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Titel2219

Bemerkungen

Unsere Zustände

Wann wird der erste Klimawissenschaftler mit dem Tod bedroht, wenn er in Abwandlung von Galileis »Und sie bewegt sich doch!« über die Zerstörung der Natur sagt: »Und wir verursachen sie doch!«?

 

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Die größten Säcke sind voller Stroh.

 

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Gebt acht, dass es sich auch in Zukunft, wenn vom deutschen Rechtsstaat gesprochen wird, um eine zwar fragliche, doch juristische Bezeichnung handelt und nicht um eine Seitenbestimmung.

 

Wolfgang Eckert

 

 

Ein Pass für alle Fälle

Sie sind immer für eine Überraschung gut, unsere englischen Freunde. Als man auf dem Kontinent das Wort »Brexit« nicht mehr hören konnte, weil das Unterhaus erst die Regierung, dann sich selbst blockierte, ging plötzlich alles ganz schnell: Wuschel-Premier Boris Johnson ruft Neuwahlen aus, Labours Jeremy Corbyn zieht über Nacht mit, und alle atmen befreit auf: Alles wird gut!

 

Na ja, wir wollen mal auf dem Teppich bleiben. Als im Jahr 2016 David Cameron arglos ein Referendum über den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU vom Zaun brach, hatte er mit einem klaren Ja seiner Landsleute gerechnet. Die entschieden sich gegenteilig. Danach verhandelte die neue Premierministerin Theresa May endlos in Brüssel und hatte nach verlorener Wahl auch noch die Nordiren im Genick, von deren parlamentarischer Unterstützung sie abhing.

 

Spätestens jetzt wurden viele Menschen unruhig, die gleichsam zwei Welten angehören, Insel und Kontinent. Geht die Freizügigkeit zum Teufel? Kann ich in Zukunft noch problemlos meine Lieben in der anderen Welt besuchen? Und bald las man in den Zeitungen, dass sich viele potentiell Betroffene um Einbürgerung und Pässe bemühten. You never know …

 

In Swanley (Grafschaft Kent) entschloss sich meine Freundin Inge N., bei der Deutschen Botschaft in London ihre Chancen auf Wiedereinbürgerung zu ergründen. Sie hatte Ende der 1950er Jahre einen Engländer geehelicht, der als Ingenieur an einem geheimen Rüstungsprojekt mitarbeitete. Den Job hätte er mit einer deutschen Ehefrau aufgeben müssen. So ließ sich die Gute einbürgern. Nun schickte ihr die liebenswürdige Botschaft einen Haufen Papier und warnte, bei dem Andrang der »Rückkehrer« könne es schon mal zwei Jahre dauern. Tat es dann aber nicht, weil Urkunden und Nachweise komplett und die lebhaften Beziehungen zum alten Heimatland breit dokumentiert waren. Nach gut einem Dreivierteljahr erfolgte die Wiedereinbürgerung.

 

Dann kommt der große Tag: Der Pass wird abgeholt! Eine halbe Stunde vor Öffnung der Botschaft steht eine lange Schlange vor dem Nebeneingang. Es ist ein buntes Völkchen, nach Tracht und Aussehen aus vielen Ländern aufgelaufen. Irgendwann sind wir dran. Inge legitimiert sich mit ihrem zweiten – englischen – Pass. Darin liegt eine deutsche Kennkarte ohne Bild aus den späten Vierzigern. Die Security-Frauen – eine farbige Engländerin und eine blutjunge deutsche Bundespolizistin – bestaunen das ungewöhnliche historische Dokument. Sie staunen noch mehr, als ich ihnen erkläre, dass der Geburtsort der Antragstellerin, Wangerin/Kreis Regenwalde (Pommern), seit Kriegsende zu Polen gehört. Die Welt ist voller Wunder.

 

Deutschland hat eine Bürgerin mehr. Das wird abends mit Rotwein begossen. Und ich muss mal gucken, wie ich zu einem englischen Pass komme. Vielleicht kriegt man so was im Darknet.

 

Helmut Weidemann

 

 

Gewählt

Der österreichische Wahlkampf und das Ergebnis erinnern an die Komödie »Pension Schöller«. Die PolitikerinnenPolitiker halten die WählerinnenWähler für IdiotinnenIdioten, und die WählerinnenWähler halten die PolitikerinnenPolitiker für IdiotinnenIdioten, und es ist schwer zu sagen, wer mehr im Recht ist.

