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Titel2308

Bemerkungen

Die Hexe ist verbrannt
Wenn die SPD mit den Grünen, die Grünen mit der SPD und beide mit der Linkspartei in Hessen eine Koalition oder eine Duldung derselben verabreden und wenn dieses Vorhaben dann »gescheitert wird« (so der neue Spitzenkandidat der dortigen SPD), ändert das an der politischen Kultur in der Bundesrepublik wenig. Weitaus interessanter ist, wie jene veröffentlichte Meinung hergestellt wurde, in der dann die mögliche Ablösung des Ministerpräsidenten Koch als eine Art Missetat erscheinen mußte: Über Monate hin fielen nahezu sämtliche Medien über seine sozialdemokratische Rivalin her, als wäre sie vom Teufel besessen. Der nicht gerade seltene Sachverhalt, daß eine Politikerin oder ein Politiker vor der Wahl etwas ansagt, was nach der Wahl nicht mehr gilt, wurde kampagnenartig zu einem einzigartigen politischen Sündenfall hochstilisiert. Während seinerzeit das Lügengewebe, das CDU-Männerfreunde in Hessen um ihre schwarzen Parteikassen herum gewoben hatten, rasch vergeben und vergessen war, wurde die SPD-Spitzenfrau an den Dauerpranger gestellt: als »machtgierige Lügnerin«, als »Serientäterin«, »hemmungs- und rücksichtslos«. Dieses unablässig unters Volk gebrachte Bild von Andrea Ypsilanti bot den geeigneten Hintergrund, um einen Tag vor dem Termin der Ministerpräsidentenwahl durch einige Abgeordnete der SPD selbst das Urteil vollstrecken zu lassen, und wiederum waren sich die Medien fast ausnahmslos einig: Die »Wahlbetrügerin« hat ihre gerechte Strafe bekommen. Der Vorgang zeigt, zu welchem Maß an Selbstgleichschaltung unsere massenmediale »Meinungsvielfalt« fähig ist.

Marja Winken


Die Medienmacht an der Ruhr
Unser Autor Ulrich Sander (Dortmund) hat folgenden Leserbrief an die Westfälische Rundschau geschrieben: »Warum müssen Sie eigentlich immer gleich für die ganze Welt sprechen? Sie titeln am 6. November 2008 fünfspaltig: ›Die Welt gratuliert Barack Obama‹. Ich gratuliere ihm erst, wenn er aufhört, Krieg gegen Afghanistan zu führen. Am 9. Oktober 2001 titelten Sie nach dem Angriff auf Afghanistan in gleicher Größe: ›Die Welt steht hinter Bush‹. Auch das stimmte zum Glück nicht. Damals setzten Sie in die Dachzeile die Frage »Auch zivile Opfer?«; jetzt lassen Sie dieses Thema auf Seite 1 ganz weg und melden winzigklein vier Seiten später: »US-Luftangriff fordert 40 Tote«, gemeint sind Zivilisten, darunter Frauen und Kinder. Und diesen Krieg will Barack Obama fortsetzen! Es gibt (noch) nichts zu feiern.«
Zu ergänzen ist: Die Westfälische Rundschau gehört zum Konzern der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) in Essen, dem Medienmonopol an der Ruhr. Dieser Konzern besitzt auch drei der vier Tageszeitungen in Thüringen und hat in Niedersachsen die Braunschweiger Zeitung erworben. Außerhalb Deutschlands hat der WAZ-Konzern in Kroatien, Serbien, Makedonien, Bulgarien und Rumänien viele Tageszeitungen übernommen. Seine Hörfunk- und Fernsehbeteiligungen, Druckereien und Zeitschriften aufzuzählen, würde zu viel Platz kosten. Ihm gehört also schon sehr viel. Aber – da hat Ulrich Sander recht – noch nicht die ganze Welt.
Red.


