹ / Wolfsburg« (164 Seiten, zu bestellen für 14,95 € zzgl. 1,50 € Versandkosten unter ossietzky@interdruck.net).