 

Aus der Wahlkampfzitatenliste des österreichischen Nationalratswahlkampfes: Mit »vollkommen verblödet« kommentierte die Schauspielerin Christiane Hörbiger eine Abwahl von Kanzler Kurz. – Werner Kogler, der Grüne, kritisiert die Neos, die mit der Kurz-ÖVP koalieren wollen: »Mit dieser Schnöseltruppe geht es sicher nicht.« Eine leidenschaftliche Kritik lieferte der ÖVP-Fraktionsvorsitzende August Wöginger: »Es kann ja nicht sein, dass unsere Kinder nach Wien fahren und als Grüne zurückkommen. Wer in unserem Hause schläft und isst, hat auch die Volkspartei zu wählen.«

 

Das Ergebnis der Wahl, an der sich etwa 25 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung nicht beteiligten: ÖVP 37,5 Prozent, SPÖ 21,2 Prozent, FPÖ 16,2 Prozent, Grüne 13,9 Prozent, NEOS 8,1 Prozent. Peter Pilz blieb mit seiner Liste JETZT mit 1,9 Prozent auf der Strecke. Die »Sonstigen« erreichten 1,3 Prozent. Die KPÖ ist deutlich unter einem Prozent geblieben.

 

Die österreichische Sozialdemokratie hat ihr schlechtestes Wahlergebnis seit 1945 eingefahren, und die jetzige Vorsitzende Pamela Rendi-Wagner versuchte noch nach Verkündigung der ersten sicheren Ergebnisse am Wahlabend mit einem »Weiter so« und »die Richtung stimmt« eine am Boden liegende Sozialdemokratie zu motivieren. Einzig in Wien blieb die SPÖ stärkste Kraft, verfehlte aber das Ergebnis der Nationalratswahl 2017, wo sie noch 34,5 Prozent erzielte. Der bisherige Geschäftsführer Thomas Drozda trat zurück und wurde durch Christian Deutsch ersetzt, der als Wahlkampfmanager auch Verantwortung für das miserable Wahlergebnis zu tragen hat. Nicht nur die Jugendorganisationen der SPÖ rebellieren, wie so oft, und verlangen radikale Änderungen des Parteikurses. Es verwundert nicht, dass dabei mehr Mitbestimmung der Mitgliedschaft gefordert wird. Dass man mit der Kurz-ÖVP nicht koalieren will, hat einen gewissen Beigeschmack, denn mit der SPÖ haben auch die Grünen und die neoliberalen NEOS immer wieder im Wahlkampf verkündet, man wolle eine weitere Kurz-ÖVP-Koalition mit der nationalreaktionären FPÖ verhindern.

 

Sebastian Kurz tritt nun als Koalitionsbastler an. Die FPÖ, die nicht nur den Ibiza-Skandal verarbeiten musste, sondern auch eine Spesenaffäre ihres ehemaligen Vorsitzenden Strache, verkündete am Wahlabend, nicht für eine Weiterführung der Koalition zur Verfügung zu stehen. Strache hat in der Zwischenzeit verlautbart, er werde nie wieder für politische Arbeit zur Verfügung stehen. Seine FPÖ-Mitgliedschaft ruht. Straches Frau, Philippa Strache, erreichte für die FPÖ ein Nationalratsmandat und sitzt nach Parteiausschluss jetzt als fraktionslose Abgeordnete im Parlament.

Dass die Kurz-ÖVP vor allem Stimmenzuwächse aus dem reaktionär-nationalistischen Lager verzeichnen durfte, es waren etwa eine Viertelmillion Stimmen, lässt nichts Gutes erwarten.

 

Die ehemals christlich-konservative ÖVP hat sich unter Sebastian Kurz zu einer schaumgebremsten Filiale der FPÖ entwickelt. Ob die Grünen unter Aufgabe wichtiger Punkte ihrer Wahlversprechungen mit der Kurz-ÖVP koalieren? Das hat bisher in einigen Bundesländern funktioniert und, wie sollte es anders sein, vor allem der Kurz-ÖVP geholfen.

 

Spitzenreiter konservativer Gesinnung blieb das Land Salzburg, 46,4 Prozent der Wählerinnen und Wähler gaben insgesamt der Kurz-ÖVP ihre Stimme.