Hilfe zur Krankheit

In Ossietzky 21/08 berichtete Rainer von der Eldern (68 Jahre alt, Bezieher von monatlich 280 Euro »Grundsicherung im Alter«), daß ihm nach Begleichung zweier Zahnarztrechnungen für den Monat Oktober nur 45 Euro blieben und daß er deswegen in der Konstanzer Rosgartenstraße betteln wollte, vorher aber beim Sozialamt anfragte und von dort den schriftlichen Bescheid erhielt, von 50 Euro, die er vielleicht erbetteln könne, stehe ihm eine Ausgabenpauschale von 5.20 Euro zu und von den verbleibenden 44.80 Euro 30 Prozent = 13.44 Euro als »Freibetrag Erwerbseinkommen«; er müsse also 31.36 Euro abliefern.

Inzwischen ging die Korrespondenz weiter. Unser Autor wies darauf hin, daß eine Busfahrt von dem Vorort, in dem er wohnt, zur Rosgartenstraße und zurück (insgesamt 25 Kilometer) 3.80 Euro kostet. »Nehmen wir mal an, ich fahre monatlich 20 mal zum Betteln, ergibt das 76 Euro, denen 18.64 Euro Einnahmen einschließlich Ausgabenpauschale gegenüberstehen. Wenn ich betteln gehe und den erwarteten Erfolg habe, muß ich also 57.36 Euro zuzahlen.« Das Amt antwortete prompt und ernsthaft: »Wenn Sie tatsächlich 78 Euro ausgeben (für Busfahrten) und nur 50 Euro einnehmen (durch Bettelei), machen Sie natürlich ein Minus. Das hat aber mit Grundsicherungsleistungen nichts zu tun, sondern ist eine ganz normale Gewinn- und Verlustrechnung.« Die Fahrtkosten ließen sich aber reduzieren. Der Bescheid schloß mit der Empfehlung: »Einnahmen erhöhen und mehr erbetteln als durchschnittlich 2.50 Euro am Tag.«

Inzwischen hat die Zahnärztin festgestellt, was alles zu tun ist, um das Gebiß zu sanieren. Der »Eigenanteil«, den von der Eldern zahlen müßte, beträgt 1.400 Euro – just so viel, wie er im Lauf von sechs Monaten als »Grundsicherung« bekommt. Er schrieb also wieder ans Sozialamt und erhielt sogleich ausführliche Antwort mit Verweisen auf verschiedene Paragraphen des Sozialgesetzbuches und der Regelsatzverordnung. Ergebnis: »Ihrem Antrag auf Hilfe zur Gesundheit in Form der Übernahme des von Ihnen eingereichten Heil- und Kostenplanes Ihrer Zahnarztpraxis kann nicht entsprochen werden.« Denn: »Die Kosten des Eigenanteils sind von Ihnen zu tragen.« Rainer von der Eldern weiß nun: »Wer nichts zu beißen hat, braucht auch keine Zähne.« Aber jetzt, fügt er hinzu, »habe ich auch da heftige Zahnschmerzen, wo gar keine Zähne mehr sind«.
Red.


Krank machende Ärzte
Werner Bartens widerspricht als Arzt dem Mythos der unfehlbaren Ärzte. An Gegenbeispielen fehlt es ihm nicht. Außerdem befaßt er sich mit der Pharmaindustrie, die den Gesundheitsmarkt beherrscht. Sie finanziert das Fortbildungssystem für Ärzte und steuert auch bundesweit Selbsthilfegruppen. Mit ihrer Lobby kann sie mehr und mehr neue, teurere Medikamente – zum Teil schlecht getestet – in den Markt drücken. Bartens beläßt es nicht bei der Diagnose übler Zustände, sondern macht auch plausible Therapievorschläge, unter anderem mit dem Hinweis auf Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation, die von der BRD aufgenommen und für verbindlich erklärt werden müßten.
Karl-H. Walloch
Werner Bartens: »Auf Kosten der Patienten oder Wie das Krankenhaus uns krank macht«, Eichborn Verlag, 256 Seiten, 19.95 €


