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Ein außergewöhnlicher Geschenketausch  (Manfred Orlick)

1716/17 unternahm der russische Zar Peter der Große mit großem Gefolge eine Reise nach Westeuropa, die fast anderthalb Jahre dauerte. Dabei kam es zu einem Treffen mit dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. in Havelberg. An dem Treffen, das vom 23. bis 28. November 1716 dauerte, nahmen auch Gesandte aus Sachsen-Polen, Dänemark, England und Hannover sowie der Herzog von Mecklenburg-Schwerin teil – dazu zahlreiche Minister und Militärs, die im Wesentlichen die Verhandlungen führten. Unterbringung, Versorgung und Betreuung der prominenten Gäste waren sicher eine Herausforderung für das kleine Havelberg. Am Ende der hochrangigen Zusammenkunft wurde die »Konvention von Havelberg« zur Koalition gegen Schweden unterzeichnet, in der man sich gegenseitig der militärischen Unterstützung versicherte.

 

Da die wichtigen Teile der Verhandlungen meist unter vier Augen der beiden Herrscher abliefen, gibt es nur wenige Berichte über das historische Treffen. Vielleicht hätte die Geschichte schon längst das Tuch des Vergessens darüber ausgebreitet, wären da nicht die Gastgeschenke, die die beiden Fürsten gegenseitig austauschten. Peter I. erhielt das später berühmte Bernsteinzimmer, das Friedrich I. für sein Schloss Charlottenburg in Auftrag gegeben hatte. Die Entwürfe zu dieser kompletten Wandverkleidung aus Bernstein stammten von dem bekannten Berliner Hofarchitekten und Bildhauer Andreas Schlüter. Fast zehn Jahre dauerte die Realisierung, und die Ausführung lag in den Händen der besten Bernsteinschnitzer der damaligen Zeit. 30.000 Taler soll das Kabinett gekostet haben, doch dann erwies sich der ursprünglich geplante Ort im Schloss Charlottenburg als ungeeignet, und so »landete« es schließlich im Berliner Stadtschloss.

 

Als Friedrich I. im Februar 1713 gestorben war, hatte sein Sohn und Nachfolger Friedrich Wilhelm I. wenig übrig für den Kunstsinn seines Vaters; ihm lag mehr an der militärischen Macht Preußens. So machte er das Bernsteinzimmer neben dem Jagdschiff »Die Krone« dem Zaren zum Geschenk. Das in Holland gebaute Schiff hatte Friedrich I. immerhin 100.000 Taler gekostet, also mehr als das Dreifache des Bernsteinzimmers. Die wertvollen Geschenke sorgten schon damals für Schlagzeilen. So berichtete eine Berliner Zeitung, »daß der König dem Czaar zwey kostbahre praesente gethan hat, nemlich das prächtige und schöne Jagdtschiff … und ein prätieuses Bernstein-Getäffel zu einer vollenkommenen Bekleidung und Ausschlagung eines Cabinets. … Der Czaar hat mit großer Verbindlichkeit zu erkennen gegeben, daß er auf ein Gegenpraesent starck würde bedacht seyn.«

 

Nach dem Treffen setzte Peter der Große seine Europa-Reise über Hamburg nach Holland und Frankreich fort, ehe er ein knappes Jahr später die Rückreise antrat, wo er auf preußischem Gebiet eine Woche Halt in Berlin machte. In der Zwischenzeit war das Bernsteinzimmer in 18 große Kisten verpackt worden und auf die Reise nach Petersburg gegangen. Bereits hier begann das bis heute andauernde Rätsel um das Bernsteinzimmer – obwohl in fast allen historischen Darstellungen übereinstimmend von den besagten 18 Kisten berichtet wird, gibt es über deren Reiseroute unterschiedliche Angaben. Lange wurde vermutet, dass sie mit dem Jagdschiff transportiert wurden; doch manche Historiker berichten, dass dieses erst 1719 Hamburg verlassen habe, und da war das Bernsteinzimmer längst in Petersburg. Aus Rechnungsbelegen für Zimmerleute, Aufseher und Schirrmeister, für Pferde und Leiterwagen geht hervor, dass die beschwerliche Überführung zumindest teilweise zu Land erfolgte. So wurden die Kisten wahrscheinlich im Frühjahr 1717 zunächst auf dem Landweg nach Kolberg (heute Kołobrzeg) an der Ostsee transportiert und anschließend nach Memel (Klaipėda) verschifft. Von dort wurden sie an die russische Grenze gebracht, wo sie von russischen Gesandten übernommen wurden. Für diese Übergabe und den Weitertransport über Riga hatte Peter der Große genaue Instruktionen übermittelt.

 

Nach einer Odyssee mit vielen Stationen in Petersburg angekommen, wurde das Bernsteinzimmer zunächst im alten Winterhaus, dann sechs Jahre später im Neuen Winterpalais und 1755 schließlich im Katharinenpalais in Zarskoje Selo installiert. Da der Saal hier aber viel größer als im Berliner Stadtschloss war, wurde die Bernstein-Vertäfelung mit neuen Elementen ergänzt. Im Berliner Stadtschloss dagegen ließ Friedrich Wilhelm in dem Zimmer, das nun seiner Bernsteinverkleidung beraubt war, eine holländische Küche einrichten, was damals große Mode war. Statt dem honiggelben »Gold der Ostsee« zierten nun Fliesen die Wände, sicherlich keine Billigware, sondern feine holländische Fayencefliesen aus Delft.

 

Wie jeder weiß, endete in Petersburg nicht die Geschichte des Bernsteinzimmers, sondern nahm erst ihren aufsehenerregenden Anfang durch die nachfolgenden Jahrhunderte bis zur nun über siebzig Jahre anhaltenden Suche nach ihm. Bis in unsere heutigen Tage geht von dem Zimmer eine derartige Faszination aus, dass es oft als das »achte Weltwunder« bezeichnet wird.

 

Doch kehren wir nach Havelberg zurück und zu der Frage, was Peter der Große eigentlich unter einem »Gegenpraesent mit großer Verbindlichkeit« verstand. Daran erinnerte er sich erst etliche Monate nach seiner Rückkehr, und so trafen im Sommer 1718 in Berlin für Friedrich Wilhelm I. neben anderen Geschenken 55 »mit trefflichen Gewehren« bewaffnete »lange Kerls« ein. Sie waren eine Vorliebe des Preußenkönigs. Die Soldaten seines Garderegiments mussten alle mindestens sechs preußische Fuß – das waren immerhin knapp 1,90 Meter – messen, was angesichts der damals üblichen Körpergrößen schon eine Seltenheit war. Wenn es um die Beschaffung von »langen Kerls« ging, vergaß der sonst so notorisch sparsame Soldatenkönig jedes Maß. Die Hünen mit Gardemaß, die mit ihren hohen imposanten Grenadier-Hüten fast 2,50 Meter erreichten, hatten neben dem kriegerischen Schaueffekt allerdings auch einen ganz praktischen Vorteil, denn sie konnten die damals langen Musketen besser laden und handhaben.

 

Zur Ehrenrettung von Friedrich Wilhelm I. muss jedoch angemerkt werden – oder ist es eine Ironie der Geschichte? –, dass Preußen während seiner Regierungszeit keinen Krieg führte. Der knausrige Soldatenkönig liebte zwar das Militär, aber keine Kriege. Die hätten ja Geld gekostet und außerdem seine schöne Armee ramponiert. Übrigens löste sein Sohn Friedrich II. – besser bekannt als Friedrich der Große oder der Alte Fritz – nach seinem Regierungsantritt 1740 die Riesen-Garde auf.