 

Hand in Hand mit vielen Medien ist die österreichische Politik – und nicht nur sie – auf dem Weg, jene konservative Revolution zu verwirklichen, die dem Teil der Bevölkerung, der abhängig beschäftigt ist, weitere Verschlechterungen zumutet. Außenpolitik, Europäische Union, der Skandal der Einführung eines 12-Stundentages waren kein Thema für die Mehrheit der wahlwerbenden Parteien im Nationalratswahlkampf. Sebastian Kurz ist der »starke« Mann, den sich wohl viele Wahlberechtigte in Österreich gewünscht haben. Die Kurz-ÖVP, das bestätigt die Stimmenwanderung von der FPÖ zu ihr, wird grenzwertig rechts bleiben und werden. Tragisch. Harte Zeiten brechen an – für Kranke, Behinderte, Arbeitslose, Alleinerziehende, zukünftige Alte und sonstige Leute, die aus irgendeinem Grund nicht mehr die volle Leistung bringen können. Ob da die Grünen den Koalitionspartner und Erfüllungsgehilfen spielen wollen?

 

Sebastian Kurz hat inzwischen vom Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen den Regierungsbildungsauftrag bekommen. Mit allen im Nationalrat vertretenen Parteien wurden erste Gespräche geführt, und die Wunschkoalition der »meinungsbildenden« Medien ist eine ÖVP-Grünen-Koalition. Bei der SPÖ dürfte die jetzige Vorsitzende Pamela Rendi-Wagner demontiert werden, denn die SPÖ versinkt in Grabenkämpfen. Bei der Landtagswahl im Bundesland Vorarlberg (13.10.2019) erreichte die ÖVP mehr als 43 Prozent, die Grünen kamen auf fast 20 Prozent. Die SPÖ hielt ihre bescheidenen 9 Prozent, während die FPÖ auf 13 Prozent heruntergewählt wurde (-10 Prozent). Schuld daran war nicht die Ibiza-Affäre, sondern die Parteigeldverschwendung der Familie Strache, die derzeit staatsanwaltlich untersucht wird. Dazu eskaliert, wegen Sperrung zweier FPÖ-Facebook-Seiten der Straches durch die Partei, der Streit um die Macht bei den Reaktionärnationalen. Straches Seite hatte knapp 800.000 Fans.

 

Wahl in Österreich: Die Bierpartei Österreichs bekam 4856 Stimmen, das gelang der Christlichen Partei Österreichs, der Allianz der Patrioten, der Sozialistischen Linkspartei und der Liste GILT gemeinsam nicht, sie blieben unter diesem Ergebnis.

 

Wahlen (nicht nur) in Österreich: Was die Politik verdaut, das kriegt das Volk auf den Tisch.                      

 

Dieter Braeg

 

 

Kurz notiert

Du musst deinen Einfall töten, damit er als Idee auferstehen kann.

 

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Denken ist das Immunsystem des Bewusstseins.                      

 

Norbert Büttner

 

 

Engagiertes Schreiben

Den jährlichen Tagungen der Kurt-Tucholsky-Gesellschaft hat der in Tucholskys Geburts- und zeitweiliger Wohnstadt Berlin eingetragene Verein eine weitere Konferenz hinzugefügt. Das Arbeitsthema »Schriftstellerinnen und Schriftsteller und politisches Engagement« bewältigte und provozierte in Vorträgen, Workshops und Diskussionen aktuelle und streitbare Fragestellungen und fand mit der Verleihung des Kurt-Tucholsky-Preises für literarische Publizistik an die Kolumnistin Margarete Stokowski im Theater im Palais einen angemessenen Abschluss und emotionalen Höhepunkt.

 

Hervorhebenswert erscheint mir auch die Tatsache, dass die Humboldt-Universität, an der der Namensgeber der Konferenz seinerzeit studiert hatte, bereits zum dritten Male das Tagungsdomizil bot, diesmal sogar in Gestalt des ehrwürdigen Senatssaales im Hauptgebäude Unter den Linden. Der Vorstand ließ allerdings keinen Zweifel daran, dass das aus finanziellen Gründen wohl kaum nochmals so repräsentativ wiederholbar sein wird ...