Schuldfrage geklärt
Die Neoliberalen stehen der Finanzkrise immer noch ratlos gegenüber. Das zeigte sich bei einem Treffen des »Walter-Eucken-Instituts« in Freiburg, einer Lehrstätte des Neoliberalismus. Ottmar Issing, ehemaliger Chefvolkswirt der Bundesbank und der Europäischen Zentralbank, Hans Tietmeyer, Ex-Bundesbankchef und Mitglied im Aufsichtsrat der beinahe Pleite gegangenen Bank Hypo Real Estate, und andere hochberühmte Wirtschaftler waren sich nur darin einig, daß jetzt Brandbekämpfung angesagt sei. Niemand aber wußte ein Rezept, wie ähnliche Brände in Zukunft verhindert werden können. Tietmeyer bestätigte das mit den vier Worten: »Ich habe keine Antwort.«

Wenig Gefallen fanden sie daran, daß der Staat mit seinem 500-Milliarden-Euro-Angebot an die Banken plötzlich wieder eine große Rolle spielt, jedenfalls spielen könnte. Nachdem aber die Einzelheiten bekannt wurden (kein Stimmrecht in den Unternehmen), waren die Bedenken schnell verschwunden. Und nach einer gewissen Schamfrist nahmen dann auch deutsche Banken, voran die Commerzbank, die sich eben erst die Übernahme der Dresdner Bank geleistet hatte, gern Kapitalspritzen aus dem Sonderfond der Bundesregierung entgegen. Dazu bedurfte es selbstverständlich keines Zwanges. Der wegen seiner Geschwätzigkeit und vielen falschen Prognosen bekannte Universitätsprofessor, Privatisierungsfetischist, Medienstar und Leiter des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, hatte zuvor gefordert: »Der Staat muß notfalls Zwang anwenden, daß Banken, denen Illiquidität droht, staatliche Gelder annehmen.«

Es gibt übrigens einen bedeutenden Wissenschaftler, der im Gegensatz zu fast allen Experten das Versagen der Branche eingesteht. Im Oktober schrieb der Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman (USA): »Ich hätte die Finanzkrise kommen sehen müssen. Ich wundere mich heute, wie Politiker, Ökonomen und sogenannte Experten so blind haben sein können. Ich bin erschüttert.«

Aber einer weiß Bescheid: Ralf Dahrendorf, einst führender FDP-Politiker, heute als Lord Mitglied des britischen Oberhauses: Schuld an der weltweiten Krise seien die »pumpwütigen Bürger«. Womit der Fall geklärt wäre.
Werner René Schwab


Militärtechnik in Silberprägung
Hitlers Kampfpanzer »Königstiger« von 1944 und Deutschlands »Einigkeit und Recht und Freiheit« – wie geht das zusammen? Es sind zwei Seiten einer Medaille.

Waffengeschäfte werden üblicherweise nicht öffentlich ausgeschrieben, darum erging unlängst das Angebot »Streng vertraulich« nur an einen ausgewählten Personenkreis. Es trug schon auf dem Umschlag den Vermerk »geheim«. Darin befand sich der nummerierte »Zuteilungsbescheid«, daß der Empfänger bezugsberechtigt sei für eine »numismatische Weltpremiere: Zum ersten Mal erscheint in der Bundesrepublik Deutschland eine Silber-Gedenkprägung zu einer deutschen Panzer-Legende. In höchster Prägequalität ›Polierte Platte‹ (PP) erinnert die Ausgabe an einen Meilenstein der deutschen Panzerentwicklung im Zweiten Weltkrieg – an den legendären ›Tiger II‹, besser bekannt als ›Königstiger‹. Die streng limitierte Sonderausgabe aus echtem Silber (333/1000) ist ab sofort für ausgewählte Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik Deutschland erhältlich...«

