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Thüringer Landtagswahl mit Frosch  (Matthias Biskupek)

Wer die Ergebnisse dieser Wahl bewerten will, mag den Wahlkampf zuvor betrachten. Ein Fernsehspot: Knarrender Stiefeltritt ist zu hören. Eine Stimme verkündet im passend-teutschen Ton, was alles schiefläuft im Land. Man sieht schließlich einen Glatzkopf: den Stiefelträger.

 

Nein, es ist kein Spot der NPD, auch kein AfD-Mann spreizt sich hier im Cowboy-Look. Es ist ein Friseurkettenbesitzer – aus dem Westen. Ein Herr Kemmerich, der die Thüringer Genossenschaftsfriseure einsackte, Spitzenkandidat der FDP. Ein Mann der angeblich bürgerlichen Mitte, die jetzt nach der Wahl regieren will. Unter der Führung des CDU-Chefs Mike Mohring. Diese bürgerliche Mitte hätte 26 Sitze von 90. Mit der AfD bekäme diese bürgerlich-faschistische Mitte immerhin eine knappe Mehrheit von 48 Sitzen. Die müsste dann allerdings in Björn Höcke den Führer haben. Früher hieß der Thüringen-Führer Fritz Sauckel.

 

Die AfD, wohl wissend, dass sie keine Direktkandidaten in Städten wie Jena, Weimar, Erfurt durchbringen würde, konzentrierte sich auf den Südosten. Nach Saalfeld, Rudolstadt, Pößneck, Schleiz, in ländliche Kneipen schickte sie ihr westdeutsches Führungspersonal: Frau Weidel, Herrn Meuthen, Herrn Gauland. Man verkündete, dass Deutschland nicht weiter zu einer Bananenrepublik werde – »das können nur noch wir aufhalten« –, und wusste auch, hier würden traditionell Wahlen gefälscht. Niemals Briefwahl! Stephan Brandner, westdeutscher Bundestagsabgeordneter aus Gera, schob das gut einstündige Zuspätkommen seiner Berliner Kollegen auf den Stau und »die verfehlte Infrastrukturpolitik der Altparteien«. Es wurde gebrüllt: Ramelow sei westdeutscher Gewerkschafter, das seien die Schlimmsten. Und immer wieder erscholl ein Ruf wie Donnerhall: »Holen wir uns unser Land zurück!«

 

Auf dem Markt zu Rudolstadt war von der AfD ein »Familienfest« angekündigt. Es sprachen die Westdeutschen Kalbitz, Brandner, Höcke – natürlich nicht vor Familien, Kindern gar, sondern vor den Fäusten und gereckten Händen vieler ausgewachsener Männer. Klar, dass unter den 21 später gewählten AfD-Abgeordneten genau drei Frauen Kaffee kochen dürfen.

 

Während auf dem Markt Höcke zum Kampf gegen Moscheen und Flüchtlinge aufrief, gegen das »Ausplündern der Sozialkassen«, gab es 200 Meter weiter ein »Fest der Demokratie«. Mit Linken und Grünen, mit Chören und SPD, mit dem Direktkandidaten der CDU, mit Theater, vielen Kindern, mit mehr Zulauf als bei den Brandner-Reden. Ei, könnte man meinen, dann klappt es vielleicht doch mit den Wahlprozenten?

 

Ich bewege mich in einer Blase. Es klappte nicht. Vielleicht aus solchen Gründen: Die AfD stellte einen Mann namens Frosch als Direktkandidat im Schwarzburg-Rudolstädter Land auf. Der hatte ein beträchtliches Vermögen als Geschäftsführer einer Coswiger Firma gemacht. Im Jahr 2015. Mit dem Verkauf von Containern für Flüchtlingsunterkünfte. An die Volksverräterregierung von Frau Merkel. Einen solchen Coup goutieren 29 Prozent des wählenden Volkes, während Linke (22,6) und SPD (12,9) mit ihren Direktkandidaten gemeinsam verlieren.

 

Frosch erschien weder zum Kulturgespräch der Spitzenkandidaten des Wahlkreises, noch ließ er sich anderswo aushorchen. Er verweigerte Stellungnahmen in der »Systempresse«. Die wurde durch ihn zur Lückenpresse – weiße Stellen, wo er um Ansichten und Ziele gebeten worden war. Wofür stand er? Weil man dies nicht wusste, hat sich ein großes Viertel der Wähler vielleicht für Windräder im Thüringer Wald entschieden. Für die Einführung der (human ausgeführten) Todesstrafe. Für die Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Für die Einführung des Sozialismus in einem Bundesland. Für eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad. Für die Schließung des hiesigen Theaters und die Bezuschussung von Theaterfahrten nach Bayreuth und München. Für das Verbot aller Nicht-Diesel-Fahrzeuge …

 

Die Frosch-Wähler dachten sich offenbar: Tut nichts, wenn er nichts sagt. Er steht für die AfD, heißt Frosch, und ein solcher wird ganz gewiss nichts tun, um einen rechtsnational-völkischen Sumpf auszutrocknen.

Übrigens waren nach den und neben die massenhaften Frosch-Plakate fast ebenso viele Plakate der MLPD gehängt worden. Der Vertreter dieser Partei sprach mich auf dem Marktplatz an, bezeichnete als erstes Ramelow als finstersten Parteigänger des entfesselten Kapitalismus. Ich sagte ihm voraus, dass seine Partei aus Gelsenkirchen in der Wählergunst von 0,2 Prozent auf 0,1 Prozent fallen werde. Man sieht, ich verstehe nichts von Prognosen: Die MLPD siegte mit 0,3 Prozent.

 

Es war schon immer die Crux der Linken, dass sie sich in viele Rechthaberparteien aufsplitterten. Natürlich bekomme ich für eine solche Meinung (siehe »Linke Rechthaberei« Ossietzky Nr. 5/19) hierorts Schelte. Doch wenn man die Prozente jener kleinen Parteien – ich rechne auch die mir durchaus sympathische PARTEI hinzu – zusammenzählt, wären das immerhin gut 2 Prozent. Die hätten das Ergebnis ein wenig verschieben können. Ich nenne hier zur Erinnerung die erzielten Stimmenanteile der Parteien mit Mandaten bei den Landes-(Zweit-) Stimmen: LINKE 31 Prozent, AfD 23,4, CDU 21,8, SPD 8,2, Bündnisgrüne 5,2, FDP 5,0.

 

Ich lebe in Thüringen, wähle in Thüringen und begehre wider besseres Wissen dennoch, an diesem Ergebnis nicht schuld zu sein.