 

Der einführende Vortrag des Vorsitzenden Ian King (London) zum Thema »Engagierte Literatur oder Kunst um der Kunst willen« wie auch die Wertungen von Jan Čapek (Pardubice) über den tschechischen Schriftsteller, Politiker und Philosophen Václav Havel und die Ausführungen von Stuart Parkes (Malta) über Böll und Grass als engagierte Schriftsteller sowie der Vortrag der Germanistin und Politikwissenschaftlerin Heidi Beutin (Hamburg) über die Literatenrepublik von 1919 in Bayern rechtfertigten den hohen wissenschaftlichen Anspruch an die Konferenz. Sie verwiesen zugleich auf die Aktualität von Positionen Tucholskys und regten dazu an, das Konferenzthema auch nach der Tagung nicht ad acta zu legen. Mit circa 80 Teilnehmern war die Konferenz gut besucht. Zur musikalisch-literarischen Umrahmung trug das Tucholsky-Programm der Erich-Fried-Gesamtschule Herne in hervorragender Weise bei.                  

Wolfgang Helfritsch

 

 

Auftrag und Realität

Durch medial verbreitete Feindbilder werden Stigmatisierung, Ausgrenzung, Sanktionen, Schikanen, Gewalt und Willkür gefördert – nach innen wie nach außen. Die Rolle, die die ARD-Tagesschau dabei spielt, spießt mit Ironie und Sarkasmus das Autorenkollektiv Maren Müller, Friedhelm Klinkhammer und Volker Bräutigam in seinem Buch »Zwischen Feindbild und Wetterbericht« auf – auch welche Methoden und Mechanismen der kritisierten Nachrichtensendung dabei eine Rolle spielen.

 

Wissen muss man, das heute ein wesentlicher Teil der modernen Kriegsführung auf die menschliche Psyche abzielt, primär Einstellungen verändert, nicht nur in Bezug auf geplante Interventionen gegen andere Völker, sondern auch, um neue Feindbilder zu generieren, die dem herrschenden System von Nutzen sind. Die Massenpropaganda arbeitet dabei mit simplen, aber kategorisch vorgetragenen Behauptungen. Durch penetrante Wiederholung der Inhalte und unter Zuhilfenahme passender Schlüsselwörter wie Diktator, Schlächter, Machthaber, Irrer, Regime und so weiter bilden sich eine entsprechende Stimmung und ein Effekt der psychologischen Ansteckung. Verstärkt wird der Prozess durch das Bestreben vieler Menschen, sich der Masse anzuschließen – ein Mitläufereffekt.

 

Es ist das alte Herrschaftsinstrument Presse, das aus der Nähe zu elitären und parteipolitischen Interessen Profit schlägt oder gar Teil davon ist. Medien bereiten Mächten den Boden, die zum Beispiel darauf angewiesen sind, die öffentliche Meinung auf die »Notwendigkeit« von Sanktionen bis hin zu Kriegseinsätzen einzuschwören.

 

Eine gezielte Propaganda mittels handfester Lügen war immer die Grundlage völkerrechtswidriger Kriege: gegen Vietnam, Jugoslawien, den Irak, Libyen oder Syrien. Zu jedem einzelnen Fall gibt es eine Legende, die von Spin-Doktoren oder Politikern erdacht und von Massenmedien eilfertig verbreitet wurde. Einige längst widerlegte Kriegslügen haben sich bis heute »dank« serviler Medien im kollektiven Gedächtnis eingebrannt, andere, zu offensichtliche, haben die Glaubwürdigkeit von Politik und Medien weiter beschädigt.

 

Unvergessen ist der »Tonkin-Zwischenfall«, der den Vorwand für die Ausweitung des Vietnamkriegs sowie die Luftangriffe und Flächenbombardements der USA gegen die Demokratische Republik Vietnam lieferte. Das gedemütigte US-Militär und die Eliten des Finanzkapitals kamen nach dem verlorenen Krieg zu dem Schluss, dass er vor allem durch die Berichterstattung in den Medien verloren wurde. Seitdem wird jeder Krieg von einer ausgeklügelten Medienstrategie begleitet.