Ich gehörte also dazu, bestellte, bekam prompt und schickte die Medaille unter Protest zurück, nachdem ich sie mir genau angesehen hatte. Sie hat einen Durchmesser von 40 Millimeter. Den »Königstiger« zeigt sie im Gelände und einzeln in Gefechtsstellung. In der Ankündigung und im »Echtheits-Zertifikat« wird dieser Panzer überschwenglich als »der beste Panzer im 2. Weltkrieg« gepriesen. Er habe die »modernste Panzerung« gehabt und sei »frontal praktisch unverwundbar« gewesen, eben der »Höhepunkt der Panzerentwicklung Deutschlands während des Zweiten Weltkrieges«. Diese Panzer-Medaille ist die erste einer Kollektion unter dem Titel »Legenden der Militär-Technik«. Es folgen »Schlachtschiff Bismarck« (»das stärkste Schlachtschiff seiner Zeit«) und »Messerschmidt BF 109 K4« (»das meistgebaute Jagdflugzeug der Welt«).

Die Ausgabestelle, eine bekannte Firma der Branche in Braunschweig, behauptet, Militärtechnik sei allgemein ein »wichtiger Motor des technischen Fortschritts«. Die Waffensysteme der Hitler-Wehrmacht sind allerdings vor allem für den verbrecherischen Krieg Hitler-Deutschlands entwickelt worden. Ihnen zur Würdigung silberne Gedenkmedaillen zu widmen, verherrlicht den Angriffskrieg.

So fragt sich, wer diese Prägungen in Auftrag gegeben und welche Prägestätte sie »meisterhaft in der höchsten Qualität« gefertigt hat. Von der Ausgabestelle ist das nicht zu erfahren. Sie bietet »Themen« an, »die ein starkes Interesse unter Sammlern erwarten« lassen. Geschäft ist Geschäft.

Und was ist mit Deutschlands »Einigkeit und Recht und Freiheit«? Diese Worte umrahmen auf der Rückseite der Medaille einen nach rechts blickenden stilisierten Adler mit dem Wappen der 16 Bundesländer. Damit müssen die »Legenden der Militär-Technik« als offizielle staatliche Gedenkmedaillen gelten. Wer hat diese hoheitliche Gestaltung autorisiert? Der Bundespräsident? Die Bundeskanzlerin? Der Finanzminister, der für Münzprägungen zuständig ist? Wurden die Bundesländer um ihre Zustimmung befragt? Die Ausgabestelle hüllt sich auch hierzu in Schweigen.
Manfred Oertel


Dimitroffs Sekretär
Unter den Publikationen, die sich dem Reichstagsbrand 1933 widmen, nimmt eine Veröffentlichung aus dem Jahr 1964 einen besonderen Platz ein: Alfred Kurellas »Dimitroff contra Göring«. Kurella (1895–1975) war in Moskau nach Dimitroffs erzwungener Freilassung aus faschistischer Haft sein Sekretär und in dieser Eigenschaft auch mit der Abfassung eines umfassenden Berichts über den Leipziger Prozeß betraut. Dimitroff stellte ihm dafür seine Aufzeichnungen vom Prozeß und Teile seiner Tagebücher zur Verfügung und korrigierte schließlich die erste Fassung des Manuskripts, das im Dezember 1934 zum Druck fertiggemacht wurde, wie Kurella im Vorwort berichtet.

Ihm ging es vor allem darum, den Prozeß selbst zu schildern, seinen Ablauf und seine Akteure, die angeklagten Arbeiterfunktionäre, aber auch ihre Widersacher und die den braunen Machthabern willfährige Justiz. Im Mittelpunkt stand Dimitroff, der mit intellektueller Überlegenheit sich selbst und die kommunistische Weltbewegung verteidigte. Kurellas Buch ist bis heute durch seine anschaulichen, packenden Schilderungen der Wortgefechte Dimitroffs mit seinen Anklägern und den sich ständig widersprechenden, offen und versteckt lügenden »Zeugen« lesenswert geblieben. Was die Auswertung neuer Quellen nachdrücklich bestätigt (s. Ossietzky 21/08), belegte bereits Kurella mit zahlreichen Fakten: Die Urheber und Täter des Brandes waren die Nazis – ohne Wenn und Aber.

