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DOK Leipzig  (Heinz Kersten)

Gute Zeiten für Dokumentaristen. Beim 58. Jahrgang des »Internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm« lagen die Themen auf der Straße. Nicht nur als Reflex auf die aktuelle Kriegs- und Flüchtlingsproblematik, auch im Rückblick auf 25 Jahre »Einheit«. Programmatisch schon die Eröffnung: die Essenz aus sechs Filmen, die der einstige DEFA-Dokumentarist Andreas Voigt seit 1986 in Leipzig drehte. Kein Jubilate, wenn auch die Bilder vom Zerfall der Stadt der Vergangenheit angehören und der Titel von Opus Nr. 6, »Alles andere zeigt die Zeit«, etwas Skepsis verrät.


Drei Protagonisten stehen für unterschiedliche »Wende«-Schicksale. Als Andreas Voigt und sein Kameramann Sebastian Richter 1996 in Leipzig drehen, will der Skinhead Sven heiraten und häuslich werden. Doch im Laufe der Jahre bricht er die Lehre ab, versucht es bei der Bundeswehr, erlebt den schmerzhaften Bruch der Beziehung und driftet nach Haftmonaten offenbar nach rechts ab. Ex-Gruftie Isabel sucht ihr Glück in Stuttgart und ist mit blonder Kurzhaarfrisur und weißem Audi-Coupé als Schuldenberaterin kaum wiederzuerkennen. Ganz anders die Auseinandersetzung einer Zeitungsredakteurin mit der Stasi-IM-Akte ihrer verstorbenen Mutter.


In der Retrospektive unter dem Titel »Grenzen ziehen … Europa seit 1990« wirkte Monika Hielschers und Matthias Heeders Rekonstruktion eines Falles früher Fremdenfeindlichkeit ganz aktuell. »Jorge – Tod eines Vertragsarbeiters« erinnerte an einen Vorfall aus dem Jahre 1991 in Dresden, wo Jugendliche einen Mosambikaner aus der Straßenbahn geworfen hatten. Die Filmemacher folgen der Biographie des Opfers bis in seine afrikanische Heimat, und man erfährt auch etwas von der isolierten Existenz der Vertragsarbeiter in der DDR, von denen viele nach der »Wende« das Land verlassen müssen.


Die Ignoranz der Behörden bei der Aufklärung von Jorges Tod findet eine Parallele bei den Ermittlungen zum Nagelbomben-Attentat auf ein türkisches Friseurgeschäft in Köln am 9. Juni 2004, bei dem 22 Menschen verletzt wurden. Mit dokumentarischem und inszeniertem Material führt Andreas Maus in seinem Film »Der Kuaför aus der Keupstraße« vor, wie lange versucht wurde, aus Opfern Verdächtige zu machen. Erst die Enthüllungen über den NSU führten zu einer Wiederaufnahme des bis heute andauernden Prozesses. Leipzig als Ort der Aufklärung. Die »Dok-Woche« ist ein politisches Festival geblieben.


Selbstverständlich lieferte der Nahe und Mittlere Osten einen Schwerpunkt jenseits oft oberflächlicher Fernsehvermittlung. Mit großer Ausführlichkeit widmet sich Abbas Fahdel in »Homeland« dem Alltag einer Familie in Bagdad vor und nach der US-Invasion 2002, die hier aus irakischer Sicht erscheint. Hautnah war der iranische Regisseur Majed Neisi beim Angriff schiitischer Milizen gegen IS-Terroristen dabei, die eine Kleinstadt im Südirak besetzt hatten: »The Black Flag«.


Keine »Kriegsberichterstattung« wie auch das Porträt kurdischer Kämpfer, das die türkischen Dokumentaristen Çayan Demirel und Ertuğrul Mavioğlu vor dem Hintergrund der historischen kurdischen Situation zeichnen. Das türkische Kulturministerium nahm dies zum Anlass für ein Verbot des Films auf dem Istanbul Film Festival 2015.


In Leipzig war das Opfer diktatorischer Zensur Teil eines übervollen Programms mit 316 Filmen aus 62 Ländern. Zum ersten Mal ohne Trennung zwischen Dokumentation und Animation und unter neuer Leitung von Leena Pasanen aus Finnland, die den jahrelang erfolgreichen Direktor Claas Danielsen auf dessen eigenen Wunsch ablöste.