 

Erinnern wir uns an den Einmarsch der Iraker in Kuwait und die sogenannten Brutkastenlüge. Erdacht von einer PR-Agentur und tränenreich vorgespielt von einer Jugendlichen, die vor dem informellen Menschenrechtskomitee des US-Kongresses behauptete, irakische Soldaten hätten bei der Invasion Kuwaits im August 1990 Frühgeborene getötet, indem sie diese aus ihren Brutkästen gerissen hätten. Nach dem Ende des Krieges wurde bekannt, dass besagte Jugendliche die 15-jährige Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA war. Die PR-Agentur Hill & Knowlton hatte sich den Vorfall ausgedacht, um die US-amerikanische Öffentlichkeit von der Notwendigkeit eines Krieges gegen den Irak zu überzeugen. Die Brutkastenlüge wurde seinerzeit von den meisten Massenmedien weiterverbreitet, leider auch von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International. So wurde die öffentliche Meinung in den USA zugunsten des ersten US-Krieges gegen den Irak gedreht.

 

Ein anderes Beispiel für Manipulation waren die angeblichen Belege über irakische Massenvernichtungswaffen, die US-Außenminister Colin Powell 2003 dem UN-Sicherheitsrat mittels eines in die Höhe gehaltenen kleinen Reagenzglases verkaufte. Jahre später, aber zu spät für zigtausende getötete Iraker wurde die Powell-Lüge als »Schandfleck« in seiner Karriere bezeichnet.

 

Ein lesenswerter Band, in dem die Autoren im Dschungel der Manipulationen aufräumen, die auch täglich um acht gesendet werden.         

 

Karl-H. Walloch

 

Maren Müller/Volker Bräutigam/Friedhelm Klinkhammer: »Zwischen Feindbild und Wetterbericht – Tagesschau & Co. – Auftrag und Realität«, PapyRossa, 253 Seiten, 19,80 €

 

 

Hamburger Surrogate

»Wo die Vergangenheit weggewischt wird wie verschüttete Milch, wie etwas Ungehöriges, da ist es die Aufgabe der Dichter, Forscher und Historiker, die geschichtliche Dimension wiederherzustellen.«

 

Dieser Aufgabe hat sich Herbert Schuldt unterzogen, 1941 als Reeder-Sohn in Hamburg geboren. Meistens verwendet er bloß »Schuldt« als Künstlernamen. Er ist ein Multitalent, Dichter, Essayist, Übersetzer, bildender Künstler in einer Person. Er schuf in China wandgroße Bilder »aus Schriftzeichen und Verfall«, wie auf der Website des Rowohlt Verlages zu lesen ist, reiste zu fremden Völkern und hatte Ausstellungen in New York, Shanghai und Moskau.

 

Schuldt ist Radfahrer. Und jedes Mal, wenn er »auf dem Rennrad an den neuen Straßennamen des mit Erde abgefüllten ehemaligen Hafens vorbeikam«, inzwischen bundesweit als HafenCity bekannt und vermarktet – Stichwort: Elbphilharmonie –, dann »schämte [er sich] für Hamburg«. Er schämte sich für Straßennamen wie Busanbrücke, Koreastraße, Tokiostraße, Osakaallee, Magellan-Terrassen, Singapurstraße, Hongkongstraße, Shanghaiallee, Yokohamastraße, Überseeboulevard. Denn: »Diese Straßennamen … verkünden ein beziehungsloses Niemandsland im Nirgendwo.« Sie sind »1. Aus der Luft gegriffen, 2. Zum System ausgebaute Phantasielosigkeit, 3. Großmannssucht«.

 

Beispiel Überseeboulevard: Kein Boulevard, und ohne Kräne, Schiffe oder Händler überzeugt die Namensgebung Schuldt ebenso wenig, als wäre ein Weltraumboulevard an dieser Stelle. Beispiel HafenCity: Das Neubauviertel heißt so, obwohl »dort kein Hafen liegt«, sondern Neuland für Immobilien und Büros. Beispiel Shanghaiallee: für Schuldt ebenfalls ein Fehlgriff. Denn das chinesische Wort Shanghai bedeutet »Blick über das Meer«. Die Nordsee ist aber nun mal rund 100 Kilometer Luftlinie entfernt, und eine Allee ist die Straße auch nicht, nur Beton und Glas säumen sie.