Noch ein Wort zu Alfred Kurella. Der aus gutbürgerlichen Verhältnissen stammende Schriftsteller und DDR-Kulturpolitiker kam vor 1914 zur Wandervogel-Bewegung, war 1918 Mitbegründer der Freien Sozialistischen Jugend in München und seit der Gründung der KPD deren Mitglied. Abwechselnd in Deutschland, Sowjetrußland und Frankreich lebend, übte er in der kommunistischen Bewegung zahlreiche Funktionen aus. 1931 erregte sein Reportageband »Mussolini ohne Maske« nach Reisen durch das faschistische Italien Aufsehen. Als Generalsekretär des »Internationalen Komitees zum Kampf gegen den Krieg« war er eng mit Henri Barbusse und Romain Rolland verbunden. Immer wieder trat er auch als Übersetzer hervor, unter anderem von Werken Louis Aragons, Ilja Ehrenburgs und Nazim Hikmets.

Als er nach dem Krieg eine Zeitlang in dem abchasischen Bergdorf Pskuh lebte, entstanden zahlreiche Übersetzungen von Werken russischer revolutionärer Demokraten wie Herzen und Belinski. Seit 1954 wirkte Kurella in der DDR, wo er Mitbegründer und Direktor des legendären Leipziger »Instituts für Literatur« wurde, das die ersten Schritte angehender Autoren betreute.

Alfred Kurella hat ein vielfältiges literarisches Werk hinterlassen: Romane, Erzählungen, Reportagen, Memoiren, Essays und politische Publizistik. Es harrt heute noch seiner wissenschaftlichen, seriösen, vorurteilsfreien Erschließung.
Dieter Götze


Nur eine Frau!
Die Fotos zeigen es: Sie war – etwas exotisch aussehend – eine der attraktivsten Damen in den an Schönheiten nicht armen Künstlerkreisen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – Marta Feuchtwanger. Nach dem Tod ihres Mannes, Lion Feuchtwanger, wurde sie zu einer Instanz, die sein materielles und geistiges Erbe souverän und erfolgreich bewahrte. 1984 erschien unter dem Titel »Nur eine Frau« ihre Autobiographie, in der das Vollbrachte und Erlebte keineswegs nur als Schattendasein der Ehefrau eines Großen geschildert wurde. Mehrere Male hat sie den Schriftsteller aus existenzbedrohenden Situationen gerettet. Auch wäre er ohne sie nie zum Zentrum von Künstlertreffs in Berlin, dann im südfranzösischen Sanary sur Mer und später in Kalifornien geworden. Aus der Münchner Party-Königin wurde eine Frau von Welt.

Wenn eine Biographie nun fast 25 Jahre später nicht viel mehr enthält als das von ihr Erzählte zusammengefaßt sowie die nun erst zugänglich gewordenen Tagebuchnotizen Lion Feuchtwangers über sein superaktives Sexleben, dann ist das dürftig. Was und wie diese Frau, die die strengen Eltern wegen möglicher Männerbekanntschaften nicht hatten studieren lassen, als erste Lektorin Feuchtwangers riet, was und wie sie an seinen Texten änderte – der Biograph ist offenbar nicht fündig geworden. Hat es ihn überhaupt interessiert? Wie sich ihre politischen Ansichten formten und entwickelten – nichts darüber im Buch. So bleibt sie für Manfred Flügge wahrlich »nur« eine Frau, über die richtig zu arbeiten, offenbar nicht lohnte.
Christel Berger

Manfred Flügge: »Die vier Leben der Marta Feuchtwanger. Biographie«, Aufbau-Verlag, 422 Seiten, 24.95 €


