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Nach fünfzig Jahren im Museum: 1968  (Monika Köhler)

Vor meinen Füßen liegt einer, überlebensgroß – ein Soldat? Ein Helm, ein Fernglas und – ein Fangeisen. Es gehört zu Hermann von Wissmann, 1885/86 als Gouverneur in Deutsch-Ostafrika eingesetzt, Kommandierender des Völkermords. Er wurde gestürzt, erst 1967 und 1968 noch einmal, von seinem Sockel, sein Denkmal aus Bronze. Das geschah in Hamburg. Die Täter waren Studenten. Sie wollten dieses, gleich bei der Universität stehende Trumm des Kolonialismus nicht mehr ertragen. Sie klagten an: die »ungebrochene Ausbeutung der Dritten Welt«. Dieses Relikt eines Denkmalsturzes ist Teil der Ausstellung »68 – Pop und Protest« (bis 17.3.2019) im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Ganz in der Nähe Wissmanns das Banner mit dem Spruch: »Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren« – das Tuch, aus dem Trauerflor für den erschossenen Benno Ohnesorg gefertigt, wurde 1967 zum Symbol der Studentenproteste in den Unis und auf der Straße –, viele Flugblätter und Aufrufe an der Wand. Zwischen den Projektionen, die alle die Ereignisse widerspiegeln, die um das Jahr 1968 herum für Auflehnung und Unruhen (Pariser Mai) sorgten, ein Film ohne Ton: Eine rote Fahne wird durch die Straßen von Westberlin getragen – im Laufschritt – bis vors Rathaus Schöneberg. Und dort aufgestellt. Im Kameraseminar von Michael Ballhaus entstand der Film. Fünfzehn Personen wechselten sich ab, darunter auch Holger Meins als Staffelläufer.

 

Bilder, die sich festgefressen haben im Gehirn: der Leichnam von Che Guevara oder die Hinrichtung eines Vietcong-Kämpfers durch den Polizeichef von Saigon und Napalm-Angriffe. Und der erschossene Benno Ohnesorg bei der Anti-Schah-Demonstration am 2. Juni 1967. Ausgestellt auch die Papiertüten mit der Karikatur des Schahs, zu Masken umgewidmet. Und Plakate gegen den Vietnam-Krieg – die Sprechchöre »Ho-Ho-Ho Chi Minh« hallen noch nach. Demonstriert wurde in neuen Formen: Sit-Ins, Teach-Ins, Happenings. Gegen die Notstandsgesetze, vor allem gegen Springers Bild-Zeitung, verantwortlich für Volksverdummung und für die aufgeheizte Stimmung, die zum Attentat auf Rudi Dutschke führte. Wie er das »Kapital« von Karl Marx las, zeigen seine zahlreichen farbigen Anstreichungen, er hatte es intensiv und emotional durchgearbeitet. Anders der spätere G20-Bürgermeister und Finanzminister Olaf Scholz: Er hatte damals als Stamokap-Juso bürokratisch ganze Absätze gelb markiert – dokumentiert letztes Jahr in der »Kapital«-Ausstellung im Museum der Arbeit (siehe Ossietzky 18/2017).

 

Auch auf der Bühne rumorte es. Schon 1966 in Frankfurt, bei der legendären »Publikumsbeschimpfung« von Peter Handke. Tumulte in Hamburg beim Oratorium von Hans-Werner Henzes »Das Floß der Medusa« nach dem Géricault-Gemälde. Eine Widmung an den ermordeten Che Guevara und eine rote Fahne auf der Bühne – das war für ein bürgerliches Publikum zu viel. Der gekürzte Mitschnitt der gestörten Uraufführung, darin die Aufforderung des NDR-Programmdirektors, die rote Fahne zu entfernen – in Hamburg zu hören. »Ein politisches Stück ist eine Waffe im heutigen Kampf«, darauf bestand Peter Weiss zur Premiere seines Stücks »Viet-Nam-Diskurs«. Und Henze 1968 in »Musik als Akt der Verzweiflung«: Notwendig seien nicht neue Opernhäuser und Museen, sondern sei »die Verwirklichung der Träume in Angriff zu nehmen«. Ja: »Notwendig ist, die große Abschaffung der Herrschaft des Menschen über den Menschen.« Bis zur »Schaffung des größten Kunstwerks der Menschheit: die Weltrevolution«. Was ist von diesen Träumen geblieben heute, wo jeder Protest gleich zum Event und als Performance vereinnahmt, ja vermarktet wird.

 

In Frankreich gab es die »Nouvelle Vague«, bei uns den »Neuen Deutschen Film« und viele Zusammenschlüsse von Filmemachern. Namen wie Alexander Kluge und Rainer Werner Fassbinder – auch im Ausland bewundert. Es wurde experimentiert und der Aufbruch dokumentiert. Dann die Musik: Pop. Die Welle kam aus den USA von den berühmten Festivals Monterey und Woodstock. In einem Raum mit grüner Liegefläche und Kissen ein riesiges Woodstock-Bild: nur Gesichter. Und Schallplatten, mit Kopfhörern zu genießen: Pink Floyd, Santana, Amon Düül ... Ja, auch das, was manche »Krautrock« nannten. »Make love, not war« – das war einmal. Heute nicht mehr Blumenmädchen – Soldatinnen im Auslandseinsatz in Afghanistan oder Mali.

 

Dagegen sind Mode, Design und Werbung Lappalien, aber oft bis jetzt gültig. Die Röcke wurden kürzer und die Haare länger. Miniröcke, Hosenanzüge, Kleider aus Papier (Wegwerfkleidchen) oder aus Metallstückchen, Weltraummode. Das Museum ist reich bestückt. Genauso mit Möbelkreationen. Ach, der »revolutionäre Sitzsack Sacco«, den hatten wir auch in knallrotem Plastik – später rollten die weißen Styroporkügelchen aus einem Loch. Plastik und Fiberglasverstärktes Polyester, Möbel wie Skulpturen, so das Sitzmöbel »Floris« in Orange. Es gab noch kein Unrechtsbewusstsein für das Material. Ausgestellt auf Dauer, die frühere Pop-Kantine des Spiegel, gestaltet vom dänischen Designer Verner Panton, auch alles in schreiendem Rot und Orange. Viel Kreisrundes, aber Zacken von der Decke.

 

Sabine Schulze, die Direktorin des Museums, zog das Fazit zur Eröffnung: Wäre 1968 nicht gewesen, hätte die Welt sich anders entwickelt. Ja und?