Schuldts bitteres Resümee: »Ratlose Ämter haben das Gelände mit Allerweltsnamen verdeckt, haben es … namenlos gemacht und um seine reiche Geschichte gebracht.«

 

Wie reich diese Geschichte ist, welche Adressen es statt der Surrogate, der »Globalisierungsattrappen« (Schuldt) hätte geben können, die durch Arbeit und Sprache an dem Ort verankert gewesen wären, das führt Schuldt in dem von ihm selbst ansprechend und geschmackvoll gestalteten Bändchen des Berliner Berenberg Verlags aus.

 

In dem abschließenden Teil widmet er sich in einem kulturhistorischen Zeitraffer der, wie er sie nennt, »Hamburgischen Schule des Lebens und der Arbeit«, einem Kosmos aus hochspezialisierten Berufen, ausgetüftelten Werkzeugen, rätselhaften Wörtern und dem von ihnen geprägten Menschenschlag: von »Achtern Diek« (Hinterm Deich) bis »Zum Festmachertreff« (der Festmacher macht das Schiff an Land fest). Natürlich fehlen hier auch der Seeräuberführer Klaus Störtebeker und seine Likedeeler nicht.     

Klaus Nilius

 

Schuldt: »Hamburgische Schule des Lebens und der Arbeit«, Berenberg, 134 Seiten, 25 €

 

 

Quijote in Berlin

Nach der Premiere des »Don Quijote« am 12. Oktober im Deutschen Theater holte großer Applaus die Schauspieler Ulrich Matthes und Wolfram Koch wieder und wieder auf die Bühne zurück – Jan Bosses Inszenierung war stimmungsvoll angenommen worden, man fühlte sich gut unterhalten und rundum zufrieden. Es war, als seien alle mit Bosses’ Sicht auf den Ritter von der traurigen Gestalt und der Darstellung der Mimen eins gewesen: So und nicht anders! Ob da auch einige waren, die sich den Don Quijote weniger naiv, trotziger, männlicher und weit, weit verrückter vorgestellt hatten als Ulrich Matthes ihn gab, gekleidet wie er war im weißen Gewand mit locker übergeworfenem Kettenhemd und einer Art mit Blumen geschmücktem Helm auf dem Kopf? Was den Sancho Panza anging: Zwar werden die meisten einen dicklichen Knecht erwartet haben, einen untersetzten bäuerlichen Sancho Panza, den aber konnte Wolfram Koch nicht verkörpern, denn Koch ist groß und stark. Das Wesen des Panza jedoch offenbarte er mit Verve, Witz und Schläue und mit einer Verschlagenheit, die getarnt war durch Ergebenheit. Und erst diese enorme Agilität – Koch sprang und kletterte, schlug hin wie ein gefällter Baum, schlief schnarchend, und in den wachen Stunden pflegte er oftmals seinen Bauch. Er scharwenzelte um seinen Herrn herum, redete ihm zu Munde, überschüttete ihn mit Tiraden und machte sich so zum Bestimmenden. Der Don in seiner Sanftheit gab sich als unterlegen, er lächelte resigniert und wirkte ziemlich hilflos. Und als er schließlich ein Ohr verlor, zeigte er sich dem Sancho Panza ausgeliefert wie ein verwundeter Krieger dem Sanitäter im Lazarett. Einmal – warum bloß? – musste sich Quijote vom Panza fesseln lassen, und es kennzeichnete ihr Miteinander, dass er wie eine Mumie zu verharren hatte bis Panza ihn befreite. Spätestens da zeichnete sich ab, dass Panza die Oberhand über Quijote hatte – ein Hinweis auf Zukünftiges! Ein Untergebener musste nicht allzeit untergeben bleiben. Im Stück fehlte Quijote das Ross, und jenes heiß begehrte Weib, seine Dulcinea del Toboso, gab es nur in der Phantasie. Real und bedrohlich blieb, was sich ihm entgegen zu stellen schien: Windmühlen, Hammelherden und Rotweinschläuche. Dabei kamen Ritter und Knecht kaum vom Fleck, rund um eine riesige Kiste hatten sie zu agieren, zuweilen oben drauf, zuweilen auch im Inneren, die Kiste war für beide die Welt, in der sie zu bestehen, sich ihrer Haut zu wehren hatten und gegen die anzukämpfen war – oh, wie schwer es Don Quijote fiel, sich zu behaupten! Schwer auch für die Mimen: Der über tausend Seiten starke Roman des Miguel de Cervantes lastete auf den Schultern von Ulrich Matthes und Wolfram Koch. Das hatten die beiden auszuhalten, und mit Bravour hielten sie es an die drei Theaterstunden aus!