Tränentreibende Tage
Zweimal ist im Werbetext zu Michael Barons Roman »Als sie ging« das Wort »anrührend« zu lesen. Für Freunde der Literatur ein ausreichender Grund, die Finger von dem Taschenbuch zu lassen. Außer, man ist ein notorisch Neugieriger und möchte dahinterkommen, was heutzutage das Anrührende ist. Kein Zweifel, der Autor weiß Anrührendes bestens anzurühren. Gerry, Ich-Erzähler und Hauptperson des Rührstücks, darf sich, von der ersten bis zur letzen Seite, als grenzenloser Optimist und fabelhafter Familienmensch herausputzen. So einer sammelt schnell Pluspunkte. Nicht nur bei den Sentimentalen. Zumal, wenn der nette Mann von Nebenan ein vom Schicksal schwer Geschlagener ist.

Michael Baron, der einstige Lektor aus New York, kennt die Ingredenzien, aus denen der tränentreibende Duftstoff gemacht wird. Gerry, ein Mann »in den besten Jahren«, also knapp Vierzig, grübelt, weshalb die 17jährige Tochter die Sippe verließ. Er gibt den würdigen Witwer, nachdem die Frau verstorben ist. Wenige Wochen nach dem Verschwinden der Tochter. Geblieben ist ihm der gerade geborene Sohn Reese. So kann das Leben sein! So muß das Leben sein, wenn die Lektüre anrührend sein soll. Ein liebenswert-bemühter Alleinstehender mit Baby, das ist wahrlich eine schwer schlagbare Story.
Papa Gerry sagt über die Telefongespräche mit der ebenfalls liebenswert-hilfsbereiten Schwägerin: »Oft haben wir nur über unwichtiges Zeug geredet. Aber, wenn man so oft miteinander redet – wie viel Prozent davon sind dann tiefschürfender Gedankenaustausch? Wichtig war doch vor allem, daß wir immer füreinander da waren.« So ist das in dem ganzen Roman: Viel unwichtiges Zeug, denn alle sind »immer füreinander da«. Glückliche Menschen auch im Unglück.

Wenn Michael Barons Buch gelesen ist, kann man es auf einem Sitz in der Bahn oder auf einer Parkbank liegenlassen. Es wird schon jemand kommen und zugreifen. Und sich freuen.
Bernd Heimberger

Michael Baron: »Als sie ging«, aus dem Amerikanischen von Edith Beleites, Knaur, 376 Seiten, 8.95 €


Kai Degenhardt

ist ein empfindsamer Zeitgenosse. Seine guten Ohren registrieren Töne, Untertöne, Mißtöne, Selbstgerechtigkeiten, Dreistigkeiten. In seinen Liedern gibt er wieder, was er gehört hat.
Manchmal denke ich, da müßte eine Gegenstimme ertönen, ein Kontrapunkt zum Lamento, ein Zuruf vielleicht nur, eine Zwischenfrage, eine Herausforderung. Dadurch würde Spannung entstehen. Dieser Texter, Komponist und Sänger muß sich weiterentwickeln.
Eckart Spoo

Kai Degenhardt: »Weiter draußen«, gemeinsam gespielt und produziert mit Goetz Steeger, Label: Plattenbau


