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Briefbomben und Absender  (Horst Schäfer)

Bundeskanzler Adenauer fiel mir als erstes ein, als ich von den Sprengstoffbriefen an Fernsehstationen und Abgeordnete in den USA hörte, die wenig später vom FBI angeblich »aufgeklärt« wurden und von einem »Sonderling« stammen sollen. Dann dachte ich an die Biowaffe Anthrax, an den »Unabomber« und einen Kongress der Demokratischen Partei in Lexington im US-Bundesstaat Kentucky.

 

Der Kongress der Demokraten fand in den siebziger Jahren statt und beschäftigte sich unter anderem mit dem Versuch, den Rassismus und die Ungleichheit an den Schulen dadurch zu beenden, dass in vielen Städten der USA ein Teil der schwarzen Schüler mit Bussen in die besser ausgestatteten Schulen der von Weißen bewohnten Stadtteile transportiert wurde – und umgekehrt.

 

Dagegen demonstrierten damals tausende weißer Rassisten durch Lexington, mit entsprechenden Plakaten und Transparenten. Und eines davon – »Nur ein toter Kommunist ist ein guter Kommunist« (angelehnt an das Motto der Indianer-Mörder aus dem 19. Jahrhundert) – führte zu einer Diskussion mit zwei Funktionären der Demokraten, die mit uns Journalisten am Straßenrand standen.

 

Während wir meinten, diese Aufforderung zum Mord müsste auch angesichts von Millionen Mordwaffen in Privathand unterbunden und verboten werden, argumentierten die Politiker, das gehöre zur geschützten »freien Meinungsäußerung«. Verboten sei nur, es in die Tat umzusetzen. Meinen Einwand, dass es dann doch wohl zu spät sei, quittierten sie mit Achselzucken.

 

Selbstverständlich sind die Briefbomben – wie auch der jüngste Überfall eines Antisemiten auf eine Synagoge in Pittsburgh mit elf Toten oder die vielen Schul- und Kirchenmassaker in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten – Ergebnis der unglaublichen Hetze und Verrohung in den USA, die nachweislich auch von US-Präsident Trump befördert werden.

 

Doch solche Anschläge gab es eben auch schon vor Trump und nicht nur in den USA. Sie hatten die verschiedensten Absender: aufgehetzte politische Akteure und Rassisten waren darunter, aber auch kühle Strategen, die vielleicht die Wahlchancen ihrer Partei zu verbessern hofften; manchmal auch Männer, die ihre beruflichen Konkurrenten ans Messer liefern wollten, Frauen, die ihre Männer zu belasten suchten, und oftmals tauchten auch Geheimdienste als Initiatoren oder zumindest als Mit-Verursacher tödlicher Gewalt auf.

 

Denken wir an Theodore Kaczynski, der von 1978 bis 1995 durch 16 Briefbomben drei Menschen tötete und 23 verletzte. Das FBI nannte ihn »Unabomber«, weil er seine Post vorwiegend an Universitätsprofessoren und Airline-Chefs schickte. Er galt als naturwissenschaftliches Wunderkind und war schon mit 16 Jahren zur Harvard-Universität gegangen.

 

An der Elite-Uni geriet er allerdings von 1959 bis 1962 mit 21 weiteren Studenten in das geheime CIA-Forschungsprogramm Mkultra, das mit LSD und anderen Mitteln über mehr als zwei Jahrzehnte eine Bewusstseinskontrolle an tausenden von Menschen erprobte. Die Folgen für den äußerst sensiblen Theodore Kaczynski, der später zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, deutet die US-Zeitschrift The Atlantic im Juni 2000 mit der Überschrift eines Artikels darüber an: »Harvard and the Making of the Unabomber« (Harvard und die Schaffung des Unabombers).

 

Auch wenige Tage nach dem Terror-Anschlag vom 11. September 2001 in New York trafen in mehreren großen Medien-Unternehmen und bei Senatoren in Washington tödliche Briefe ein, dieses Mal mit Milzbrandsporen (Anthrax). Innerhalb von etwa drei Wochen starben fünf US-Bürger, 17 wurden verletzt.

 

Zuerst wurde versucht, das als islamistischen Folgeanschlag nach 9/11 zu verkaufen. Dann stellte sich heraus, dass die Milzbranderreger staatlichen Ursprung hatten und aus der US-Biowaffen-Versuchsanstalt Fort Detrick stammten. Schließlich wurde ein Wissenschaftler aus Fort Detrick verdächtigt, der allerdings vor seiner Verhaftung angeblich Selbstmord verübte. Jedenfalls wurden die Anthrax-Anschläge auch dazu genutzt, das sogenannte Antiterrorgesetz US-Patriot-Act zu erlassen, welches die Bürgerrechte bis heute erheblich einschränkt.

 

Die Briefbomben haben sogar schon zu einem neuen Geschäftszweig geführt. Unter Hinweis auf angeblich »mehr als 10.000 Briefbombenanschläge« in den vergangenen zehn Jahren bietet ein Unternehmen in Osnabrück bereits Seminare unter dem Motto an »Brief- und Paketbomben erkennen und sicherstellen«.

 

Und was hat Konrad Adenauer damit zu tun? Im März 1952 explodierte eine Briefbombe, die an den Bundeskanzler adressiert war. Der Bombenanschlag, der einen Toten und mehrere Schwerverletzte forderte, wurde zuerst einem Einzeltäter, der natürlich geistesgestört sein musste, in die Schuhe geschoben. Dann brachte man auch »östliche Geheimdienste« ins Spiel, um schließlich nach mehr als 25 Jahren die Ermittlungen – angeblich ergebnislos – einzustellen.

 

Dabei wussten die Ermittler der Sicherungsgruppe Bonn des Bundeskriminalamtes (BKA) sehr schnell, woher der Terror kam: Er hatte mit den Wiedergutmachungszahlungen Westdeutschlands an Israel zu tun, die gerade verhandelt, aber insbesondere von vielen Menschen in Israel als deutsches »Blutgeld« erbittert abgelehnt wurden.

 

Doch die Ermittlungsergebnisse blieben geheim. Adenauer fürchtete, sie könnten der Bundesregierung um die Ohren fliegen, denn das BKA und vor allem die Sicherungsgruppe Bonn waren von Faschisten durchsetzt. So wurde die Ermittlungsgruppe in Sachen Briefbombe von Franz Josef Ochs geleitet, von 1951 bis 1965 ein hoher Beamter im BKA. Ochs war schon 1933 der SA beigetreten, später der NSDAP, war SS-Obersturmbannführer und an der Deportation von Sinti und Roma beteiligt.

 

So wurden die Absender der Briefbombe erst mehr als 50 Jahre später offiziell bekannt: Es handelte sich um Mitglieder einer zionistischen paramilitärischen Untergrundorganisation. Und einer der »Drahtzieher« war, wusste der Spiegel im Oktober 2007, »Israels späterer Ministerpräsident Menachem Begin«.