 

Walter Kaufmann

 

 

Nächste Vorstellungen: 30. November, 26. Dezember; mit englischen Übertiteln.

 

 

Woyzeck aus dem Knast

Dem Gefängnistheater aufBruch ist eine ungeheuer frische »Woyzeck«-Fassung gelungen. Es spielt an einem Ort, dem der Dichter, Revolutionär und Autor des fast 200 Jahre alten Stückes, Georg Büchner, unbedingt zugestimmt hätte, dem Knast. In diesem Fall der Jugendstrafanstalt Berlin. Da, wo noch heute all diejenigen landen, die ihre Verzweiflung, ihre Deklassiertheit und Ausgeschlossenheit in einem System, in dem der Klassenkampf von oben tobt, obgleich es offiziell als Demokratie gilt, nicht mehr aushalten, nicht mehr bremsen können und schließlich gewalttätig in die Vertikale explodieren.

 

Büchners Sozialdrama enthält viele Parallelen zu ihrem eigenen Leben – sicher der Grund, warum der Regisseur Peter Atanassow es ausgewählt hat. Im Stück geht es um Gewalterfahrung als Kind, Erniedrigung, Woyzeck wird zur Tötungsmaschine auf Befehl. Dann: Verfolgungswahn, Degradierung zum Versuchsobjekt, zum Diener, zum Idioten, zum Tier, schließlich der Versuch, ein kleines Glück zu halten, Eifersucht, Mord an dem einzigen Menschen, der je zu Woyzeck gehörte, der Frau, die er liebte. Das ist die Story, zu der Büchner durch einen realen Fall inspiriert wurde, den man damals, statt die Bedingungen anzuklagen, mit ererbter Konstitution rechtfertigte und aburteilte.

 

Die Auswirkungen der Klassengesetze, schreiend ungleicher Ausgangsbedingungen, auf das Verhalten des Einzelnen, spielen auch heute noch eine Rolle, zunehmend finden Erklärungsmodelle zurück zum Konstrukt der »ererbten Konstitution« in Zeiten wachsender Kälte und Ausbeutung. Man bemüht statt der Biologie nun die Psychologie, die Neurophysiologie. Die Forschungsergebnisse sind auch heute noch und wieder fragwürdig, weil der Mensch vielfältig ist und sich nicht mittels eines Parameters erklären lässt. Tatsache sei, dass sich Verzweiflung immer noch in vertikaler Gewalt gegen Menschen derselben Schicht auswirkt, so Atanassow im Pressegespräch.

 

In der Realität zeigt allerdings selten einer der Betroffenen seine Gefühle so nackt und bloß, seine Verzweiflung so offen, wie es in der Person Woyzeck durch den jungen Büchner (er starb mit 23 Jahren) künstlerisch gestaltet wird. Das aber zeigen ungeschminkt nun die Spieler des Gefängnistheaters aufBruch. Sie dringen zu den Gefühlen der entrechteten Hauptperson vor, sie spielen so, wie Büchner es gewollt hätte: schonungslos und ohne Fassade. Sehr gute Umsetzung!

 

Das Theaterkonzept besteht darin, Menschen von ganz unten eine Chance zu geben, ihre künstlerische Ausdrucksfähigkeit zu entwickeln, die aus einer real erfahrenen sozialen Ausgrenzung
entsteht.                                            

Anja Röhl

 

https://www.gefaengnistheater.de/

 

Zuschrift an die Lokalpresse

»Bella ist die schönste Frau der Welt«, titelte der Berliner Kurier am 19. Oktober auf seiner Rückseite und berief sich dabei auf die untrüglichen Ermittlungen einer Computer-Software. Auch die nachfolgenden Plätze wurden durch das Programm »Golden Ratio of Beauty Phi« mathematisch exakt ermittelt. Solche Nachrichten machen Hoffnung und lassen die Frage aufkommen, ob das Programm auch für die Auswahl von Politikern modifiziert werden kann, denn das würde gewiss Zeit und Kosten sparen. An wen müsste ich mich wenden, um eine kompetente Auskunft über den aktuellen Forschungsstand zu erhalten? – Hubertus Heinroth (74), Autodidakt, 98646 Stressenhausen

 

Wolfgang Helfritsch