Walter Kaufmanns Lektüre
Dem Ernste, dem Schwille, dem Schauspieler Ernst-Georg Schwill braucht keiner zu bescheinigen, daß er Humor hat, eine fröhliche Berliner Schnauze und Spieltalent – all das kam kräftig zu Tage bei der Buchpremiere im Berliner Kino Babylon. Seine Enkeltochter spielte Akkordeon, er kam ins Erzählen, vernachlässigte seinen Text. Gut so. Bücher sind zum Lesen da. Ich las anderntags, und Schwille kam und siegte. Ich las von Anfang bis Ende und sage voraus: »Is doch keene Frage nich« wird seine Leser finden. Weil es unterhaltsam ist und trefflich von der Leber weg geschrieben: Berliner Nachkriegskindheit und Nachkriegsjugend. Und wie ein Arbeiterjunge, den der Zufall in die Filmwelt der DEFA befördert, in den Streifen »Berlin – Ecke Schönhauser«, »Fünf Patronenhülsen«, »Sie nannten ihn Amigo« zeigen kann, was in ihm steckt. Damals war er durchaus nicht nur die gute Nummer Zwei, für die er sich seit der Wende, der Zeit des schweren Neubeginns im Theater und Kino, hält. Alle Achtung vor solcher Bescheidenheit – aber auch vor dem Selbstbewußtsein, mit dem er sein Auf und Nieder schildert, die Falle auch, in die er tappte, als er sich nach dem Mauerfall auf Geschäfte mit einem windigen Westler einließ – nicht nur er übrigens, auch seine Frau. Und die IM-Verdächtigungen, die auf ihn niedergingen – er führt sie glaubhaft ad adsurdum.

Der Arbeitersohn, dem in der DDR der Traumberuf Kameramann vergönnt war, der dort die Schauspielkunst erlernen durfte, »ein Mann der Republik« wurde und »kein Feind der DDR«, bestätigt das nun schriftlich. Punkt. Aus. Bravo also zu einem Buch, das mit dem Rat seiner Freunde endet, ein weiteres vorzulegen: »Mensch, Ernste, schreib doch det ooch allet noch uff, det jeht doch allet verloren, wenn de in de Urne steigst.« Mit seinem »Is doch keene Frage nich« hat Ernst-Georg Schwill schon viel gerettet.
W. K.

Ernst-Georg Schwill: »Is doch keene Frage nich. Erinnerungen eines Schauspielers«. Das Neue Berlin, 221 Seiten, 19.90 €


Bühnentelegramm
»Ritter, Dene Voss« von Thomas Bernhard in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin bleibt hinter der literarischen Vorlage zurück. Die Beteiligten quälen sich nicht, sind nicht ätzend witzig, ihre Psychosen nicht tief genug ausgelotet. Sogar Ulrich Matthes, Zentrum des infernalischen Trios der einander zerfleischenden Geschwister, überzeugt mich an diesem Abend nicht. Regisseur Oliver Reese hat seine Darsteller in seichtes Wasser gesetzt, da sprühen keine Funken. Langeweile spielen und/oder Langeweile verbreiten – der Unterschied entscheidet auf der Bühne über Sein oder Nichtsein.
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Armin Petras folgt wieder seiner Neigung, Literatur für die Bühne zu bearbeiten. Für »Fräulein Smillas Gespür für Schnee« nach Peter Hoeg ist das Berliner Gorki- mit dem Hamburger Thalia-Theater eine Gemeinschaft eingegangen. Ich liebe das Buch, kenne den Film, entsprechend erwartungsvoll gehe ich ins Theater. Fräulein Smilla, Naturwissenschaftlerin und Eisspezialistin, versucht den Tod eines Jungen aufzuklären. Sie vermutet und Beweist: Mord. Beide, der Junge und das Fräulein, stammen aus Grönland. Hinter der Geschichte steckt die Erfahrung der Enuit vom Einfall des modernen Europa in ihre Welt. Die Folge: Tod und Zerstörung.
Bei Petras wird Originaltext monologisiert, Dialoge werden karikiert, teils clownesk interpretiert. Und schnell ist man von der Spielfreude der Akteure (Susanne Wolff und Peter Jordan) gefangen. Jordan ist der Magier, der funkelnde Kristall des Abends, um in der Sprache von Schnee und Eis zu bleiben. Er hat Gespür für seine Profession. Da schmilzt manches Zuschauerherz.
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Nach langer bewußter Abstinenz wieder mal in die Volksbühne, wieder mal zu Frank Castorf. Castorf – Genie, Dompteur, gnadenloser Ausbeuter von Schreibern und Schauspielern, Egomane und Schinder, einer, der sein Publikum verarscht und fasziniert, immer wieder, immer noch, und das Publikum kommt und genießt es. Zumeist. Und zumeist stundenlang.
Diesen Abend hat er Alexandre Dumas und Heiner Müller in eine Symbiose gezwungen: die Geschichte Keans, des Shakespeare-Darstellers, dessen Legende durch die Jahrhunderte bis in unsere Zeit reicht, und die »Hamletmaschine«, diesen so schwer rezipierbaren Müller-Stoff. Kean wurde minimiert, Müllers Text lächerlich gemacht.
Ja, dem Regisseur gelingen große theatralische Erfindungen, starke Momente, zu denen ihm viel eingefallen ist. Den Darsteller Alexander Scheer läßt er Talent und Können bis zur Erschöpfung an uns verschwenden, setzt einen zu kurz geratenen Laiendarsteller der Lächerlichkeit aus, zwischendrein gähnende Langeweile. Man ist dem Suchen eines Regie-Manikers ausgeliefert, der nicht immer findet, nein, nur selten. Er wirft, so scheint es, seine Einfälle, Zufälle, Abfälle auf die Szene und sagt: »Nun seht mal, was ihr damit macht.« Ich mochte nicht so viele Stunden mitspielen, bin – trotz des bemerkenswerten Darstellers Alexander Scheer – in der Pause gegangen.
Anne Dessau


