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Titel2315

Soldaten jubeln  (Otto Köhler)

Das war die Woche jener Bundeswehr, die man besser rechtzeitig abgetrieben hätte, sobald erkennbar war, dass ihre Väter Hitler-Generale waren. Sie ist damals, 1955, trotzdem zur Welt gekommen und ist nun leider sechzig geworden.


Am Montag hatten die immer noch Widerspenstigen im Volk zum Danken anzutreten vor diesem Militär, das uns heute anbläfft:
WIR KÄMPFEN AUCH DAFÜR,
DASS DU GEGEN
UNS SEIN KANNST


So stand es besiegelt vom nur wenig veränderten Eisernen Kreuz der Naziwehrmacht Wort für Wort auf olivgrüngeflecktem Tarnuntergrund in fast allen deutschen Zeitungen. Im Lauf der Jubiläumswoche ging es weiter:
KRISENHERDE LÖSCHST DU NICHT
DURCH ABWARTEN UND TEETRINKEN
MACH WAS WIRKLICH ZÄHLT


Für diese Anzeigenpropaganda gegen die Politik des Verhandelns und für das Dreinschlagen mit militärischer Gewalt zahlt die Kriegsministerin Ursula von der Leyen 50 Millionen Euro Steuergelder. Ein Großteil der Presse dankt und druckt und richtet sich danach.


Mitten in der Woche feierte ein abstoßendes Militärbrimborium mit Fahnenkram, Trommeln und Flöten, Brandfackeln und Kommandogebrüll exakt den Tag, an dem vor sechzig Jahren ahnungslose oder erwartungsvolle Rekruten ihre Ernennungsurkunden aus der Hand von Ex-Offizieren der Nazi-Wehrmacht und der SS zur erneuten Rettung des Abendlands entgegennahmen. Denn Goebbels hat recht gehabt: Der Bolschewismus überrollte ganz Europa.


»60 Jahre Bundeswehr« und auch noch »25 Jahre Armee der Einheit« – das feierten sie am Mittwoch mit Stahlhelmen auf den blassen Kindsköpfen der Rekruten und roten Blutblasen auf den Häuptern der Offiziere – das alles direkt vor der Volksvertretung im Reichstag. Auf der Tribüne ein amtierender und mindestens ein alter Bundespräsident, dazu ausgediente Kriegsminister, der Jung, der Scharping. Und auch der Defraudant von und zu Guttenberg darf nicht fehlen auf der Ehrentribüne. Das Volk bleibt draußen – es könnte die Herrschaften und ihr Heer inkommodieren. Die Volksvertretung ist weiträumig abgesperrt, der Verkehr in der Mitte Berlins bricht zusammen, eine U-Bahnlinie ist stillgelegt.


Und dann da drinnen im abgesperrten Raum der Befehl »Helm ab zum Gebet!« Keiner sagt was, alle machen ein dummes Gesicht, als ob der Allmächtige ein großes »Pfui, verpisst euch!« gesagt hätte. Und dann das befreiende »Helm auf«. Die Sache mit dem Gott ist erledigt. »Gewehr ühh!«, Deutschlandlied – ohne die vierte Strophe. Und: »Ich melde den großen Zapfenstreich«. Nochmal – es ist 19 Uhr 13 – »Das Gewehr ühh!« – die Sprache des Landes, das zu verteidigen sie vorgeben, beherrschen die Kommandoschreier nur in Stummellauten.


Und mit viel Blech marschieren sie ab. Auch der Defraudant verlässt die Stätte. Der Reichstag ist – der Herr da oben weiß, was er nicht nochmal zulässt – der Reichstag ist trotz der vielen Brandfackelträger nicht abgebrannt.


Denn drinnen feiert am nächsten Tag die allzu große Mehrheit im Bundestag das 60-jährige Bundeswehr-»Jubiläum«. Der SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold freut sich – »Demokraten brauchen Zeichen und Symbole« – im Bundestag über diesen »Großen Zapfenstreich vor dem Parlament«. Er verbellt jeden Deserteur: »Der Soldatenberuf hat in der deutschen Gesellschaft das höchste Ansehen.« So spricht er, als ob wir heute noch in den Zeiten des Hauptmanns von Köpenick lebten. Und fröhlich grinsend rühmt er den frisch Verstorbenen: »Helmut Schmidt hat die Big Band der Bundeswehr gegründet.« Die Band, mit der das Töten und Morden in aller Welt hierzulande populär gemacht wird.


Ja, doch, Arnold zitiert das vom Verteidigungsminister Helmut Schmidt ausgesprochene Ehrenwort vor den Rekruten: Der Staat werde sie »nie missbrauchen«. Richtig, das – so der Befehl – »Vernichten!« von mehr als 120 Männern, Frauen und Kindern bei Kundus, das war kein Missbrauch, es gehört zum Auftrag der Bundeswehr. Denn der Haupttäter wurde dafür vom Oberst zum General befördert und ist jetzt im Verteidigungsministerium für geeigneten Nachwuchs zuständig.


Arnold, dieser SPD-Verteidigungsexperte rühmte die wenigen Soldaten, die »im Einsatz« ihr Leben verloren haben. Für die unschuldigen Opfer deutscher Soldateska – es sind weit mehr – fand er kein einziges Wort. Für die gefallenen deutschen Soldaten gibt es bei Potsdam einen Ehrenhain und eine Gedenkstätte mitten in Berlin. Als aber einmal die Abgeordneten der Linkspartei einige Namen der Opfer des Obersten Klein im Bundestag hochhielten, da wurden sie vom Bundestagspräsidenten Lammert des Plenums verwiesen.


Doch eines ist tröstlich. Der Abgeordnete Karl A. Lamers sagte für die Union der Christen: »Meine Damen und Herren, viele Menschen haben bis vor nicht allzu langer Zeit – Herr Gehrcke, Sie gehören offensichtlich dazu – tatsächlich geglaubt, die Bundeswehr weiter abrüsten oder abschaffen zu können. Das können wir nicht.«
Da aber rief der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Wolfgang Gehrcke für die Linke das erlösende und verpflichtende Wort: »Wollen wir immer noch!«