erstellt mit easyCMS  
Titel2219

Malerische Revolutionen?  (Monika Köhler)

Sie sitzt im Gras zwischen Stiefmütterchen, daneben ein Vogelbauer. Sie heißt Isabelle Lambert und war das beliebte Modell der Malerin Berthe Morisot, die das Bild 1885 schuf. Ein Strohhut mit buntem Band zum Schutz gegen die Frühlingssonne, die Haut zart getönt. Als Kontrast: ihre schimmernde rote Bluse, hochgeschlossen. Der weiße Rock auf dem Grün ausgebreitet, die Hände verschränkt. Träumerisch sieht sie in die Weite – oder nach innen. Sie ist siebzehn. Alles leicht, locker, hell, unbeschwert. Das junge Mädchen ziert den Titel des Katalogs zur Ausstellung: »Impressionismus. Meisterwerke aus der Sammlung Ordrupgaard« in der Hamburger Kunsthalle (bis zum 1. März 2020, Katalog: Wienand Verlag, 340 Seiten, 29 €).

 

Im letzten Raum der Ausstellung das »Porträt einer jungen Frau« – aber ganz anders. Gemalt hat es Paul Gauguin 1896 auf Tahiti. Nein, keine der nackten braunhäutigen Schönheiten. Dieses Mädchen ist erst neun Jahre alt, heißt Jeanne »Vaïte« Goupil, die Tochter eines gutsituierten Anwalts und Politikers, Nachbar des Malers. Der Vater hatte Gauguin als Zeichenlehrer für seine beiden Töchter engagiert. Auch Jeanne sitzt, aber auf einem Stuhl, dessen Lehne im Kolonialstil bemalt ist. Ihr glattes dunkelbraunes Haar nach hinten gekämmt, der Pony ragt – wie mit dem Lineal gezogen – ins kalkweiße Gesicht. Der Mund, sehr rot und zusammengepresst. Ihre blauen Augen sehen ins Leere. Auch ihr Kleid ist hochgeschlossen, mit langen bortenverzierten Ärmeln. Der Stoff umhüllt sie wie ein Sack, nur an den Schultern: Flügelvolants. Und erst die Farbe! Eigentlich undefinierbar. Das Braun ähnelt Ausscheidungen. Musste sie so etwas tragen? Oder ein Einfall des Malers? Diese Farbe hat er auf die Finger der einen Hand übertragen – einfach drübergemalt? Am Arm der Henkel einer bemalten Strohtasche. Jeannes Gesicht drückt Trauer und Einsamkeit aus – was steckt dahinter? Von einer Mutter ist nie die Rede. Ursprünglich sollte ihr Vater porträtiert werden. Sie sitzt da, starr wie eine Puppe. Der Hintergrund sprüht vor Farbe, vielleicht ein Wandteppich – keine Natur. Grelles Rosa im unteren Bereich, eine hellblaue Blume. Eine geschwungene Linie grenzt das Dunkelblau mit stilisierten Pflanzen davon ab. Alles abschreckend und unharmonisch. Das Gegenteil von den – wie es Gauguin wohl sah – unverbildeten, natürlichen Frauen der Insel. Das Bild »Tahitianische Frau« (1898) zeigt es und »Adam und Eva«(1902) mit grünäugiger Riesenschlange. Gauguin gehört nicht mehr zum Impressionismus, er wies andere Wege. Auf seinem rätselhaften Gemälde »Die blauen Bäume. Deine Zeit wird kommen, meine Schöne« (1888) – an japanischen Farbholzschnitten orientiert – sind Menschen nur Staffage. In seine Zeit mit van Gogh fällt das Bild »Die Weinlese. Menschliches Elend« (1888). Vorn in der Mitte eine junge Frau, die wie in Verzweiflung ihre zu Fäusten geballten Hände an den Kopf legt. Ihr feuerrotes Haar korrespondiert mit der Farbe des Weinbergs im Hintergrund, wo zwei bretonisch gekleidete Bäuerinnen gebückt arbeiten. Eine Frau steht, dunkel gekleidet, fast drohend am Bildrand.