Press-Kohl

Die Nachrichten-Agentur ddp überraschte uns mit verblüffenden Informationen über den Einfluß von Fernsehprogrammen auf das menschliche Durchschnittsalter:
»Die Zuschauer von ARD und ZDF sind im Durchschnitt in den ersten drei Quartalen 2008 gegenüber 2006 gealtert.«
Die meisten mir bekannten Leute sind im Durchschnitt in den ersten drei Quartalen 2008 gealtert, genauso wie in den ersten drei Quartalen 2006, und zwar sind sie jeweils um drei Quartale gealtert. Ich mache da keine Ausnahme. Meine Frau kann das bestätigen, obwohl sie nicht unbedingt zu den Zuschauern von ARD und ZDF gezählt werden möchte, weil Frauen das Altern nicht mögen, vor allem nicht das durchschnittliche.
»Nach einer Auswertung legte das ZDF um ein Jahr auf 60 Jahre im Schnitt zu, das Erste um ein Jahr auf 59 Jahre. Dagegen konnte RTL das Durchschnittsalter um drei Jahre auf 45 senken, während Sat.1 um zwei Jahre auf 51 alterte.«
Man sollte, um die rasante Überalterung der Erdbevölkerung zu bremsen, alle Fernsehgeräte verschrotten.
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In seinem Artikel »Ohne Anschluß ans Volk« (Berliner Zeitung) bemerkt Martin Klesmann:
»Das zentrale Argument für den Regierungsumzug von Bonn nach Berlin war ja seinerzeit, daß Politiker in der Spree-Metropole ganz anders als im beschaulichen Bonn endlich mit den gesellschaftlichen Härten direkt konfrontiert würden. Bisher haben wir allerdings wenig erfahren über die konkreten Alltagserlebnisse von Bundestagsabgeordneten ... Nun haben sie auch eine weitere Chance zum Direktkontakt mit dem Volk ausgeschlagen. Die Bundestagsverwaltung lehnte es ab, daß direkt am Ostausgang des Reichstages, am Friedrich-Ebert-Platz, eine S-Bahn-Station gebaut wird ... Soviel Volksnähe war nicht gewünscht. Zudem wolle man keine lärmende Baugrube ...«
Falls sie an den Bundestagssitzungen zufälligerweise persönlich teilnehmen, so pflegen die Damen und Herren Volksvertreter den gewünschten Lärm selber zu produzieren.
Meist ohne dabei irgend etwas zu bauen.
Felix Mantel