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Titel2315

Deutsche Geschichte – leicht gemacht  (Susanna Böhme-Kuby)

Wer mal – wie ich kürzlich an einem Sonntagmorgen – ins Berliner Deutsche Historische Museum geht, der kann dort am Beginn einer Sonderausstellung unter anderem Folgendes erfahren: »Diese Ausstellung heißt ›Alltag Einheit‹. Das bedeutet Westdeutschland und Ostdeutschland haben sich vereinigt. Das ist am 3.10.1990, vor 25 Jahren. Davor gibt es 2 deutsche Staaten: Die Deutsche Demokratische Republik. Das kurze Wort heißt DDR. Die Bundesrepublik Deutschland. Die Menschen in der DDR leben in Ostdeutschland. Die Menschen in der Bundesrepublik leben in Westdeutschland. Soldaten bewachen die Grenze zwischen beiden Staaten. In Berlin trennt eine Mauer die Stadt in zwei Teile. Viele Menschen aus Ostdeutschland sind unzufrieden mit ihrer Regierung. Sie wünschen sich ein anderes Leben. Viele wollen zum Beispiel in den Westen reisen. Im Herbst 1989 gehen sie auf die Straße. Sie sagen ihre Meinung laut. Sie verändern ihr Land. Die Mauer wird geöffnet. Nun beginnt eine neue Zeit. Das Leben der Menschen in Ostdeutschland verändert sich. Sie dürfen nun immer ihre Meinung laut sagen. Aber einiges ist schlecht. Viele verlieren zum Beispiel ihre Arbeit. Denn viele Fabriken werden geschlossen. Auch für die Menschen aus Westdeutschland verändert sich einiges.«


Was sich dort im Westen verändert, erfährt der Besucher hier zwar nicht, jedoch Folgendes unter der Überschrift »Sprache«: »Die Regierung der DDR bestimmt, welche Wörter man sagen darf. Alle Menschen aus Ostdeutschland sollen zum Beispiel ›Wink-Element‹ sagen. Die Menschen aus dem Westen sagen dazu ›Fähnchen‹«, und ein solches ist dann auch abgebildet.


Leicht irritiert frage ich eine Wärterin, was das kleine Logo mit einem runden Kopf über dem Text bedeutet. Sie weiß es nicht, sagt, sie sei erst seit wenigen Tagen dort im Dienst. Aber eine neben mir stehende Ausländerin, sehr gut Deutsch sprechend, klärt mich freundlich auf: Das sei ein Text in sogenannter leichter Sprache, für Menschen mit Verständnisschwäche für komplexe Texte, aber auch für ausländische Deutschlernende leicht verständlich! Das fällt unter das Stichwort Inklusion. Mir fällt der Albert Einstein zugeschriebene Spruch ein: »Alles sollte so einfach wie möglich gemacht werden, aber nicht einfacher.« Ach ja.


Ich gehe in die zweite Sonderausstellung: »1945 – Niederlage. Befreiung. Neuanfang«, hier kann ich die leichte Textvariante nicht ausmachen. Gezeigt werden Zeugnisse aus zwölf europäischen Ländern, die von den Deutschen überfallen worden waren, die Auswahl der Länder wird nicht erklärt, Griechenland, Italien, viele Balkanländer fehlen.


Auch die für den Neuanfang Europas entscheidende Potsdamer Konferenz vom Sommer 1945 beziehungsweise die daraus entspringenden Abmachungen werden nicht thematisiert, auch nicht hinsichtlich der Reparationsregelungen, zum Beispiel an die Sowjetunion, die damals in Potsdam auf zehn Milliarden US-Dollar festgelegt wurden, obwohl die Sowjetunion ihre Kriegsschäden auf mehr als das Zehnfache beziffert hatte (679 Milliarden Rubel, damals etwa 128 Milliarden Dollar). Diese Rechnung ist in der Ausstellung dokumentiert, laut der »Außerordentliche(n) staatliche(n) Kommission für die Feststellung und Untersuchung der Gräueltaten der deutschen faschistischen Eindringlinge und ihrer Komplizen – und des Schadens, den sie den Bürgern, Kolchosen, öffentlichen Organisationen, staatlichen Betrieben und Einrichtungen der UdSSR zugefügt haben«.


Vor ihrem Angriff auf die Sowjetunion 1941 hatte die deutsche Kriegsführung circa 30 Millionen Ziviltote durch Verhungern veranschlagt, diesem Ziel kam sie mit circa 27 Millionen getöteten Sowjetbürgern recht nahe. Die immensen Kriegsschäden in der SU wurden aber nur zu einem kleinen Teil beglichen, das wird zumindest kurz erwähnt, nicht jedoch, dass die entsprechende Leistung allein von der späteren DDR erbracht wurde. Und spätestens an dieser Stelle tauchen bei mir Fragen auf wie diese: Wie steht es heute in der deutschen Öffentlichkeit überhaupt um die Kenntnis der Problematik der Kriegsschulden Deutschlands aus beiden Weltkriegen, die ja 1953 im Londoner Schuldenabkommen zu etwa 50 Prozent erlassen, aber teilweise auch aufgeschoben wurden bis zu einem künftigen Friedensvertrag nach einer Wiedervereinigung? In Ermangelung von Verhandlungen für einen alle Kriegsteilnehmer umfassenden Friedensvertrag anstelle der »2+4-Abmachung« mit den Alliierten (1990), die die anderen Länder diskussionslos akzeptieren mussten, wurden viele offene Forderungen lediglich nochmals unter den Teppich gekehrt, wie nicht zuletzt das Wiederauftauchen der Forderung nach Begleichung deutscher Kriegsschulden aus den Zwangskrediten Griechenlands zeigt.


Angesichts der Notwendigkeit, einen ehrlichen Ausgleich beziehungsweise eine wirkliche Aussöhnung der Völker Europas zu befördern, halte ich es für sinnvoll, im Herzen Berlins eine Dauerausstellung einzurichten, die die deutschen Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung in ganz Europa thematisiert und deren bisher äußerst bruchstückhafte »Aufarbeitung« sowie den wirtschaftlichen Beitrag der Leistung von 18 bis 20 Millionen ausländischen Zwangsarbeitern zum Kapitalstock des sogenannten Wirtschaftswunders der Bundesrepublik. Über die völlig ungenügende »Wiedergutmachung« gegenüber den Zwangsarbeitern sind die Deutschen bis heute nur rudimentär informiert. Eine solche Thematik könnte doch wohl einen Platz finden im altneuen Schlossbau, das wäre sicher auch im Geiste Humboldts (siehe »Ein Schloss – wozu?« in Ossietzky 15/2015).

Deutsches Historisches Museum, Zeughaus und Ausstellungshalle, Unter den Linden 2, täglich 10-18 Uhr, 8/4 €, »Alltag Einheit. Porträt einer Übergangsgesellschaft«, bis 3. Januar 2016; »1945 – Niederlage. Befreiung. Neuanfang« bis 10. Januar 2016