 

Zurück zu den Impressionisten. 60 Gemälde werden als Leihgaben der Sammlung des dänischen Versicherungsdirektors Hansen und seiner Frau gezeigt. Viele große Namen, aber meist kleine Bilder. Ingres und Delacroix, der mit »George Sand« (1838). Es ist nur ein halbes Bild, Chopin wurde abgetrennt, er hängt heute im Louvre. Honoré Daumier mit einem seiner 30 Gemälde über Don Quijote und Sancho Panza. Alles in erdigen Brauntönen. Camille Corot mit einer Windmühle, die nicht mehr funktioniert und anderen Freilichtmalereien. Die Schule von Barbizon, die nun Ölskizzen en plein air, in der freien Natur, bevorzugte, wurde zum führenden Stil. Gustave Courbet, von ihm ist »Die List. Eine Episode von der Rotwildjagd« (1866) ausgestellt, im Winter, wo die Jagd verboten war. Seine zwei Rehe werden gehetzt, ihre Bewegungen stimmen nicht ganz. Eines versucht in den Hufabdrücken des anderen zu laufen, um den Jäger zu täuschen – so die Legende. Der Katalog erkennt »anarchisches Aufbegehren und qualvolles Martyrium«. Courbet war Jäger. Dann Claude Monet, der »Maler des Wassers«, hier nicht seine Seerosenteiche, sondern die »Waterloo-Bridge, trübes Wetter« (1903). Lebhaftes Treiben auf der Brücke, das Wasser braun, unruhig. Dahinter die Stadt London im Rauch und Nebel der Schornsteine, dunstig. Das genau wollte er, die Alltagsatmosphäre. Camille Pissarro malte Landschaften meist vom Fenster aus – auch Stadtansichten aus Paris. Besonders impressionistisch anmutend: »Blühende Pflaumenbäume in Éragny«, das Haus des Künstlers (1894). Lichtdurchflutet wie ein Frühlingstag.

 

Eduard Manet ist mit seinem Gemälde der »Frau mit einer Kanne« (1858-60) – das seine spätere Frau zeigt – noch ganz den italienischen Vorbildern verpflichtet. Eva Gonzales, die Schülerin Manets, malte ihre Schwester Jeanne als »Die Genesende« (1877/78). Alles weiß, ihre durchscheinenden Gewänder, das Bett. Nur ihr hochgestecktes Haar, ein dunkler Fixpunkt. Pierre-Auguste Renoir schuf ein kleines Meisterwerk mit seiner »Frau auf einer Wiese« (um 1868). Mit Sommerhut bedeckt, sitzt sie wie hingeweht inmitten braungrüner Natur. Auf dem hellen Kleid ein Spiel von Licht und Schatten. Lise Tréhot war später Geliebte des Malers und sein Modell. Edgar Degas‘ »Frau, ihr Haar frisierend« (1894) wirkt zart wie ein Pastell. Mit besonderer Technik wird dieser Effekt in Öl erzielt. Ein weicher Grünton überzieht das gesamte Bild, schwarze Konturen zeichnen die Körperformen. Das brennend rote Haar als Kontrast. Selbstvergessen, mit fast geschlossenen Augen, der Kopf leicht nach oben gerichtet – etwas zu schön, alles stimmt.

 

Paul Cézannes »Badende Frauen« (um 1895) dagegen eher schemenhaft. Wie auf einem Fries sitzen, stehen, hocken die neun Frauen neben- und hintereinander, nackt, von bläulichem Licht überstrahlt. Nicht erotisch – stilisiert, jegliche Individualität fehlt ihnen. Sie könnten zu einem Wandbild gehören, was auf Fernwirkung angelegt ist.

 

Das Bahnbrechende, die »malerischen Revolutionen, die sich ab den 1860er-Jahren auf der Leinwand ereigneten« (Wandtext), kommt in der Ausstellung nur andeutungsweise vor. Allenfalls als Übergang zu etwas völlig Neuem im neuen Jahrhundert können sie gesehen werden.